{"id":5419,"date":"2019-05-31T11:40:01","date_gmt":"2019-05-31T09:40:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5419"},"modified":"2019-05-31T11:52:55","modified_gmt":"2019-05-31T09:52:55","slug":"fluchtursachenbekaempfung-hoert-sich-gut-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5419","title":{"rendered":"Fluchtursachenbek\u00e4mpfung h\u00f6rt sich gut an\u2026"},"content":{"rendered":"<p><em>Yovo. <\/em>Durchschnittlich werden in Afrika jeden Tag 15.000 Menschen innerhalb ihrer Landesgrenzen vertrieben, rechnete ein Ende 2017 ver\u00f6ffentlichter Bericht des Internal Displacement Monitoring Centre der Vereinten Nationen<!--more--> (IDMC) und des Norwegischen Fl\u00fcchtlingsrats (NRC) vor. Danach wurden 2016 in Afrika 3,9 Millionen Menschen intern vertrieben, rund 70 Prozent davon als Folge bewaffneter Konflikte. Die Gesamtzahl der Binnenvertriebenen in Afrika erreichte damit 12,6 Millionen. In der ersten Jahresh\u00e4lfte 2017 kamen noch mal 2,7 Millionen dazu. Und der Strom der Vertreibungen rei\u00dft seitdem nicht ab. Nicht zu vergessen die knapp 6,3 Mio. Fl\u00fcchtlinge in Afrika, die bis Ende 2017 Landesgrenzen passiert hatten (\u00fcber eine Million mehr als Anfang des Jahres).<\/p>\n<p>Spitzenreiter beim Vertreiben ist die Demokratische Republik Kongo, wo die EU 2006 erstmals eine \u201eautonom und im multinationalen Rahmen geplante milit\u00e4rische Operation\u201c zur Unterst\u00fctzung der Vereinten Nationen durchf\u00fchrte. Platz zwei belegt die Zentralafrikanische Republik, wo die EU vom M\u00e4rz 2008 bis M\u00e4rz 2009 durch einen \u201e\u00dcberbr\u00fcckungseinsatz zur Unterst\u00fctzung der UN-Mission MINURCAT\u201c mit tausenden Soldaten aus 14 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern f\u00fcr \u201enachhaltige Stabilit\u00e4t\u201c \u2013 sprich: reichlich Waffen und gut ausgebildete K\u00e4mpfer \u2013 sorgte. \u201eFluchtursachenbek\u00e4mpfung\u201c in der Praxis.<\/p>\n<p>Das zweite Standbein der Fluchtursachenbek\u00e4mpfung ist ein Migrationsmanagement in Afrika, das vor allem auf Abschottung setzt und so f\u00fcr die Migrierenden stetig die Kosten in die H\u00f6he treibt. Bezahlt wird mit immer mehr Geld f\u00fcr eine sichere Passage oder mit dem eigenen Leben.<\/p>\n<p>Die Bewegungsfreiheit aller Afrikaner*innen auf dem Kontinent ist ein zentrales Ziel staatlicher Zusammenarbeit auf dem Kontinent. In den Statuten aller Regionalorganisationen und der Afrikanischen Union ist sie verankert oder zumindest als Ziel formuliert. Doch auf Befehl des Imperialismus wird sie praktisch eingeschr\u00e4nkt oder verboten; Wanderungen \u00fcber Landesgrenzen, die \u2013 im Gegensatz zu den Landesgrenzen \u2013 eine jahrhundertealte Tradition haben, werden reglementiert und kriminalisiert. Vom Imperialismus abh\u00e4ngige Regime lassen die Menschen in der W\u00fcste verdursten. Algerien setzte z.B. mindestens 14.000 Migrant*innen in der Sahara aus \u2013 viele starben. Auch die Toten im Grenzgebiet zwischen Niger und Libyen, oder Tschad und Libyen, oder Sudan und Tschad, oder Eritrea und Sudan, oder Marokko und Algerien, oder, oder, oder \u2026 kann niemand mehr z\u00e4hlen. An den K\u00fcsten Senegals verfolgen spanische Grenzsch\u00fctzer Migrant*innen \u201efast so, als sei dies hier ihr eigenes Land\u201c schreibt die taz. Imperialistische Konzerne verkaufen biometrische P\u00e4sse, Grenzanlagen und Repressionsutensilien. Die Z\u00e4une von Melilla und Ceuta, an der einzigen europ\u00e4isch-afrikanischen Landgrenze, sind immer wieder Orte heftigster Auseinandersetzungen. Nicht immer k\u00f6nnen die spanischen Beh\u00f6rden die Einreise verhindern, aber es gibt viele Verletzte und Tote.<\/p>\n<p>Mit der Effektivit\u00e4t der Abschottung steigen die Profite der Transportdienstleister, die im Norden als Menschenh\u00e4ndler und -schmuggler verunglimpft werden.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Und h\u00f6here Profitraten ziehen mehr Dienstleistungsanbieter an \u2026<\/p>\n<p>V\u00f6llig entrechtete Migrant*innen werden versklavt, als Sexarbeiter*innen ausgebeutet oder erledigen andere oft sehr gef\u00e4hrliche Jobs, die sonst niemand erledigen w\u00fcrde. Wie z.B. die sudanesischen Fl\u00fcchtlinge, die ihr Leben in prek\u00e4ren Goldminen in der tschadischen W\u00fcste riskieren, in der Hoffnung gen\u00fcgend Gold zur Finanzierung der Weiterreise zu finden, nachdem die EU die Finanzierung der Fl\u00fcchtlingslager, in denen sie leben, eingestellt hatte. Wie in S\u00fcdeuropa wird z.B. auch in Algerien die Bau- und Landwirtschaft durch preiswerte illegalisierte Arbeiter*innen am Laufen gehalten. Die von der EU in Afrika geplanten Auffanglager werden diese Tendenz verst\u00e4rken, weswegen sie in Algerien auch schon treffenderweise \u201eSklavenm\u00e4rkte\u201c genannt werden.<\/p>\n<p>Es wirkt da fast schon wie Hohn, dass dar\u00fcber hinaus in einigen St\u00e4dten Afrikas sogenannte Migrationsberatungszentren, die vom deutschen Entwicklungshilfeministerium finanziert werden, \u00fcber \u201elegale Migrationswege\u201c nach Europa \u201eaufkl\u00e4ren\u201c \u2013 die es nicht gibt.<\/p>\n<p>Das dritte Standbein der Fluchtursachenbek\u00e4mpfung ist die sogenannte \u201eEntwicklungspolitik\u201c.<\/p>\n<p>Noch leben 80% der Bev\u00f6lkerung Sub-Sahara Afrikas auf dem Land. Davon sind laut AU 268 Millionen Nomad*innen, aber deren Zahl nimmt rapide ab. Die Lebensr\u00e4ume von Hirtennomaden und Subsistenzb\u00e4uer*innen werden durch industrielle Landwirtschaft, Infrastrukturprojekte, das Wuchern der kapitalistischen St\u00e4dte, Tourismus, \u201eNaturschutz\u201c, Klimawandel, die leichte Verf\u00fcgbarkeit von Waffen und Krieg \u2013 sprich: vielf\u00e4ltige kapitalistische Angriffe \u2013 zerst\u00f6rt . Das stellt die Menschen h\u00e4ufig vor die Alternative aufgeben oder k\u00e4mpfen: Lohnarbeit, Krieg, Kriminalisierung.<\/p>\n<p>Das ganze Gerede von Entwicklung, Nachhaltigkeit, F\u00f6rderung der Privatinitiative und der angeblichen Unf\u00e4higkeit der Subsistenzlandwirtschaft, die afrikanische Bev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren, soll nur dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass in den Augen der Kapitalisten das Land nicht dazu dienen soll, die Armen zu ern\u00e4hren, sondern Profite zu erwirtschaften.<\/p>\n<p>In den meisten afrikanischen Staaten wird die Wirtschaft durch Imperialisten, Milit\u00e4rs, protostaatliche Banden und nepotistische Netzwerke<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> kontrolliert, die eng miteinander verwoben sind (beim Thema Bad Governance werden die Imperialisten in der Regel \u201evergessen\u201c). Milit\u00e4rs, Milizen und (Schlepper-)Banden werden zu Wirtschaftsunternehmen und gro\u00dfz\u00fcgig aus dem Norden gesponsert. Alleine Italien will in Libyen bis zu 4,2 Milliarden Euro investieren, ein Land, dessen Wirtschaft komplett in den H\u00e4nden von Milizen und Schlepperbanden liegt. Wie \u00fcberall auf der Welt, entstehen kapitalistische Strukturen aus Blut und Krieg.<\/p>\n<p>Ein Schwerpunkt der deutschen Investitionen in Afrika ist Tunesien: Mehr als 350 Mio. \u20ac haben deutsche Unternehmer bislang in das Land investiert, um dort 55.000 Menschen f\u00fcr Billigl\u00f6hne schuften lassen. Die Zahl der Auswanderer*innen steigt gleichzeitig kontinuierlich an.<\/p>\n<p>In den Jahren nach der Finanzkrise 2008 floss besonders viel Geld nach Afrika. Afrikanische Staatsanleihen wurden in der Hoffnung auf anhaltend hohe Rohstoffpreise zum Verkaufsschlager. Als die Preise fielen, war der Boom vorbei. Zwischen 2012 und 2016 sind die afrikanischen Exporte in die EU um ein Drittel zur\u00fcckgegangen. Nicht unbedingt, weil weniger Waren exportiert wurden, sondern vor allem, weil weniger bezahlt wurde. Ein Jahrzehnt nach dem letzten gro\u00dfen Schuldenerlass drohen heute wieder Staatsbankrotte, und auf dem ganzen Kontinent werden Sozialausgaben gek\u00fcrzt. Jetzt flie\u00dfen z.B. weniger als 1% der nigerianischen Regierungsausgaben in das Gesundheitswesen \u2013 aber rund 25% in den Schuldendienst.<\/p>\n<p>Es wird deutlich: das Gerede von der Fluchtursachenbek\u00e4mpfung ist reiner Bullshit. Dem Imperialismus kann es nicht darum gehen, dass Menschen ein Recht haben, nicht vertrieben zu werden. In seiner Logik m\u00fcssen Menschen in Wert gesetzt werden.<\/p>\n<p>Die Verweigerung vieler Rechte f\u00fcr als \u201eAusl\u00e4nder\u201c definierte B\u00fcrger*innen (?) in den imperialistischen Staaten, die h\u00e4ufig errichteten t\u00f6dlichen H\u00fcrden auf der Flucht in den Norden und die Vertreibungen der Menschen im S\u00fcden stellen keine Widerspr\u00fcche dar. Die Brutalit\u00e4t auf den Schlachtfeldern im S\u00fcdsudan, zwischen dem Terror von Nigerias Milit\u00e4rs und Boko Haram, in den \u201eKonzentrationslagern\u201c (so nennt die deutsche Diplomatie das) Libyens, das Verdursten lassen in den W\u00fcstengegenden oder der Todeskampf auf den Wellen des Mittelmeers sollen auf einen einzigen m\u00f6glichen Ausweg hinweisen: Wenn du dich anstrengst und dann noch Gl\u00fcck hast, darfst du dich verwerten lassen.<\/p>\n<p><strong>Wenn nicht, Pech gehabt: \u00dcberfl\u00fcssig!<\/strong><\/p>\n<p>Dass dieser brutale Zynismus immer wieder an vielf\u00e4ltigen Widerstandsformen scheitert, ist die andere Seite der Medaille.<\/p>\n<p>Im Norden Mosambiks konnten z.B. B\u00e4uer*innen ein riesiges Entwicklungsprojekt mit dem Namen \u201eProSavanna\u201c mit vielf\u00e4ltigen Aktionen und internationalem Support (bislang) verhindern. Auf 14 Millionen Hektar (ungef\u00e4hr ein Drittel der Gesamtfl\u00e4che der BRD) sollten Cash Crops wie Soja, Baumwolle und Mais f\u00fcr den Weltmarkt angebaut werden. Die Kleinb\u00e4uer*innen \u2013 ungef\u00e4hr 5 Mio. Personen \u2013 sollten ihre traditionellen Anbaumethoden aufgeben und der Intensivlandwirtschaft auf der Basis von Lohnarbeit, privatem Grundbesitz, kommerziellem Saatgut und Pestiziden das Feld \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Unter einem Mangobaum in Nakarari, irgendwo im Buschland, rund 2000 Kilometer n\u00f6rdlich der mosambikischen Hauptstadt Maputo entfernt, sitzen rund vierzig M\u00e4nner und Frauen auf der Erde oder auf wackligen Holzb\u00e4nken. Die Kinder, die um sie herumwuseln, h\u00fcpfen jedes Mal wie Flummis in die Luft, wenn sich eine Mango vom Ast l\u00f6st. Das Wort \u201eProSavana\u201c braucht man nur zu erw\u00e4hnen, und schon verfinstern sich die Mienen. \u201eSie k\u00f6nnen tausendmal hier auftauchen \u2013 sie werden uns nie \u00fcberzeugen\u201c, erkl\u00e4rt der Bauer Agostinho Mocernea lautstark. Sein Kollege Jeremiah Vunjane bekundet seine Zufriedenheit \u00fcber den \u201ehistorischen Sieg\u201c, bleibt aber vorsichtig: \u201eDie Regierung schl\u00e4gt inzwischen andere T\u00f6ne an. Aber wir bleiben auf der Hut.\u201c<\/p>\n<p>Lasst uns lieber solche Widerst\u00e4ndigkeiten unterst\u00fctzen. Und den Imperialismus bek\u00e4mpfen \u2013 anstatt irgendwelche omin\u00f6sen, angeblichen Fluchtursachen.<\/p>\n<p>Und \u00fcbrigens: niemand sollte das Recht haben, andere als Ausl\u00e4nder zu definieren!<\/p>\n<p><strong>Gescheitertes ProSavana-Projekt in Nord-Mosambik<\/strong><\/p>\n<p>Afrika war schon immer ein Kontinent des Bewegens \u2026 des Weggehens, des Ankommens, des Weiterwanderns, des Wiederkommens. Die Eingebundenheit in soziale Strukturen bewirkt, dass diese Mobilit\u00e4t als kollektiver Prozess gelebt wird. Der Krieg, die Not oder das Abenteuer, Gr\u00fcnde wegzugehen gibt es zahlreiche. Doch die Katastrophen der letzten Jahrzehnte, vor allem auch die restriktive Migrationspolitik der Metropolen, blockieren zunehmend die Option des Wiederkommens f\u00fcr den \u00e4rmeren Teil der Migrierenden. Diese Katastrophen f\u00f6rdern das Schleppertum, die Verschuldung, und selektieren gnadenlos die \u201eFittesten\u201c auf dem Weg in die Fl\u00fcchtlingslager des S\u00fcdens, durch die Sahara in den Norden des Kontinents oder im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa. Jene, die Europa lebend erreichen, h\u00e4ufig traumatisiert, immer mit furchtbaren Erfahrungen im Gep\u00e4ck, sind der Repression und Entrechtung sowie anderen Formen der Gewalt noch l\u00e4ngst nicht entkommen. Ausgeschlossen vom regul\u00e4ren Arbeitsmarkt, getrieben von der Notwendigkeit, jede Arbeit zu \u00fcbernehmen, um die Schulden abzuzahlen und das Schicksal der Lieben zu Hause zu erleichtern, werden sie gezwungen, die Konkurrenz in den prek\u00e4ren Sektoren des Arbeitsmarktes anzuheizen. Egal welche Ausbildung oder Vorerfahrung sie haben, als Facharbeiter m\u00fcssen sie erst sozialisiert werden. (uMlungu)<\/p>\n<p>Sie versuchen, diese Bewegungsfreiheit einzuschr\u00e4nken, unter ihre Kontrolle zu kriegen. Doch heute sind mehr Menschen unterwegs als jemals zuvor.<\/p>\n<p><em>Mitte April k\u00fcndigte die EU an, dass \u201c50 000 Personen, die internationalen Schutz ben\u00f6tigen\u201d, in Europa neuangesiedelt werden sollen. Die Neuansiedlungen sollen bis Herbst 2019 durchgezogen werden. Vor allem Fl\u00fcchtlinge aus Libyen, \u00c4gypten, Niger, Sudan, Tschad und \u00c4thiopien sollen angesprochen werden. Mit den Ansiedlungen soll einerseits dem \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c und den \u201ewachsenden Problemen infolge der alternden Gesellschaften\u201c entgegengewirkt und andererseits gleichzeitig sollen Anreize f\u00fcr irregul\u00e4re Migration reduziert werden. Die Bundesregierung in Berlin habe die Zusage erteilt, dass Deutschland 10.000 Fl\u00fcchtlinge aufnehme. Andere Mitgliedstaaten h\u00e4tten die Aufnahme von insgesamt 40.000 Fl\u00fcchtlingen zugesagt. Mit dem Umsiedlungsprogram soll auch der Mechanismus f\u00fcr die Evakuierung von Fl\u00fcchtlingen aus Libyen unterst\u00fctzt werden. Schlie\u00dflich sprach selbst die deutsche Botschaft im Niger davon, dass dort die Fl\u00fcchtlinge in \u201eKZ-\u00c4hnlichen Verh\u00e4ltnissen\u201c gehalten werden. Und Videos bei CNN \u00fcber Sklavenm\u00e4rkten in Libyen sorgten letztes Jahr international f\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen. Eines ist offensichtlich: die Ansiedlung von 50.000 Menschen in der EU \u2013 so sie denn je realisiert wird \u2013 wird weder dem \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c und den \u201ewachsenden Problemen infolge der alternden Gesellschaften\u201c entgegenwirken, noch Millionen von Menschen \u00fcberzeugen, dass irregul\u00e4re Migration in die EU keine sinnvolle Option.<\/em><\/p>\n<p>Ende letzten Jahres ver\u00f6ffentlichten die beiden taz-Autor*innen Christian Jakob und Simone Schlindwein das Buch Diktatoren als T\u00fcrsteher Europas. Sie interviewten unter anderem zahlreiche Parlamentarier*innen (Linke, Gr\u00fcne, SPD,), Hilfsorganisationen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und einige Alt-Autonome (Ex-Autonome?) f\u00fcr die Recherche. Die Botschaft des Buches ist eindeutig: Indem die EU afrikanischen Regierungen, darunter \u201eDiktatoren\u201c, Milit\u00e4r- und Wirtschaftshilfe in im Milliardenh\u00f6he zukommen l\u00e4sst, deren Repressionskr\u00e4fte ausbildet und unterst\u00fctzt, mache sie sich mitschuldig an den schweren Menschenrechtsverletzungen, die diese Regimes zu verantworten haben. Das Buch ist eine umfassende Darstellung der aktuellen europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik in Afrika, sauber recherchiert, faktenreich und lesenswert, keine Frage. Kein Skandal wird ausgeklammert, kein Verbrechen besch\u00f6nigt. Das Buch wird mittlerweile von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung f\u00fcr 4,50 \u20ac angeboten, sozusagen von amtlicher Stelle f\u00fcr die \u201ekritische Auseinandersetzung\u201c empfohlen.<\/p>\n<p><strong>Lesetipps:<\/strong><\/p>\n<p>Anderson, Bridged\/ Sharma, Nandita\/ Wright, Cynthia; \u201cWe are all Foreigners\u201d: \u201eNo Borders\u201c als praktisches politisches Projekt; izidaba.info (im erscheinen); original: Anderson, Bridged\/ Sharma, Nandita\/ Wright, Cynthia; \u201cWe are all Foreigners\u201d: No Borders as a Practical Political Project,\u201d in: Nyers, Peter\/ Rygiel, Kim (eds.); Citizenship, Migrant Activism and the Politics of Movement; New York 2014: S. 73-91<\/p>\n<p>Benz, Martina\/ Schwenken, Helen; Jenseits von Autonomie und Kontrolle: Migration als eigensinnige Praxis; in: Prokla 140; 3\/2005; S. 363-377:<a href=\"http:\/\/www.prokla.com\/Volltexte\/140Benz_Schwenken.rtf\">www.prokla.com\/Volltexte\/140Benz_Schwenken.rtf<\/a><\/p>\n<p>Federici, Silvia; Aufstand aus der K\u00fcche; M\u00fcnster 2012<\/p>\n<p>Foucault, Michel; Die Gouvernementalit\u00e4t; in: Br\u00f6ckling, Ulrich, Krassmann, Susanne\/ Lemke, Thomas; Gouvernementalit\u00e4t der Gegenwart; Frankfurt\/ M. 2000; S. 41ff.<\/p>\n<p>Hartmann, Detlef; Alan Greenspans endloser \u201eTsunami\u201c; eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht;Berlin\/ Hamburg 2015.<\/p>\n<p>Holloway, John, Kapitalismus aufbrechen, M\u00fcnster 2010<\/p>\n<p>Jakob, Christian\/ Schlindwein, Simone; Diktatoren als T\u00fcrsteher Europas; Berlin 2017<\/p>\n<p>Khider; Abbas; Ohrfeige; Berlin 2016<\/p>\n<p>Liberti, Stefano; Soja? Nein danke; Im Norden von Mosambik war das gr\u00f6\u00dfte Agrobusinessprojekt Afrikas geplant. Doch dann begannen sich die Bauern zu wehren; Le Monde diplomatique vom 12.07.2018;\u00a0<a href=\"https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5518101\"><strong>https:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5518101<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Ortiz, Isabel\/ Burke, Sara\/ Berrada, Mohamed\/ Cort\u00e9s, Hern\u00e1n; Weltweite Proteste 2006-2013; Arbeitsdokument der Initiative for Policy Dialogue und der Friedrich-Ebert-Stiftung New York, September 2013;\u00a0<a href=\"http:\/\/www.fes-globalization.org\/new_york\/wp-%09content\/uploads\/2014\/02\/World_Protests_2006-2013_Executive_Summary-German.pdf\">http:\/\/www.fes-globalization.org\/new_york\/wp- content\/uploads\/2014\/02\/World_Protests_2006-2013_Executive_Summary-German.pdf<\/a><\/p>\n<p>Pienig, G\u00fcnter; \u00abDie Arbeiter sind total unzuverl\u00e4ssig!\u00bb; Peter Birke zum Verh\u00e4ltnis von betrieblichen K\u00e4mpfen und Migration;<a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/14790\/die-%09arbeiter-sind-total-unzuverlaessig\/\">https:\/\/www.rosalux.de\/publikation\/id\/14790\/die- arbeiter-sind-total-unzuverlaessig\/<\/a>\u00a0Mai 2017<\/p>\n<p>uMlungu; Afrika \u2013 Kontinent der K\u00e4mpfe;\u00a0<a href=\"http:\/\/izindaba.info\/39.0.html?&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=314&amp;cHash=9bb60c181f33c9dbafcff2f4956efe35\">http:\/\/izindaba.info<\/a>; 07.04.2017<\/p>\n<p><strong><em>*Gebrauch des Begriffs \u201eImperialismus\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Gebrauch des Begriffs \u201eImperialismus\u201c ist in der Redaktion nicht unumstritten. Konsens herrscht dar\u00fcber, dass der Begriff in dem Zusammenhang, wie er hier gebraucht wird, sich weder auf das \u201eZeitalter des Imperialismus\u201c (ca. 1870 bis 1918) in der b\u00fcrgerlichen Geschichtsschreibung, noch auf Lenins \u201eh\u00f6chstem Stadium des Imperialismus\u201c bezieht. Gerade letztere Verwendung von leninistisch inspirierten Gruppen in den aktuellen linken Debatten, inclusive der Begriffsverwirrungen durch die Kontroverse zwischen sogenannten Antideutschen und sogenannten Antiimperialist*innen, sind sicherlich ein Grund, warum der Gebrauch des Begriffs kritisch zu hinterfragen ist.<\/p>\n<p>Ich benutze den Begriff stattdessen in dem Sinn, wie er von der Zeitschrift \u201eAutonomie \u2013 Neue Folge\u201c besonders in den Heften 10 (Antiimperialismus in den 80er Jahren) und 11 (Imperialismus in den Metropolen) Anfang der 1980er Jahre entwickelt wurde, und in den nachfolgenden Jahrzehnten durch konkrete K\u00e4mpfe und kritischen Auseinandersetzungen weiter entwickelt wurde.<\/p>\n<p>In diesem Sinne begreife ich Imperialismus weniger als System denn als Strategie im sozialen Krieg auf der Grundlage von unterschiedlichen Niveaus bzw. Kosten der Reproduktion. Die imperialistische Strategie zielt einerseits darauf, in den Metropolen durch materielle Zugest\u00e4ndnisse an k\u00e4mpfende Unterklassen (z.B. vergleichsweise preiswerte Lebensmittel, Textilien, Erd\u00f6lprodukte) m\u00f6glichst gro\u00dfer Teile dieser zu befrieden. Andererseits zielt diese Strategie darauf, in der Peripherie immer neue Regionen und Sektoren in Wert zu setzen, und gleichzeitig die Kosten der Reproduktion dort weitgehend zu dr\u00fccken oder gar nicht zu bezahlen.<\/p>\n<p>Der zweite Grund, warum uns die Verwendung des Begriffs \u201eImperialismus\u201c problematisch erscheint, ist, dass angesichts<\/p>\n<ul>\n<li>extremer Armut in den Metropolen und extremen Reichtums in den peripheren L\u00e4ndern des Trikonts,<\/li>\n<li>neuer imperialistischer Akteure aus L\u00e4ndern wie China, Russland, Saudi-Arabien, T\u00fcrkei, Malaysia usw.,<\/li>\n<li>und des aufkommenden \u201eZeitalters des \u00dcberwachungskapitalismus\u201c (um eine Formulierung von Shoshana Zuboff vorl\u00e4ufig zu \u00fcbernehmen)<\/li>\n<\/ul>\n<p>die Nord-S\u00fcd-Dichotomie, die der Begriff \u201eImperialismus\u201c beinhaltet, unangemessen ist.<\/p>\n<p>Der dritte und vielleicht schwerwiegendste Grund, warum uns die Verwendung des Begriffs \u201eImperialismus\u201c problematisch erscheint, ist dass die Verwendung des Begriffs die Reichhaltigkeit der sozialen K\u00e4mpfe, deren Widerspr\u00fcchlichkeit, die antipatriarchalen und antirassistischen Kritiken an traditionellen Linken Widerstandkonzepten eher verdecken als sichtbar machen kann.<\/p>\n<p>Ich verwende den Begriff trotzdem, vor allem aus dem einfachen Grunde, weil wir keinen besseren haben, um die Strategie im sozialen Krieg, die auf unterschiedlichen Niveaus bzw. Kosten der Reproduktion basiert, zu beschreiben. Ich tue das in der Hoffnung, dass die Leser*innen bei dem Begriff nicht an Lenin denken, sondern an die Reichhaltigkeit der sozialen K\u00e4mpfe, deren Widerspr\u00fcchlichkeit, und an die antipatriarchalen und antirassistischen Kritiken an traditionellen Linken Widerstandkonzepten.<\/p>\n<p><strong>\u201eSoziale Nicht-Bewegungen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ob der Begriff \u201eSoziale Nicht-Bewegungen\u201c so gl\u00fccklich gew\u00e4hlt ist, sei einmal dahingestellt. Eigentlich ist damit\u00a0<strong>nicht<\/strong>\u00a0das Gegenteil von \u201eBewegen\u201c eben \u201eNicht Bewegen\u201c gemeint, dass was der amerikanische Anthropologe James Scott als \u201eEveryday Forms of Resistance\u201c als \u201eallt\u00e4gliche Formen des Widerstandes\u201c beschrieben hat. Wichtig ist, dass der Begriff, wie Bayat ihn gebraucht, das was meist in der politischen Debatte unsichtbar bleibt, sichtbar macht: eben jene \u201eallt\u00e4gliche Formen des Widerstandes\u201c, die es nicht in die Schagzeilen schaffen, aber auf Dauer in enormes Ver\u00e4nderungspotential bergen.<\/p>\n<p>Scott, James; Weapons of the Weak: Everyday Forms of Peasant Resistance; New Haven\/ London 1985<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.the-hydra.world\/index.php\/2019\/04\/21\/1-5-fluchtursachenbekampfung-hort-sich-gut-an\/\"><em>hydra.world&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Mai 2019<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Damit soll nicht behauptet werden, dass diese Gesch\u00e4ftemacher ehrenwerte Motive haben (was Gesch\u00e4ftemachern sowieso niemals unterstellt werden sollte). Aber es soll behauptet werden, dass deren Gesch\u00e4ftsmodell\u00a0<strong>ausschlie\u00dflich<\/strong>\u00a0auf der Abschottungspolitik des Nordens beruht. Die deutsche Geschichte bietet hier ausnahmsweise einmal ein positives Beispiel: Nach der \u00d6ffnung der Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland brach das Gesch\u00e4ftsmodell des Menschenschmuggels dort sofort zusammen. Effektiver kann Menschenschmuggel nicht bek\u00e4mpft werden. Ein Beispiel, das zu Nachahmung anregt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> D.h. auf Verwandtschaft im weitesten Sinne beruhende Netzwerke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yovo. Durchschnittlich werden in Afrika jeden Tag 15.000 Menschen innerhalb ihrer Landesgrenzen vertrieben, rechnete ein Ende 2017 ver\u00f6ffentlichter Bericht des Internal Displacement Monitoring Centre der Vereinten Nationen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[96,87,52,18,22,49,17],"class_list":["post-5419","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-afrika","tag-arbeitswelt","tag-fluechtlinge","tag-imperialismus","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5419"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5420,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5419\/revisions\/5420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}