{"id":5359,"date":"2019-05-21T09:11:22","date_gmt":"2019-05-21T07:11:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5359"},"modified":"2019-05-21T09:11:22","modified_gmt":"2019-05-21T07:11:22","slug":"ein-wirklicher-massenaufstand-interview-zur-bewegung-der-gilets-jaunes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5359","title":{"rendered":"\u00abEin wirklicher Massenaufstand\u00bb \u2013 Interview zur Bewegung der Gilets Jaunes"},"content":{"rendered":"<p><em>Hayden Parker.<\/em> <strong>Seit \u00fcber einem halben Jahr sind die \u00abGilets Jaunes\u00bb in Frankreich auf der Strasse und haben mit ihrem Protest eine veritable Staatskrise ausgel\u00f6st. Stand die deutschsprachige Linke den Gelbwesten<!--more--> anf\u00e4nglich eher skeptisch gegen\u00fcber, wurden sie bald zum Beispiel, dass sich in diesen d\u00fcsteren Zeiten doch noch etwas bewegt \u2013 nat\u00fcrlich nicht ohne eine Prise Revolutionsromantik. Am 1. Mai in Z\u00fcrich haben wir mit Anna Jaclard von der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.alternativelibertaire.org\/\">Alternative Libertaire (AL)<\/a>\u00a0\u00fcber den Charakter der Gilets Jaunes, antifaschistische Interventionen und die Rolle der radikalen Linken gesprochen.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><strong>Anna, die Bewegung der Gelbwesten geht seit \u00fcber einem halben Jahr jeden Samstag auf die Strasse. Warum sind so viele Leute nicht m\u00fcde?<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es mehrere Erkl\u00e4rungen. Zum einen war die Bewegung am Anfang massiv. Es f\u00fchlte sich so an, als w\u00e4re fast die ganze Bev\u00f6lkerung auf den Strassen. In allen Familien gab es mindestens eine teilnehmende Person. Auf der Arbeit war das Thema in aller Munde. Es herrschte eine unglaubliche Euphorie. Sp\u00e4ter jagte die Gewalt vielen Menschen Angst ein. Dadurch liess die Mobilisierungskraft nach.<\/p>\n<p>Dass die Proteste aber noch immer andauern, liegt auch an der enormen Breite der Bewegung. Viele unterschiedliche Bev\u00f6lkerungsteile schlossen sich den Gilets Jaunes an. In der Folge bildeten sich in allen St\u00e4dten und auch in kleinen Ortschaften Gruppen. Diese treten regelm\u00e4ssig zusammen und organisieren sich in Versammlungen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Grund f\u00fcr das Anhalten der Proteste ist der Zulauf langj\u00e4hriger Aktivist*innen. Nach einer anf\u00e4nglichen Zur\u00fcckhaltung schlossen auch sie sich in grosser Zahl der Bewegung an. Sie trugen ihre Erfahrung aus fr\u00fcheren Demonstrationen und Kampagnen in die Bewegung hinein. Das war hilfreich.<\/p>\n<p><strong>Worin unterscheiden sich die Gilets Jaunes von fr\u00fcheren sozialen Bewegungen in Frankreich?<\/strong><\/p>\n<p>Als erstes gilt es zu betonen, dass praktisch \u00fcber Nacht eine Protestbewegung entstanden ist, die relativ schnell revolution\u00e4re Z\u00fcge angenommen hat. Und sie zog von Beginn an eine unglaublich breite Masse der Bev\u00f6lkerung an. Alte, Junge, Sch\u00fcler*innen, Student*innen, Arbeiter*innen aus Stadt und Land. Aber zum Beispiel auch Polizist*innen, denn besonders in l\u00e4ndlichen Regionen gab es Konstellationen, in denen eine Person gleichzeitig Polizist*in wie auch Sympathisant*in der Gilets Jaunes sein konnte. Manche Polizist*innen nahmen sogar selbst an den Revolten teil. Es handelt sich also wirklich um einen Massenaufstand aus allen Teilen der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Das ist ein wichtiger Unterschied zu den meisten fr\u00fcheren sozialen Bewegungen, die mehrheitlich von studentischen, akademischen oder gewerkschaftlichen Kreisen angestossen wurden. Speziell die Gewerkschaften haben sich gegen\u00fcber den Gilets Jaunes anf\u00e4nglich sehr zur\u00fcckgehalten \u2013 insbesondere die Funktion\u00e4r*innen und Kader. Diese haben bis heute keinen Unterst\u00fctzungsaufruf an die Masse ihrer Mitglieder gerichtet. Im Gegensatz dazu hat sich die Basis der Gewerkschaft der Bewegung in grossen Teilen angeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Haben die Gewerkschaften also versagt?<\/strong><\/p>\n<p>Naja, es ist etwas komplizierter. Einem grossen Teil der Gesellschaft sind die Gewerkschaften zu radikal, da sie st\u00e4ndig streiken und blockieren. Einem anderen Teil sind sie hingegen gerade zu wenig radikal und zu sehr in die politischen Alltagsgesch\u00e4fte verstrickt. Und noch etwas ist zu beachten: Als sie aufgefordert wurden, sich den Gelbwesten anzuschliessen, entgegneten die Gewerkschaften, sie f\u00fchrten dieselben K\u00e4mpfe bereits seit \u00fcber zwanzig Jahren. Die Gewerkschaften f\u00fchlten sich von dieser Erwartungshaltung der Gilets Jaunes wohl etwas angegriffen. Denn die gewerkschaftlichen Mobilisierungen und Streikaufrufe fanden in der Vergangenheit oft nur wenig Geh\u00f6r.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass die Gewerkschaften klare Strukturen und Abl\u00e4ufe haben, die mit den Jahren zunehmend formalisiert wurden. Sie haben zudem teils den Anspruch, in den sozialen Bewegungen tonangebend zu sein. Den Gilets Jaunes nun auf Augenh\u00f6he zu begegnen, fiel vielen Gewerkschafter*innen schwer.<\/p>\n<p>Und dennoch: In der Vergangenheit gab es durchaus Situationen, in welchen die Gewerkschaften Parolen von externen Bewegungen \u00fcbernommen und sich deren Forderungen angeschlossen haben \u2013 so zum Beispiel 2016 im Rahmen der Proteste gegen das \u00abLoi de Travail\u00bb. Diese Proteste sind sehr spontan und basierend auf einer grossen Petition entstanden.<\/p>\n<p><strong>Wie reagiert die Bewegung auf die schockierende Polizeigewalt und die zahllosen Gerichtsverfahren?<\/strong><\/p>\n<p>Abgesehen vom Einsatz des Milit\u00e4rs im Inneren, waren die staatlichen Repressionsstrategien bereits bekannt. Allerdings sind die Repressionsmittel noch nie zuvor gegen so breite Teile der Bev\u00f6lkerung eingesetzt worden. Der Grad an Repression hat nat\u00fcrlich einen negativen Effekt auf die Bewegung. So k\u00f6nnen zum Beispiel Familien oder Menschen mit Gebrechen oder Behinderungen nicht ohne weiteres an den Demonstrationen teilnehmen. Wenn du nicht rennen kannst, oder psychologische Vorbehalte gegen\u00fcber der Konfrontation mit Gewalt hast, dann wirst du automatisch von der Teilnahme an der Demonstration ausgeschlossen. Das betrifft eine Vielzahl von Menschen. Wegen der Polizeigewalt entstehen nun aber im ganzen Land Street-Medic-Teams. Das ist neu. Zuvor gab es solche Demosanis nur in sehr grossen St\u00e4dten und bei internationalen Anl\u00e4ssen, nicht aber im Rahmen von nationalen Mobilisierungen.<\/p>\n<p><strong>Welche Wege sollte die Bewegung nun beschreiten, um sich gegen die Repression behaupten zu k\u00f6nnen und welche Rolle spielt die radikale Linke dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich kann nicht sagen, was zu tun ist. Es handelt sich bei den Gilets Jaunes um eine Volksbewegung \u2013 sie ist deshalb sehr divers und in vielerlei Hinsicht unkontrollierbar. Als sehr positiv empfinde ich, dass viele technische Herangehensweisen, die vorher fast ausschliesslich in linksradikalen Kreisen verwendet wurden, nun von den Gilets Jaunes \u00fcbernommen worden sind. Ein Beispiel daf\u00fcr sind die Versammlungen. Dass nun viele D\u00f6rfer, Stadtteile und ganze St\u00e4dte politische Versammlungen haben oder solche entwickeln, sollte uns als Linke enthusiastisch stimmen.<\/p>\n<p><strong>Die institutionelle sowie Teile der radikalen Linken standen den Gelbwesten zun\u00e4chst skeptisch gegen\u00fcber. Beinahe nur insurrektionalistisch-anarchistische Kreise begr\u00fcssten den Aufstand von Beginn an euphorisch. Was hat sich in dieser Hinsicht seit Beginn der Bewegung ge\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Das stimmt, ist bei Volksaufst\u00e4nden aber normal. Revolution\u00e4re und linke Organisationen betonen ja immer wieder, dass nicht sie selbst die Revolution machen werden, sondern die breite Masse. Aber weil in den Gilets Jaunes auch problematische Positionen vorhanden sind, gab es am Anfang vielerorts Ber\u00fchrungs\u00e4ngste.<\/p>\n<p><strong>Zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Die Revolte hat einen prim\u00e4r wirtschaftlichen, klassenm\u00e4ssigen Ursprung. Deshalb sind es vorwiegend die \u00e4rmsten Bev\u00f6lkerungsteile, die die Initialz\u00fcndung gegeben haben. Danach konnte aber beobachtet werden, wie unterschiedlichste K\u00e4mpfe zusammenfanden. Der Regierung ist es allerdings gelungen, diese Ann\u00e4herung teilweise zu sabotieren. Sie versuchte \u2013 teils mit Erfolg \u2013 die Demonstrant*innen in gut und b\u00f6se zu teilen. Die Klimademonstrant*innen etwa wurden im Gegensatz zu den Gelbwesten immer als friedlich und unterst\u00fctzungsw\u00fcrdig gelobt. Das schw\u00e4chte die Verbindung von Klima- und Gelbwestenprotesten. Auch in dieser Herabsetzung der Gelbwesten gibt es eine Klassendimension: Die meisten Klimademonstrant*innen kommen eher aus einem jungen, mittelst\u00e4ndischen und urbanen Umfeld. Die Gelbwesten haben einen anderen Hintergrund. Sie kommen oft aus \u00e4rmeren Gebieten der Agglomeration oder vom Land. Es sind prekarisierte Menschen aus proletarischen Schichten.<\/p>\n<p><strong>Faschisten und Rassisten versuchen, die Gelbwesten-Proteste f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Stimmt unser Eindruck, dass die best\u00e4ndigen antifaschistischen Interventionen erfolgreich waren? Man h\u00f6rt zumindest kaum mehr von gr\u00f6sseren Fascho-Auftritten in der Bewegung.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist effektiv so. Dank der wiederholten Aufrufe verschiedener antifaschistischer Organisationen konnten die Nazis praktisch \u00fcberall erfolgreich verjagt werden. Heute gibt es in den Demos so gut wie keine faschistische Pr\u00e4senz mehr. Trotzdem sind gewisse Forderungen der extremen Rechten weiterhin wichtig f\u00fcr die Gelbwesten \u2013 so zum Beispiel das \u00abB\u00fcrgerreferendum\u00bb, welches aus dem Dunstkreis der extremen Rechten kommt. Im Moment ist es aber zumindest in gr\u00f6sseren St\u00e4dten so, dass Faschist*innen sofort aus den Demos gejagt werden, wenn sie erkannt werden. Das hatte aber auch seinen Preis. Am 18. April etwa wurden in Paris zwei Genossen verhaftet. Sie hatten sich an einer Intervention der Antifa Paris-Banlieue beteiligt und Faschos verjagt. Diese haben sp\u00e4ter bei der Polizei Anzeige eingereicht. Die Genossen sitzen bis zum heutigen Tag in U-Haft.<\/p>\n<p><strong>Wie hat deine Organisation, die Alternative Libertaire (AL), die Bewegung aufgenommen und welche Strategien verfolgt ihr heute in Bezug auf die Gilets Jaunes?<\/strong><\/p>\n<p>Wir diskutierten viel \u00fcber die Art und Weise unserer Teilnahme. Die AL ist eine f\u00f6derativ organisierte Gruppe. Wir haben viele lokale Gruppen mit eigenst\u00e4ndigen Entscheidungsprozessen. Das hat dazu gef\u00fchrt, dass gewisse Gruppen sich der Bewegung angeschlossen haben und andere nicht. Letztendlich ist es jedoch so, dass heute die meisten Sektionen an den Demonstrationen teilnehmen. Das machen wir so, wie wir es schon immer zu tun pflegten: Wir sagen offen, wer wir sind und welche Ideen wir vertreten. Wir treten also als Aktivist*innen aus der radikalen Linken auf, als libert\u00e4re Kommunist*innen und Anarchist*innen. Wir haben dabei nicht die Absicht, die Bewegung zu \u00fcbernehmen, sondern mit und in ihr zu agieren. Innerhalb der Bewegung arbeiten wir auch mit anderen linken Organisationen zusammen, besonders wenn es darum geht, Faschist*innen mittels Blockaden oder anderen Strategien aus den Demos zu vertreiben.<\/p>\n<p><strong>Profitierte die AL vom Aufwind der Gilets Jaunes?<\/strong>\u00a0Unsere Ideen konnten sicherlich mehr Menschen erreichen als auch schon. Aber ob das der Organisation nun n\u00fctzt oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. Denn es geh\u00f6rt zu unserem grunds\u00e4tzlichen Charakter, solche sozialen Bewegungen mitzutragen. Wir legen keinen Wert darauf, uns innerhalb der Proteste zu profilieren.<\/p>\n<p><strong>Die beiden landesweiten Organisationen, die libert\u00e4r-kommunistische Alternative Libertaire (AL) und\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.c-g-a.org\/\"><strong>Coordination des Groupes Anarchistes (CGA)<\/strong><\/a><strong>\u00a0stehen vor einer Fusion. Ist diese eine Folge der Gilets Jaunes?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, diese Organisationen befinden sich seit zwei Jahren in einem gemeinsamen Ann\u00e4herungsprozess. Da beide Organisationen f\u00f6derative Strukturen kennen, hat dieser Prozess viel Zeit in Anspruch genommen. Diese Entwicklung neigt sich nun dem Ende zu. In allen relevanten ideologischen und technischen Punkten konnten Einigungen erzielt werden. Im Juni werden wir die Fusion mit einer grossen Konferenz offiziell beschliessen. Bei dieser Gelegenheit wird auch der neue Name dieses Zusammenschlusses pr\u00e4sentiert. Das stimmt sehr zuversichtlich, weil linke Gruppen oft eher Spaltungsprodukte sind und es nur sehr selten vorkommt, dass zwei Organisationen fusionieren.<\/p>\n<p><strong>Gab es an der Fusion auch Kritik von inner- oder ausserhalb der beiden Organisationen?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht wirklich. Die Meinungen waren sehr positiv und der Prozess sehr pragmatisch. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass beide Organisationen grunds\u00e4tzlich gut aufgestellt sind. Ich kann nat\u00fcrlich nur f\u00fcr die AL sprechen. Aber wir funktionieren gut und haben zufriedenstellende Strukturen mit einer gesunden Anzahl lokalen Gruppen. Das hat der ganzen Auseinandersetzung um die Fusion von Beginn weg einen positiven und ermutigenden Charakter gegeben. Die Inhalte der K\u00e4mpfe waren bei beiden Gruppen schon immer \u00e4hnlich, aber wir waren einfach nicht zwingend auf demselben Territorium aktiv. Aber in Bezug auf Ideen und Funktionsmechanismen hatten wir schon immer ein \u00e4hnliches Fundament. Es ist also wirklich ein historisches Resultat.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ajour-mag.ch\/gilets-jaunes\/\"><em>ajour-mag.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Mai 2019 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hayden Parker. Seit \u00fcber einem halben Jahr sind die \u00abGilets Jaunes\u00bb in Frankreich auf der Strasse und haben mit ihrem Protest eine veritable Staatskrise ausgel\u00f6st. 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