{"id":5427,"date":"2019-06-01T08:48:25","date_gmt":"2019-06-01T06:48:25","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5427"},"modified":"2019-06-01T08:48:25","modified_gmt":"2019-06-01T06:48:25","slug":"jacobin-herausgeber-bhaskar-sunkara-macht-sich-zum-narren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5427","title":{"rendered":"Jacobin-Herausgeber Bhaskar Sunkara macht sich zum Narren"},"content":{"rendered":"<p><em>Joseph Kishore.<\/em> Die\u00a0<em>New York Times<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichte am Mittwoch ein Interview und eine Diskussion mit dem Herausgeber von\u00a0<em>Jacobin<\/em>, Bhaskar Sunkara, und den Kolumnisten Michelle Goldberg, Ross Douthat und<!--more--> David Leonhardt, die unter der \u00dcberschrift \u201eDie Vereinigten Staaten des Sozialismus?\u201c ver\u00f6ffentlicht wurden. Sunkara ist eine f\u00fchrende Figur der Demokratischen Sozialisten Amerikas (DSA), mit denen\u00a0<em>Jacobin<\/em>\u00a0verbunden ist. Goldberg und Leonhardt sind beide konservative Demokraten, w\u00e4hrend Douthat ein konservativer Republikaner ist.<\/p>\n<p>Wer glaubt, dass Sunkara als Einzelperson,\u00a0<em>Jacobin<\/em>\u00a0als Publikation oder die DSA als Organisation etwas mit Sozialismus, Marxismus oder \u2013 Gott bewahre \u2013 Revolution zu tun haben, sollte sich genau anh\u00f6ren, was\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/05\/30\/opinion\/the-argument-socialism-bernie-sanders.html\"><strong>die Diskussion<\/strong><\/a> zwischen Sunkara und Goldberg und die Zusammenfassung der drei Kolumnisten bereit hielt.<\/p>\n<p>Trotzki sprach einmal vom F\u00fchrer der Sozialistischen Partei in den USA, Morris Hillquit, als \u201eder ideale sozialistische F\u00fchrer f\u00fcr erfolgreiche Zahn\u00e4rzte\u201c. Trotzki, der Revolution\u00e4r, hatte Hillquits Ruf einen gezielten und unvergesslichen Schlag versetzt. Aber um Morris Hillquit (1869-1933) gegen\u00fcber gerecht zu bleiben, war er in den fr\u00fchen Jahren des amerikanischen Sozialismus vor dem Ersten Weltkrieg eine wichtige Figur, die eine bedeutende, wenn auch reformistische politische Tendenz widerspiegelte. Er besa\u00df ein umfassendes Wissen \u00fcber die Geschichte der Arbeiterbewegung und war der marxistischen Theorie gegen\u00fcber nicht gleichg\u00fcltig. Er lehnte den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg ab und verteidigte Kriegsgegner, die von der Wilson-Regierung verfolgt wurden.<\/p>\n<p>Sunkara \u00e4hnelt Hillquit h\u00f6chstens als Karikatur, ohne die intellektuell und politisch ernstzunehmenden Eigenschaften des alten Sozialreformers des sp\u00e4ten 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Sunkara \u2013 der sich durch das Interview scherzt und kichert \u2013 wirkt als der \u201eideale sozialistische F\u00fchrer\u201c f\u00fcr liberale Investoren, gut bezahlte und gut gestellte Akademiker und andere Teile der oberen Mittelschicht, die aufrichtig glauben, dass ein Teil des Geldes, das an der Spitze der kapitalistischen Gesellschaft herum schwimmt, gerechter unter denen verteilt werden sollte, die innerhalb der obersten zehn Prozent der Einkommensschichten liegen. Und ja, f\u00fcr diejenigen, die sich w\u00fcnschen, dass etwas getan werden sollte, um die sozialen Bedingungen in den Vereinigten Staaten zu verbessern, ohne dem kapitalistischen System dabei irreparablen Schaden zuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>In Sunkaras Bemerkungen ist keine Spur von einer theoretisch und historisch fundierten Kritik des Kapitalismus und der zeitgen\u00f6ssischen Gesellschaft zu finden. Seine Ansichten sind eine eklektische Mischung aus Eindr\u00fccken und Meinungen. Sunkaras Bemerkungen, die in den letzten Jahren von der\u00a0<em>New York Times<\/em>\u00a0als eine der wichtigsten intellektuellen Kr\u00e4fte auf der politischen Linken gef\u00f6rdert wurden, zeigen seine Oberfl\u00e4chlichkeit. In dem Ma\u00dfe, in dem er versucht, sich als sozialistischer Stratege darzustellen, macht er sich zum Narren.<\/p>\n<p>Politisch gesehen ist die offensichtlichste Schlussfolgerung aus dem Interview, dass Sunkara kaum mehr ist als ein gem\u00e4\u00dfigter Demokrat. Daf\u00fcr erh\u00e4lt er das Lob der demokratischen und republikanischen Kommentatoren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Sunkara seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftskampagne von Bernie Sanders bekundet, erkl\u00e4rt er auch, dass er Elizabeth Warren unterst\u00fctzen wird, falls sie Sanders besiegt und Joe Biden, wenn er schlie\u00dflich der Kandidat der Demokratischen Partei sein sollte. \u201eIch denke, die Mentalit\u00e4t muss darin bestehen, die Leute aufzufordern, f\u00fcr Joe Biden zu stimmen, besonders in Swing States\u201c, also Staaten mit unklaren Mehrheitsverh\u00e4ltnissen. Es sei notwendig, \u201eKandidaturen von dritten Parteien zu vermeiden\u201c \u2013 d.h. jeden Bruch mit der Demokratischen Partei \u2013 auf der Grundlage des \u201estrategischen Wissens und der Verpflichtung, Trump loszuwerden\u201c.<\/p>\n<p>Sunkara f\u00fcgt hinzu: \u201eSelbst eine Biden-Pr\u00e4sidentschaft w\u00e4re toll\u201c, denn es \u201ewird viel Platz f\u00fcr Sozialisten geben, die Opposition zu stellen\u201c. Es sind, mit anderen Worten, Posten zu vergeben.<\/p>\n<p>Goldberg, eine prominente Unterst\u00fctzerin von Hillary Clinton bei den Wahlen 2016, sagt in der Diskussion zwischen den\u00a0<em>Times<\/em>-Kolumnisten, dass \u201edas Tolle an der neuen Welle von Sozialisten ist, dass sie so praktisch sind, sie sind so pragmatisch [&#8230;] Sie verstehen, wie Macht funktioniert und interessieren sich daf\u00fcr, sie \u00fcber die Kan\u00e4le aufzubauen, die unser System erlaubt\u201c. Sie f\u00fcgt hinzu, dass \u201eSozialisten\u201c wie Sunkara \u201eendlich das tun, was Liberale wie ich von den Menschen auf der Linken seit Jahrzehnten wollen [&#8230;] beim Ausbau von Macht f\u00fcr die Demokratische Partei\u201c.<\/p>\n<p>Sunkaras konforme, demokratische Parteipolitik wird durch eine Analyse der Geschichte und des zeitgen\u00f6ssischen Kapitalismus untermauert, die vor allem durch ihre Unernsthaftigkeit und grobe Unwissenheit gekennzeichnet ist.<\/p>\n<p>Erstens erkl\u00e4rt Sunkara, dass der \u201eSozialismus\u201c das Ergebnis einer R\u00fcckkehr zum und der Ausweitung des Sozialreformismus sein wird, wie er von sozialdemokratischen Parteien und Organisationen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vorangetrieben wurde.<\/p>\n<p>Die Aufgabe heute, so erkl\u00e4rt er, bestehe darin, zu den gescheiterten Bem\u00fchungen des 20. Jahrhunderts zur\u00fcckzukehren, aber \u201eeinen Weg zu finden, die Produktion zu sozialisieren, damit das Kapital nicht mehr die gleiche F\u00e4higkeit hat zu sagen: \u201aDas funktioniert bei uns nicht mehr\u2018\u201c. Sunkara fasst diese banale Theorie mit einer entsprechend banalen Analogie aus dem Sport zusammen: \u201eWir wollten einen Touchdown erzielen, aber wir sind knapp unterhalb der Reichweite zum Field Goal gelandet. Ich m\u00f6chte uns auf dem Feld genauso voranbringen wie damals die Sozialdemokratie und ein wenig weiter gehen.\u201c<\/p>\n<p>Warum sind die Sozialreformen der Nachkriegszeit \u00fcberall abgeschafft worden oder befinden sich im Prozess der Abschaffung, meist durch die Politik der sozialdemokratischen Parteien selbst? In welchem Zusammenhang standen diese Errungenschaften mit den gro\u00dfen revolution\u00e4ren Klassenk\u00e4mpfen des 20. Jahrhunderts? Welche Rolle spielten sowohl die Sozialdemokratie als auch der Stalinismus bei der Blockade oder gewaltsamen Unterdr\u00fcckung der Bem\u00fchungen der Arbeiterklasse zur Abschaffung des Kapitalismus? Wie hat die Globalisierung der kapitalistischen Produktion die nationale reformistische Perspektive der sozialdemokratischen Parteien untergraben?<\/p>\n<p>Zu solchen Fragen hat Sunkara absolut nichts zu sagen, abgesehen von der Erkl\u00e4rung, dass er und die DSA \u2013 und vermutlich Bernie Sanders \u2013 \u201eden ganzen Weg gehen\u201c werden, wenn sie die Gelegenheit dazu erhalten.<\/p>\n<p>Zweitens ist Sunkaras utopische Vision einer R\u00fcckkehr zu den vermeintlichen glorreichen Tagen der Sozialdemokratie mit seiner eigenen, durchweg nationalistischen Einstellung verbunden. Sunkara hat nichts \u00fcber die Wirklichkeit des globalen Kapitalismus zu sagen, in dem jedes politische Ph\u00e4nomen einen internationalen Charakter hat. Der Aufstieg der Rechtsextremen auf internationaler Ebene, die Weltwirtschaftskrise, das Wiederaufleben des Handelskrieges, die immer sch\u00e4rferen geopolitischen Konflikte zwischen den gro\u00dfen kapitalistischen M\u00e4chten \u2013 all das bleibt unerw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Sunkaras \u201eSozialismus\u201c ist frei von Internationalismus und Antimilitarismus. Weder in seinem Interview mit der\u00a0<em>Times<\/em>\u00a0noch in seinem j\u00fcngsten Buch erw\u00e4hnt er die endlosen Kriege des amerikanischen Imperialismus, den \u201eKrieg gegen den Terror\u201c, die Invasion und Besetzung des Irak. Er erw\u00e4hnt auch nicht die Verfolgung von Julian Assange, die von\u00a0<em>Jacobin<\/em>\u00a0ebenfalls ignoriert wird<em>. <\/em>Dies steht in einem organischen Zusammenhang mit seiner Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Demokratische Partei.<\/p>\n<p>Drittens richtet nichts an Sunkaras Politik einen echten Appell an die Arbeiterklasse und die soziale Wut, denn der Klassenkampf ist f\u00fcr ihn nichts anderes als eine leere Phrase, ohne wirklichen materiellen Konflikt. Sein Konzept dessen, was eine Arbeiterbewegung ausmacht, unterscheidet sich nicht im Geringsten von dem des durchschnittlichen AFL-CIO-B\u00fcrokraten. Sunkara strahlt aus jeder Pore Selbstgef\u00e4lligkeit aus. \u201eJetzt ist die beste Zeit in der Menschheitsgeschichte, um zu leben\u201c, schreibt er in seinem Buch und fasst damit seine allgemeinen Ansichten zusammen. Die Realit\u00e4t des gesellschaftlichen Lebens f\u00fcr die \u00fcberwiegende Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, die verheerenden Auswirkungen der kapitalistischen Konterrevolution, die Millionen von Menschen, die vom amerikanischen Imperialismus get\u00f6tet oder zu Fl\u00fcchtlingen gemacht wurden \u2013 all das steht au\u00dferhalb der Vision von Bhaskar Sunkara. Das Wachstum des Klassenkampfes wird, wenn \u00fcberhaupt, nur abstrakt erw\u00e4hnt \u2013 und zwar ganz im Sinne der F\u00f6rderung der pro-kapitalistischen Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Dass Sunkaras \u201eSozialismus\u201c sich in Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Demokratische Partei aufl\u00f6st, kann nur dann \u00fcberraschen, wenn man glaubt, dass die DSA eine Art Alternative darstellt. Tats\u00e4chlich ist und war sie eine Fraktion der Demokratischen Partei, die sich mit oder ohne Beteiligung von Sunkara stark nach rechts bewegt.<\/p>\n<p>Dass die Hauptaufgabe der DSA darin besteht, die wachsende soziale Opposition in f\u00fcr die herrschende Klasse akzeptable Kan\u00e4le einzud\u00e4mmen, wird von den Kolumnisten der\u00a0<em>Times<\/em>\u00a0in ihrer Diskussion nach dem Interview offen dargelegt. \u201eDiese neue neue Linke, oder neue neue neue Linke, oder wie auch immer Sie es nennen wollen\u201c, sagte der Republikaner Douthat, \u201eist politisch viel sinnvoller und realistischer als bestimmte Versionen, die in den sp\u00e4ten 60er und fr\u00fchen 70er Jahren bl\u00fchten\u201c.<\/p>\n<p>Alle Kolumnisten dr\u00fccken ihre \u201eSorge um bestimmte Versionen des Radikalismus, eine gewisse Kompromisslosigkeit\u201c aus, wie Leonhardt sagte. Und alle sind sich einig, dass Sunkara und die DSA nicht zu dieser Kategorie geh\u00f6ren. \u201eDie F\u00fchrer dieser aufkeimenden sozialistischen Bewegung versuchen, die Menschen von so etwas abzuhalten\u201c, sagt Goldberg. \u201eDie Leute in der DSA, Bhaskar, sie sind sehr verantwortlich, solche Dinge nicht anzufachen.\u201c<\/p>\n<p>Das Wachstum des Klassenkampfes wird Organisationen wie die DSA und ihre internationalen Gesinnungsgenossen hinwegfegen. Jeder, der sich wegen der falschen Auffassung, sie k\u00f6nnten einen Weg zur sozialistischen Transformation der Gesellschaft anbieten, zu ihnen hingezogen f\u00fchlt, wird von dieser Vorstellung entt\u00e4uscht werden, eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/06\/01\/pers-j01.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Juni 2019 mit einer K\u00fcrzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Kishore. 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