{"id":5409,"date":"2019-05-29T18:28:55","date_gmt":"2019-05-29T16:28:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5409"},"modified":"2019-05-29T18:28:55","modified_gmt":"2019-05-29T16:28:55","slug":"machno-und-die-russische-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5409","title":{"rendered":"Machno und die Russische Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Hanns Graaf. <\/em>Wir wollen hier auf einen Aspekt der Russischen Revolution eingehen, der zwar sehr wichtig ist, aber von der \u201emarxistischen\u201c Linken fast durchweg ignoriert wird: die Machnobewegung<!--more--> (Machnowschtschina), der vom Anarchismus beeinflussten revolution\u00e4ren Bewegung, die von 1917-22 in der S\u00fcdukraine aktiv war.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit der \u201eMachnowschtschina\u201c scheint uns aus drei Gr\u00fcnden notwendig. 1. wird dieses Kapitel der Revolution wenig beachtet und steht oft im Schatten der Ereignisse in den Zentren der Revolution Petrograd und Moskau. 2. gibt es im Vergleich zu diesen relativ wenige Zeugnisse \u00fcber die Machnobewegung. Dabei \u00fcberwiegen auch noch die \u201eoffiziellen\u201c Quellen der Bolschewiki bzw. des Stalinismus, der diese oft unver\u00e4ndert \u00fcbernommen hat. Das ist an sich schon bemerkenswert, da ja unter Stalin die Geschichte der Revolution \u201eumgeschrieben\u201c wurde. Von den Quellen aus \u201eerster Hand\u201c, also von TeilnehmerInnen der Machnobewegung, ist sehr viel in den Wirren des B\u00fcrgerkriegs verloren gegangen, wurde von den Bolschewiki vernichtet oder die \u00fcberlebenden Zeugen wurden vom Staatsapparat, erst unter den Bolschewiki, dann unter Stalin, umgebracht, so dass auch deren Erfahrungen und Kenntnisse f\u00fcr die Geschichtsschreibung auf immer verloren sind. 3. widerspiegelt sich in der Machnowschtschina die grundlegende strategische Problematik der Revolution bzw. der damit verbundenen Gesellschaftskonzeption.<\/p>\n<p>Wir st\u00fctzen uns daher v.a. auf die Darstellungen zweier russischer Anarchisten: auf die \u201eGeschichte der Machnobewegung\u201c von P.A. Arschinoff, einem Mitk\u00e4mpfer Machnos, sowie auf \u201eDie unbekannte Revolution\u201c von Volin. Arschinoffs Buch ist dabei sicher das fundierteste und aus eigenem Erleben gesch\u00f6pfte Werk \u00fcber die Machnobewegung.<\/p>\n<p><strong>Die Revolution in der Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der Ukraine gab es revolution\u00e4re Entwicklungen. In den St\u00e4dten entstanden Betriebskomitees und Sowjets (R\u00e4te), die ArbeiterInnen begannen, die Produktion zu kontrollieren und die Macht der Kapitalisten zu attackieren. Die Sowjets (nicht zu verwechseln mit den Betriebs- u.a. Basiskomitees) waren viel ausgepr\u00e4gter als etwa in Petrograd und Moskau wirkliche Basisorgane, der Einfluss der Parteien in ihnen war schw\u00e4cher als dort. Hinter den Bolschewiki stand immer nur eine Minderheit der UkrainerInnen, die Menschewiki existierten kaum. Insofern fiel es den Bolschewiki schwerer als im Norden, Einfluss auf die R\u00e4te zu nehmen bzw. sie sich unterzuordnen. So fanden viele Ma\u00dfnahmen der Bolschewiki nicht nur weniger Unterst\u00fctzung, oft wurden sie als \u201eFremdeinmischung\u201c angesehen und abgelehnt. Auf dem Land wurden die G\u00fcter des Adels und der Gro\u00dfbauern gest\u00fcrmt und aufgeteilt. Anders als in Russland entstanden in der Ukraine h\u00e4ufiger \u201eanarchistische\u201c Dorfkommunen.<\/p>\n<p><em>\u201eW\u00e4hrend sich die Revolution in Gross-Russland ohne Schwierigkeiten verstaatlichen und schnell in die Zwangsjacke des kommunistischen Staates pressen lie\u00df, stie\u00df diese Verstaatlichung und diese Diktatur in der Ukraine auf betr\u00e4chtlichen Widerstand. Die (bolschewistische) \u201eSowjetmacht\u201c konnte sich in erster Linie nur durch milit\u00e4rischen Zwang etablieren. Eine autonome Massenbewegung, vor allem aus b\u00e4uerlichen Massen, die von den politischen Parteien total vernachl\u00e4ssigt wurden, entwickelte sich parallel zum Verstaatlichungsprozess.\u201c<\/em>\u00a0(Volin, Die unbekannte Revolution, Die Buchmacherei 2013, S. 480)<\/p>\n<p>Nach dem Kollaps der alten Staatsmacht gingen aus allgemeinen Wahlen die Rada, das ukrainische Parlament, und eine neue b\u00fcrgerliche Regierung hervor. Doch das Petljura-Regime, das ukrainische Pendant zur Kerenski-Regierung, war schwach. Die Ukraine war nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 formal unabh\u00e4ngig geworden, stand aber de facto unter dem Einfluss Deutschlands. Deutsche und \u00f6sterreichische Truppen standen von Fr\u00fchjahr bis Ende 1918 in der Ukraine und installierten die erzreaktion\u00e4re Marionettenregierung unter Skoropadski. Nachdem die Besatzer Ende 1918 abgezogen waren und Skoropadski abtreten musste, wurde Petljura erneut Regierungsmitglied und milit\u00e4rischer Oberbefehlshaber, 1919 schlie\u00dflich Regierungschef.<\/p>\n<p><strong>Der B\u00fcrgerkrieg<\/strong><\/p>\n<p>Der B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine hatte einen besonders \u201ebunten\u201c Charakter, war von vielen verschiedenen Kr\u00e4ften und wechselnden Koalitionen gekennzeichnet und verheerte die Ukraine st\u00e4rker als andere Gebiete. Auf der einen Seite standen verschiedene \u201efortschrittlich-revolution\u00e4re\u201c Kr\u00e4fte: diverse \u201espontane\u201c Bauerngruppierungen, die bolschewistische Rote Armee und Nestor Machno. Auf der Gegenseite Skoropadski, Petljura, Einheiten der Gro\u00dfagrarier, die konterrevolution\u00e4ren Truppen der \u201eWei\u00dfen\u201c in Gestalt der Gener\u00e4le Denikin und Wrangel sowie bis Ende 1918 die deutsch\/\u00f6sterreichischen Besatzer.<\/p>\n<p>Oft wechselten die Frontstellungen und milit\u00e4rischen Koalitionen. So k\u00e4mpfte Petljura gegen alle anderen Kr\u00e4fte, kollaborierte aber auch mit den \u201eWei\u00dfen\u201c, um der Roten Armee und Machno zu schaden. Auch zwischen Roter Armee und Machno gab es sowohl Kooperation wie auch Feindschaft. Auf Letzteres wird noch genauer einzugehen sein. In der Westukraine spielte sich zudem noch der Konflikt mit Polen ab. Dieser kulminierte 1920 in der gescheiterten Offensive der Roten Armee in Polen. Tendenziell k\u00f6nnen wir sagen, dass das Zentrum, die n\u00f6rdliche und westliche Ukraine st\u00e4rker von den Bolschewiki beherrscht war, w\u00e4hrend der S\u00fcden und S\u00fcdosten von der Machnowschtschina kontrolliert wurde. Die oft wechselnden Kr\u00e4fte-Konstellationen in der Ukraine machten es den Massen damals nicht leicht, genau zu verstehen, wer mit wem oder gegen wen k\u00e4mpft und was die jeweiligen Ziele sind.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine begann bereits im Fr\u00fchjahr 1917 in Form der Bewegung der Dorfarmut gegen die Gro\u00dfagrarier und ab 1918 auch gegen die Besatzungstruppen, die das Land pl\u00fcnderten und terrorisierten. Die Bauern begannen mit der Enteignung des Adels und der Gro\u00dfbauern. An vielen Orten kam es zu bewaffneten Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen b\u00e4uerlichen Partisanentrupps und reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften. Diese Konflikte blieben jedoch meist regional begrenzt, es kam nicht zur Bildung einer \u201eBauernarmee\u201c. Die Militanz der Bauern in der Ukraine hat eine lange Tradition. Wir denken dabei an die Bauernaufst\u00e4nde Pugatschows und Rasins, aber auch an die k\u00e4mpferische Selbstbehauptung der Kosaken, z.B. der \u201eSaporoger\u201c, die Repin auf seinem ber\u00fchmten Bild dargestellt hat. Der Selbstbehauptungswille der ukrainischen Bauern f\u00fchrte dazu, dass ihre Lage gegen\u00fcber jener der Bauern in den russischen Gebieten besser war und sie ein gewisses Ma\u00df an \u201eAutonomie\u201c genossen.<\/p>\n<p>Ab Ende 1918 pr\u00e4gte der Konflikt zwischen den \u201eWei\u00dfen\u201c auf der einen und Machno und der Roten Armee auf der anderen Seite den B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine, der von allen Seiten unerh\u00f6rt erbittert gef\u00fchrt wurde. Alle k\u00e4mpfenden Parteien ver\u00fcbten Terror gegen die Zivilbev\u00f6lkerung und begingen Vergewaltigungen und pl\u00fcnderten \u2013 mitunter auch die Rote Armee und die Machnoarmee. Andererseits gab es bei ihnen auch strenge Bestrafungen f\u00fcr solche Vergehen \u2013 bis hin zur Todesstrafe. Mit der Niederlage der \u201eWei\u00dfen\u201c und der danach erfolgenden Vernichtung der Machnowschtschina durch die Rote Armee endeten die bewaffneten Konflikte in der Ukraine erst im Sommer 1922 \u2013 sp\u00e4ter als in anderen Regionen.<\/p>\n<p><strong>Was war die Machnowschtschina?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir von der Machnowschtschina sprechen, sind damit zwei sehr eng miteinander verbundene Aspekte gemeint: zum einen die sozial-revolution\u00e4re Bewegung der (v.a. b\u00e4uerlichen) Massen zur revolution\u00e4ren Umgestaltung, zum anderen die milit\u00e4rische Seite, die Machno-Armee, deren unbestrittener F\u00fchrer Nestor Machno war.<\/p>\n<p>Die soziale Basis der Machnobewegung war wesentlich die Dorfarmut und die untere Mittelbauernschaft. Aufgrund der stark agrarisch gepr\u00e4gten S\u00fcdukraine gab es nur wenige st\u00e4dtische und industrielle Zentren. Zudem waren die gro\u00dfen Hafenst\u00e4dte wie Odessa und Sewastopol lange in H\u00e4nden der Wei\u00dfen. Ihr Einfluss auf das st\u00e4dtische Proletariat war daher eher gering. Trotzdem war die Enteignung des industriellen Privateigentums und dessen \u00dcberf\u00fchrung in die H\u00e4nde der ArbeiterInnen \u2013 nicht des Staates \u2013 ein zentraler Punkt im Programm der Machnowschtschina. Doch selbst in den l\u00e4ndlichen Gebieten war die Machnobewegung aufgrund der wandernden Fronten oft nur vor\u00fcbergehend die herrschende Kraft.<\/p>\n<p>Das von der Machno-Bewegung kontrollierte Gebiet, der \u201eFreie Rayon\u201c, bestand aus einem Netzwerk selbstverwalteter Kommunen und Sowjets. So weit es der Krieg und die Weite des l\u00e4ndlichen Raumes erlaubten, fanden regelm\u00e4\u00dfig Wahlen und Delegiertentreffen statt. Die Kommunen und Sowjets k\u00fcmmerten sich um die Versorgung und Verteilung von G\u00fctern unter der Bev\u00f6lkerung, um Transport, Industrie, Kriegf\u00fchrung und Kultur. Es wurden Schulen gebaut und die Alphabetisierung und politische Aufkl\u00e4rung der Bauern vorangetrieben. Die Sowjets waren echte Macht- und Verwaltungsorgane. Entscheidungen f\u00fcr den gesamten \u201eFreien Rayon\u201c wurden von einer Delegierten-Vollversammlung, dem Rayonkongress, getroffen. Doch aufgrund der Kriegswirren kam er nur drei Mal zustande. Viele der beschlossenen Ma\u00dfnahmen wurden infolge des Krieges, durch die wei\u00dfe Konterrevolution, aber auch durch die Rote Armee verz\u00f6gert oder verhindert.<\/p>\n<p><strong>Zwei Methoden<\/strong><\/p>\n<p>Die Machno-Sowjets funktionierten trotz der sehr schwierigen Bedingungen und erfreuten sich breiter Unterst\u00fctzung der unteren Schichten \u2013 wie auch des Hasses aller Reaktion\u00e4re. Im Vergleich zu den Versuchen der Bolschewiki, sich strukturell auf dem Land zu verankern, waren die AnarchistInnen weit erfolgreicher. Das lag v.a. daran, dass sie (wie auch die Bolschewiki) eine konsequente Bodenreform zugunsten der Dorfarmut durchf\u00fchrten, jedoch nicht versuchten, die \u201egewachsenen\u201c Wirtschaftsstrukturen, v.a. den Agrarhandel und das Klein- und Mitteleigentum, zu zerst\u00f6ren und durch ein staatliches System zu ersetzen. Dadurch gab es nicht nur weniger Widerstand gegen \u201erevolution\u00e4re\u201c Ver\u00e4nderungen, es gab auch kein solches wirtschaftliches Chaos und den daraus folgenden R\u00fcckgang der Agrarproduktion, wie sie den bolschewistischen Landreformen stets folgten. Das oft r\u00fcde Vorgehen der Roten Armee gegen die Bauern (nicht nur die reichen) in der Nordukraine sprach sich schnell herum und sorgte daf\u00fcr, dass die anarchistische Machno-Bewegung von Vielen als die wirkliche Befreierin der Bauern angesehen wurde, w\u00e4hrend die Bolschewiki oft als neue Unterdr\u00fccker galten. Nicht zuletzt deshalb liefen auch nicht wenige Rotarmisten auf die Seite Machnos \u00fcber.<\/p>\n<p>Es ist fast bizarr: einerseits meinten die Bolschewiki \u2013 nicht ganz zu Unrecht -, dass die Bauern nicht in der Lage w\u00e4ren, als eigenst\u00e4ndige soziale Kraft aufzutreten; andererseits versuchten sie von Anfang an, die l\u00e4ndlichen Strukturen als \u201efeindlich\u201c zu zerst\u00f6ren \u2013 noch dazu, ohne einen eigenen Plan zu haben, was an deren Stelle treten sollte. Ein Beispiel f\u00fcr das konzeptionelle Versagen der Bolschewiki ist der Umstand, dass es bis 1926 keine Progressiv-Besteuerung gab \u2013 obwohl das schon im \u201eKommunistischen Manifest\u201c postuliert wurde. Der blutige H\u00f6hepunkt dieser agrarischen \u201eHasardpolitik\u201c, die sich als \u201erevolution\u00e4r\u201c ausgab, doch letztlich nur Ausdruck einer etatistisch-staatskapitalistischen Doktrin war, war dann Stalins Zwangskollektivierung.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki haben immer zu recht darauf verwiesen, dass ihr System der Zwangsabgaben von Getreide notwendig war, um die St\u00e4dte und die Rote Armee zu versorgen, weil die reicheren Bauern das Getreide zur\u00fcckhielten und horteten, um die Preise hoch zu treiben. Doch sie bzw. die linken Verteidiger dieser Politik verschweigen meist, dass der Boykott auch deshalb erfolgte, weil die Bolschewiki den privaten Getreidehandel verboten, es aber vers\u00e4umten, ein sinnvolles Steuersystem zu schaffen (was erst 1921 in Ans\u00e4tzen durch die N\u00d6P erfolgte). Sie zerst\u00f6rten den Markt, ohne ein anderes System etablieren zu k\u00f6nnen. Die Bauern jedoch handelten weiter \u201emarktgerecht\u201c: sie drosselten die nun nicht mehr handelbare Produktion und versuchten durch Verknappung, die Preise zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Das ist das fatale Ergebnis einer bolschewistischen Politik, die voluntaristisch ideologischen Pr\u00e4missen folgt, anstatt von der Realit\u00e4t und den wirklichen sozialen Ressourcen auszugehen, um nach und nach \u2013 statt abrupt \u2013 die sozialen Verh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern. Diese Politik ist Ausdruck des konzeptionellen Unverst\u00e4ndnisses der Besonderheiten der \u00dcbergangsgesellschaft, das auch aus der weitgehenden Missachtung dieser Frage im Schaffen von Marx und Engels resultiert, wo die Problematik der \u00dcbergangsgesellschaft nur kursorisch behandelt wurde. Sie dr\u00fcckt dar\u00fcber hinaus auch den Staatsfetischismus der II. Internationale aus, der allerdings in striktem Widerspruch zu Marx steht.<\/p>\n<p><strong>Die Machno-Armee<\/strong><\/p>\n<p>Machnos Streitmacht formierte sich zu Beginn des B\u00fcrgerkriegs. Sie k\u00e4mpfte v.a. gegen die \u201eWei\u00dfen\u201c, die auch vom westlichen Imperialismus unterst\u00fctzt wurden. Zugleich aber richtete sie sich gegen die ukrainischen b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte: Skoropadski und die \u201eGr\u00fcnen\u201c um Petljura. Auf ihrem H\u00f6hepunkt z\u00e4hlte die Machno-Armee \u00fcber 100.000 K\u00e4mpfer und kontrollierte ein Gebiet von 100.000 km\u00b2 mit etwa 7 Mill. BewohnerInnen.<\/p>\n<p>Anfangs war die Ausr\u00fcstung der Armee sehr schlecht, sp\u00e4ter verf\u00fcgte sie auch \u00fcber Artillerie und einige Panzerfahrzeuge aus Beutebest\u00e4nden. Sie stand unter dem Kommando von Nestor Machno, der sie straff f\u00fchrte und aus den anfangs \u201ewilden\u201c Haufen eine schlagkr\u00e4ftige Streitmacht schuf. Machno erwies sich als \u00e4u\u00dferst talentierter Befehlshaber, der v.a. die schnelle Verlegung der Kr\u00e4fte und den \u00dcberraschungsangriff meisterhaft beherrschte.<\/p>\n<p>Machno f\u00fchrte immer von vorn, oft war er der erste im Angriff und riss seine Leute mit. Mehrfach wurde er schwer verwundet. Die Machnoarmee genoss durch ihre Verwurzelung in der Bev\u00f6lkerung deren Unterst\u00fctzung und hatte dadurch auch logistische Vorteile. Die Pferde wurden bei den Bauern nicht requiriert, sondern \u2013 wie auch neuere Dokumente aus ukrainischen und russischen Archiven belegen -, mit Geld oder Naturalien bezahlt. Auch die Abgabe von Lebensmitteln f\u00fcr die Armee erfolgte \u00fcberwiegend freiwillig. Trotz des allgemeinen Mangels an Nahrung schickte Machno auch G\u00fcterz\u00fcge mit Getreide in die hungernden St\u00e4dte Moskau und Petrograd.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wei\u00dfen kannte Machno kein Pardon. Gefangene Offiziere wurden erschossen. Sogar Parlament\u00e4re des wei\u00dfen Generals Wrangel wurden exekutiert. Einfache Soldaten Denikins oder Wrangels jedoch lie\u00df man laufen oder reihte sie mitunter in die eigenen Kr\u00e4fte ein.<\/p>\n<p>Machno agierte, obwohl er weit schw\u00e4cher und schlechter ausger\u00fcstet war als die Wei\u00dfen, durchaus erfolgreich. Er kontrollierte weite Gebiete und band starke Kr\u00e4fte der Wei\u00dfen, was die Erfolge der Roten Armee im S\u00fcden beg\u00fcnstigte oder erst erm\u00f6glichte. In der offiziellen Geschichtsschreibung, die oft auf den Einsch\u00e4tzungen f\u00fchrender Bolschewiki gr\u00fcndet, wird Manchos Armee tw. als marodierender Haufen dargestellt, der milit\u00e4risch von einer Niederlage zur n\u00e4chsten getaumelt w\u00e4re und nur eine untergeordnete Rolle gespielt h\u00e4tte. Doch die Fakten \u00fcber den Verlauf des B\u00fcrgerkriegs in der Ukraine und viele Dokumente belegen das Gegenteil: Machno hat einen gro\u00dfen Anteil am Sieg \u00fcber die Konterrevolution in der Ukraine und auf der Krim. Auch die f\u00fcr die Sowjetmacht h\u00f6chst gef\u00e4hrlichen Vorm\u00e4rsche von Wrangel und Denikin auf Moskau konnten zur\u00fcckgeschlagen werden, weil Machno in deren R\u00fccken operierte, starke Kr\u00e4fte band und ihre Verbindungs- und Versorgungslinien zerschnitt.<\/p>\n<p><strong>Machno und die Bolschewiki: Feindliche Br\u00fcder<\/strong><\/p>\n<p>Es gab Phasen, in denen Machno und die Rote Armee Verb\u00fcndete waren, und es gab Phasen offener Feindschaft. Zu Beginn waren die Kontakte zwischen Machno und der Roten Armee durchaus freundschaftlich. Manche Anarchisten warfen Machno deshalb vor, zu vertrauensselig zu sein. Das \u00e4nderte sich jedoch schnell, nachdem die Bolschewiki \u2013 ohne Anlass \u2013 eine offen feindliche und repressive Haltung einnahmen. Am 10. April 1919 tagte der III. Rayonkongress in Gulai-Pole, dem Zentrum der Machnowschtschina. Volin schreibt dazu: \u201eIm Kongressb\u00fcro traf ein Telegramm des Kommandanten der bolschewistischen Division Dybenko ein. Dieses Telegramm erkl\u00e4rte den Kongress schlicht und einfach f\u00fcr \u201ekonterrevolution\u00e4r\u201c, und die, die ihn organisiert hatten, f\u00fcr \u201eau\u00dferhalb des Gesetzes\u201c stehend.\u201c (Volin, S. 517)<\/p>\n<p>Eine erste dramatische Zuspitzung des Konflikts mit der Roten Armee erfolgte im Juni 1919. Als der wei\u00dfe General Denikin seine Offensive startete, fiel die Rote Armee Machno, der im Kampf gegen Denikin stand, in den R\u00fccken. Im Befehl 1.824 vom 4.6.19 bezeichnet Trotzki die Machnowschtschina als \u201ekonterrevolution\u00e4r\u201c und ordnet die Verhaftung Machnos und aller Delegierten an. Als der wei\u00dfe General Wrangel vorr\u00fcckt, verb\u00fcndet sich Trotzki erneut mit Machno. Trotzdem lie\u00df er mehrmals zu, ja handelte mit Absicht so, dass die Wei\u00dfen Machno angreifen konnten, weil sich die Rote Armee ohne Not zur\u00fcckgezogen und die Front ge\u00f6ffnet hatte.<\/p>\n<p>Nachdem die Bolschewiki mit Hilfe Machnos den Kampf gegen die ukrainischen Reaktion\u00e4re und die Wei\u00dfen dann schlie\u00dflich gewonnen und ihre Macht gesichert hatten, liquidierten sie die Machnowschtschina endg\u00fcltig. Trotzki, der Chef der Roten Armee, befahl die Zerst\u00f6rung der D\u00f6rfer, welche loyal zu Machno standen. Dabei kam es zu massivem Terror gegen die Zivilbev\u00f6lkerung. Nach dem gemeinsamen Sieg \u00fcber die Wei\u00dfen auf der Krim 1922 \u00fcberfiel die Rote Armee die Machnok\u00e4mpfer, verhaftete oder t\u00f6tete sie. Der letzte Rayonkongress wurde von der \u201eSowjet\u201carmee auseinander getrieben und der Ort zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rische Kooperation zwischen Machno und der Roten Armee war einerseits notwendig, um den Kr\u00e4ften der \u201ewei\u00dfen\u201c Konterrevolution besser Paroli bieten zu k\u00f6nnen; sie war m\u00f6glich, weil die Verteidigung der Revolution und ihrer Ergebnisse, in der Ukraine v.a. die Landreform, ein gemeinsames Anliegen beider war.<\/p>\n<p>Die Gegnerschaft ergab sich daraus, dass die Bolschewiki die politischen und sozialen Freiheiten dramatisch einschr\u00e4nkten und das R\u00e4tesystem immer st\u00e4rker einer b\u00fcrokratischen Partei-Staats-Herrschaft unterordneten. Dazu kam, dass die Bolschewiki oft r\u00fccksichtslos gegen die Bauern vorgingen \u2013 nicht nur gegen den Adel und die Gro\u00dfbauern, sondern auch gegen Klein- und Mittelbauern.<\/p>\n<p>Hinter dem Konflikt zwischen Machno und den Bolschewiki steht aber im Grunde der Widerspruch zwischen einem freiheitlichen, auf demokratischer Selbstorganisation beruhenden Sozialismus und einem \u201eSozialismus\u201c unter der Knute eines Partei-Staats. Dieser \u201eSozialismus\u201c entwickelte sich dann innerhalb weniger Jahre zu einem so m\u00f6rderischen wie ineffizienten Staatskapitalismus. Zweifellos war diese Entwicklung von den Bolschewiki so nicht gewollt, doch nicht nur Lenins Gesellschaftsvorstellungen, wie sie in \u201eStaat und Revolution\u201c dargelegt sind, sondern umso mehr die praktische bolschewistische Politik ab 1921 belegen das. Nach dem Sieg im B\u00fcrgerkrieg im Fr\u00fchjahr 1921 war es m\u00f6glich und notwendig, das am Boden liegende Sowjet-System zu revitalisieren und den Terror des \u201eKriegskommunismus\u201c zu beenden. Doch Lenin und Trotzki taten \u2013 obwohl sie das Problem der B\u00fcrokratisierung durchaus erkannt hatten \u2013 das genaue Gegenteil. Jede Opposition wurde niedergeschlagen oder verboten, energische strukturelle Ma\u00dfnahmen gegen die aufkommende B\u00fcrokratisierung unterblieben. Immer wieder hatten viele MarxistInnen und AnarchistInnen auf diese Gefahren hingewiesen \u2013 ihre Kritik wurde missachtet.<\/p>\n<p><strong>Die Nationale Frage<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der nationalen Frage war der Kurs der Bolschewiki alles andere als angemessen. W\u00e4hrend man Finnland und die baltischen Gebiete nolens volens in die Unabh\u00e4ngigkeit entlie\u00df, verfuhr man gegen\u00fcber der Ukraine, die allerdings auch ein weit bedeutsamerer Teil \u201eGesamtrusslands\u201c war, ganz anders. Nach dem Brester Frieden im M\u00e4rz 1918 wurde die Ukraine selbstst\u00e4ndig \u2013 wenn auch auf Druck Deutschlands. Nach dem Abzug der Besatzer und dem Sieg der Roten Armee in der Ukraine, v.a. im Norden, Westen und in der Zentralregion im Jahr 1920 wurde die Ukraine in den Verbund Sowjetrusslands, ab 1922 der UdSSR, aufgenommen. Diese Entwicklung beendete die Unabh\u00e4ngigkeitstendenz der Ukraine, die bereits 1917 begonnen hatte.<\/p>\n<p>Auf dem 1. All-Ukrainischen Nationalkongress im April 1917 war die Zentralna Rada gew\u00e4hlt worden, die gesetzgebende Versammlung. In ihr waren die Bolschewiki und die Sozialrevolution\u00e4re die st\u00e4rksten Parteien. Im Juni 1917 forderte die Rada die Autonomie f\u00fcr die Ukraine \u2013 innerhalb einer russischen F\u00f6derative. Diese Forderung kollidierte aber mit den Zielen der Kerenski-Regierung. Ein Kompromiss lief dann darauf hinaus, dass beide Regierungen sich gegenseitig anerkannten \u2013 der nationale Status der Ukraine blieb gewisserma\u00dfen \u201eoffen\u201c.<\/p>\n<p>Im November 1917, nach dem Sturz Kerenskis, proklamierte die Rada die \u201eUkrainische Volksrepublik\u201c als autonomen Staat innerhalb des neuen Sowjetrussland. In diesen Wahlen bekamen die Bolschewiki 25% der Stimmen. Mitte Dezember organisierten die Bolschewiki einen Aufstand und die Rote Armee begann, die Ost- und S\u00fcdukraine zu besetzen. Ende Dezember fand in Charkow der 1. Kongress der Delegierten der Bauern-, Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te statt. Er erkl\u00e4rte die Beschl\u00fcsse der Rada f\u00fcr nichtig. Am 30. Dezember proklamierte das bolschewistische \u201eZentrale Exekutivkomitee der Sowjetukraine\u201c die \u201eUkrainische Volksrepublik der Sowjets\u201c \u2013 als Teil Sowjetrusslands.<\/p>\n<p>In den nicht von der Roten Armee beherrschten Gebieten \u2013 dem gr\u00f6\u00dften Teil der Ukraine \u2013 fanden kurz darauf, im Januar 1918, Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung statt. Dabei erhielten die b\u00fcrgerlich-nationalen Parteien 70% der Stimmen, die Bolschewiki nur 10%. Allerdings wurde das Gremium nie einberufen, so dass die Rada das Entscheidungsgremium blieb. Am 22. Januar 1918 erkl\u00e4rte die Rada (erneut) die volle staatliche Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine.<\/p>\n<p>Nach Aufst\u00e4nden und Gegenaufst\u00e4nden eroberte die Rote Armee schlie\u00dflich im Januar 1919 die Hauptstadt Kiew und die \u201eUkrainische Sozialistische Sowjetrepublik\u201c wurde ausgerufen. Im M\u00e4rz wurde die erste Verfassung verabschiedet und 1922 die \u201eUkrainische Sozialistische Sowjetrepublik\u201c Teil der neu gegr\u00fcndeten UdSSR.<\/p>\n<p>Aus diesen Fakten erhellt, dass eine eindeutige Mehrheit der UkrainerInnen die Unabh\u00e4ngigkeit oder mindestens die Autonomie der Ukraine wollte. Dahinter stand allerdings nicht eine grunds\u00e4tzlich anti-russische Haltung wie in Polen, das lange vom zaristischen Russland unterdr\u00fcckt worden war. Die Ukraine hingegen war \u2013 historisch gesehen \u2013 \u00fcber die russische \u201eSchutzmacht\u201c eher froh, weil sie ihr lange Schutz vor den permanenten Einf\u00e4llen \u00f6stlicher Reiterhorden geboten hatte.<\/p>\n<p>Die Haltung der UkrainerInnen gegen eine Eingliederung in die UdSSR und den Verlust der Selbstst\u00e4ndigkeit hatte v.a. damit zu tun, dass diese bedeutete, weitgehend den sozial-\u00f6konomischen Ver\u00e4nderungen nach \u201ebolschewistischem Schema\u201c ausgeliefert zu sein und jede nationale und demokratische Selbstbestimmung \u00fcber die sozialen Prozesse zu verlieren. Die UkrainerInnen gingen zu recht davon aus, dass eine massive Einschr\u00e4nkung der Demokratie, dass B\u00fcrokratisierung und Verstaatlichung, Zwangsabgaben usw. auf sie zukommen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Politik der Bolschewiki gegen\u00fcber der Ukraine war in mancher Hinsicht r\u00fccksichtslos und \u00fcberzogen. Das ist umso tragischer, als das einerseits gar nicht notwendig war, weil die revolution\u00e4re Dynamik auch in der Ukraine stattfand und keineswegs \u201eimportiert\u201c werden musste, und andererseits Kr\u00e4fte, die daf\u00fcr gewonnen werden konnten \u2013 die Mehrzahl der Landbev\u00f6lkerung \u2013 und Partner f\u00fcr dieselben Ziele vorhanden waren \u2013 die Machnobewegung \u2013 vor den Kopf gesto\u00dfen oder sogar eliminiert wurden.<\/p>\n<p>Welche fatalen Konsequenzen sich f\u00fcr die Ukraine bzw. f\u00fcr die proletarischen und b\u00e4uerlichen Massen daraus ergaben, dass sie ihre Souver\u00e4nit\u00e4t verloren hatten, zeigte sich sp\u00e4ter v.a. in Stalins Zwangskollektivierung. Gerade die Ukraine, die einstige \u201eKornkammer Europas\u201c, hatte die Konvulsionen von Krieg, B\u00fcrgerkrieg und Revolution gerade so \u00fcberstanden, als die Wahnsinns-Politik Stalins \u2013 und der Mehrheit des Parteiapparats inkl. der meisten \u201ealten\u201c Bolschewiki \u2013 die ukrainische Landwirtschaft durch die Zwangskollektivierung erneut ruinierte und zu Millionen Hungertoten und Vertriebenen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Vorbehalte und der Widerstand der Machnobewegung gegen das Vorgehen der Bolschewiki und deren \u201eStaats- und Parteisozialismus\u201c waren also verst\u00e4ndlich und nicht nur Ausdruck von \u201eBedenken\u201c gegen einzelne Ma\u00dfnahmen. Sie verk\u00f6rperten auch \u2013 und vor allem \u2013 das Streben nach einer sozialistischen Gesellschaft, in der die Menschen selbst direkt und demokratisch \u00fcber ihr Leben und \u00fcber die Entwicklung der Gesellschaft entscheiden k\u00f6nnen und dies nicht b\u00fcrokratischen Apparaten \u00fcberlassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In einer Deklaration des revolution\u00e4ren Kriegssowjets der Machno-Armee vom Oktober 1919 hei\u00dft es zur nationalen Frage:\u00a0<em>\u201eWenn wir von der Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine sprechen, so verstehen wir unter dieser Unabh\u00e4ngigkeit nicht etwa eine nationale Unabh\u00e4ngigkeit in der Art der Petljuraschen \u201eSelbstst\u00e4ndigkeit\u201c, sondern eine soziale und werkt\u00e4tige Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiter und Bauern.\u201c<\/em>\u00a0(Arschinoff, Geschichte der Machnobewegung, Unrast-Verlag M\u00fcnster 1998, S.215)<\/p>\n<p>Die Vernichtung der Machnowschtschina war insofern kein Akt der Verteidigung der Revolution, denn daf\u00fcr k\u00e4mpfte auch Machno, sondern Ausdruck einer terroristischen Machtpolitik im Dienste des Erhalts und Ausbaus der Macht der Partei- und Staatsb\u00fcrokratie. Der Untergang der Machnowschtschina war \u2013 wie die Niederschlagung der ArbeiterInnenstreiks im Fr\u00fchjahr 1921, die Liquidierung Kronstadts und die Ausschaltung der \u201eArbeiteropposition\u201c \u2013 ein weiterer Grabstein am Wege des Aufstiegs der B\u00fcrokratie von einer Kaste zu einer neuen Ausbeuterklasse in einem staatskapitalistischen System.<\/p>\n<p>Besonders tragisch ist dabei der Umstand, dass Trotzki u.a. Bolschewiki aktiv an dieser Politik mitgewirkt haben, ohne deren Konsequenzen zu wollen oder zu ahnen, und sp\u00e4ter selbst zu deren Opfern geh\u00f6ren sollten. Bei all den gro\u00dfen Verdiensten, die auch Trotzki am Sieg der Revolution und ihrer Verteidigung sowie im Kampf gegen Stalins konterrevolution\u00e4ren Kurs hat \u2013 er tr\u00e4gt auch eine Mitverantwortung an der Degeneration der Revolution und an den dabei ver\u00fcbten Verbrechen.<\/p>\n<p><strong>Wer war Machno?<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl von der \u201emarxistischen\u201c Geschichtsschreibung weitgehend ignoriert und oft verunglimpft, ist Nestor Machno zweifellos ein bedeutender Revolution\u00e4r. Dieses Attribut verdient er sich allein schon dadurch, dass er eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der Revolution und der Etablierung des Sowjetsystems in der S\u00fcd-Ukraine spielte und einen wichtigen Beitrag zur milit\u00e4rischen Verteidigung der Revolution gegen b\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte, die deutschen Besatzer und die wei\u00dfen konterrevolution\u00e4ren Gener\u00e4le leistete.<\/p>\n<p>Nestor Machno wurde 1888 in einer armen ukrainischen Bauernfamilie geboren und kannte daher die sozialen Probleme im Land und speziell in der Ukraine gut. Mit siebzehn begann er eine Lehre als Maler, sp\u00e4ter arbeitete er in einer Eisengie\u00dferei. Machno hatte nicht die M\u00f6glichkeit, sich viel schulische Bildung anzueignen. Aber er war schon als Jugendlicher politisch aktiv und kam durch die Revolution von 1905 mit dem Anarchismus in Ber\u00fchrung. Dabei wurde er v.a. von den Ideen Bakunins und Kropotkins, beide \u201eAnarcho-Kommunisten\u201c, beeinflusst.<\/p>\n<p>1908 wurde Machno wegen anarchistischer Aktivit\u00e4ten zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. In der Haft erkrankte er an TBC und ihm wurde ein Teil der Lunge entfernt. Erst durch die Februarrevolution 1917 kam er frei.<\/p>\n<p>Machno unterschied sich vom Typus deutlich von anderen russischen Revolution\u00e4rInnen, die meist Intellektuelle waren. Machno hingegen war und blieb immer ein Mann aus dem Volk, der dessen Lebensweise und Gepflogenheiten teilte. Er war ein charismatischer, aber zugleich bodenst\u00e4ndisch-b\u00e4uerlicher Typ. Nicht umsonst wurde er \u201eBatko\u201c (der B\u00e4r), genannt. Machno war f\u00fcr seine revolution\u00e4re Konsequenz, seinen Mut, sein Draufg\u00e4ngertum, seine Lebensfreude \u2013 und auch seine Trinkfestigkeit und Eskapaden bekannt, geachtet und \u201ebeliebt.\u201c<\/p>\n<p>Doch seine Person und die Rolle, die er in diesen dramatischen Jahren spielte, werden in der offiziellen Darstellung durch die Bolschewiki, danach unter dem Stalinismus wie auch noch heute bei vielen Linken rein negativ dargestellt \u2013 oder totgeschwiegen. Wie auch bei anderen Gelegenheiten (Kronstadt) waren sich Trotzki u.a. bolschewistische F\u00fchrer nicht zu schade daf\u00fcr, offensichtliche L\u00fcgen \u00fcber Machno und die Machnowschtschina zu verbreiten, um ihr Vorgehen zu begr\u00fcnden und ihre Widersacher zu diskreditieren.<\/p>\n<p>Zur Frage des Verh\u00e4ltnisses Machnos zu den Juden schreibt Arschinoff:\u00a0<em>\u201eIm Februar 1919 schlug Machno allen j\u00fcdischen Kolonien wegen einiger F\u00e4lle von antij\u00fcdischen Kundgebungen vor, einen Selbstschutz zu organisieren und h\u00e4ndigte jeder Kolonie die erforderlichen Gewehre und Patronen aus. Um diese Zeit organisierte er auch im ganzen Rayon eine Reihe von Versammlungen, in denen die Massen zum Kampf gegen das \u00dcbel des Antisemitismus aufgerufen wurden.\u201c<\/em>\u00a0(ebenda S. 217)<\/p>\n<p>Als Anarchist \u2013 genauer: Anarcho-Kommunist \u2013 trat Machno f\u00fcr den revolution\u00e4ren Sturz des Kapitalismus, die \u00dcberwindung des Privateigentums und f\u00fcr ein R\u00e4tesystem ein. Insofern teilte er durchaus die strategischen Ziele, mit denen 1917 auch die Bolschewiki angetreten waren. So wundert es nicht, dass Machno im Juni 1918 auf Vermittlung Swerdlows in Moskau auch Lenin traf, der ihn f\u00fcr seine bolschewistische Regierung in Charkow gewinnen wollte.<\/p>\n<p>Die andere Seite des Verh\u00e4ltnisses der Bolschewiki zu Machno wird aber u.a. in der Forderung von Kamenew u.a. f\u00fchrenden Bolschewiki deutlich, welche die Aufl\u00f6sung der anarchistischen Sowjets und Kommunen forderten. Damit ignorierten sie grundlegende Prinzipien der R\u00e4tedemokratie: die Freiwilligkeit und die Basisdemokratie. Was hier von Kamenew und Co. \u201eangedacht\u201c wurde, setzte Trotzkis Rote Armee dann sp\u00e4ter brutal um.<\/p>\n<p>Nach der Niederschlagung seiner Truppen durch die Rote Armee 1921 konnte Machno nach Paris fliehen. Dort lebte er in Armut, war aber weiter politisch aktiv. So traf er sich u.a. mit den bekannten spanischen Anarchisten Ascaso und Durruti, die in der Spanischen Revolution fielen und zu Legenden werden sollten. Durruti und sein Umfeld sind auch f\u00fcr ihre politische Ann\u00e4hrung an Trotzki bekannt geworden.<\/p>\n<p>Ab 1926 war Machno Mitautor des russischen Exilorgans \u201eDelo Truda\u201c (Arbeitersache) und Mitverfasser der \u201eOrganisatorischen Plattform der libert\u00e4ren Kommunisten\u201c. Diese Schrift war die politische Grundlage des \u201ePlattformismus\u201c, einer Str\u00f6mung des Anarchismus, die stark von den Erfahrungen der Machnowschtschina beeinflusst war und auf eine strengere Struktur der revolution\u00e4ren Organisation setzte. Von vielen damaligen AnarchistInnen wurden diese Ideen aber als Versuche einer \u201eHierarchisierung\u201c angesehen und als \u201eBolschewisierung\u201c des Anarchismus abgelehnt.<\/p>\n<p>Diese Fakten zeigen, dass der rigide Kampf der Bolschewiki gegen Machnos Bewegung und Ideen auch gerade jene Kr\u00e4fte im Anarchismus schw\u00e4chte, die ihnen am n\u00e4chsten standen und mit denen eine politische Kooperation und Diskussion m\u00f6glich und sinnvoll gewesen w\u00e4re. Anstatt die M\u00f6glichkeit und Notwendigkeit, den historischen Graben zwischen Marxismus und Anarchismus zu \u00fcberwinden, zu nutzen, haben die Borniertheit und der Terror der Bolschewiki diesen noch vertieft. In dieser unseligen Tradition stehen die meisten \u201eMarxistInnen\u201c leider noch heute.<\/p>\n<p>Verbittert, arm und krank starb Nestor Machno am 6. Juli 1934 an Tuberkulose. \u00dcber 500 Menschen nahmen an seinem Begr\u00e4bnis auf dem Pariser Friedhof Pere Lachaise teil, wo auch viele KommunardInnen von 1871 begraben sind.<\/p>\n<p>Quelle: &lt;<a href=\"https:\/\/aufruhrgebiet.de\/2019\/05\/machno-und-die-russische-revolution\/\">aufruhrgebiet.de&#8230;<\/a> vom 29. Mai 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanns Graaf. 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