{"id":5401,"date":"2019-05-28T16:00:53","date_gmt":"2019-05-28T14:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5401"},"modified":"2019-05-28T16:01:10","modified_gmt":"2019-05-28T14:01:10","slug":"der-zionismus-missgeburt-der-arbeiterbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5401","title":{"rendered":"Der Zionismus, Mi\u00dfgeburt der Arbeiterbewegung"},"content":{"rendered":"<p><em>Le Brice-Glace<\/em><em>, (Fr\u00fchjahr 89). <\/em>Bis zur Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise im 18. Jahrhundert waren die Juden in Europa und im Mittelmeer-Raum eine der wenigen vorkapitalistischen Gemeinschaften,<!--more--> die ihre geographische Verlagerung \u00fcberlebt hatten. Diese Gemeinschaft hatte sich auch deshalb lange halten k\u00f6nnen, weil sie sich zum gesellschaftlichen Agenten des Waren- und Geldhandels in der europ\u00e4ischen Feudalgesellschaft machte und so die \u00e4u\u00dfere Grundlage f\u00fcr den vorkapitalistischen Produktionsproze\u00df war. Gest\u00fctzt auf diese Basis konnten die Juden als prek\u00e4re Insel inmitten der sie umgebenden Gesellschaft ihr Gemeinschaftsleben mit seiner relativ autonomen inneren Organisation aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Als der Kapitalismus zur in Europa vorherrschenden Produktionsweise wurde, hatte die Totenglocke der j\u00fcdischen Gemeinschaft gel\u00e4utet. Der Wert war nun dem Produktionsproze\u00df nicht mehr \u00e4u\u00dferlich, sondern durchtr\u00e4nkte die ganze Gesellschaft. In gleichem Ma\u00dfe verloren die Juden die materielle Grundlage f\u00fcr ihre Reproduktion als Gemeinschaft au\u00dferhalb der Gesellschaft. Die Kapitalisierung der europ\u00e4ischen Gesellschaft zwang die Juden, sich zu integrieren und wohl oder \u00fcbel den Klassen der neuen Gesellschaft anzupassen: Proletariat, Kleinb\u00fcrgertum, Bourgeoisie.<\/p>\n<p><strong>Juden im Osten &#8211; die unm\u00f6gliche Integration<\/strong><\/p>\n<p>Der Proze\u00df der Zerst\u00f6rung ihrer Gemeinschaft wurde nicht nur hingenommen, sondern das ganze 18. Jahrhunderts \u00fcber von den Juden in der Haskalah auch freiwillig angenommen &#8211; einer reformistischen Bewegung der &#8222;j\u00fcdischen Aufkl\u00e4rung&#8220;, die die Emanzipation, die Integration der Juden in die moderne Gesellschaft forderte. Auf diese Forderung antwortete die Franz\u00f6sische Revolution von 1789, die die historische Notwendigkeit der Zerst\u00f6rung der j\u00fcdischen Gemeinschaft zur Kenntnis nahm und die politische Emanzipation der ans\u00e4ssigen Juden verf\u00fcgte. Die Konvention von 1792, welche die politische Emanzipation der Juden verf\u00fcgte, schrieb in ihrer Willenserkl\u00e4rung die Zerteilung der Gemeinschaft in atomisierte Individuen fest: \u00bbDen Juden als Individuen alles gew\u00e4hren, ihnen nichts gew\u00e4hren als Nation!\u00ab Das ist haargenau das Prinzip der Atomisierung der Individuen in der Gesch\u00e4ftskonkurrenz, der eigentlichen Grundlage der demokratischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Aufgrund der Widerspr\u00fcchlichkeit des Kapitals gelang diese Integration der Juden in die europ\u00e4ische Gesellschaft jedoch nicht \u00fcberall. In Westeuropa, wo der Kapitalismus in vollem Wachstum stand, war die Gesellschaft dynamisch genug, um einen Ort f\u00fcr die Juden zu schaffen. Das ganze 19. Jahrhundert \u00fcber l\u00f6ste sich die Gemeinschaft tats\u00e4chlich auf, die Juden assimilierten sich rasch, und ihr &#8222;Judentum&#8220; war nur noch die Privatreligion atomisierter Individuen.<\/p>\n<p>In Osteuropa dagegen (einschlie\u00dflich der \u00f6stlichen Regionen des \u00f6sterreichisch-ungarischen und russischen Reiches und Polens) war die Integration nicht m\u00f6glich, da das Kapital hier auf dieselbe Weise eingedrungen war, mit der es sp\u00e4ter die Dritte Welt schaffen sollte. Das Gesetz des Geldes hatte sich in der ganzen Gesellschaft durchgesetzt, hatte die traditionelle Lebensweise zersetzt, aber wegen dem Konkurrenzdruck der fortgeschritteneren Nationen konnte sich die neue Produktionsweise nicht ausreichend entwickeln, um die Gesamtheit der entwurzelten Massen zu integrieren.<\/p>\n<p>Diese Situation galt besonders f\u00fcr die j\u00fcdischen Massen im russisch-polnischen &#8222;Siedlungsgebiet&#8220; und im Norden \u00d6sterreich-Ungarns, die damals 2\/3 der j\u00fcdischen Weltbev\u00f6lkerung ausmachten.<\/p>\n<p>Da das Geld zum inneren Bestandteil des Produktionsprozesses geworden war, verloren die Juden in diesen Gegenden, wie im \u00fcbrigen Europa, die traditionelle Basis f\u00fcr ihr \u00dcberleben als Gemeinschaft. So erkl\u00e4rt sich die St\u00e4rke, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Haskalah bekam, die den Auszug aus den Ghettos und die Integration in die Gesellschaft predigte.<\/p>\n<p>Genausowenig wie aus obigen Gr\u00fcnden diese Assimilation m\u00f6glich war, konnte die Gemeinschaft aufrechterhalten werden. Das Drama der europ\u00e4ischen j\u00fcdischen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert wurzelt in dieser widerspr\u00fcchlichen doppelten Unm\u00f6glichkeit. Die neue Produktionsweise war in der Tat zu eng, um gleichzeitig mit den ruinierten &#8222;einheimischen&#8220; Bauernmassen die j\u00fcdischen Massen zu integrieren, die man um ihr auf den Wert begr\u00fcndetes traditionellen Existenzmittel gebracht hatte. Ein in den Massen verbreiteter Antisemitismus diente nun dazu, die j\u00fcdische Arbeitskraft aus den Fabriken auszuschlie\u00dfen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Das Ergebnis des unl\u00f6sbaren Widerspruchs war jene wahrhaft historische &#8222;Anomalie&#8220;, das hartn\u00e4ckige \u00dcberleben der j\u00fcdischen Gemeinschaft in schrecklichem Elend, obwohl dieses \u00dcberleben in der Gesellschaft des Kapitals objektiv unm\u00f6glich geworden war, und bestraft durch Verfolgungen und Pogrome.<\/p>\n<p>Dieses ebenso unabwendbare wie anachronistische \u00dcberleben erkl\u00e4rt den R\u00fcckflu\u00df der rationalistischen Bewegung der Haskalah im Laufe des 19. Jahrhunderts in den Ghettos Osteuropas und gleichzeitig den massiven Erfolg des Hassidismus, einer Auferstehungsbewegung der Kabbale und der kommunit\u00e4ren Mystik, aus der die Juden die Kraft sch\u00f6pfen sollten, das Elend und die Verfolgungen zu ertragen. Die Lebensbedingungen der Juden im 19. Jahrhundert und bis zur nazistischen &#8222;Endl\u00f6sung&#8220; im 20. Jahrhundert waren in diesem Teil Europas nur die ganz und gar negativen von Menschengemeinschaften, die auf der Erde \u00fcberfl\u00fcssig geworden waren.<\/p>\n<p>Die Massenverelendung f\u00fchrte offensichtlich zur Herausbildung eines zahlenm\u00e4\u00dfig starken j\u00fcdischen Proletariats, das aber, da es aus der einheimischen Industrie praktisch ausgeschlossen war, in der Gemeinschaft bleiben mu\u00dfte ohne M\u00f6glichkeit, sie hinter sich lassen zu k\u00f6nnen, und es blieb ihm nur die Arbeit in der Heimindustrie f\u00fcr den Profit der j\u00fcdischen Bourgeois.<\/p>\n<p><strong>Der j\u00fcdische Sozialismus <\/strong><\/p>\n<p>Erst als gegen Ende des 19. Jahrhunderts das j\u00fcdische Handwerkertum durch die Konkurrenz der Industrie allm\u00e4hlich verschwand, war das Proletariat gezwungen, eine andere Lebensweise anzunehmen um zu \u00fcberleben, und es befreite sich von der rabbinischen Orthodoxie und dem Kult der Passivit\u00e4t. Dies ist die Zeit, in der besonders die j\u00fcdischen Proletarier Osteuropas beginnen, sich dem Marxismus und der Idee einer proletarischen Revolution anzuschlie\u00dfen. Sie finden sich auch unter den ersten Proletariern Osteuropas, die sozialistische Organisationen gr\u00fcnden<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Der Sieg des Sozialismus schien in der Tat die einzige L\u00f6sung zu sein f\u00fcr den vom Kapital verursachten Widerspruch, welche die Integration in den Produktionsproze\u00df und die Aufhebung des antisemitischen Ausschlusses erlaubte. Die j\u00fcdische sozialistische Bewegung forderte im Grunde die wahrhafte Verwirklichung der Integration der Juden in die moderne Gesellschaft. Darin war sie die moderne Erbin der Haskalah. Die gesellschaftliche Integration der massenhaft proletarisierten Juden begann also mit ihrer Integration in den Klassenkampf des europ\u00e4ischen Proletariats.<\/p>\n<p>Haargenau wie die Haskalah stie\u00df jedoch die j\u00fcdische sozialistische Bewegung auf die Unm\u00f6glichkeit, die Grenzen der Gemeinschaft zu \u00fcberschreiten, deren Existenzbedingungen indes v\u00f6llig br\u00fcchig geworden waren. Der weiter oben erw\u00e4hnte Grund spielte dabei eine Rolle: die moderne Produktionsweise war in Osteuropa zu eng, um die j\u00fcdischen Proletarier zu integrieren. Sp\u00e4ter wurde die einheimische Arbeiterklasse von einem chronischen Antisemitismus ergriffen, der dazu diente, diese konkurrierende Arbeitskraft auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die j\u00fcdischen Proletarier, die in einem sterbenden Handwerk verstreut oder zu Massenarbeitslosigkeit und Emigration gezwungen waren, hatten so, bis auf eine Minderheit, keine M\u00f6glichkeit, sich in die einheimischen Klassenk\u00e4mpfe einzureihen. So erkl\u00e4rt sich das autonomistische und separatistische Abdriften des Bund<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, was dazu f\u00fchrt, da\u00df das j\u00fcdische Proletariat das gro\u00dfe Rendevous mit der Oktoberrevolution verpa\u00dft, obwohl doch im Ausschlu\u00df der proletarisierten j\u00fcdischen Gemeinschaft ein gro\u00dfer Sprengsatz lag. Diese unm\u00f6gliche Integration der j\u00fcdischen Proletarier Osteuropas in den Klassenkampf (die die Zweite Internationale nie wirklich zu bek\u00e4mpfen versucht hat) ist zweifellos das erste gro\u00dfe Versagen des proletarischen Internationalismus; ein Versagen, an dem man ermessen kann, wie sehr die europ\u00e4ischen Proletarier in ihre jeweiligen Nationen integriert waren und das den proletarischen Bankrott vor dem Weltkrieg ank\u00fcndigt. Dieses Versagen schafft die Bedingungen f\u00fcr das Entstehen des Zionismus.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich gab es zwei Arten von Zionismus: einen typisch kolonialistischen &#8222;Bourgeois&#8220;-Zionismus und einen &#8222;Arbeiter&#8220;-Zionismus, der die Verl\u00e4ngerung der j\u00fcdischen sozialistischen Bewegung Osteuropas war. So oder so waren beide das Ergebnis der j\u00fcdischen Frage in Osteuropa: der Arbeiter-Zionismus direkt, als Ergebnis des Ausschlusses der j\u00fcdischen Proletarier aus der europ\u00e4ischen Arbeiterbewegung, der Bourgeois-Zionismus indirekt, als Antwort auf die durch die Massenauswanderung der j\u00fcdischen Proletarier verursachte Destabilisierung der Region.<\/p>\n<p>Verjagt durch den Zusammenbruch ihrer Lebensbedingungen emigrierten vier Millionen j\u00fcdische Proletarier zwischen 1880 und 1929 in die entwickelten Nationen Westeuropas und die USA. Im Gep\u00e4ck brachten sie die j\u00fcdische Frage Osteuropas mit und trugen damit zu ihrer weltweiten Verbreitung bei. W\u00e4hrend sich die US-Gesellschaft in voller Expansion befand und bis zur Krise von 1929 anpa sungsf\u00e4hig und dynamisch genug blieb, um die Einwanderer ohne gr\u00f6\u00dfere Probleme zu integrieren, war die Gesellschaft in Deutschland, \u00d6sterreich und Frankreich zu starr f\u00fcr eine unproblematische Integration.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den einheimischen Juden dieser verschiedenen westlichen L\u00e4nder sind die j\u00fcdischen Proletarier, die in Wellen hereinstr\u00f6men, nicht atomisiert. Sie kommen in diesen L\u00e4ndern an mit der Tradition einer lebendigen Gemeinschaftsbindung, die schwer assimilierbar ist, und einem sozialen Zusammenhalt, einer Kraft, die von vornherein die Bourgeoisie und ihren Staat beunruhigt. Diese Gemeinschaftsbindung \u00fcberschreitet sogar die Grenzen Frankreichs, Deutschlands und \u00d6sterreichs und bewahrt ihre Wurzeln in Osteuropa. Sie macht aus den Juden wahrhaft internationale Proletarier. Als mobile und r\u00fcckhaltlose Proletarier, von denen eine betr\u00e4chtliche Anzahl offen ist f\u00fcr den Marxismus, bilden sie ein Potential revolution\u00e4rer Radikalisierung, was sich \u00fcbrigens in ihrer Beteiligung an den radikalsten Fraktionen der revolution\u00e4ren Bewegungen der zwanziger Jahre konkretisiert. Welches Echo sie hatten, kann man an den wiederholten Warnungen der deutschen und \u00f6sterreichischen Konterrevolution\u00e4re und Sozialdemokraten in den hei\u00dfen Nachkriegsjahren (1918 bis 1923) gegen die Pr\u00e4senz von \u00bbpolnischen j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlingen\u00ab innerhalb der Arbeiterbewegung ablesen<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Staaten Westeuropas hatten zwar nach 1870 ihre Grenzen f\u00fcr diese Proletarier ge\u00f6ffnet, damit sie mit den einheimischen Arbeitern konkurrieren \u2013 das Prinzip kapitalistischer Handhabung der Einwanderung. Aber bald beunruhigte breite Fraktionen der Bourgeoisie zunehmend das Bild eines internationalen und politisierten Proletariats, das diese Einwanderer vermittelten. Dieses Bild stand der Politik der Integration der Arbeiter Europas in ihre jeweilige Nation entgegen, die das Kapital betrieb, um die Bedingungen f\u00fcr den Weltkrieg zu schaffen. Ebenso mu\u00dfte sich integrierteste Schicht der Arbeiterklasse, die ihre Privilegien aus dieser Integration zog, diesem Bild widersetzen, das die eingewanderten j\u00fcdischen Proletarier verk\u00f6rperten.<\/p>\n<p><strong>Der moderne Antisemitismus <\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Abflauen der revolution\u00e4ren Wogen waren alle Bedingungen beisammen f\u00fcr das Entstehen eines massenhaften Antisemitismus in den entwickelten Nationen, polarisiert von einer nationalistischen extremen Rechten, die einen wichtigen Teil der einheimischen Arbeiterklasse mit sich ri\u00df. Das Urbild des &#8222;Ju den&#8220; als Wucherer und Ausbeuter wurde wiederbelebt und in allen Tonlagen gesungen. Damit wollte man die einheimischen Arbeiter davon \u00fcberzeugen, da\u00df die Einwanderer, weil sie Juden waren, nichts mit dem (nationalen) Proletariat zu tun h\u00e4tten, und so die Gefahr der revolution\u00e4ren Ansteckung neutralisieren. In der Versch\u00e4rfung der Krise 1929 radikalisierte sich dieser Arbeiter-Antisemitismus<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Ein Teil der Arbeiterklasse klammerte sich in seiner bedrohten Lage verzweifelt an die Zugeh\u00f6rigkeit zur Nation und wies die Vorstellung von einem internationalen Proletarier immer st\u00e4rker von sich. Die Versch\u00e4rfung der Arbeitslosigkeit machte aus den neu gekommenen Proletariern Konkurrenten, die es zu beseitigen galt.<\/p>\n<p>Nach der Zerschlagung der internationalen proletarischen Revolution in den zwanziger Jahren triumphierte der Massen-Antisemitismus in seiner Verk\u00f6rperung durch den Nazismus. Die Bourgeoisie stand trotz ihres Sieges immer noch unter dem Schock, da\u00df beinahe eine internationale Revolution gesiegt h\u00e4tte, und lie\u00df der antisemitischen Ma\u00dflosigkeit der Nazis freien Lauf, um das Gespenst des proletarischen Internationalismus endg\u00fcltig auszutreiben. Interessanterweise beginnt die politische Karriere von Hitler 1919, mitten in der revolution\u00e4ren Phase in Europa. In seiner ersten gro\u00dfen Rede am 13. August 1920 erkl\u00e4rt er, er sei ein \u00fcberzeugter Antisemit geworden, weil \u00bbdie Juden international sind, die Gleichheit aller V\u00f6lker und die internationale Solidarit\u00e4t predigen, (und) es ihr Ziel ist, die Rassen zu entnationalisieren.\u00ab<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Seit dieser Rede vertritt Hitler die Notwendigkeit, die Juden aus dem Innern des deutschen Volkes zu eliminieren, noch ohne die Methode zu pr\u00e4zisieren, die dann folgen sollte. Und offensichtlich ist seit dieser Zeit die eigentliche Zielscheibe des Angriffs auf den &#8222;Juden&#8220;, mitten in der revolution\u00e4ren Situation, das internationale und kommunistische Proletariat. Die von den Nazis nach dem Abschlu\u00df ihrer Eroberung Europas systematisch organisierte Vernichtung ging in die Richtung: endg\u00fcltig die nicht-assimilierbare j\u00fcdische Gemeinschaft in Osteuropa zu liquidieren, weil sie ein &#8222;Vivarium&#8220; mobiler, internationaler Proletarier war<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>.<\/p>\n<p>Der Schrecken, den das internationale Proletariat der Bourgeoisie versetzt hatte, mu\u00df so gro\u00df gewesen sein, da\u00df er zum Grauen des Genozids an den Juden f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Mit ihrem systematischen Vernichtungsunternehmen fanden die Nazis wirklich die &#8222;Endl\u00f6sung&#8220; f\u00fcr die historische Anomalie, die das \u00dcberleben der proletarisierten j\u00fcdischen Gemeinschaft Osteuropas darstellte. Ihr wirkliches Ziel dabei war, die Ausl\u00f6schung der Vorstellung eines internationalen Proletariats, das sie verk\u00f6rperten, um die Integration der Proletarier Europas in ihre Nationen auf immer festzuschreiben. Sie operierten im Interesse der gesamten &#8222;Zivilisation des Kapitals&#8220; und genossen bei ihrem Unternehmen die aktive Kollaboration der Bourgeoisien der besetzten L\u00e4nder und das objektive Komplizentum der Alliierten<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>.<\/p>\n<p>\u00bbDie Vernunft hat immer existiert, aber nicht immer in vern\u00fcnftiger Form\u00ab (Marx). Der furchtbare Flu\u00df der Weltgeschichte hat in der Tat immer wieder Perioden der &#8222;Unvernunft&#8220; und der &#8222;Ma\u00dflosigkeit&#8220; mit sich gef\u00fchrt. Die Produktion dieser Unvernunft hatte leider immer eine in der Geschichte liegende Rationalit\u00e4t, und es ist genau Aufgabe der revolution\u00e4ren Kritik, den rationalen Kern dieser Produktion zu verstehen. Diese Rationalit\u00e4t in der kapitalistischen Produktionsweise k\u00f6nnen wir vom Marx\u2019schen Standpunkt aus nur verstehen, wenn wir vom antagonistischen Widerspruch zwischen Kapital und Proletariat ausgehen. Wenn wir die nazistische Unvernunft rational angehen, k\u00f6nnen wir sagen, da\u00df der gro\u00dfe Schrecken, den die revolution\u00e4re Formierung eines internationalen Proletariats in den zwanziger Jahren der Bourgeoisie, dem Kleinb\u00fcrgertum und dem integrierten Teil der Arbeiterklasse eingejagt hat, sich durch eine Art makabre Katharsis in den ma\u00dflosen antisemitischen Ha\u00df des Nazismus verkehrt hat. All die &#8222;Missetaten&#8220; des proletarischen Internationalismus wurden auf die Juden projiziert. Gleichzeitig beschuldigte man sie in offensichtlich widerspr\u00fcchlicher Weise, Agenten des Kapitalismus zu sein, um zu verhindern, da\u00df die &#8222;nationalen&#8220; Proletarier gemeinsame Punkte mit ihren internationalen Br\u00fcdern erkennen. Der Ha\u00df zielte jedoch vor allem auf letztere.<\/p>\n<p>Immerhin hat der Nazi-Staat einen wesentlichen Teil der R\u00fcstungsausgaben abgezogen, um diese Vernichtung erfolgreich zu beenden, und diese Entscheidung k\u00f6nnte man schon als &#8222;unvern\u00fcnftig&#8220; bezeichnen<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Aber die Nazis waren keine kalten und vern\u00fcnftigen Technokraten: dies ist nicht das Personal, das die Bourgeoisie braucht, wenn in &#8222;apokalyptischen&#8220; Zeiten revolution\u00e4re und konterrevolution\u00e4re Leidenschaften herrschen. Die Nazis waren Leute, die &#8222;ganze Arbeit&#8220; machten, die quer standen zur Zivilisation des Kapitals und elektrisiert waren von der Angst vorm Proletariat. Nachdem die Arbeit vollendet und f\u00fcr lange Zeit revolution\u00e4re Regungen zur\u00fcckgeschlagen waren, konnten wieder die k\u00fchlen und vern\u00fcnftigen Technokraten zur Macht zur\u00fcckkehren und die &#8222;dreckige Bestie&#8220; verurteilen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Unvernunft&#8220; der Nazis war indessen rational genug, um das Kapital von der Last einer Gemeinschaft nicht-assimilierbarer Proletarier zu befreien. In seinem politischen &#8222;Testament&#8220;, das er kurz vor seinem Ableben verfa\u00dft hatte, spricht Hitler auf seine Art von den Schulden, die die Zivilisation des Kapitals beim Nazismus gemacht hat: \u00bbIn einer Welt, die immer mehr vom Gift der Juden verseucht ist, wird ein dagegen immunisiertes Volk endlich wieder zu seiner \u00dcberlegenheit finden. Unter diesem Aspekt wird man dem Nationalsozialismus ewig dankbar sein, weil ich die Juden Deutschlands und Mitteleuropas vernichtet habe\u00ab<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>. (Hervorhebungen vom Autor)<\/p>\n<p><strong>Geburt des Zionismus <\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir nun auf unsere Analyse der Ursachen des b\u00fcrgerlichen und kolonialistischen Zionismus zur\u00fcckkommen, m\u00fcssen wir uns vorhergehende Entwicklungen merken, denn die massive Auswanderung j\u00fcdischer Proletarier aus Osteuropa universalisierte die j\u00fcdische Frage und zerst\u00f6rte die Grundlagen der zuvor gelungenen Integration der Juden Westeuropas, und das l\u00f6ste einen massenhaften Antisemitismus aus. Der j\u00fcdischen Bourgeoisie Westeuropas war diese Gefahr sehr fr\u00fch bewu\u00dft und vor allem nach dem Eklat der Dreyfus-Aff\u00e4re begann sie ernsthaft, f\u00fcr den Zionismus zu trommeln. 1897 wurde unter F\u00fchrung von Theodor Herzl eine weltweite Organisation gegr\u00fcndet, deren Ziel die Schaffung einer nationalen j\u00fcdischen Heimat in Pal\u00e4stina unter der Protektion der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte war.<\/p>\n<p>Erkl\u00e4rtes Ziel des Unternehmens war es, den Migrationsstrom j\u00fcdischer Proletarier aus Osteuropa nach Pal\u00e4stina umzulenken, um die Integration der Juden Westeuropas zu sch\u00fctzen. In Wirklichkeit bedeutete die Wahl Pal\u00e4stinas der j\u00fcdischen Bourgeoisie wenig. Sie h\u00e4tte auch eine andere territoriale L\u00f6sung akzeptiert, wenn sie damit ihre Glaubensbr\u00fcder aus dem Osten losgeworden w\u00e4re. So schlug Theodor Herzl 1903 der zionistischen Bewegung als zuk\u00fcnftige j\u00fcdische Heimat ernsthaft Uganda vor, das gro\u00dfz\u00fcgigerweise das britische K\u00f6nigshaus angeboten hatte. Aber die Wahl konnte nur auf Pal\u00e4stina fallen bei den Juden in Osteuropa, wo eine kulturelle Tradition \u00fcberlebt hatte, in der Zion und das Land Israel einen wichtigen Platz einnahmen.<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft war einfach: Es ging darum, einer gro\u00dfen Kolonialmacht im Austausch f\u00fcr die Protektion der Siedler die Bestellung und Ausbeutung der L\u00e4ndereien Pal\u00e4stinas zu deren Profit zu liefern. Eine solche L\u00f6sung war bereits ausprobiert worden mit der Gr\u00fcndung der Jewish Colonization Assoziation im Jahre 1891 unter dem Hirtenstab der Barone Hirsch und Rothschild. Dieses Kolonialunternehmen funktionierte folgenderma\u00dfen: Mit Hilfe des Bourgeois-Kapitals wurden den abwesenden arabischen Gro\u00dfgrundbesitzern L\u00e4ndereien abgekauft und dort j\u00fcdische Siedler aus Osteuropa angesiedelt. Letztere lie\u00dfen f\u00fcr deren Profit die pal\u00e4stinensischen Fellachen den Burnus vollschwitzen, die nun von der Nutznie\u00dfung von Feldern enteignet waren, die sie seit Generationen bebauten. Das j\u00fcdische Kapital begann, auch in den St\u00e4dten Fu\u00df zu fassen, um frisch entwurzelte pal\u00e4stinensische Proletarier auszubeuten.<\/p>\n<p>Mittels des Kolonialismus erschlossen Ende des 19. Jahrhunderts die entwickelten Nationen die vorkapitalistischen Gebiete Afrikas und Asiens f\u00fcr die Kapitalakkumulation. Er gr\u00fcndete auf der Ausbeutung ganzer V\u00f6lker und verwandelte die traditionelle Bauernschaft in ein unterbezahltes Landarbeiterproletariat.<\/p>\n<p>Der &#8222;erste&#8220;, b\u00fcrgerliche, Zionismus entsprach v\u00f6llig dieser Definition des Kolonialismus. Auf diese Etappe des Zionismus trifft der Vorwurf des Kolonialismus voll zu, wie er von Seiten der PLO erhoben wird. Aber h\u00e4tte es den Zionismus nur in dieser Form gegeben, w\u00e4re er nie als israelische Nation, als Staat Israel entstanden; in Algerien ist ja auch kein Staat der pied-noir<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> entstanden. In einer Kolonialordnung k\u00f6nnen die Siedler nicht f\u00fcr sich allein eine nationale Basis bilden. Sie tragen nur zur Ausbeutung einer (existierenden oder sich bildenden) Nation bei, auf deren Boden sie selbst Fremdk\u00f6rper bleiben. Und von dem Moment an, in dem die Nation sich als solche begreift und diesen Anspruch einfordert, sich gegen ihre Ausbeutung erhebt und sie unhaltbar macht, untergr\u00e4bt sie die Existenzgrundlage der Siedler, die keine andere Wahl haben, als in ihre Herkunftsmetropole zur\u00fcckzukehren<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>.<\/p>\n<p>In Pal\u00e4stina war es aber gerade nicht so, denn der Zionismus war nicht einfach ein Unternehmen, das auf der j\u00fcdischen Ausbeutung pal\u00e4stinensischer Bauern beruhte. Die Dritte-Welt-&#8222;Marxisten&#8220;, die in Israel einen &#8222;Schwarzfu\u00df-Staat&#8220; sehen, verdecken die historische Wirklichkeit unter einem falschen Propaganda-Radikalismus. Diese Sichtweise vergi\u00dft den &#8222;zweiten&#8220; Zionismus, der eine wirkliche nationale Befreiungsbewegung war, und wie wir gleich sehen werden, die direkte Verl\u00e4ngerung der sozialistischen Bewegung der j\u00fcdischen Proletarier in Osteuropa.<\/p>\n<p><strong>Der sozialistische Zionismus \u2013 Ersatz f\u00fcr die unm\u00f6gliche Integration<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr das j\u00fcdische Proletariat in Osteuropa war die Teilnahme an den K\u00e4mpfen der einheimischen Proletarier und damit der Versuch einer Emanzipation \u00fcber die internationalen K\u00e4mpfe unm\u00f6glich. Mit Ausnahme der Emigranten konnte sich nur eine Minderheit aus dem Ghetto losrei\u00dfen, wo die Masse der j\u00fcdischen Proletarier eingeschlossen war, und sich in die &#8222;einheimischen&#8220; russischen oder polnischen Parteien integrieren. Aber der gesellschaftliche und politische Ausschlu\u00df dieses Proletariats bef\u00f6rderte auch die Herausbildung einer anderen k\u00e4mpferischen Fraktion, die dem Ghetto verhaftet blieb und unter dem Eindruck der Pogrome nach einer eigenen sozialistische L\u00f6sung suchte: einem j\u00fcdischen &#8222;Sozialismus&#8220;, einem nationalen Sozialismus, der sich auf den Zionismus gr\u00fcndete. Damit war der &#8222;zweite&#8220; Zionismus geboren.<\/p>\n<p>Da sich die j\u00fcdischen Proletarier nicht integrieren und als Klasse in der Produktionsbasis Osteuropas k\u00e4mpfen konnten, propagierten die Zionisten die Eroberung einer anderen Basis (in Pal\u00e4stina), wo sie ihren Sozialismus und ihre Emanzipation verwirklichen wollten, und wo das j\u00fcdische Volk endlich &#8222;ein Volk wie alle anderen&#8220; werden sollte \u2013 integriert in den Produktionsproze\u00df.<\/p>\n<p>Dies war die These von Borohow (1881- 1917), des Haupttheoretikers des sozialistischen Zionismus. Seiner Meinung nach war die Auswanderung der proletarischen Juden nach Pal\u00e4stina revolution\u00e4r, denn sie schuf im Gegensatz zur Auswanderung nach Westeuropa und in die USA mit Notwendigkeit eine neue Gesellschaft, wenn j\u00fcdische Proletarier bei der Errichtung der Nation die F\u00fchrung \u00fcbernehmen und in Pal\u00e4stina planm\u00e4\u00dfig eine sozialistische Gesellschaft aufbauen.<\/p>\n<p>Der sozialistische Zionismus war so von Anfang an in energischem Widerspruch zum b\u00fcrgerlichen Zionismus.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Das Prinzip des sozialistischen Zionismus war laut Borohow: \u00bbDie Befreiung des j\u00fcdischen Volkes wird das Werk der j\u00fcdischen Arbeit sein oder sie wird nie sein.\u00ab<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Der sozialistische Zionismus fand schnell gro\u00dfen Zulauf in der osteurop\u00e4ischen Gemeinde, weil er den j\u00fcdischen Proletariern einen politischen Ausweg anbot, der auf der Hand zu liegen schien und in ihrem sozialistischen Bewu\u00dftsein auf Widerhall stie\u00df. Die Juden Osteuropas bildeten die bei weitem gr\u00f6\u00dften Bataillone, w\u00e4hrend die sozialistischen zionistischen Parteien bald die vollkommene politische Hegemonie \u00fcber die zionistische Weltorganisation erwarben. W\u00e4ren die Bedingungen f\u00fcr den Aufbau eines j\u00fcdischen Staates gem\u00e4\u00df den Prinzipien des sozialistischen Zionismus Anfang dieses Jahrhunderts gegeben gewesen, h\u00e4tte sich ein gro\u00dfer Teil der proletarisierten j\u00fcdischen Gemeinde Osteuropas ohne Z\u00f6gern dorthin begeben, das ist fast sicher.<\/p>\n<p>Die Marxisten hatten leichtes Spiel, den sozialistischen Zionismus als ideologische Abweichung anzuprangern. Das Problem war jedoch nicht rein ideologischer Natur: die j\u00fcdischen Proletarier stie\u00dfen auf die strukturelle Unm\u00f6glichkeit, sich in die europ\u00e4ischen K\u00e4mpfe einzureihen. Da die Internationalisten dies nicht verstanden und die Lage der proletarischen Juden abstrakt betrachteten, konnten sie ihnen auch nicht aus dieser Klemme helfen.<\/p>\n<p>Bekanntlich leistete die Zweite Internationale kaum Widerstand gegen die Ausschlu\u00df-Politik der polnischen Gewerkschaften gegen\u00fcber den j\u00fcdischen Proletariern. Und die \u00f6sterreichische Sozialdemokratie zeigte sogar gro\u00dfen Gefallen am &#8222;volkst\u00fcmlichen&#8220; Antisemitismus. Dieses Scheitern des proletarischen Internationalismus \u00f6ffnete den Weg f\u00fcr die sozialistische zionistische &#8222;L\u00f6sung&#8220;. Die Errichtung des Staates Israel ist die direkte Folge des Scheiterns des proletarischen Internationalismus in Europa.<\/p>\n<p><strong>Der sozialistische Zionismus im Dienste eines Proletariats gegen ein anderes <\/strong><\/p>\n<p>Dank ihrer politischen Hegemonie bewirkten die zionistischen sozialistischen Parteien eine radikale Neuorientierung des Zionismus. Erstens waren sie nicht wie die b\u00fcrgerlichen und kolonialistischen Zionisten passiv gegen\u00fcber den europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chten. Jene hatten sich damit begn\u00fcgt zu warten, da\u00df eine dieser M\u00e4chte den Juden einen Staat unter ihrer Protektion &#8222;bewilligte&#8220; ganz so wie ihnen das republikanische Frankreich die staatsb\u00fcrgerliche Emanzipation von oben gew\u00e4hrt hatte.<\/p>\n<p>Die Zionisten-Sozialisten predigten im Gegenteil die nationale Selbstbefreiung; die Juden m\u00fc\u00dften sich selbst, durch die &#8222;j\u00fcdische Arbeit&#8220;, die Grundlagen ihrer Nation schaffen, ohne auf den guten Willen der Gro\u00dfm\u00e4chte zu warten. Sie verwandelten so den Zionismus in eine wirkliche nationale Befreiungsbewegung.<\/p>\n<p>Zweitens st\u00fcrzten die zwei gro\u00dfen, von den sozialistischen zionistischen Parteien geleiteten proletarischen Einwanderungswellen, die sich zwischen 1904 und 1923 nach Pal\u00e4stina ergossen, die koloniale Struktur des Yichouv {die j\u00fcdische Gemeinschaft in Pal\u00e4stina} um. Von nun an setzte sich die Idee durch, nach der es das erste Ziel des Kampfes der j\u00fcdischen Arbeiterklasse Pal\u00e4stinas ist, der j\u00fcdischen Bourgeoisie die &#8222;j\u00fcdische Arbeit&#8220; aufzuzwingen. Eine \u00d6konomie, die auf der kolonialen Ausbeutung der arabischen Bauern und Arbeiter beruht, sei abzulehnen, stattdessen m\u00fcsse eine nationale \u00d6konomie durchgesetzt werden, die auf der Arbeit der j\u00fcdischen Arbeiterklasse beruht und von ihr geleitet wird. Dieser Kampf wurde mit voller sozialistischer \u00dcberzeugung gef\u00fchrt, war doch das angestrebte Ziel gegen den Kolonialismus und die Ausbeutung der arabischen Pal\u00e4stinenser gerichtet. Tats\u00e4chlich f\u00fchrte er von Anfang an zur Proletarisierung besagter Araber, die zunehmend von den L\u00e4ndereien vertrieben wurden, die sie seit jeher bebaut hatten.<\/p>\n<p>In der vorhergehenden kolonialen Phase des Yichouv hatte man mit dem Kapital der j\u00fcdischen Bourgeoisie den abwesenden Gro\u00dfgrundbesitzern L\u00e4ndereien abgekauft; die pal\u00e4stinensischen Halbp\u00e4chter, die diese B\u00f6den bebauten, taten dies nun weiter als Landarbeiter. Um die j\u00fcdische Arbeit zu st\u00e4rken, war von nun an der Kauf von L\u00e4ndereien mit Kapital der zionistischen Weltorganisation verbunden mit der Vertreibung der pal\u00e4stinensischen Halbp\u00e4chter und ihrer Ersetzung durch j\u00fcdische Arbeiter. Der Zionismus setzte sich, mit den besten &#8222;proletarischen&#8220; und &#8222;antikolonialen&#8220; Absichten der Welt, daf\u00fcr ein, das pal\u00e4stinensische Volk von seinem Land zu entwurzeln, es zu proletarisieren, und dies alles, um ihm die M\u00f6glichkeit zu nehmen, sich in die moderne Produktionsweise, in die Lohnarbeit zu integrieren. Die Vertreibung von ihren L\u00e4ndereien mit dem Fortschreiten der zionistischen Besiedlung verwandelte die pal\u00e4stinensischen Bauern in Mittellose, in authentische Proletarier.<\/p>\n<p>Der Industriesektor, der sich in Pal\u00e4stina unter britischem Mandat entwickelte, geh\u00f6rte gr\u00f6\u00dftenteils zur j\u00fcdischen \u00d6konomie, beruhte auf j\u00fcdischer Arbeit und schlo\u00df die pal\u00e4stinensische Arbeit aus. Nur einer Minderheit pal\u00e4stinensischer Proletarier gelang die Anstellung als Lohnarbeiter bei britischen Unternehmen wie den Erd\u00f6lraffinerien von Haifa und den Docks.<\/p>\n<p>Die zionistische Besiedlung schuf so in den D\u00f6rfern Pal\u00e4stinas eine hohe Arbeitslosigkeit. Das war der Ursprung des Generalstreiks und der Revolte, die 1936 das Land in Brand setzte, bevor sie von der britischen Armee zerschlagen wurde, und die nie wieder einen \u00e4hnlichen Umfang annehmen sollte bis zum Ausbruch der Revolte der Steine im November 1987. Die Ironie des Schicksals wollte es, da\u00df die j\u00fcdischen Proletarier, die sich in die kapitalistische Produktionsweise integrieren wollten, dahin gelangten, mehr und mehr das gesamte pal\u00e4stinensische Volk in eine Situation zu st\u00fcrzen, wegen der sie gerade Osteuropa verlassen hatten: die einer Gemeinschaft von Proletariern, die auf ihrem eigenen Boden &#8222;\u00fcberfl\u00fcssig&#8220; und nicht-assimilierbar in die Gesellschaft um sie herum sind.<\/p>\n<p>Wir werden sp\u00e4ter auf diese Frage zur\u00fcckkommen. Im Moment wollen wir nur unterstreichen, da\u00df das antikolonialistische Prinzip der j\u00fcdischen Arbeit, wie es der sozialistische Zionismus umsetzte, die Schaffung der \u00f6konomischen Infrastruktur einer j\u00fcdischen Nation erlaubt, die auf der Zerschlagung der Strukturen der vorhergehenden Nation beruht, n\u00e4mlich auf der Vertreibung der Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Trotz dieser Vertreibung, die als solche sch\u00e4big und unmenschlich war, brachte eine wichtige Minderheit von j\u00fcdischen Proletariern, die zwischen 1904 und 1923 nach Pal\u00e4stina auswanderten, doch eine kommunistische Utopie mit, die \u00fcber den &#8222;realpolitischen&#8220; Horizont der sozialistischen zionistischen Parteien hinausging und eine konkrete Form in der Lebensweise des Kibbuz (hebr\u00e4isch f\u00fcr: &#8222;Gemeinschaft&#8220;) fand. Die j\u00fcdischen Proletarier hatten in Osteuropa die Erfahrung des radikalen Ausschlusses von den Bedingungen der B\u00fcrger wie der Arbeiter gemacht. Deshalb wollte ein gro\u00dfer Teil von ihnen solche Bedingungen auf pal\u00e4stinensischem Boden nicht reproduzieren, da das eine wie das andere f\u00fcr sie gleicherma\u00dfen entfremdend war. Die j\u00fcdischen Proletarier waren im Gegenteil besessen von dem Mythos, mit ihren eigenen H\u00e4nden eine radikal neue Welt zu schaffen, die auf kommunistische Prinzipien gr\u00fcndet. Kaum waren sie aus den Schiffen ausgestiegen, reformierten sie die Gemeinschaften, legten ihre Existenzmittel zusammen \u2013 den Tageslohn, den die am meisten vom Gl\u00fcck Beg\u00fcnstigten verdienen konnten \u2013 und warteten, da\u00df die zionistische Organisation ihnen Land gab zum Urbarmachen, Bebauen und Verteidigen. Und auf diesem Land schufen sie ein Kibbuz, eine Mikro-Gesellschaft ohne Geld, die f\u00fcr sie das revolution\u00e4re Modell war, nach dem die ganze Gesellschaft neu aufgebaut werden sollte.<\/p>\n<p>Die Historiker des Zionismus bezeichneten diese Pioniere vom Anfang des Jahrhunderts als Idealisten. Sie waren in der Tat so verblendet, da\u00df sie glaubten, auf der Vertreibung der Pal\u00e4stinenser eine neue Welt aufbauen zu k\u00f6nnen. Der kommunistische Idealismus der Kibbuzniks beweist gleichwohl, da\u00df die Str\u00f6mung des Zionismus, die den Aufbau eines Staates erlaubte, das \u2013wiederholen wir es \u2013 entfremdete Nebenprodukt der europ\u00e4ischen revolution\u00e4ren Bewegung war, deren Schatten \u00fcber ihr schwebte. Dieser Schatten h\u00e4tte sich sicherlich in Licht ver- wandelt, und aus diesem Zionismus w\u00e4re eine menschliche L\u00f6sung herausgestr\u00f6mt, wenn das Proletariat in den zwanziger Jahren \u00fcber den Kapitalismus gesiegt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>1921 lie\u00dfen sich \u00fcbrigens Pioniere der Kibbuzim von der revolution\u00e4ren Unruhe in Europa und der Gr\u00fcndung der III. Internationale zum Nacheifern anregen. Sie legten ihre nationalistischen Scheuklappen ab und gr\u00fcndeten die Pal\u00e4stinensische Kommunistische Partei, die von dem Ziel, einen separaten j\u00fcdischen Staat zu schaffen, abging, und die gemeinsame revolution\u00e4re Aktion der j\u00fcdischen und pal\u00e4stinensischen Proletarier propagierte. In derselben Bewegung gr\u00fcndete der anarcho-religi\u00f6se Philosoph Martin Buber zur gleichen Zeit die Vereinigung Brith Shalom (die Allianz f\u00fcr den Frieden), die einen gewissen Einflu\u00df hatte und sich, zusammen mit anderen, heftig den chauvinistischen Orientierungen der sozialistisch-zionistischen F\u00fchrung des Yichouv widersetzte und die Schaffung einer j\u00fcdisch-arabischen bi-nationalen Bewegung auf der Basis des Sozialismus und der Organisation im Kibbuz forderte.<\/p>\n<p><strong>Der Kibbuz, das Grab des Traums von der Gemeinschaft <\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte sollte der Entwicklung dieser Str\u00f6mung im Yichouv keine Zeit lassen. Die sozialistischen zionistischen Parteien beteiligten sich an der Repression, die damals auf alle Revolution\u00e4re Europas niederprasselte und verfolgten mit Hilfe der Engl\u00e4nder ab 1923 die &#8222;Bolschewiki&#8220; des Yichouv und verboten ihre Einwanderung nach Pal\u00e4stina; was danach \u00fcbrigblieb, walzte die Stalin\u2019sche Dampfwalze nieder.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>\u00dcberdies hatten die pal\u00e4stinensischen Araber im Wesentlichen ein Stammesdenken bewahrt, das von vornherein Fremden gegen\u00fcber feindlich und nicht f\u00e4hig war zu einer revolution\u00e4ren und br\u00fcderlichen Vereinigung mit den Juden. Sie setzten weiterhin alle Juden gleich mit dem Enteigner in Gestalt der Yichouv-Leitung und lie\u00dfen sich so, fanatisiert wie sie waren, leicht f\u00fcr die religi\u00f6se, nationalistische und rassistische Bewegung des Mufti von Jerusalem, El Husseini, rekrutieren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich lief alles zusammen, um die Verdammung des Nationalismus durch die j\u00fcdischen Proletarier in Pal\u00e4stina scheitern zu lassen und die m\u00f6gliche Verbindung mit den pal\u00e4stinensischen Proletariern zu verhindern. Seitdem widmet sich der idealistische Eifer der Kibbuz-Pioniere ausschlie\u00dflich der Kultivierung nicht (unmittelbar) rentabler L\u00e4ndereien in Galil\u00e4a und im Negev \u2013L\u00e4ndereien, die ein allein auf der Suche nach unmittelbarem Profit beruhender kolonialistischer Zionismus nie nutzbar gemacht h\u00e4tte. Der Idealismus der Pioniere erm\u00f6glichte auch die Schaffung, schnelle Ausdehnung und Konsolidierung der territorialen Grundlage des zuk\u00fcnftigen j\u00fcdischen Staates.<\/p>\n<p>Der Eifer und die Gemeinschaftsstruktur des Kibbuz bildeten eine Kraft, die zum gro\u00dfen Teil den Sieg des Yichouv in seinem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg zuerst gegen die britische Armee (1945-1948) und dann gegen die Koalition der arabischen Armeen (1948) erkl\u00e4rt. Nach 1948 ist dieser Eifer im Innern der israelischen Gesellschaft offensichtlich nach und nach zur\u00fcckgegangen. Der Kibbuz ist heute eine kalte Gemeinschaft; er hat seine Dimension als k\u00e4mpfende Gemeinschaft verloren, die offen war f\u00fcr eine revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung der Gesellschaft, die ihm die fr\u00fchen Pioniere verliehen hatten. Er ist inzwischen bestenfalls eine Arbeitsgemeinschaft, in der die Individuen gesellschaftlich nur als unterschiedslose Arbeiter existieren, eingeschlossen in eine fast administrative Routine eine geschlossene Gesellschaft, die obendrein eine verb\u00fcrgerlichte Lebensweise pflegt. Bezeichnend ist, da\u00df die Kibbuzim heute, um ihr Einkommensniveau zu verteidigen, keine Arbeitslosen aufnehmen, die vom &#8222;Paradies&#8220; ohne Geld des Kibbuz angezogen werden.<\/p>\n<p>Das Kibbuz ist nicht mehr als eine kapitalistische Kooperative, wo garantierte Arbeiter ihre Privilegien verteidigen. Nur eine kommunistische Revolution k\u00f6nnte die kommunit\u00e4re Grundlage des Kibbuz wiederbeleben und seinen Mitgliedern die Leidenschaft zur\u00fcckgeben, aus der ganzen menschlichen Gesellschaft ein einziges Kibbuz zu machen \u2013 eine Lebensgemeinschaft. Die gemeinschaftliche Lebensweise k\u00f6nnte insbesondere unter den von allem ausgeschlossenen pal\u00e4stinensischen Proletariern, die in den Fl\u00fcchtlingslagern verkommen, neue Kr\u00e4fte sch\u00f6pfen; so wie sie ihre urspr\u00fcngliche Kraft aus dem Ausschlu\u00df der j\u00fcdischen Gemeinde in Osteuropa sch\u00f6pfte.<\/p>\n<p><strong>* Zweiter Teil Le Brise-Glace Sommer 90 <\/strong><\/p>\n<p>Die Grundlagen einer j\u00fcdischen nationalen \u00d6konomie in Pal\u00e4stina wurden unter der F\u00fchrung der sozialistischen zionistischen Parteien geschaffen, auf den ideologischen Prinzipien des Staatskapitalismus. Ihre Errichtung erfolgte nicht durch Pri vatinvestitionen gem\u00e4\u00df den Gesetzen des Marktes, sondern war das Werk der Histadrut, der 1920 gegr\u00fcndeten j\u00fcdischen Arbeitergewerkschaft, die bis heute der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber in Israel ist.<\/p>\n<p>Die Histadrut schuf und organisierte eine j\u00fcdische Industrie, die auf dem Monopol der &#8222;j\u00fcdischen Arbeit&#8220; beruht, wo sie das Lohnniveau der europ\u00e4ischen Facharbeiter durchsetzte, das die j\u00fcdischen Proletarier aus Osteuropa als qualifizierte Handwerker beanspruchen konnten. Diese j\u00fcdische Industrie, die die Besch\u00e4ftigung der unqualifizierten und billigen Arbeitskraft der pal\u00e4stinensischen Arbeiter ablehnte, entwickelte sich also unter Bedingungen der Nicht-Rentabilit\u00e4t, total kontr\u00e4r zu den Marktgesetzen und undenkbar, w\u00e4re der Zionismus ein einfacher b\u00fcrgerlicher Kolonialismus gewesen.<\/p>\n<p>Nachdem sie das Monopol der &#8222;j\u00fcdischen Arbeit&#8220; durchgesetzt hatte, setzte die Histadrut auch das Monopol des &#8222;j\u00fcdischen Handels&#8220; durch und organisierte so die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung in einer Konsumkooperative. Die Hegemonie der sozialistischen und Arbeiterideologie im Zionismus erlaubte es, die landwirtschaftliche und industrielle Grundlage einer Nation zu schaffen, und dabei auf die Gesetze der kapitalistischen Konkurrenz zu pfeifen.<\/p>\n<p>Dies bedeutete nat\u00fcrlich nicht, da\u00df der sozialistische Zionismus in irgendeiner Art antikapitalistisch gewesen w\u00e4re. Als Produkt der Niederlage der proletarischen Revolution in Europa war der sozialistische Zionismus historisch die erste doktrin\u00e4re Formulierung der Theorie des Sozialismus in einem Lande. Ohne dem Buchstaben nach Stalinismus zu sein, liefert er das Beispiel einer proletarischen sozialistischen Bewegung, die sich in ihrer Erstarrung (antib\u00fcrgerlich, gegen die Konkurrenz gerichtet) in die Weltlogik des Kapitals einordnete.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Stalinismus konnte der sozialistische Zionismus der Gesellschaft Pal\u00e4stinas keinen &#8222;reinen&#8220; Staatskapitalismus aufzwingen. Er mu\u00dfte tats\u00e4chlich seine nationale Basis quasi &#8222;kaufen&#8220;, bevor er sie umwandeln konnte, und um dies zu tun, ben\u00f6tigte er die Kapitalien der j\u00fcdischen Bourgeoisie im Westen (die ein Interesse am Gelingen dieser Operation hatte, um die explosive Frage der Juden in Osteuropa zu entsch\u00e4rfen). Um dies zu erlangen, mu\u00dfte es der sozialistische Zionismus um jeden Preis vermeiden, sie zu verschrecken, genauso wie der Staat Israel es sich heute nicht leisten kann, die USA zu verschrecken, da er Dollars braucht, um seine Wirtschaft \u00fcber Wasser zu halten. Er mu\u00dfte also im Innern der im Aufbau befindlichen Gesellschaft der Konkurrenzbourgeoisie einen Platz \u00fcberlassen. Die soziale Basis dieser Bourgeoisie lieferten die B\u00fcrger und Kleinb\u00fcrger, die in den drei\u00dfiger Jahren vor den antisemitischen Verfolgungen in Europa nach Pal\u00e4stina gefl\u00fcchtet waren. So bildete sich also parallel zum Sektor der &#8222;Arbeiter\u00f6konomie&#8220; der Histadrut ein Privatsektor heraus.<\/p>\n<p>Die politische F\u00fchrung des Zionismus blieb dennoch bis zur Unabh\u00e4ngigkeit haupts\u00e4chlich in den H\u00e4nden der Sozialisten, da einzig der Sozialismus f\u00e4hig war, dem Projekt der Schaffung eines Staates durch die j\u00fcdische Arbeiterklasse Kraft zu geben.<\/p>\n<p>Die historische Wurzel des sozialistischen Zionismus liegt letztendlich in dieser entfremdeten sozialen Bewegung, die durch die Schaffung einer Nation ausgeschlossenen Proletariern eine Integration in der kapitalistischen Gesellschaft als Arbeiter anbot.<\/p>\n<p>In diesem Sinne und im Gegensatz zu dem, was die Naiven immer noch glauben, hatte der Zionismus niemals das Ziel, die j\u00fcdische Gemeinschaft zu retten, die in Osteuropa und in der islamischen Welt bis zum Beginn dieses Jahrhunderts \u00fcberlebt hatte, als wahrhaftige Gemeinschaft von Menschen. Diese war sicherlich begrenzt und entfremdet, aber sie gr\u00fcndete sich auf authentisch gemeinschaftliche Beziehungen zwischen den Individuen, die sie bildeten. Der Zionismus war im Grunde nur die nationalistische Verl\u00e4ngerung der im 19. Jahrhundert erlangten staatsb\u00fcrgerlichen Emanzipation.<\/p>\n<p>Die Zivilisation des Kapitals zerst\u00f6rt unwiederbringlich die vorkapitalistischen menschlichen Gemeinschaften und zwingt ihnen \u00fcberall als Modell das atomisierte Individuum auf die Grundlage der Demokratie, das nur durch die abstrakte, einigende Vermittlung des Geldes, der Arbeit und des Staates gesellschaftlich existiert.<\/p>\n<p>Die von der Franz\u00f6sischen Revolution gew\u00e4hrte staatsb\u00fcrgerliche Emanzipation der Juden, ihre Vernichtung in der vom Nazismus organisierten Zwangsarbeit und die vom Zionismus realisierte Integration der Juden in die Arbeit erscheinen, von ihrem angestrebten Ziel her, als radikal entgegengesetzte Politik. Im Grunde zielten alle drei auf ihre Weise auf die Verwirklichung desselben kapitalistischen Programms: die letzte vorkapitalistische menschliche Gemeinschaft Europas auszumerzen.<\/p>\n<p>Die Nation im modernen Sinne ist keine Gemeinschaft, sondern sie gr\u00fcndet im Gegenteil auf dem Tod jeglicher Gemeinschaft. Auf ethnischen, geographischen oder historischen Gesichtspunkten beruhend ist die Nation vom Wesen her ein Nationalstaat, der atomisierten Individuen von au\u00dfen eine abstrakte &#8222;nationale Identit\u00e4t&#8220; zuschreibt, die sie vom Rest der Menschheit trennt und sie in der Konkurrenz des Weltmarkts den anderen Nationen entgegenstellt. Die nationale Identit\u00e4t, die scheinbar die Individuen vereint, verl\u00e4uft in Wirklichkeit weit \u00fcber ihren K\u00f6pfen und ihrem unmittelbaren Leben, denn sie beruht tats\u00e4chlich auf der ihnen aufgezwungenen Atomisierung und Konkurrenz. Sie stellt also nur eine formale, abstrakte Bindung dar, die von einer \u00e4u\u00dferen Macht aufgezwungen werden mu\u00df \u2013 dem Staat.<\/p>\n<p>Die lebendige Identit\u00e4t in einer vorkapitalistischen menschlichen Gemeinschaft ist dagegen unmittelbar und konkret. Die Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, finden ihre Best\u00e4tigung in dieser Identit\u00e4t, die aus unmittelbaren und spontanen Beziehungen gegenseitiger Hilfe und Solidarit\u00e4t erw\u00e4chst, die das Leben selbst dieser Individuen ausmachen. Gewi\u00df trennt diese Identit\u00e4t von sich aus die Mitglieder der Gemeinschaft von den anderen Menschen, aber diese Trennung ist schon fast nat\u00fcrlich; die anderen sind einfach die, mit denen man nicht seit jeher sein Leben gemeinsam verbringt und gegen die man gegebenenfalls die Gemeinschaft verteidigen mu\u00df, wenn sie zu ihren Feinden werden. Aber im unmittelbaren Leben der Gemeinschaft, werden sie einfach ignoriert; die Trennung von ihnen beruht nicht auf einer feindlichen Beziehung der Konkurrenz wie im Fall der nationalen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>In der Zivilisation des Kapitals ist die Identit\u00e4t vor allem negativ bestimmt \u00fcber den Ausschlu\u00df des anderen. Ausgeschlossen sind die, denen der Nationalstaat kein Recht auf garantierte Integration in den Proze\u00df der nationalen Reproduktion zugesteht oder auch nur die Forderung danach zul\u00e4\u00dft. Die Einheimischen verf\u00fcgen immer \u00fcber mehr formale Rechte und konkrete Mittel als die Fremden, um ihren Platz in diesem Reproduktionsproze\u00df zu verteidigen. Sie sind gewi\u00df selbst auch atomisierte Individuen und liefern sich untereinander eine unerbittliche Konkurrenz auf dem nationalen Markt, aber als Einheimische sind sie daf\u00fcr besser gewappnet.<\/p>\n<p>Vom Entstehen einer Nation an verherrlichen deshalb im allgemeinen alle gesellschaftlichen Klassen, die sie bilden (und darin eingeschlossen die &#8222;nationale&#8220; Arbeiterklasse), eifrig ihre nationale Identit\u00e4t, denn sie hoffen, darin die formale Garantie f\u00fcr ihre gesellschaftliche Reproduktion zu finden. Das Proletariat ist die Klasse, die in sich die Potentialit\u00e4t einer internationalen revolution\u00e4ren sozialen Bewegung tr\u00e4gt, denn in den weltweiten Krisen droht ihm der Ausschlu\u00df aus allen Nationen. Die nationale Identit\u00e4t bietet ihm also keine wirkliche Garantie der Reproduktion. Solange jedoch die Arbeit das wesentliche Moment des Reproduktionsprozesses bleibt \u2013 was bisher das Ergebnis aller Revolutionen war \u2013 haben die Proletarier die M\u00f6glichkeit, sich ihrer Integration zu versichern, indem sie ihre Nation auf die Arbeit, um ihre Arbeit herum neu zusammensetzen.<\/p>\n<p>Trotz der Tendenz zur Formierung eines internationalen Proletariats w\u00e4hrend der Krisen des Kapitals hat sich aus diesem Grunde der Einschlu\u00df der Proletarier in ihre jeweiligen Nationen in den proletarischen Bewegungen der Vergangenheit so hartn\u00e4ckig gehalten. W\u00e4hrend solcher Krisen entstehen immer wieder nationalistische Bewegungen, die das Gespenst eines internationalen Proletariats vertreiben und das Risiko des &#8222;Ausschlusses&#8220;, das die Krise mit sich bringt, auf die ausl\u00e4ndischen Proletarier und die ausl\u00e4ndischen Nationen \u00fcbertragen wollen. Wie wir gesehen haben, ist der Zionismus entstanden als Bewegung von Proletariern, die darauf abzielte, ihre gesellschaftliche Reproduktion zu garantieren durch die Bildung einer auf der Arbeit beruhenden j\u00fcdischen Nation. Damit, und in reinster nationalistischer Logik, konnten diese Proletarier den gesellschaftlichen Ausschlu\u00df, dessen Opfer sie in Osteuropa geworden waren, nun auf andere \u00fcbertragen \u2013 in diesem Fall auf das pal\u00e4stinensische Volk. Die nationale Identit\u00e4t, die der Zionismus begr\u00fcndete, konnte nur als Ausschlu\u00dfmaschine funktionieren.<\/p>\n<p>In ihrer traditionellen Gemeinschaft waren sie Juden aus sich selbst heraus, spontan, nat\u00fcrlich. In der Welt des Zionismus ist es der j\u00fcdische Staat, der \u00fcber die K\u00f6pfe der atomisierten Individuen hinweg definiert, &#8222;wer Jude ist&#8220;, und das hei\u00dft vor allem, &#8222;wer nicht Jude ist&#8220;, wer ausgeschlossen ist vom j\u00fcdischen Privileg, von der j\u00fcdischen nationalen Garantie der Integration in den Produktionsproze\u00df. Dies hat nichts zu tun mit der gemeinschaftlichen Garantie gegenseitiger Hilfe, die die Juden innerhalb der traditionellen Gemeinschaft vereinte. Der Zionismus ist nicht die Fortsetzung der Gemeinschaft, sondern deren historische Liquidation.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher lebte die traditionelle Gemeinschaft ohne Territorium ihre Einheit jenseits geographischer Grenzen. Die j\u00fcdischen Gemeinschaften Europas waren in permanenter Verbindung, in einem Gef\u00fchl br\u00fcderlicher Zusammengeh\u00f6rigkeit. Wenn z.B. ein Jude aus Marokko seine Br\u00fcder in Polen besuchte, konnte er einer ungeteilten, kostenlosen Gastfreundschaft sicher sein.<\/p>\n<p>Gegen den ideologischen Anschein gr\u00fcndet der Zionismus nicht auf solch ein gemeinschaftliches Prinzip. Die historische Zielsetzung des sozialistischen Zionismus war die Integration einer Fraktion des Weltproletariats in die Zivilisation des Kapitals, die jeder menschlichen Gemeinschaft entgegensteht. Historisch hat er diese Garantie auf Integration nur einer Kategorie von Proletariern gegeben: den Juden aus Osteuropa. Sein Ziel war, ihnen durch die Schaffung einer Nation in Pal\u00e4stina ein europ\u00e4isches Lohnniveau zu garantieren. Mit dem Schutzschild der Nation hat er denen, die nach Pal\u00e4stina eingewandert sind, eine gest\u00e4rkte Position in der weltweiten Konkurrenz gegeben.<\/p>\n<p>Wie wir gesehen haben, war dies das Ziel der Politik der &#8222;j\u00fcdischen Arbeit&#8220;, die der sozialistische Zionismus betrieb. Folge dieser Politik war der Sturz des kolonialen Zionismus und der Ausschlu\u00df der Pal\u00e4stinenser aus der j\u00fcdischen (pr\u00e4-)nationalen \u00d6konomie, dem Vorspiel zur Vertreibung von ihrem Land.<\/p>\n<p>Damit waren die j\u00fcdischen Proletarier unter den Schutz vor der Konkurrenz dieser unqualifizierten und billigen (zum &#8222;Kolonial&#8220;-Preis erh\u00e4ltlichen) Arbeitskraft gestellt. Nicht erwartet hatte man, da\u00df diese antipal\u00e4stinensische Politik der &#8222;j\u00fcdischen Arbeit&#8220; auch antisephardisch<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> werden w\u00fcrde. Auf scheinbar paradoxe Weise traf sie die orientalischen Juden und zeigte damit, da\u00df die Errichtung der j\u00fcdischen Nation die Negation jeder wirklichen j\u00fcdischen Gemeinschaft ist.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Das zionistische Unternehmen fand sehr fr\u00fch ein breites Echo in den sehr traditionellen sephardischen j\u00fcdischen Gemeinschaften Jemens und &#8211; in geringerem Ma\u00dfe &#8211; Nordafrikas hervorgerufen. In diesen zu Beginn des Jahrhunderts noch sehr lebendigen Gemeinschaften (das Kolonialkapital hatte noch nicht die Zeit gehabt, die vorkapitalistische Gesellschaft durch seine &#8222;Zivilisation&#8220; zu ersetzen) lebte die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung sehr d\u00fcrftig vom Hausieren, vom Kleinhandwerk oder einer traditionellen Landwirtschaft. Das Eindringen des Kapitals und die Verallgemeinerung der Geldwirtschaft st\u00fcrzten dennoch diese Aktivit\u00e4ten nach und nach in die Krise und bedrohten die Grundlagen der Reproduktion der Gemeinschaften. Die Juden wurden wie die arabische Bev\u00f6lkerung um sie herum vom kolonialen Ausbeutungssystem gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, sich zu proletarisieren. Die Gemeinde als vorkapitalistische Form gemeinschaftlichen Lebens war historisch vom Untergang bedroht.<\/p>\n<p>1880 wurde die Bedrohung f\u00fcr die jemenitischen Juden deutlicher, als das Osmanische Reich den Jemen milit\u00e4risch besetzte. Von der Finanzschuld an die europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte erdr\u00fcckt, b\u00fcrdete das Reich die ganze Last den Bev\u00f6lkerungen auf, die es unterwarf, insbesondere den weniger gesch\u00fctzten wie den j\u00fcdischen Gemeinschaften. Es \u00f6ffnete nun sein Territorium f\u00fcr zerst\u00f6rerische Investitionen des europ\u00e4ischen Kapitals. Die Juden im Jemen waren also an einem beunruhigenden Wendepunkt ihrer Geschichte, als sie den Ruf des zionistischen Aufbauunternehmens einer j\u00fcdischen Nation in Pal\u00e4stina vernahmen.<\/p>\n<p>Die j\u00fcdische Gemeinde Jemens sch\u00f6pfte wie alle traditionellen sephardischen Gemeinschaften ihren Zusammenhalt aus gl\u00fchender Religiosit\u00e4t, die auf die messianische Hoffnung auf die R\u00fcckkehr aus der Diaspora ins Land Israel ausgerichtet war. So mu\u00dfte die Nachricht vom Pal\u00e4stina-Unternehmen in der Gemeinde starke Emotionen ausl\u00f6sen und als Beginn der messianischen Zeiten verstanden werden. Sie wurde also die erste sephardische Gemeinschaft, die sich massiv f\u00fcr den Zionismus mobilisierte. Zwischen 1881 und 1918 emigrierten 40 000 jemenitische Juden nach Pal\u00e4stina, die ersten paar tausend v\u00f6llig spontan, noch vor der Gr\u00fcndung einer jemenitischen Sektion der zionistischen Weltorganisation.<\/p>\n<p>Dieser massive Zusammenhalt ist verst\u00e4ndlich aus der Zuversicht, die bedrohte Gemeinschaft durch die Umsiedlung nach Pal\u00e4stina retten zu k\u00f6nnen. Offensichtlich entbehrte diese Hoffnung jeder Grundlage, da der Zionismus, weit entfernt, die Rettung der Gemeinschaft zu garantieren, der Agent seiner Aufl\u00f6sung in die Zivilisation des Kapitals war.<\/p>\n<p>Seit die sozialistischen zionistischen Parteien sich 1904 der politischen F\u00fchrung der zionistischen Weltorganisation bem\u00e4chtigt hatten, f\u00f6rderten sie die Einwanderung der jemenitischen Juden. Zu dieser Zeit waren die Einwanderer aus Osteuropa noch nicht zahlreich genug, um die koloniale Struktur der j\u00fcdischen \u00d6konomie umzust\u00fcrzen. Sie bildeten keine ausreichend starke Basis von Proletariern, um die Politik der j\u00fcdischen Arbeit durchzusetzen. Die j\u00fcdischen Pflanzer (die Boazim) waren also weiter auf unmittelbaren Maximalprofit aus und besch\u00e4ftigten pal\u00e4stinensische Fellachen, statt den langfristigen Erfordernissen des Aufbaus einer j\u00fcdischen Nation zu entsprechen.<\/p>\n<p>Um die zuk\u00fcnftigen Chancen dieses Aufbaus zu sch\u00fctzen, lie\u00dfen die sozialistischen Zionisten eine j\u00fcdische Arbeitskraft nach Pal\u00e4stina kommen, die den unmittelbaren Interessen der Pflanzer entsprach, damit endlich mit der Anwendung des Prinzips der j\u00fcdischen Arbeit und dem Ausschlu\u00df des pal\u00e4stinensischen Volkes begonnen werde. Nun war aber das &#8222;Profil&#8220; der Einwanderer aus dem Jemen fast identisch mit dem der pal\u00e4stinensischen Bauern: unqualifizierte Arbeitskraft, die aus gesellschaftlich &#8222;r\u00fcckst\u00e4ndigen&#8220; kolonisierten Gebieten stammte und der man miserable L\u00f6hne aufzwingen konnte. Ihr Vorteil war ein doppelter: sie waren Juden und gleichzeitig ausbeutbar auf die koloniale Art&#8230; wie Araber!<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus konnte man leichter im Namen der Einheit der Juden und des Aufbaus einer j\u00fcdischen Nation Menschen in dieses Ausbeutungssystem pressen, die voller Illusionen und messianischer Hoffnungen waren, als pal\u00e4stinensischen Bauern, denen man gerade erst ihr Land geraubt hatte. Die jemenitischen Juden, die nach Pal\u00e4stina gekommen waren, um ihre Gemeinschaft zu retten, fanden sich wieder in einer brutalen und verachtenden Ausbeutung, die organisiert war von anderen Juden, die aus Osteuropa kamen und die sie f\u00fcr ihre Br\u00fcder gehalten hatten. Viele von ihnen kehrten entt\u00e4uscht vor 1914 in den Jemen zur\u00fcck. Einer von ihnen<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> beschrieb die grausame anti-gemeinschaftliche Realit\u00e4t des zionistischen Unternehmens: \u00bbWenn hier im Jemen das Exil ist, dann ist in Eretz Israel das innere Exil. Wenn hier das Exil inmitten der Nationen ist, dann ist dort das Exil in Israel.\u00ab<\/p>\n<p>Der Zionismus war nicht nur die Verl\u00e4ngerung des Exils der Juden, er war auch dessen Zuspitzung. Im &#8222;Exil inmitten der Nationen&#8220; konnte sich die Gemeinschaft trotz allem aufrechterhalten und als solche behaupten (zumindest f\u00fcr einen traditionellen jemenitischen Juden im Jahr 1914). Im zionistischen Pal\u00e4stina dagegen beutet der Jude brutal den Juden aus: dies ist das innere Exil. Der Zionismus als Produkt des Kapitalismus verwirklicht das Ende der Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Der anti-gemeinschaftliche und anti-sephardische Aspekt des &#8222;realen&#8220; Zionismus versch\u00e4rfte sich in dem Ma\u00df, wie die Zahl der j\u00fcdischen Proletarier aus Osteuropa in Pal\u00e4stina anwuchs, vor allem ab 1910. (1914, am Vorabend des Krieges, waren sie etwa 30 000 von insgesamt 100 000.) Die sozialistische zionistische Bewegung hatte damit bereits die notwendige Basis, um die koloniale Struktur des Yichouv zu zerst\u00f6ren und unerbittlich all diejenigen zu beseitigen, die mit der &#8222;aschkenasischen&#8220;<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> j\u00fcdischen Arbeit konkurrierten: Araber oder orientalische Juden.<\/p>\n<p>1910 wurden die jemenitischen Juden von den aschkenasischen &#8222;Pionieren&#8220; brutal aus dem Gebiet des Tiberias-Sees vertrieben. 1912 entschied die sozialistisch-zionistische F\u00fchrung, die Einwanderung aus dem Jemen, die st\u00e4ndig weiterging, v\u00f6llig zu stoppen: \u00bbSchmuel Yavni\u00e9li, der mit der Organisation der Einwanderung aus dem Jemen beauftragte zionistische Delegierte, empfing ein Telegramm der lokalen zionistischen F\u00fchrer in Pal\u00e4stina, das ihn aufforderte, die Einwanderung einzustellen. Der Grund f\u00fcr diese \u00c4nderung der Haltung seitens der zionistischen F\u00fchrer war die Feindseligkeit der zionistischen Pioniere, die f\u00fcrchteten, da\u00df die Einwanderer aus dem Jemen auf dem Arbeitsmarkt die j\u00fcdischen L\u00f6hne herunterdr\u00fccken w\u00fcrden.\u00ab<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Bis zur Unabh\u00e4ngigkeit des Staates Israel 1948 wurden die jemenitischen Juden systematisch vom Histadrut, der Gewerkschaft der &#8222;j\u00fcdischen&#8220; Arbeiter, aus der Entwicklung der zionistischen \u00d6konomie ausgeschlossen und in den Status eines Subproletariats verbannt, das vom Rest des Yichouv verachtet wurde. Die sephardischen Massen aus dem \u00fcbrigen Orient mit dem gleichen Profil wie die jemenitischen Juden wurden ebenfalls vom Aufbau der Nation ausgeschlossen. So erkl\u00e4rte 1926 ein zionistischer F\u00fchrer aus Frankreich w\u00e4hrend einer Propagandatournee in Marokko:<\/p>\n<p>\u00bbSeid beruhigt, Juden Marokkos, wir verlangen von euch nicht, da\u00df ihr nach Pal\u00e4stina geht: die gro\u00dfe Frage des Zionismus ist es nicht, Pal\u00e4stina zu bev\u00f6lkern, sondern die Juden zu unterst\u00fctzen, die bereits dort sind und die noch zahlreicheren, die nach so vielen Jahren in Osteuropa dorthin zur\u00fcckkehren wollen.\u00ab<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>Deutlicher geht es nicht. Mit verbl\u00fcffender Naivit\u00e4t enth\u00fcllt der Sprecher das wahre Ziel des sozialistischen Zionismus: das nationale &#8222;Privileg&#8220; ausschlie\u00dflich f\u00fcr die aschkenasischen Proletarier durchzusetzen. Ganz so, wie die Politik der j\u00fcdischen Arbeit die Vertreibung der pal\u00e4stinensischen Araber von ihrem Land vorbereitet hat, hat sie die Sephardim in der israelischen Gesellschaft marginalisiert. Deren Vertreibung und Ausschlu\u00df sind zwei Seiten derselben Politik des Ausschlusses und der Zerst\u00f6rung der traditionellen Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Gewi\u00df hat der junge Staat Israel nach der Unabh\u00e4ngigkeit im Laufe der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre seine Grenzen ge\u00f6ffnet f\u00fcr sephardische Einwanderungswellen aus Afrika oder Asien. Es blieb ihm auch nichts anderes \u00fcbrig. Da die proletarisierte Gemeinschaft Mitteleuropas von den Nazis vernichtet worden war, konnte Israel nur auf diese Weise seine Bev\u00f6lkerung entwickeln (um unter anderem der Feindseligkeit der arabischen Welt zu widerstehen). Die Politik der Priorit\u00e4t der aschkenasischen j\u00fcdischen Arbeit, die vom sozialistischen zionistischen Yichouv vor 1948 verfolgt wurde, hatte dennoch den gesellschaftlichen Rahmen ausreichend vorbereitet, in dem ihre Ansiedlung in Israel geschehen sollte. Diese Politik hat dazu beigetragen, da\u00df die dominierenden Stellungen in der israelischen Gesellschaft f\u00fcr die Aschkenasim und ihre Abk\u00f6mmlinge reserviert waren: die Bourgeoisie, die Arbeiteraristokratie und ihre politischen Eliten sollten fast ausschlie\u00dflich Aschkenasim sein; die Arbeitskr\u00e4fte, auf denen die Hauptlast der kapitalistischen Ausbeutung ruht, sollten Sephardim sein. Der Zionismus hat so eine ethnischen Spaltung zustandegebracht, die dem Mythos einer egalit\u00e4ren Gesellschaft, welcher die ersten Pioniere erf\u00fcllte, endg\u00fcltig die Totenglocke gel\u00e4utet hat.<\/p>\n<p>In den f\u00fcnfziger Jahren befanden sich die anderen sephardischen Gemeinschaften Asiens und Nordafrikas (mit Ausnahme von Algerien) in einer \u00e4hnlichen Situation wie die jemenitischen Gemeinschaften zu Beginn des Jahrhunderts. Die Entkolonisierung, die diese Regionen f\u00fcr ein tieferes Eindringen der kapitalistischen Produktionsweise erschlo\u00df, untergrub die traditionelle Lebensweise dieser Gemeinschaften. In ihrem religi\u00f6sen Empfinden sahen sie in der Geburt Israels das erwartete messianische Rendevous, das wunderbare Ereignis, durch das sie ihre bedrohte Lebensweise nach Israel hin\u00fcberretten k\u00f6nnten. Sie begingen den gleichen tragischen Irrtum wie ihre jemenitischen Br\u00fcder f\u00fcnfzig Jahre zuvor!<\/p>\n<p>Mit den sephardischen Einwanderungswellen der Jahre 1950-60 beginnt die letzte historische Phase des Zionismus als soziale Massenbewegung. Es lie\u00dfen sich tats\u00e4chlich M\u2019zab f\u00fcr M\u2019zab, Mellah f\u00fcr Mellah, Dorf f\u00fcr Dorf eine Million Menschen in Israel nieder. Diese sephardische Einwanderungswelle rief nat\u00fcrlich eine gewisse Furcht, manchmal sogar Panik in der aschkenasischen Gesellschaft hervor, die gezwungen war, sie aufzunehmen. Als sie in Haifa an Land gingen, hatten die Sephardim noch die Br\u00e4uche und Sensibilit\u00e4t ihrer Gemeinde und ihre patriarchale Stammeskultur. Sie waren noch keine atomisierten, aseptischen Individuen. Diese gemeinschaftliche Lebendigkeit war vom Ansatz her unvereinbar mit den Prinzipien der Zivilisation des Kapitals, zu deren Herolden sich der Zionismus und die israelische Gesellschaft gemacht hatten. Die Sephardim hatten noch nicht die Ordnung des Staates und der Lohnarbeit, das unerbittliche und [bruder-]m\u00f6rderische Gesetz der Konkurrenz verinnerlicht. Ihr massenhafter Einbruch in die junge und noch anf\u00e4llige israelische Gesellschaft war ein Risiko. Er k\u00f6nnte eine Kollision zwischen zwei Welten hervorrufen und damit die kapitalistische gesellschaftliche Ordnung gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Deshalb setzte das zionistische Establishment von Anfang an alles daran, ihren gemeinschaftlichen Zusammenhalt systematisch zu vernichten. Es bem\u00fchte sich vor allem, die Sephardim herabzusetzen und zu erreichen, da\u00df sie sich ihrer gemeinschaftlichen Kultur sch\u00e4men, in der israelischen Gesellschaft anecken, sich marginalisiert f\u00fchlen und es nicht mehr wagen, ihre eigenen Werte hochzuhalten. Aus der Tiefe der aschkenasischen Gesellschaft entsprang also eine Bewegung der Diskriminierung, deren Inhalt Verachtung und wirklicher Rassismus ist, was nachdenklich stimmt, wenn man wei\u00df, da\u00df er von ehemaligen Opfern des Nazismus ausgeht. Folgender Artikel, der 1949 in einer gro\u00dfen israelischen Tageszeitung unter dem vielsagenden Titel <em>Die Wahrheit \u00fcber das Menschenmaterial<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurde, spricht f\u00fcr sich:<\/p>\n<p>\u00bbDie Einwanderung aus Nordafrika wirft eine ernste und bedrohliche Frage auf. Es handelt sich hier um die Einwanderung einer Rasse, wie wir sie in unserem Land noch nicht kennen. (&#8230;) Es handelt sich um ein Volk von hochgradiger Primitivit\u00e4t (&#8230;) Nichts ist sicher vor diesem asozialen Element, und kein Schlo\u00df kann ihm widerstehen. (&#8230;) Eine nicht weniger ernstzunehmende Tatsache ist, da\u00df ihnen alle Vorbedingungen f\u00fcr die Anpassung an das Leben des Landes fehlen. Sie sind vor allem chronisch faul und hassen die Arbeit. Fast ohne Ausnahme fehlt ihnen die geringste Qualifikation, und au\u00dferdem haben sie wohl auch kein Geld. (&#8230;) Und alle wollen sie \u2018in der Stadt\u2019 wohnen. Was sollen wir also mit ihnen machen? Wie sollen wir sie aufnehmen? Gewi\u00df haben alle Juden das Recht einzuwandern, nicht weniger als andere, aber wenn wir dies nicht abh\u00e4ngig machen von unserer Aufnahmef\u00e4higkeit, werden sie uns aufzehren.\u00ab<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Der Zionismus formuliert hier wie in einem Lapsus seine nicht ausgesprochene Wahrheit: der Zionismus ist der Tod der j\u00fcdischen Gemeinschaft. Es war \u00fcberdies nat\u00fcrlich, da\u00df in den Augenblicken des Vergessens wieder ein typisch rassistisches Gedankengut an die Oberfl\u00e4che kam, im Gegensatz zu dem, was bei den Sephardim von dieser Gemeinschaft noch lebendig war.<\/p>\n<p>Au\u00dfer erkennbarer Angst formuliert der Artikel die strategischen Fragen, die sich der aschkenasischen Gesellschaft stellten. Die Antwort, die man fand, war der Integrationsplan f\u00fcr die Sephardim. Bis zu Beginn der sechziger Jahre organisierte der Staat die Integration, indem er den Sephardim praktisch den Zugang zu den gro\u00dfen St\u00e4dten verbot. Sie wurden von Amts wegen in die d\u00fcrren Entwicklungsgebiete von Galil\u00e4a und dem Negev geleitet. Den Bauern wies der Staat individuelle Parzellen zu und machte sie zu Eigent\u00fcmern, um den gemeinschaftlichen Zusammenhalt der Stammesfamilien zu brechen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre wurden die Sephardim durch eine Politik knappen Wohnraums und endemischer Arbeitslosigkeit, mit ihren Folgen von Elend, m\u00f6rderischer Konkurrenz, Prostitution und Verzweiflung atomisiert und marginalisiert. Diese Politik eines &#8222;aschkenasischen&#8220; Staates f\u00fchrte immer wieder Revolten und Bewegungen der Sephardim; die letzte dieser Art war die Bewegung der &#8222;Schwarzen Panther&#8220; 1973.<\/p>\n<p>Heute bilden die Sephardim die gro\u00dfe Masse des israelischen Proletariats und besetzen den wesentlichen Teil der unqualifizierten Arbeitspl\u00e4tze in der Industrie und im Dienstleistungsbereich. Um sich f\u00fcr das sch\u00e4ndliche Unrecht der Proletarisierung zu &#8222;r\u00e4chen&#8220;, das sie der sozialistische Zionismus hat erleiden lassen, w\u00e4hlen die Sephardim eher die Partei der israelischen Rechten, den Likud, als die &#8222;Arbeiter&#8220;-Parteien \u2013 ein Votum aus Ressentiment, aber auch ein borniertes Votum (wie alle Wahlstimmen), denn es will nicht sehen, da\u00df der Likud eine der Parteien des aschkenasischen Establishments ist.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen dem Durchschnittseinkommen der Aschkenasim und der Sephardim wird immer gr\u00f6\u00dfer, wenn auch in geringerem Ma\u00dfe als in der Vergangenheit. Um den Zusammenhalt der j\u00fcdischen Nation bewahren zu k\u00f6nnen, zieht es das israelische Kapital vor, die \u00dcberausbeutung nicht mehr den Sephardim, sondern den 100 000 arabischen pal\u00e4stinensischen Arbeitern aus dem West- jordanland und Gaza aufzub\u00fcrden, die t\u00e4glich die Grenze \u00fcberqueren, um unter sehr prek\u00e4ren Bedingungen in Israel zu arbeiten. (Die Erhaltung dieser sozial vorteilhaften \u00dcberausbeutung ist ein Grund, warum der Staat Israel die milit\u00e4rische Besetzung des Westjordanlandes und des Gazastreifens aufrechterh\u00e4lt.)<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Unsere historische Analyse des Zionismus bezeugt auf tragische Weise, da\u00df es keine menschliche Emanzipation innerhalb der unmenschlichen Bedingungen der kapitalistischen Zivilisation geben kann. Die zionistische Emanzipation der Juden hat einerseits zur Zerst\u00f6rung all dessen gef\u00fchrt, was ihren menschlichen Reichtum ausmachte: ihrer Gemeinschaft. Sie f\u00fchrte andererseits nur zur Verlagerung des strukturellen Ausschlusses der proletarisierten Gemeinschaft Osteuropas auf das pal\u00e4stinensische Volk, und insbesondere auf die Gemeinschaft, die sich in den vielen Fl\u00fcchtlingslagern rings um Israel geschmiedet hat.<\/p>\n<p>In dieser Gemeinschaft sind die Pal\u00e4stinenser Besitzlose ohne jede M\u00f6glichkeit der Integration ins Produktionssystem der umliegenden Gesellschaften so wie ihre j\u00fcdischen Br\u00fcder in Osteuropa zu Beginn dieses Jahrhunderts. Diese Gemeinschaft ist auch ein Vivarium internationaler Proletarier im Nahen Osten und in der arabischen Welt. Die Pal\u00e4stinenser suchen n\u00e4mlich in der Emigration die M\u00f6glichkeit, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Viele von ihnen sind als Arbeiter in den erd\u00f6lproduzierenden L\u00e4ndern besch\u00e4ftigt. Die pal\u00e4stinensische Gemeinschaft als internationale Realit\u00e4t kann also ein bedeutender Tr\u00e4ger einer internationalen Revolution im Nahen Osten und der arabischen Welt sein genau wie die j\u00fcdischen Proletarier das internationale Proletariat in Europa verk\u00f6rpert haben.<\/p>\n<p>Wir haben in den siebziger Jahren gesehen, wie der subversive soziale Druck hunderttausender pal\u00e4stinensischer Besitzloser den libanesischen Staat zersetzt hat und die von den Gro\u00dfm\u00e4chten, Israel und Syrien koordinierten Milit\u00e4rinterventionen aus der Sicht des Kapitals notwendig machte, um die Ordnung wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Die arabischen Staaten unterst\u00fctzen die PLO, damit sie ihnen mehr schlecht als recht als Schutzschirm dient, indem sie den Kampf der Pal\u00e4stinenserInnen in einem nationalistischen Sinne alleine gegen den Staat Israel richtet, wo doch alle Staaten der Region auf die eine oder andere Weise an ihrem radikalen Ausschlu\u00df beteiligt sind.<\/p>\n<p>Im Kontext der heutigen weltweiten \u00f6konomischen Krise sind die pal\u00e4stinensischen Proletarier eine Gemeinschaft, die &#8222;\u00fcberfl\u00fcssig&#8220; ist, nicht-assimilierbar in die sie umgebende Gesellschaft \u2013 so wie es die proletarisierte j\u00fcdische Gemeinschaft Osteuropas war. Der Gedanke, ihnen drohe das gleiche Schicksal der Vernichtung, ist durchaus nicht abgeschmackt. Wenn zum Leidwesen der Menschheit die Entwicklung der gegenw\u00e4rtigen Krise zum Krieg treibt, folgt ziemlich sicher eine Situation von &#8222;Ma\u00dflosigkeit&#8220;, in der die pal\u00e4stinensische Gemeinschaft systematisch ausgel\u00f6scht werden k\u00f6nnte, weil sie nicht-assimilierbar ist, und weil die Kr\u00e4fte des Kapitals die Figur des internationalen Proletariats ausl\u00f6schen wollen, deren Tr\u00e4ger sie in der Region ist. Durch den historischen R\u00fcckgriff k\u00f6nnen wir die Bedrohung durch V\u00f6lkermord ermessen, die \u00fcber den von der Gesellschaft ausgeschlossenen Pal\u00e4stinensern schwebt.<\/p>\n<p>Im engen Rahmen des Nationalismus hat es niemals eine menschliche L\u00f6sung dieser Ausschlu\u00dfsituation gegeben; nur zwei Alternativen, von denen die eine genauso unmenschlich ist wie die andere:<\/p>\n<p>* Angenommen es gelingt der PLO, ihr Maximalprogramm zu verwirklichen: die Zerst\u00f6rung Israels und die Ersetzung einer Nation durch eine andere. Die pal\u00e4stinensische Nation, die auf den Leichen oder der Zwangsemigration der Juden errichtet wird, wird den Mythos eines &#8222;laizistischen, freien und demokratischen Pal\u00e4stina&#8220; weit hinter sich lassen. Sie wird die Integration der Pal\u00e4stinenser in die moderne Produktionsweise bewirken, was Zerst\u00f6rung ihrer Gemeinschaft und ihrer Menschlichkeit bedeutet.<\/p>\n<p>* Angenommen, in den von Israel besetzten Gebieten wird ein pal\u00e4stinensischer Operettenstaat gebildet (diese L\u00f6sung scheint sich anzubahnen) wie eine Art Bantustan unter der Kontrolle der israelischen Armee. Diese L\u00f6sung hat f\u00fcr Israel einen sch\u00e4tzenswerten Vorteil: sie kann n\u00e4mlich dem pal\u00e4stinensischen Staat das zweifelhafte Privileg \u00fcberlassen, die Revolte der Steine niederzuschlagen, mit der Israel nicht fertig werden konnte.<\/p>\n<p>Ein pal\u00e4stinensischer Mini-Staat wird jedoch nur eine formale Autonomie haben. Da ihm die notwendige materielle Basis fehlt (in der Zeit der weltweiten Krise), um die Fl\u00fcchtlinge zu integrieren, die in den Lagern im Libanon, Syrien und im Westjordanland vegetieren, wird er nur als Schlaf-Staat dienen f\u00fcr die 100 000 Proletarier, die weiterhin t\u00e4glich nach Israel arbeiten gehen werden. Er wird den Ausschlu\u00df aus der Gesellschaft nicht l\u00f6sen, dem diese proletarisierte Gemeinschaft unterliegt.<\/p>\n<p>Im nationalistischen Rahmen, das hei\u00dft innerhalb der Zivilisation des Kapitals, gibt es folglich keine menschliche L\u00f6sung f\u00fcr das pal\u00e4stinensische Drama: ein einziges Land f\u00fcr zwei Nationen.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Der sozialistische Zionismus ist heute \u00fcberlebt. Er gr\u00fcndete auf die gesellschaftliche Integration der Juden Osteuropas durch die Arbeit, und war wie wir gesehen haben nur eine nationalistische Abweichung des Sozialismus und der europ\u00e4ischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Kommunismus, der Selbstnegierung des Proletariats, tritt der Sozialismus, der die Verwirklichung einer Gemeinschaft der Arbeit anstrebt, die Verallgemeinerung der Lage als Produzent, die Best\u00e4tigung als Arbeiterklasse und folglich die Arbeit und ihre Ordnung als h\u00f6chste Vermittlung des gesellschaftlichen Lebens bewahrt, nicht aus dem Rahmen der kapitalistischen Zivilisation heraus.<\/p>\n<p>Solange historisch die Bedingungen des Kommunismus nicht gegeben waren, konnte man leicht im Sozialismus eine revolution\u00e4re (oder revolution\u00e4r reformistische) Dimension sehen. Marx sah den Sozialismus als Vorbereitung f\u00fcr die Errichtung des Kommunismus durch die Befreiung der Produktivkr\u00e4fte, die die Diktatur des Proletariats verwirklichen sollte. Diese revolution\u00e4re Dimension war aber nur in weltweitem Ma\u00dfstab vorstellbar.<\/p>\n<p>Wie der sozialistische Zionismus waren alle sogenannten fortschrittlichen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt nationalistische (und somit konterrevolution\u00e4re) Abweichungen des Sozialismus. Wie er forderten sie die Integration der ausgeschlossenen Massen in die Arbeit.<\/p>\n<p>Diese historische Perspektive ist aber heute veraltet. Tats\u00e4chlich ist im Zeitalter der Verallgemeinerung der Automation und der \u2013 wie Marx es genannt hat \u2013 reellen Herrschaft des Kapitals, die Arbeit nicht mehr das zentrale Moment des Produktionsprozesses. Wie Marx sagte, beruht die Produktion der gesellschaftlichen Reicht\u00fcmer nicht mehr auf der Arbeit der Massen. Mehr noch, die moderne Entwicklung erlaubt es nicht mehr, ein Projekt der Integration der Massen in die Arbeit zu gr\u00fcnden, besonders im gesellschaftlichen Rahmen der Dritten Welt. Selbst wenn heute eine Nation die Produktionsbedingungen und die Reicht\u00fcmer einer anderen Nation stehlen w\u00fcrde, indem sie diese von ihrem Land vertrieben, w\u00e4re sie bald durch die weltweite Konkurrenz gezwungen, sich moderne &#8222;kapitalistische&#8220; Techniken anzueignen, die die Arbeit marginalisieren und unz\u00e4hlige Massen arbeitslos machen. Und wenn sie sich weigerte, diese Techniken anzuwenden, w\u00e4re ihre \u00d6konomie sehr schnell durch eben diese weltweite Konkurrenz disqualifiziert, und das Ergebnis w\u00e4re dasselbe: Ausschlu\u00df und massive Arbeitslosigkeit. In den entwickelten Zonen ist dieser strukturelle Ausschlu\u00df sicher nur ein Gespenst, eine tendenzielle Bewegung. Aber in der Dritten Welt ist der Ausschlu\u00df der Massen brutale, t\u00e4glich erlebte Wirklichkeit.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a><\/p>\n<p>Der Sozialismus als Integrationsmodell hat heute jedes historische Ansehen verloren. Au\u00dfer den Politikern h\u00e4lt es heute niemand mehr f\u00fcr m\u00f6glich, im kapitalistischen Rahmen allgemeine Vollbesch\u00e4ftigung zu garantieren. Der Sozialismus hat keine historische Zukunft mehr. Die nationalen Befreiungsbewegungen mit sozialistischem Anspruch haben bewiesen, da\u00df die &#8222;Entwicklung&#8220;, die sie in ihren Gegenden freigesetzt haben, indem sie die Formen gemeinschaftlichen Lebens zerst\u00f6rten, nicht die Integration der Armen ins Paradies des modernen Reichtums bedeutet, sondern ihren radikalen Ausschlu\u00df unter dem Druck der weltweiten Konkurrenz.<\/p>\n<p>Diese historische Erfahrung hat im Augenblick keinen radikalen Bruch mit dem Kapital ausgel\u00f6st, sondern im Gegenteil eine vollkommen reaktion\u00e4re Bewegung entstehen lassen: die iranische &#8222;islamische Revolution&#8220; und ihre Schockwelle, den moslemischen Integrismus, der sich in der ganzen arabischen Welt immer weiter ausbreitet.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>Diese Bewegung hat einen neuen Typ von Nationalismus in den Sattel gehoben, der die ideologische Karte der traditionellen Befreiungsbewegungen umdreht. Er integriert tats\u00e4chlich die extreme Verzweiflung der vom &#8222;Fortschritt&#8220; ausgeschlossenen Massen. Weit entfernt, sich mit dem Putz des Progressismus zu schm\u00fccken, beruft er sich auf eine von Grund auf reaktion\u00e4re Ideologie; er glaubt, das Rad der Geschichte zur\u00fcckdrehen und zu einem sozialen Zusammenhalt zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen, der existierte, bevor der &#8222;Fortschritt&#8220; seine zersetzende Arbeit vollendet hatte. Er glaubt, die Gemeinschaft der vorkapitalistischen Epoche wiedererwecken zu k\u00f6nnen. Diese reaktion\u00e4re Utopie gaukelt den Massen der Mostazafin (Enterbte), die aus dem kapitalistischen Produktionsproze\u00df herausgehalten werden, die M\u00f6glichkeit vor, trotz ihres gesellschaftlichen Ausschlusses von der gegenseitigen Hilfe der vom Islam gepredigten Gemeinschaft zu profitieren.<\/p>\n<p>Von verschiedenen Blickwinkeln scheint der islamische Nationalismus den Kapitalismus zur\u00fcckzuweisen, die vom Kapital geschaffene moderne iranische Nation zu zerst\u00f6ren und zur Stammesepoche zur\u00fcckzukehren. Dies ist eine T\u00e4uschung: Die &#8222;islamische Revolution&#8220; l\u00e4\u00dft die kapitalistische Produktionsweise intakt. Der Kapitalismus ist ein weltweites System, von dem der Iran, ob islamisch oder nicht, inzwischen ein wesentlicher Teil ist und mit dem nur eine weltweite Revolution fertigwerden kann. Die Perspektive einer R\u00fcckkehr zu einer Gemeinschaft, die sich in versch\u00e4rftem ethnischen oder religi\u00f6sen Partikularismus abkapselt, bietet keinen antikapitalistischen Ausweg. Die Utopie einer &#8222;moslemischen Gemeinschaft&#8220; erscheint eher als der verzweifelte Versuch von Millionen von Mostazafin, trotz ihres definitiven gesellschaftlichen Ausschlusses ihre Integration in den iranischen Nationalstaat zu retten.<\/p>\n<p>Der Wille, diese Utopie zu realisieren, konnte nur die scheu\u00dfliche Macht der Mullahs erzeugen. Fanatisch, despotisch, konterrevolution\u00e4r k\u00f6nnen die Mullahs gegen den totalen Ausschlu\u00df der Massen iranischer Proletarier nichts ausrichten. Um ihre Ohnmacht und die Unbest\u00e4ndigkeit der moslemischen Gemeinschaft zu verdecken, fanden sie keine andere L\u00f6sung, als die Arbeitslosen in das Gemetzel eines permanenten &#8222;heiligen Krieges&#8220; gegen den &#8222;ungl\u00e4ubigen&#8220; Nachbarn im Irak zu schicken. Nach Jahren des Abschlachtens hat diese L\u00f6sung in einem Bankrott geendet und den iranischen Kapitalismus ausgeblutet hinterlassen. Der Iran braucht eine Atempause, um seine \u00d6konomie wiederherzustellen <a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> eine Ruhepause, die fatal sein k\u00f6nnte f\u00fcr das Regime der Mullahs, denn die enterbten Massen, zur\u00fcckgekehrt in die harte Realit\u00e4t ihrer sozialen Lage, k\u00f6nnten erkennen, welches T\u00e4uschungsmittel die moslemische Gemeinschaft ist.<\/p>\n<p>Wir haben den Umweg \u00fcber den Iran gemacht, weil der Virus des religi\u00f6sen Integrismus auch die israelische Gesellschaft anstecken k\u00f6nnte. Diese sieht den entwickelten europ\u00e4ischen Gesellschaften zum Verwechseln \u00e4hnlich, aber ihr Gleichgewicht ist sehr viel zerbrechlicher. Sie h\u00e4lt sich nur \u00fcber Wasser, weil das amerikanische Kapital der lokalen \u00d6konomie unter die Arme greift. Falls sich die weltweite Krise in den n\u00e4chsten zehn Jahren bis zu dem Punkt versch\u00e4rft, da\u00df die USA gezwungen sind, ihre Finanzhilfe drastisch zu reduzieren, dann kann das Kapital den j\u00fcdischen Proletariern die H\u00e4rten einer Umstrukturierung nicht mehr ersparen. Massen von Juden w\u00e4ren zum ersten Mal dauerhaft aus dem Produktionsproze\u00df ausgeschlossen.<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> In der Art des islamischen Integrismus bereiten die j\u00fcdischen Integristen bereits ein nationalistisches Krisenmanagement vor, um einer kommunistischen L\u00f6sung den Rang abzulaufen. Sie versuchen, die Angst vor dem Zusammenbruch der Gesellschaft durch die Reaktivierung der Idee einer &#8222;j\u00fcdischen Gemeinschaft&#8220;, die genauso utopisch und reaktion\u00e4r wie ihre islamische Schwester ist, auszutreiben und fangen so das historische Werk des sozialistischen Zionismus von hinten her an. Falls es ihnen gelingt, die israelische Demokratie zu bezwingen, wird \u2013 wie im Iran \u2013 ein permanenter Krieg die Folge sein.<\/p>\n<p>Der Alptraum, den die Krise des Kapitals in der Region vorbereitet, ist also ein Krieg auf Leben und Tod zwischen den j\u00fcdischen und moslemischen Integristen<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a>, der es erm\u00f6glicht, die Masse der &#8222;\u00dcberz\u00e4hligen&#8220; die von der Arbeit ausgeschlossenen Proletarier ins Massaker zu schicken. Und um unsere Hypothese auf die Spitze zu treiben: Es ist vorstellbar, da\u00df das Wiederaufleben der alten Religionskriege im Mittleren Osten dem Kapital die Gelegenheit liefert, einen Dritten Weltkrieg auszul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Entgegen dieser Eventualit\u00e4t liegt die Chance des Kommunismus ebenfalls in der Krise des Kapitals, in der Perspektive ihrer Vertiefung. Auf lange Sicht wird die Krise niemanden aussparen. So k\u00f6nnen die Proletarier zu dem Bewu\u00dftsein gelangen, da\u00df sie in allen Nationen derselben gesellschaftlichen Prekarit\u00e4t unterworfen sind.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis ist au\u00dferdem die notwendige Bedingung f\u00fcr die Bildung einer internationalen Vereinigung der Proletarier, die alleine eine menschliche L\u00f6sung der Zersetzung der Gesellschaft bieten kann: der Kommunismus, das hei\u00dft die Schaffung dieser weltweiten menschlichen Gemeinschaft, in der das gesellschaftliche Leben der Individuen nicht mehr von ihrer Integration durch die Arbeit abh\u00e4ngt, sondern unmittelbar und kostenlos ist. In dieser Gemeinschaft, in der die Arbeit als Ordnung, die ihnen von au\u00dfen aufgezwungen wird, abgeschafft sein wird, k\u00f6nnen die Individuen zum ersten Mal in der Geschichte zu Subjekten ihres gesellschaftlichen Lebens werden, engagiert in der gemeinschaftlichen Produktion der Menschheit.<\/p>\n<p>Solange die Bedingungen f\u00fcr eine kommunistische Revolution nicht gegeben sind, werden die sozialen Bewegungen im Mittleren Osten oder anderswo nicht aus dem nationalen Rahmen heraustreten. Die Kommunisten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend sie auf die Bedingungen warten, nur punktuell an diesen sozialen Bewegungen teilnehmen, an ihren universellen Elementen, wie z.B. dem Kampf der proletarisierten pal\u00e4stinensischen Gemeinschaft gegen die israelische Milit\u00e4rordnung und die Arroganz der integristischen und rassistischen israelischen Siedler der besetzen Gebiete; dem Kampf der j\u00fcdischen Kriegsdienstverweigerer, die es ablehnen, ihren Milit\u00e4rdienst in diesen Gebieten abzuleisten; usw. &#8230;<\/p>\n<p>Unsere beste Vorbereitung auf die Zukunft ist es, die schwachen Versuche von Kampfzusammenschl\u00fcssen zwischen j\u00fcdischen und arabischen Proletariern zu unterst\u00fctzen. In Pal\u00e4stina ist es bereits revolution\u00e4r, wenn man bekr\u00e4ftigt, da\u00df nur die Logik der Ausbeutung und des Staates es Juden und Arabern verbieten kann, sich zu treffen, sich zu lieben, oder ihr Leben gemeinsam zu gestalten. Der Weg zum Frieden zwischen den Individuen f\u00fchrt \u00fcber den Kampf gegen die Staaten und die Nationalismen.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Der sozialistische Zionismus existiert nicht mehr als Bewegung, weil sich die Frage der Integration einer proletarisierten j\u00fcdischen Gemeinde heute nirgends mehr stellt. Die Wahnvorstellung, die antike Gemeinschaft wiederzuerwecken, bleibt dennoch bei den Juden sehr lebendig. Sie existiert zum einen in Pal\u00e4stina, wo sie durch die ultra-reaktion\u00e4ren j\u00fcdischen Integristen aktiviert wird. Zum Andern in der Diaspora, und dies aus drei Gr\u00fcnden. Zuallererst unterst\u00fctzt der Staat Israel alle Str\u00f6mungen, die die Aufrechterhaltung der j\u00fcdischen Identit\u00e4t f\u00f6rdern und die die ideologische Basis der pro-israelischen Lobbies bilden, die er im Westen braucht.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch die, insbesondere franz\u00f6sischen, Sephardim, die von der afrikanischen Gemeinschaftskultur einer noch nahen Vergangenheit erf\u00fcllt sind, und noch immer davon tr\u00e4umen, sie nach Europa zu versetzen. Schlie\u00dflich gibt es noch eine Generation von Juden, die an der 68er-Bewegung beteiligt waren. Nach dem &#8222;R\u00fcckgang&#8220; dieser Ideen und dem Verlust ihrer Identit\u00e4t fanden sie eine neue \u2013 als Jude wie andere als Bretone.<\/p>\n<p>Diese Versicherung ist wie jede Suche nach Identit\u00e4t der entfremdete Ausdruck eines real versp\u00fcrten Bed\u00fcrfnisses der modernen Individuen: sich der unpers\u00f6nlichen Vermassung und der Atomisierung zu widersetzen, die das kapitalistische Leben erzeugt. Wie alle Teilforderungen kann sie dennoch nur eine T\u00e4uschung sein. Wie alle Individuen sind auch die Juden heute in der merkantilen Gesellschaft total atomisiert. Die j\u00fcdische Gemeinschaft kann also nur in den K\u00f6pfen existieren, nicht in einer konkreten Lebensweise. Die &#8222;j\u00fcdische Gemeinschaft&#8220; ist nur noch die abstrakte Behauptung einer &#8222;Kultur&#8220;, die von kalten und reaktion\u00e4ren &#8222;gemeinschaftlichen&#8220; Institutionen verwaltet wird.<\/p>\n<p>Aus Gr\u00fcnden, die wir weiter vorne gesehen haben, erleben wir heute eine Wiederbelebung der &#8222;j\u00fcdischen Kultur&#8220;, aber diese Erneuerung bleibt auf die einzig greifbare j\u00fcdische soziale Realit\u00e4t beschr\u00e4nkt: den Staat Israel. Die h\u00f6chsten Werte dieser &#8222;Kultur&#8220; reduzieren sich inzwischen auf die bedingungslose Verteidigung dieses Staates und die Apologie des j\u00fcdischen Nationalismus.<\/p>\n<p>Interessanterweise stellt diese &#8222;kulturelle&#8220; Entwicklung eine Verarmung dar gegen\u00fcber der pr\u00e4-zionistischen traditionellen j\u00fcdischen Kultur. Gewi\u00df gab es damals eine Teilstr\u00f6mung, die die j\u00fcdische Besonderheit und die religi\u00f6se Legitimation der Macht der rabbinischen Kasten \u00fcber die Gemeinschaften verherrlichte. Diese Komponente findet \u00fcbrigens heute ihre Verl\u00e4ngerung in der Apologie des Zionismus und der Behauptung eines nationalen und religi\u00f6sen Partikularismus. Aber es gab eine andere Komponente, die durch den Messianismus der Kabbale gekennzeichnet war. Historisch hatte sich diese Komponente aber immer der Macht der Rabbiner widersetzt und unterschied sich durch eine millenaristische, universalistische und &#8222;anarchistische&#8220; Vision der messianischen Erl\u00f6sung. Das Reich Gottes, das auf der ganzen Erde errichtet werden sollte, sollte die Abschaffung aller Trennungen zwischen den Menschen sein, die Abschaffung aller Nationen, aller religi\u00f6sen und politischen Gesetze, aller Staaten, aller gesellschaftlichen Fetische.<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Wie in allen millenaristischen Str\u00f6mungen, wurde Gott in der j\u00fcdischen Mystik als der ontologische Ort der von der menschlichen Gattung erreichten Einheit gefa\u00dft, d.h. im Grunde als das Wesen, welches das historische Projekt einer universellen menschlichen Gemeinschaft begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Diese universalistische Komponente der pr\u00e4-zionistischen Kultur wurzelte in der gelebten Erfahrung einer Gemeinschaft, welche die Grenzen der Nationen \u00fcberschritt, ohne sich in die Gesellschaft um sie herum zu integrieren. Im Gegensatz zu den anderen europ\u00e4ischen millenaristischen Str\u00f6mungen war diese noch im 18. und 19. Jahrhundert lebendig und zwar insbesondere in Mitteleuropa, wo die Gemeinschaft anachronistisch \u00fcberdauert hatte. Sie war die Bedingung daf\u00fcr, da\u00df mehrere Generationen von Juden ohne \u00dcbergang von der Welt des Ghettos zum Marxismus gelangen konnten, den sie im Grunde als S\u00e4kularisierung, als historische Verwirklichung der alten messianischen Utopie erlebten.<\/p>\n<p>Lenin selbst irrte sich nicht, als er schrieb: \u00bbWer direkt oder indirekt die Losung der j\u00fcdischen \u2018nationalen Kultur\u2019 aufstellt, der ist (m\u00f6gen seine Absichten noch so gut sein) ein Feind des Proletariats, ein Anh\u00e4nger des Alten und des Kastenm\u00e4\u00dfigen im Judentum, ein Helfershelfer der Rabbiner und der Bourgeois. Die j\u00fcdischen Marxisten dagegen, die sich in den internationalen marxistischen Organisationen mit den russischen, litauischen, ukrainischen und anderen Arbeitern zusammenschlie\u00dfen und so ihr Teil (in russischer wie jiddischer Sprache) dazu beitragen, die internationale Kultur der Arbeiterbewegung zu schaffen \u2013 diese Juden setzten entgegen dem Separatismus des &#8222;Bund&#8220; eben durch ihren Kampf gegen die Losung der &#8222;nationalen Kultur&#8220; die besten Traditionen des Judentums fort.\u00ab<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a><\/p>\n<p>Die Dominanz des Zionismus \u00fcber die moderne j\u00fcdische Welt geht einher mit einer Verdr\u00e4ngung dieser revolution\u00e4ren Komponente. Wenn sie sich gegen den religi\u00f6sen Integrismus stellt, w\u00fcrde eine kommunistische Bewegung in Pal\u00e4stina sicherlich die R\u00fcckkehr dieses revolution\u00e4ren Verdr\u00e4ngten der j\u00fcdischen Kultur ausl\u00f6sen. Die Juden k\u00f6nnten dann von innen heraus die Subversion und die \u00dcberwindung des Judaismus leben. Wenn das separatistische W\u00fcrgeeisen der j\u00fcdischen Identit\u00e4t erst einmal gebrochen ist, f\u00e4nde die Utopie der &#8222;universellen messianischen&#8220; Erl\u00f6sung, welche die alte j\u00fcdische Gemeinschaft transportierte, endlich ihre weltliche Verwirklichung in der Bildung des menschlichen Gemeinwesens.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wildcat-www.de\/thekla\/14\/t14zioni.pdf\"><em>thekla&#8230;<\/em><\/a><em>\u00a0 vom 25. Mai 2019<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bis zum Sturz des Zarenreichs verboten die polnischen Berufsgewerkschaften den j\u00fcdischen Proletariern die Besch\u00e4ftigung in der Industrie.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der Bund, die j\u00fcdische sozialdemokratische Partei, wurde 1897 gegr\u00fcndet, ein Jahr vor der russischen sozialdem. Arbeiterpartei. 1903 hatte er bereits 40 000 Mitglieder.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Der Bund votierte 1903 f\u00fcr ein autonomes j\u00fcdisches Gebiet in Osteuropa.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Gro\u00dfe Figuren der deutschen proletarischen Revolution sind nur der sichtbare Ausdruck dieser aktiven Beteiligung: Rosa Luxemburg und Leo Jogiches an der Spitze der Berliner Kommune, Eugen L\u00e9vin\u00e9 an der Spitze der bayrischen R\u00e4terepublik, aber auch Parvus, Arkadi Maslow, August Kleine, Karl Radek usw. In der Bewegung der Arbeiterr\u00e4te Ungarns: Erwin Szabo, Erwin Sinko, Bela Balazs&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Zwischen 1870 und 1933 gab es neben dem rechtsradikalen Antisemitismus einen linksradikalen Antisemitismus v.a. in Frankreich, Deutschland und \u00d6sterreich. Er ging aus von bestimmten Arbeiterschichten: qualifizierten Arbeitern, die noch dem Handwerk nahe und in ihren Fabriken verwurzelt waren. Diese se\u00dfhaften und qualifizierten Arbeiter waren f\u00e4hig, ihre Fabriken anstelle der Unternehmer zu leiten und erkannten sich v\u00f6llig in der Ideologie der Arbeiterselbstverwaltung, oft nahe beim Anarchismus. Sie hatten keine Heimat au\u00dfer ihrer Fabrik, ihre Arbeit machte ihre ganze Identit\u00e4t aus. Sie verteidigten teuer ihre L\u00f6hne, die an ihre Qualifikation gebunden waren. Diese in ihrer Erde verwurzelten Arbeiter konnten nur einen heiligen Schreck kriegen angesichts der eingewanderten j\u00fcdischen Proletarier, die ihnen ohne jede Arbeiter-&#8222;W\u00fcrde&#8220; schienen; daher der linksradikale Antisemitismus. Das bildete zusammen mit der Bodenst\u00e4ndigkeit einen gemeinsamen Punkt mit der extremen Rechten, eine Parallele, \u00fcber die viele Anarchisten nach und nach zu Faschismus und Zusammenarbeit mit den Nazis umschwenkten. In seinem &#8222;Arbeiter&#8220;-Aspekt integrierte der Nazismus den linken Antisemitismus in den Nationalismus und enth\u00fcllte so dessen konterrevolution\u00e4ren Charakter.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Siehe: E.J\u00e4ckel Hitler ideologue (Hitler als Ideologe), Calmann-L\u00e9vy 1973.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Der sichtbare Aspekt dieses Fischteichs des proletarischen Internationalismus manifestiert sich auch in der \u00fcberproportionalen Zahl von F\u00fchrern der Arbeiterbewegung: au\u00dfer den bereits erw\u00e4hnten finden wir Namen wie Trotzki, Martow, Deutsch, Abramowitsch, Axelrod, Liber, Dan, Kamenew, Sinowjew, Swerdlow, Litwinow, Joff\u00e9, Borodine, Warszawski, Isaac Deutscher usw. &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Obwohl sie seit 1933 von der Existenz der KZs wu\u00dften und seit 1943 \u00fcber die absolute Lufthoheit verf\u00fcgten, haben sie nie die Bombardierung der Zugangswege angeordnet, um zu versuchen, die Vernichtung zu stoppen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Der Generalstab der Wehrmacht protestierte dagegen, da\u00df die europ\u00e4ischen Eisenbahnen f\u00fcr den Transport der Deportierten in die Lager benutzt wurden, zum Nachteil der Truppen- und Materialtransporte an die Front.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Les chambres \u00e0 gaz&#8230; S.269-270.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> &#8222;Schwarzfu\u00df&#8220;; in Frankreich g\u00e4ngiger Begriff f\u00fcr die Algerien-Franzosen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Man k\u00f6nnte dem das Beispiel der rassistischen Nation S\u00fcdafrikas entgegenhalten. Aber das ist im eigentlichen Sinne keine wei\u00dfe Nation, sondern die spezielle Verl\u00e4ngerung eines Kolonialsystems: befreit von der Bevormundung ihrer fr\u00fcheren Metropole, beutet die wei\u00dfe Gesellschaft weiterhin auf typisch kolonialistische Art die schwarze Arbeitskraft aus. Wenn diese Ausbeutung in Frage gestellt w\u00fcrde, l\u00f6ste sich die wei\u00dfe Gesellschaft auf und die Wei\u00dfen m\u00fc\u00dften anderswo Zuflucht suchen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ahad Ha Am, ein \u00fcberzeugter Antikolonialist unter den ersten Einwanderern, prangert die b\u00fcrgerlichen j\u00fcdischen Siedler folgenderma\u00dfen an: \u00bbSie benehmen sich zu den Arabern feindlich und grausam, greifen ohne jede Rechtfertigung in ihre Rechte ein, schlagen sie in besch\u00e4mender Art ohne ausreichenden Grund, r\u00fchmen sich auch noch ihres Verhaltens. Und niemand stellt sich ihnen entgegen, um diese miserable und gef\u00e4hrliche Neigung zu beenden.\u00ab Zit. nach Schlomo Avin\u00e9ri Histoire de la pens\u00e9e sioniste.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Leopold Trepper Le grand jeu.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Sephardim sind die aus Spanien und Portugal eingewanderten Juden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Zitiert nach Mordecai Sussan L\u2019eveil politique sepharade Aix, 1975.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Aschkenasim sind die in Mittel- und Osteuropa beheimateten, jiddisch sprechenden Juden im Gegensatz zu den Sephardim im Mittelmeergebiet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Sussan, a.a.O., S.157.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> ebenda, S.157.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Haaretz vom 22.April 1949, zitiert nach M. Sussan, a.a.O., S.255.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Das hei\u00dft nicht, die subjektiven Bedingungen f\u00fcr eine kommunistische Revolution seien in der Dritten Welt reifer als anderswo. Im Gegenteil, die von der Entwicklung ausgeschlossenen Massen sind derart ins kapitalistische System integriert, da\u00df sie noch andere Verantwortliche f\u00fcr ihr Elend finden k\u00f6nnen als ihre proletarische Lage: den &#8222;Imperialismus&#8220;, den Westen als Ganzes, alle Klassen vermischt, den &#8222;gro\u00dfen Satan&#8220; und seine technische Logik. Die vorkapitalistische gemeinschaftliche Vergangenheit ist noch nahe genug, um ein zwar unrealistisches aber verlockendes Modell zu sein und konterrevolution\u00e4re L\u00f6sungen wie die islamische Religion hervorzubringen. In einer revolution\u00e4ren Situation k\u00f6nnten die Massen der entwickelten L\u00e4nder sich nur gegen ihre proletarische Lage wenden. Die Atomisierung und Universalisierung der Individuen wurde zu weit gef\u00fchrt, als da\u00df sich die Forderung nach R\u00fcckkehr zu den zu engen Gemeinschaften der Vergangenheit behaupten k\u00f6nnte. Die Suche nach einer Gemeinschaft k\u00f6nnte sich nur in die Zukunft richten, zum Projekt einer universellen, nicht totalit\u00e4ren Gemeinschaft, in der die Individuen auch als Individuen existieren. Au\u00dferdem w\u00fcrde es die F\u00e4higkeit der Produktivkr\u00e4fte erlauben, das kommunistische Projekt sogleich auf weltweitem Ma\u00dfstab in Angriff zu nehmen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Die Beendigung des Krieges resultiert genauso aus dem Widerstand der iranischen Proletarier, deren Glaube in den heiligen Krieg gegen die Ungl\u00e4ubigen in dem Ma\u00dfe nachgelassen hat, wie das Gemetzel zunahm.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Wie auch immer deren Rhythmus sein wird, dies ist auf jeden Fall die historische Zukunft der israelischen kapitalistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Der Integrismus entwickelt sich unter den pal\u00e4stinensischen Massen, und es w\u00e4re nicht erstaunlich, wenn der aktuelle &#8222;Sozialismus&#8220; der PLO von dieser Welle weggeschwemmt w\u00fcrde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Siehe: Emmanuel Levine Le Royaume de Dieu et le Royaume de C\u00e9sar \u00e9d. Le R\u00e9veil, 1973, und Le Judaisme contestataire et r\u00e9volutionnaire \u00e9d. Tsedek, 1974; Guerschom Scholem Le Messianisme juif \u00e9d. Calmann- L\u00e9vy, 1975; Michel lowy R\u00e9demption et utopie PUF, 1988.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> S. gewisse Namen Gottes in der Kabbale wie Hamakom (Ort) und Adamkadmon (Mensch der Begr\u00fcndung).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Lenin Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage in: Werke 20, S. 11.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Le Brice-Glace, (Fr\u00fchjahr 89). Bis zur Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise im 18. 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