{"id":5353,"date":"2019-05-20T10:21:53","date_gmt":"2019-05-20T08:21:53","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5353"},"modified":"2019-05-20T10:21:53","modified_gmt":"2019-05-20T08:21:53","slug":"das-system-braucht-den-krieg-um-noch-funktionsfaehig-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5353","title":{"rendered":"Das System braucht den Krieg, um noch funktionsf\u00e4hig zu sein"},"content":{"rendered":"<p><em>Ulrich Teusch. <\/em><strong>Der permanente Krieg k\u00f6nnte der Hauptgrund f\u00fcr die seit Jahren zu beobachtende mediale Formierung sein. Der folgende Text wurde aus den j\u00fcngst im Westend Verlag erschienenen Buch<!--more-->:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Der-Krieg-vor-dem-Krieg.html?listtype=search&amp;searchparam=Ulrich%20teusch%20Der%20Krieg%20vor%20dem%20Krieg\">&#8222;Der Krieg vor dem Krieg. Wie Propaganda \u00fcber Leben und Tod entscheidet&#8220;<\/a>\u00a0von Ulrich Treusch entnommen.<\/strong><\/p>\n<p>In einer idealen Welt w\u00e4re Politik gleichbedeutend mit Friedenspolitik. Politiker w\u00fcrden alles in ihrer Macht und Kraft Stehende tun, um den \u00e4u\u00dferen und inneren Frieden zu sichern. Den \u00e4u\u00dferen Frieden durch Diplomatie, Respekt vor dem V\u00f6lkerrecht, Vertragstreue, Multilateralismus, Institutionenbildung, Friedenserziehung, Abr\u00fcstung und R\u00fcstungskontrolle, vertrauensbildende Ma\u00dfnahmen, Austausch von Menschen und Ideen, Entwicklungshilfe, Interessenausgleich. Den inneren Frieden durch gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Liberalit\u00e4t und Toleranz, Offenheit der Diskurse, demokratische Mitsprache und Mitbestimmung, rechts- und sozialstaatliche Sicherheit, Verteilungs- und Chancengerechtigkeit.<\/p>\n<p>Doch wir leben nicht in einer idealen Welt. Wir sind &#8211; global betrachtet &#8211; von Friedenszust\u00e4nden im \u00c4u\u00dferen wie im Inneren weit entfernt und entfernen uns immer mehr davon.<\/p>\n<p>Der Krieg zwischen der NATO und Russland hat schon begonnen. Noch fliegen uns zwar keine Raketen um die Ohren, aber wir befinden uns mitten in einem Wirtschaftskrieg, einem Cyberkrieg, einem hybriden Krieg, einem Propagandakrieg &#8211; auch einem Krieg mit milit\u00e4rischen Provokationen oder &#8222;Nadelstichen&#8220;. Dort, wo man sich unmittelbar gegen\u00fcbersteht, etwa in Syrien, bedarf es eines erheblichen Koordinationsaufwands (und manchmal auch beachtlicher Nervenst\u00e4rke), um den direkten Konflikt und dessen Eskalation zu vermeiden.<\/p>\n<p>Die Grenzlinien zwischen Kriegs- und Friedenszust\u00e4nden werden immer por\u00f6ser. Folgt man einem weitgefassten Kriegsverst\u00e4ndnis, dann ist Krieg inzwischen zu einem Normalzustand geworden. Die westliche F\u00fchrungsmacht f\u00fchrt seit 2001 permanent Krieg. Die politisch Verantwortlichen des Landes bezeichnen ihn als Generationenkrieg, langen Krieg, unendlichen Krieg. Krieg ist f\u00fcr die USA zum nat\u00fcrlichen Zustand geworden, zum Way of Life, zur Raison d&#8217;\u00eatre. Das System braucht den Krieg, um noch funktionsf\u00e4hig zu sein. Es ist einer &#8222;Kriegssucht&#8220; (Philip Giraldi) verfallen.<\/p>\n<p>Krieg geht mit Kriegspropaganda einher, permanenter Krieg mit Kriegspropaganda in Permanenz. In Kriegen kommt es f\u00fcr gew\u00f6hnlich zu einer Quasi-Gleichschaltung der etablierten Medien. Und so ist der permanente Krieg m\u00f6glicherweise der Hauptgrund f\u00fcr die seit Jahren zu beobachtende mediale Formierung. Unter einem Druck dieser Art wird der ohnehin schon enge Mainstream-Korridor zum Laufst\u00e4llchen. In einer solchen Konstellation kann nicht mehr \u00fcber die Frage diskutiert werden, ob eine russische Bedrohung \u00fcberhaupt existiert, sondern nur noch dar\u00fcber, wie ihr am besten zu begegnen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Weil der \u00e4u\u00dfere Frieden gef\u00e4hrdet ist, ist es auch der innere. Und weil der innere Frieden gef\u00e4hrdet ist, ist es auch der \u00e4u\u00dfere. Es entsteht eine negative Wechselwirkung zwischen internationalen Spannungen, Konflikten und Kriegen auf der einen Seite und innerstaatlicher Repression, Illiberalit\u00e4t und Demokratie-Erosion auf der anderen.<\/p>\n<p>Wenn die internationalen Spannungen wachsen, wenn tats\u00e4chlich Kriegsgefahr be- oder entsteht, dann versch\u00e4rfen sich auch die innenpolitische Tonlage und Gangart. Die Guten werden von den B\u00f6sen, die Freunde von den Feinden geschieden. Die ohnehin schon niedrige Toleranzschwelle gegen\u00fcber Dissidenten sinkt weiter ab. Alternativen Kommunikationskan\u00e4len, so sie denn gr\u00f6\u00dfere Resonanz finden, droht Ungemach.<\/p>\n<p>Selbst wer eine mittlere oder vermittelnde Position einnimmt und sich bem\u00fcht, die Dinge differenziert zu beurteilen oder nach Gemeinsamkeiten Ausschau zu halten, kann in die Bredouille geraten und als unsicherer Kantonist gef\u00fchrt werden. &#8222;Neutralismus&#8220; oder &#8222;\u00c4quidistanz&#8220; lauteten die entsprechenden Vorw\u00fcrfe im ersten Kalten Krieg, heute spricht man etwas plakativer von Putin- oder Russlandverstehern. Und wer gar das direkte Gespr\u00e4ch mit Vertretern der anderen Seite sucht und irgendwo in ihrer Begleitung erwischt wird, muss sich auf den Vorwurf der &#8222;Kontaktschuld&#8220; gefasst machen.<\/p>\n<p>Es ist eine b\u00f6se, alte Tradition: Ganz fr\u00fcher war von Ketzern oder Hexen die Rede, im 19. Jahrhundert dann von Unruhestiftern, Aufr\u00fchrern, Demagogen, Gottesleugnern oder vaterlandslosen Gesellen. In der Weimarer Republik sprach man von Erf\u00fcllungspolitikern, in der Bonner Republik von Verzichtspolitikern. Man diffamierte Andersdenkende als Kulturbolschewisten oder Salonkommunisten, verortete sie in einer F\u00fcnften Kolonne oder unter den n\u00fctzlichen Idioten. Man beschwor den Konsens und die Solidarit\u00e4t der Demokraten gegen die Verfassungsfeinde, empfahl Gesellschaftskritikern: &#8222;Dann geh doch nach dr\u00fcben, wenn&#8217;s dir hier nicht passt!&#8220;, warnte vor den Sympathisanten des Terrors oder dessen geistigen Wegbereitern.<\/p>\n<p>Man sonderte die guten Realos von den b\u00f6sen Fundis oder Chaoten. Man war (und ist) schnell bei der Hand mit Vorw\u00fcrfen wie Rassismus, Antisemitismus oder Antiamerikanismus. Wer unbequeme Fragen stellt, bringt &#8222;Hate Speech&#8220; oder &#8222;Fake News&#8220; in Umlauf. Und wer besonderes Pech hat, wird \u00fcber Nacht zum Populisten (ob rechts oder links), zum Querfrontler oder Verschw\u00f6rungstheoretiker erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Es ist immer das gleiche, \u00f6de Spiel. Die eigenen Reihen schlie\u00dfen &#8211; St\u00f6renfriede ausgrenzen. Ein denkbar primitives Verfahren. Vermutlich h\u00e4tte man es schon l\u00e4ngst aufgegeben, wenn es nicht immer wieder so sch\u00f6ne Erfolge zeitigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Das-System-braucht-den-Krieg-um-noch-funktionsfaehig-zu-sein-4424336.html\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Mai 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Teusch. Der permanente Krieg k\u00f6nnte der Hauptgrund f\u00fcr die seit Jahren zu beobachtende mediale Formierung sein. 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