{"id":5362,"date":"2019-05-21T17:24:23","date_gmt":"2019-05-21T15:24:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5362"},"modified":"2019-05-21T17:24:23","modified_gmt":"2019-05-21T15:24:23","slug":"ueber-die-widerspruechlichen-folgen-der-iranischen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5362","title":{"rendered":"\u00dcber die widerspr\u00fcchlichen Folgen der iranischen Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Gespr\u00e4ch mit SAID. <\/em><strong>Mitte Januar 1979 verlie\u00df der Schah des Iran das Land unter dem Druck monatelanger Streiks, die Ende 1978 stattgefunden hatten und die vom B\u00fcrgertum wie auch von der Geistlichkeit unterst\u00fctzt wurden.<!--more--> Zwei Wochen sp\u00e4ter kehrte der 1964 ins Pariser Exil getriebene F\u00fchrer der Geistlichkeit, Ayatollah Khomeini, nach Teheran zur\u00fcck und \u00fcbernahm alsbald die Macht. Am 1.April wurde die Monarchie per Referendum abgeschafft und durch die neue Staatsform Islamische Republik ersetzt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Viele linke Oppositionelle str\u00f6mten in diesen Anfangsmonaten wieder in ihre Heimat zur\u00fcck, in der Hoffnung, das Land nach ihren Vorstellung neu entwickeln zu k\u00f6nnen. Doch sie wurden bald entt\u00e4uscht.<\/strong><\/p>\n<p>SAID (Jg. 1947), ein deutsch-iranischer Lyriker und Erz\u00e4hler, war einer von ihnen. Er sagt: \u00abIm M\u00e4rz 1979 gingen mit mir etwa 40000 Leute in den Iran zur\u00fcck. Sie kamen sowohl aus dem Osten (KP-Anh\u00e4nger) als auch aus dem Westen. Heute leben 5 Millionen Iraner (von inzwischen 80 Millionen) in verschiedensten Situationen au\u00dferhalb des Landes.\u00bb<\/p>\n<p>SAID wurde mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet. Er schreibt Lyrik und Prosa, Kinderb\u00fccher und H\u00f6rb\u00fccher und lebt in M\u00fcnchen. Mit ihm sprach f\u00fcr die SoZ Paul Kleiser.<\/p>\n<p><strong>Was kommt dir in den Sinn, wenn du an den Sturz des Schahregimes und die iranische Revolution denkst?<\/strong><\/p>\n<p>Als wir im M\u00e4rz 1979 in den Iran zur\u00fcck sind, waren wir ausgehungert, verbrannt, mit gro\u00dfen Erwartungen. Aber ein paar Wochen reichten, um zu kapieren, dass wir das Spiel verloren hatten, dass dort kein Platz f\u00fcr uns Oppositionelle war. Ich war kein Parteimitglied, die Parteimitglieder haben es oft l\u00e4nger ausgehalten, bevor sie gefl\u00fcchtet sind. Ich bin ganz legal wieder rausgekommen, die Kontrolleure am Flughafen (alte Garde) waren uninteressiert; schon ein paar Wochen sp\u00e4ter w\u00e4re das nicht mehr m\u00f6glich gewesen. Ich hatte keine Familie dort, das war entscheidend, denn wenn man ins Hotel oder bei Freunden \u00fcbernachten muss, dann \u00fcberlegt man sich schnell, was man tun soll. Und Freunde haben bald gesagt: Zu uns kommen kannst du \u2013 aber \u00fcbernachten lieber nicht!<\/p>\n<p><strong>Du sagst also, die Revolution ist schon vor dem Krieg, den der Irak angezettelt hat, in die falsche, also in die von der Khomeini-F\u00fchrung vorgegebene Richtung gegangen?<\/strong><\/p>\n<p>Eindeutig ja!<\/p>\n<p><strong>Die S\u00e4kularen und Linken schienen doch zu Anfang eine gro\u00dfe Bedeutung zu haben?<\/strong><\/p>\n<p>Sie hatten keine gro\u00dfe Bedeutung. Das lag vor allem daran, dass sie keine Konzepte hatten. Die S\u00e4kularen, also die B\u00fcrgerlichen, die Nationale Front, war kaum im Bazar oder im Volk verwurzelt, und sie hatten nicht den Mumm, gegen Khomeini aufzustehen. Das galt auch f\u00fcr die Linke. Als die Gef\u00e4ngnisse ge\u00f6ffnet wurden, kamen die Vertreter der Mujahedin und Fedayin heraus und der Chef der Mujahedin hielt eine Rede, ich habe sie selbst geh\u00f6rt, in der er sagte: Wir haben heute elf Mitglieder \u2013 sie waren also zerm\u00fcrbt bis dort\u00adhinaus, beide Gruppen. Sie hatten sich mit dem Regime angelegt, aber auch gegenseitig so geschw\u00e4cht, dass der lachende Dritte den Sieg davongetragen hat.<\/p>\n<p>Das Hauptproblem war, dass Khomeini klar gesagt hat, was er will; wer nicht mitmachen wollte \u2013 raus! Alle haben gekuscht, und das war das Todesurteil f\u00fcr die linken Gruppen. Bei der Tudeh-Partei (KP) kam hinzu: Khomeini ist antiimperialistisch, wir auch, alles andere ist konterrevolution\u00e4r.<\/p>\n<p>Die iranische Bourgeoisie hat es als \u00abKlasse f\u00fcr sich\u00bb de facto nie gegeben, als Klasse, die ihre Forderungen erhebt und f\u00fcr klare Ziele k\u00e4mpft. Nat\u00fcrlich gab es einzelne Bourgeois oder reiche Leute, doch sie bildeten keine Klasse. Es gab ein Machtvakuum, was Khomeini mit aller Brutalit\u00e4t ausgen\u00fctzt hat, sonst h\u00e4tte er sich nicht an der Macht halten k\u00f6nnen, denn er hatte keine Mehrheit.<\/p>\n<p><strong>Ich denke, dass der Krieg mit dem Irak wegen des extrem hohen Blutzolls eine gro\u00dfe Rolle bei der Niederwerfung der Revolution gespielt hat?<\/strong><\/p>\n<p>Erstens hat es nach jeder Revolution einen Krieg gegeben. Nach der Oktoberrevolution sind alle eingefallen, sogar die Finnen. Trotzdem haben die Revolutionen \u2013 wenn auch verst\u00fcmmelt \u2013 immer gesiegt. Der Krieg hat acht Jahre gedauert und man spricht von Millionen Toten auf beiden Seiten. Der Krieg hat nat\u00fcrlich die M\u00f6glichkeit geschaffen, \u00abS\u00e4uberungen\u00bb durchzuf\u00fchren, man konnte Unliebsame ja an die Front schicken. Fl\u00fcchtlinge aus Afghanistan hat man mit Handkuss genommen, denn viele kamen von der Front.<\/p>\n<p>Vorher waren Frauen aus allen \u00c4mtern entfernt worden, nun kamen sie auf den Knien und haben die Frauen gebeten, wieder in der Verwaltung zu arbeiten. Das ist die Grundlage f\u00fcr heutige Entwicklungen, dass Frauen bis hin zu Regierungs\u00e4mtern eine ganz andere Rolle spielen als in den arabischen L\u00e4ndern. Der Krieg hat den Weg geebnet f\u00fcr den Aufstieg von Frauen.<\/p>\n<p>Der Krieg hat noch etwas anderes gebracht: Das Gros der Revolution\u00e4re hat am Krieg teilgenommen, und wenn sie \u00fcberlebten, waren sie Helden. Einige sind im Parlament aufgetreten und haben ihre Narben gezeigt \u2013 gegen sie konnte man nichts mehr sagen. Zu den Pr\u00e4sidenten haben sie gesagt: Aber wo warst du im Krieg? Und so ist eine kleine Schicht entstanden, die \u00e4u\u00dferst aufm\u00fcpfig ist und sagt, was Sache ist.<\/p>\n<p><strong>Im Umfeld des Krieges entwickelten sich die Revolutionsgarden (RG), unter Ahmadinejad (Pr\u00e4sident 2005\u20132013) waren sie das R\u00fcckgrat des Regimes und heute sollen sie 60\u201380 Prozent der Wirtschaft kontrollieren.<\/strong><\/p>\n<p>Bald nach der Revolution \u2013 ich war noch in Teheran \u2013 hat man gesagt, wir gr\u00fcnden nun die Revolutionsgarden, damit in diesem Land kein Putsch stattfindet. Tats\u00e4chlich hat kein Putsch stattgefunden. Der Krieg gab ihnen die M\u00f6glichkeit, heroisch zu k\u00e4mpfen \u2013 was sie auch getan haben, sie wurden damit unverzichtbar. Ihre Zahl ist nicht besonders gro\u00df, man spricht von 120000, aber sie konnten immer sagen: Wo wart ihr denn im Krieg?<\/p>\n<p>Sie haben sich an Immobilien herangemacht. Mit spricht von 60 Prozent der Wirtschaft, die sie kontrollieren, aber alle Fahrzeuge und Geb\u00e4ude \u2013 vom Rad bis zum U-Boot, von der Hundeh\u00fctte zum Krankenhaus \u2013 sind Monopolbesitz der RG. Sogar die Laseroperationen der Augen! Sie haben einen eigenen Geheimdienst und k\u00f6nnen Leute verhaften, verh\u00f6ren und foltern. Heute sind sie die Hauptopposition gegen die USA. Wenn Pr\u00e4sident Rohani etwas sagt, gibt es wenig sp\u00e4ter eine Antwort des Chefs oder Vizechefs der RG. Als die USA die RG auf die Liste der \u00abTerrororganisationen\u00bb gesetzt haben, meinte der Chef: Da k\u00f6nnen wir noch eine ganz andere Liste von Terrororganisationen aufstellen! Diese Liste f\u00fchrt h\u00f6chstens zur Radikalisierung von Garden au\u00dferhalb des Irans, etwa im Jemen oder in Syrien. Die Gefahr besteht, dass die RG irgendwie an die Macht kommen.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt das Parlament?<\/strong><\/p>\n<p>Seit der Islamischen Revolution 1979 ist dieses Parlament nicht angefasst worden! Die Parlamentarier haben alle \u00fcberlebt, obwohl sie sich teilweise tagt\u00e4glich von ihren Familien verabschiedet haben. Aber man hat ihre Immunit\u00e4t respektiert. Sie k\u00f6nnen den Pr\u00e4sidenten vor das Parlament zitieren, und vom letzten Kabinett haben sie mehrere Minister abgelehnt. Eine davon war eine stockreligi\u00f6se Frau, die Gesundheitsministerin werden sollte, aber das Parlament hat gesagt, sie sei eine schlechte Wahl \u2013 abgelehnt. Die Parlamentarier k\u00f6nnen offen reden, es gibt dort sogar Schl\u00e4gereien, was beweist, dass unterschiedliche Meinungen vorhanden sind.<\/p>\n<p>Aber jedes Gesetz, das durch das Parlament geht, muss vom \u00abW\u00e4chterrat\u00bb gegengezeichnet werden. Der Rat wird zur H\u00e4lfte vom Parlament und zur anderen H\u00e4lfte vom Religionsf\u00fchrer ernannt. Im Parlament kann man frei reden, und ich bin froh, dass im Gegensatz zu den anderen L\u00e4ndern des Nahen Ostens das Parlament niemals angefasst worden ist. Immerhin gibt es heute 13 Frauen unter den 300 Abgeordneten, anf\u00e4nglich waren es zwei. Sie geh\u00f6ren verschiedenen Fraktionen an, sind jedoch sehr tough! Ein Parlamentarier hatte frauenfeindliche \u00c4u\u00dferungen getan, und die Frauen beantragten erfolgreich die Aufhebung seiner Immunit\u00e4t. Das Parlament hat wenig Macht, aber wichtig ist, dass es da ist und man dort frei reden kann!<\/p>\n<p><strong>Die Lebenserwartung lag 1970 und 1980 bei jeweils rund 52 Jahren. Inzwischen ist sie auf 76 Jahre angestiegen, f\u00fcnf Jahre mehr als in \u00c4gypten. Insofern kann man von erheblichen wirtschaftlichen Erfolgen des Regimes reden. Wie ist das m\u00f6glich angesichts von Sanktionen und Handelshemmnissen? Wie sch\u00e4tzt du die mittelfristige Stabilit\u00e4t des Regimes ein?<\/strong><\/p>\n<p>Die Religi\u00f6sen sorgen f\u00fcr eine gewisse soziale Gerechtigkeit. Alle Iraner haben heute eine Krankenversicherung, das gab es vorher nie. Nat\u00fcrlich sind die Krankenh\u00e4user \u00f6fters in einem schlechten Zustand. Allerdings nehmen auch Zivilisationserkrankungen wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen rasant zu. Doch das Regime gew\u00e4hrt eine Basisversorgung. Auch der Analphabetismus ist fast verschwunden. Der Mullah denkt wie folgt: Die Leute m\u00fcssen gehorchen, wir sorgen f\u00fcr Wohlstand. Bis in die entlegensten D\u00f6rfer haben sie Grundschulen gebaut. Akademiker sind ihnen per se unangenehm, Millionen von ihnen sind arbeitslos oder unterbesch\u00e4ftigt. Und 60 Prozent aller Studierenden sind inzwischen Frauen. Fr\u00fcher mussten sie bei einer \u00c4rztin die Jungfr\u00e4ulichkeitspr\u00fcfung ablegen, inzwischen sind solche Dinge wegen des sozialen Drucks abgeschafft. Au\u00dferdem gibt es Millionen Handys und Internetzug\u00e4nge, sodass man wei\u00df, was in anderen L\u00e4ndern passiert.<\/p>\n<p>Viele Autorinnen und Autoren gehen nicht mehr zur Zensurbeh\u00f6rde, sondern schicken ihre Texte per E-Mail in europ\u00e4ische L\u00e4nder, in der Hoffnung, dass sie dort gelesen und gedruckt werden. B\u00fccher sind unglaublich teuer geworden, weil es ein Papiermonopol des Staates gibt. Vor allem seit der Pr\u00e4sidentschaft von Ahmadinejad hat sich die Lage der Literatur verschlimmert.<\/p>\n<p><strong>Welche Folgen hat die K\u00fcndigung des Atomabkommens durch die USA?<\/strong><\/p>\n<p>Die Atombeh\u00f6rde (wie auch die UNO) wiederholt einmal im Monat, dass der Iran sich an das Abkommen gehalten hat. Das meinen auch die Europ\u00e4er, nur Mister Trump ist anderer Meinung. Er, wie Pompeo und Bolton, sagen unisono: Wir m\u00f6chten kein anderes Regime, es soll sich nur anders verhalten. Es gibt Ger\u00fcchte, dass hinter den Kulissen Verhandlungen laufen, auch wegen Syrien oder dem Jemen. Nicht mit Au\u00dfenminister Sarif, der in Ungnade gefallen ist, sondern mit Sendboten von Khamenei. Ich glaube, dass beide Seiten sich schlie\u00dflich einigen werden und jede dann behauptet, Sieger zu sein.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich wird sich der Iran aus Syrien zur\u00fcckziehen. Die Stimmung im Land ist gegen den Einsatz in Syrien. Es gibt Demos, auf denen gerufen wird: Wir wollen Brot hier und nicht in Syrien k\u00e4mpfen. Ich glaube, dass es mittelfristig nur um die Form geht, die allen Seiten erlaubt, das Gesicht zu wahren.<\/p>\n<p>Wer m\u00f6chte einen Sturz des Regimes? Weder die Russen noch die Amerikaner \u2013 und die Chinesen schon zweimal nicht. Auch braucht man den Iran zur Stabilisierung von Afghanistan.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2019\/05\/14fuer-uns-schah-gegner-war-kein-platz\/\"><em>Soz Nr. 05\/2019&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Mai 2019 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit SAID. 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