{"id":5379,"date":"2019-05-23T15:34:32","date_gmt":"2019-05-23T13:34:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5379"},"modified":"2019-05-23T15:34:32","modified_gmt":"2019-05-23T13:34:32","slug":"die-amazonisierung-der-autoindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5379","title":{"rendered":"Die Amazonisierung der Autoindustrie"},"content":{"rendered":"<p><em>Dietmar Gaisenkersting. <\/em>Volkswagen ist mit Amazon eine Partnerschaft eingegangen. Die Autoarbeiter sollten dies als Warnung verstehen. Mit dem Deal zwischen einem der weltgr\u00f6\u00dften Auto-Hersteller und dem weltgr\u00f6\u00dften<!--more--> Online-Versandhandelskonzern bahnt sich nichts weniger als die Amazonisierung der Autoindustrie an. Die Arbeiter der Autoindustrie sollen wie ihre Kollegen in den Lagerhallen von Amazon bis auf den letzten Tropfen ausgepresst werden.<\/p>\n<p>Die 650.000 Besch\u00e4ftigten des VW-Konzerns produzieren in 122 Fabriken auf der ganzen Welt mehr als zehn Millionen Autos und LKW pro Jahr \u2013 neben der Kernmarke VW geh\u00f6ren auch Marken wie Audi, Porsche, Lamborghini, \u0160koda, Seat oder Scania zum Konzern. Die verschiedenen Fahrzeugfabriken und ihre Lager arbeiten aber derzeit noch mit v\u00f6llig unterschiedlichen Software-Systemen.<\/p>\n<p>Etwa 220 Software-Spezialisten von VW und der Amazon-Tochter Amazon Web Services (AWS) sollen in den kommenden f\u00fcnf Jahren alle Werke, Lager, Roboter und Maschinen vernetzen. Oliver Blume, Porsche-Chef und im Vorstand der Konzernmutter VW f\u00fcr das Zusammenspiel der Fabriken zust\u00e4ndig, erkl\u00e4rte, dass aus der Zusammenarbeit mit Amazon ein \u201ewachsendes industrielles \u00d6kosystem\u201c \u2013 eine \u201eIndustrie-Cloud\u201c \u2013 entstehen werde, in der auch die 1500 Zulieferfirmen mit ihren \u00fcber 30.000 Standorten vernetzt werden.<\/p>\n<p>Amazon ist bislang vor allem f\u00fcr seine Internet-Handelsplattform bekannt, doch es hat in den letzten Jahren stark in die Entwicklung seiner Cloud investiert, dem R\u00fcckgrat des internationalen Versandhandel-Konzerns. Die Amazon Cloud ist inzwischen eine der leistungsf\u00e4higsten der Welt. Streaming-Dienste wie Netflix und Spotify nutzen das Amazon-Cloud-System genauso wie der Sportartikelhersteller Adidas, Korean Airlines oder das Biotechnologieunternehmen Amgen. Die deutsche Bundespolizei l\u00e4dt sogar Videoaufnahmen ihrer Eins\u00e4tze auf Amazon-Server hoch.<\/p>\n<p>Ein weiterer Kunde von Amazon-Cloud-Diensten ist Siemens. Der Technologiekonzern soll nun VW als \u201eIntegrationspartner\u201c bei der Vernetzung der Maschinen und Anlagen in der Cloud unterst\u00fctzen. Siemens liefert mit seiner Industrieplattform \u201eMindSphere\u201c ein Tool zur Analyse der umfangreichen Produktionsdaten. Diese sollen, noch bevor sie in die Cloud hochgeladen werden, direkt von den Endger\u00e4ten und Maschinen in den Fertigungsprozessen verarbeitet und analysiert werden. Software soll dann mithilfe von k\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) die Abl\u00e4ufe durchleuchten und optimieren und schlie\u00dflich auch gesamte Anlagen steuern.<\/p>\n<p>Der VW-Konzern hat angek\u00fcndigt, \u201eerste konkrete Services und Funktionen Ende 2019 in Betrieb zu nehmen\u201c. Als erstes sollen die Werke in Europa eingebunden werden.<\/p>\n<p>Damit die riesige Datenmenge aus den Fabriken sofort in die Analysesoftware und die Cloud gelangen, sind schnelle Netzwerke unerl\u00e4sslich. Kabellose Netzwerke, die daf\u00fcr ausreichend schnell sind, gibt es in Deutschland aber noch nicht. Aus diesem Grund r\u00fcckt der neue Mobilfunkstandard 5G in das Interesse der Industrie. Gegenw\u00e4rtig bieten die klassischen Netzbetreiber um die Lizenzen f\u00fcr den Nachfolger des LTE-Standards.<\/p>\n<p>Unternehmen sollen aber auch private, lokale Netze f\u00fcr einzelne Standorte und Fabriken aufbauen k\u00f6nnen. Die IG Metall in Wolfsburg, wo das Stammwerk des VW-Konzerns fast 60.000 Menschen besch\u00e4ftigt, setzt sich daher vehement daf\u00fcr ein, dass die Stadt Modellregion f\u00fcr 5G wird. Deutschlandweit sollen nur f\u00fcnf solche Modellregionen entstehen.<\/p>\n<p>5G sei gerade f\u00fcr die Region Wolfsburg von existenzieller Bedeutung, um mit den Digitalisierungsprozessen in der Automobilindustrie Schritt halten zu k\u00f6nnen, erkl\u00e4rte Matthias Disterheft, ehemaliger Betriebsrat bei VW in Wolfsburg und nun in der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung der IGM Wolfsburg f\u00fcr Finanzen zust\u00e4ndig. \u201eWir d\u00fcrfen hier nicht abgeh\u00e4ngt werden\u201c, betonte er.<\/p>\n<p>VW und Amazon erkl\u00e4ren gebetsm\u00fchlenhaft, \u201edie Transparenz\u201c der Produktionsvorg\u00e4nge, die durch die neue Industrie-Cloud entstehe, werde die Produktivit\u00e4t erh\u00f6hen. Sie sagen aber nicht, auf welche Weise. Gemeinsame Software, einheitliche Prozesse und schnellere Netze verbessern n\u00e4mlich nicht nur den Produktionsablauf, in den Amazon-Lagern dient die \u201eTransparenz\u201c auch der vollst\u00e4ndigen \u00dcberwachung und der bis ins letzte Detail geplanten Ausbeutung der Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Arbeiter werden mit einem Endger\u00e4t am Handgelenk per GPS auf Schritt und Tritt beobachtet und ausgemessen. Amazon erwartet, dass Lagerarbeiter 240 bis 250 Aufgaben pro Stunde erledigen. Alle Zeiten, die nicht direkt mit der Aufgabenerledigung zu tun haben, werden von der eigentlichen Produktionszeit abgezogen, eine Trinkpause genauso wie ein Toilettengang.<\/p>\n<p>F\u00e4llt ein Arbeiter unter den Durchschnitt seiner \u00fcblichen Produktivit\u00e4t, geht er ein zweites oder gar drittes Mal au\u00dferhalb der Pause zur Toilette oder bleibt er dort zu lang, muss er zu einem Gespr\u00e4ch mit dem Vorgesetzten, wie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2017\/06\/06\/amaz-j06.html\"><strong>Amazon-Arbeiter in Rheinberg<\/strong><\/a>\u00a0der WSWS berichtet haben. Zus\u00e4tzliche Boni zum Niedriglohn gibt es nur, wenn die gesamte Belegschaft die Vorgaben bei den Arbeitsergebnissen, den von der Software festgestellten Fehlern und bei der Krankenstandsquote einh\u00e4lt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Arbeiter bedeutet die \u201eTransparenz\u201c aller Daten l\u00fcckenlose Kontrolle und KI-gest\u00fctzter Arbeitsdruck. Die Software durchforstet die Daten und optimiert die Produktionsprozesse \u2013 auf der Strecke bleiben die produzierenden Arbeiter.<\/p>\n<p>Die IG Metall und der Betriebsrat bei Volkswagen organisieren seit Jahren die Einsparma\u00dfnahmen in der Produktion. Legend\u00e4r ist ein Ordner mit 400 Seiten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2014\/10\/21\/vw-o21.html\"><strong>Sparvorschl\u00e4gen<\/strong><\/a>, den der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh vor viereinhalb Jahren dem Vorstand \u00fcbergab, um die Rendite j\u00e4hrlich um 5 Milliarden Euro zu steigern.<\/p>\n<p>In einem Gespr\u00e4ch mit der\u00a0<em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em>\u00a0im Oktober 2014 bekannte sich Osterloh uneingeschr\u00e4nkt zu den Renditezielen des Konzerns. \u201eWir\u201c, sagte er, \u201em\u00fcssen schauen, dass wir die Autos mit einer vern\u00fcnftigen Rendite auf die Stra\u00dfe bringen. Um das zu schaffen, m\u00fcssen auch die Kosten in den Fabriken runter.\u201c<\/p>\n<p>Die Kosten in den Fabriken werden unter anderem durch die versch\u00e4rfte Ausbeutung der Arbeiter gesenkt, die mit der Amazon-VW-Partnerschaft angestrebt wird. Gleichzeitig wird der Umstieg auf die Elektromobilit\u00e4t genutzt, um Tausende von Arbeitspl\u00e4tzen abzubauen. Denn f\u00fcr die Produktion von E-Autos sind bedeutend weniger Arbeitsstunden notwendig, weil ganze Komponenten wegfallen.<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>Wirtschaftswoche<\/em>\u00a0berichtete k\u00fcrzlich, dass die Montage des ersten Gro\u00dfserien-Elektroautos von VW, des Mittelklassewagens ID.3, der ab Jahresende im Werk Zwickau vom Band laufen wird, nur noch 16 Stunden ben\u00f6tigt. Beim Golf, der \u00e4hnlich gro\u00df ist, sind es 26 Stunden. Das ist eine Einsparung von rund 40 Prozent. Auf einer Betriebsversammlung hatte VW-Chef Herbert Diess j\u00fcngst gedroht: \u201eEs wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu bew\u00e4ltigen.\u201c<\/p>\n<p>Der VW-Vorstand will bis 2025 die Produktivit\u00e4t im gesamten Produktionsnetzwerk \u2013 au\u00dfer in China \u2013 um 30 Prozent steigern und den Gewinn schon ab 2023 auf j\u00e4hrlich fast 6 Milliarden Euro erh\u00f6hen. Erst vor vier Wochen hatte Diess mitgeteilt, dass bei der VW-Kernmarke in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren zus\u00e4tzlich bis zu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/03\/16\/pers-m16.html\"><strong>7<\/strong><\/a>000 Stellen gestrichen werden.<\/p>\n<p>Bei Volkswagen bereiten sich daher Betriebsrat und Vorstand darauf vor, eine Neuauflage ihres ber\u00fcchtigten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2016\/11\/24\/vowa-n24.html\"><strong>Zukunftspakts von 2016<\/strong><\/a>\u00a0zu entwerfen, dem weltweit 30.000 Arbeitspl\u00e4tze zum Opfer gefallen sind, davon 23.000 in Deutschland.<\/p>\n<p>Betriebsr\u00e4te des ganzen Konzerns erkl\u00e4rten k\u00fcrzlich am Rande eines Treffens, sie s\u00e4hen ihre wichtigste Aufgabe derzeit in der Sicherung der Besch\u00e4ftigung. \u201eDer Konzern \u00e4ndert sich so schnell wie nie zuvor\u201c, sagte Osterloh. Das mache vielen Kolleginnen und Kollegen Sorgen. Neben dem Wandel hin zur E-Mobilit\u00e4t m\u00fcsse der Konzern \u2013 wie die gesamte Autobranche \u2013 auch die Digitalisierung stemmen.<\/p>\n<p>Wenn Betriebsrat und IG Metall von Besch\u00e4ftigungssicherung reden, ist das Ergebnis stets ein von ihnen entworfener und geregelter Arbeitsplatzabbau. Es ist dringend n\u00f6tig, dass sich die VW-Arbeiter unabh\u00e4ngig von der Gewerkschaft organisieren. Um die Arbeitspl\u00e4tze und Arbeitsbedingungen zu verteidigen, ben\u00f6tigen sie neue Kampforganisationen. Die\u00a0<em>Sozialistische Gleichheitspartei<\/em>\u00a0schl\u00e4gt daf\u00fcr Aktionskomitees vor, die sich der Diktatur der Konzerne in den Fabriken widersetzen und die K\u00e4mpfe der Auto- wie aller anderen Arbeiter weltweit vereinen.<\/p>\n<p>Es darf nicht zugelassen werden, dass revolution\u00e4re technologische Fortschritte wie weltweite Vernetzung, k\u00fcnstliche Intelligenz, 3D-Druck, Maschine-zu-Maschine-Kommunikation und selbstfahrende Autos dazu genutzt werden, immer mehr Arbeiter ins Elend zu st\u00fcrzen, statt das Arbeiten und das Leben der gesamten Bev\u00f6lkerung zu verbessern.<\/p>\n<p>Die einzige Antwort auf diese Entwicklung ist ein sozialistisches Programm. Die ungeheuren Verm\u00f6gen der Superreichen m\u00fcssen enteignet, Banken und Konzerne in \u00f6ffentliche Unternehmen umgewandelt werden, die die Arbeiterklasse demokratisch kontrolliert und die ihren Interessen und Bed\u00fcrfnissen dienen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/04\/12\/vwam-a12.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Mai 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietmar Gaisenkersting. Volkswagen ist mit Amazon eine Partnerschaft eingegangen. Die Autoarbeiter sollten dies als Warnung verstehen. 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