{"id":5461,"date":"2019-06-07T14:11:16","date_gmt":"2019-06-07T12:11:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5461"},"modified":"2019-06-07T14:11:16","modified_gmt":"2019-06-07T12:11:16","slug":"interview-zum-schweizer-frauenstreik-im-juni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5461","title":{"rendered":"Interview zum Schweizer Frauen*streik im Juni"},"content":{"rendered":"<p>Ein landesweiter Frauenstreik f\u00fcr die aktive Gleichstellung der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen der Schweiz erregte am 14.Juni 1991 weltweite Aufmerksamkeit. Die Losung hie\u00df: \u00abFrauen Basta, niente \u00adPasta!\u00bb Das Beispiel<!--more--> fand 1994 Nachahmung auch in Deutschland. Doch es hat sich in Sachen Gleichstellung nur wenig getan. Die Schweizerinnen beklagen, dass die b\u00fcrgerlichen Politiker und die Unternehmen verbindliche Ma\u00dfnahmen zur Umsetzung des Gleichstellungsartikels aktiv verhindern. Deshalb rufen sie zu einem neuen Frauenstreiktag am 14.Juni 2019 auf.<\/p>\n<p>Das nachstehende Interview mit Hannah f\u00fchrte Ute Abraham f\u00fcr die SoZ. Hannah ist aktiv im Z\u00fcrcher Kollektiv f\u00fcr den Frauenstreik und Mitglied der Bewegung f\u00fcr den Sozialismus (BFS).<\/p>\n<p><strong>Fast 30 Jahre nach eurem gro\u00dfen Frauenstreik im Juni 1991 ruft ihr erneut zu einem solchen auf. Was hat euch dazu bewogen?<\/strong><\/p>\n<p>Seit 2016 k\u00f6nnen wir weltweit eine erstarkende feministische Bewegung beobachten. So war auch in der Schweiz die #MeToo-Debatte ein Ansto\u00df zu \u00f6ffentlichen Diskussionen und viele schauten gespannt auf die Streiks und Demonstrationen in Argentinien (#NiUnaMenos), den USA (#WomensMarch) und dem Spanischen Staat. Diese weltweiten Proteste f\u00fchrten zum einen zu Ablegern in der Schweiz wie dem Women\u2019s March 2017 in Z\u00fcrich, zum anderen zu einer Politisierung vieler junger Frauen.<\/p>\n<p>Die Idee zu einem zweiten Frauen*streik kam dann aber vom Frauenkongress des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Die noch immer anhaltende Lohnungleichheit von 20 Prozent sowie die ungleiche Verteilung der Hausarbeit waren die Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr den Aufruf zum Streik.<\/p>\n<p>Die Idee wurde in der Westschweiz sehr schnell aufgenommen. Ein \u00fcberregionales Westschweizer Kollektiv hat ein Manifest geschrieben, das neben der Abschaffung des Lohnunterschieds auf viele weitere Punkte der Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung von Frauen eingeht: Es behandelt Migration, \u00d6kologie, K\u00f6rper und Sexualit\u00e4t, R\u00e4ume und \u00d6ffentlichkeit und vieles mehr. Ausgehend von diesen Arbeiten und der Gr\u00fcndung von Kollektiven in der Westschweiz wurden sehr bald auch in der restlichen Schweiz Streikkollektive gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p><strong>Bei einer Arbeitsniederlegung spielen die Gewerkschaften eine wichtige Rolle. In Deutschland haben sie weder 1994 noch am Frauen*streiktag 8.M\u00e4rz 2019 zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Wie sieht das in der Schweiz aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt sehr auf die Gewerkschaft an. Der SGB hat beschlossen, den Frauen*streik zu unterst\u00fctzen, ruft aber nicht konkret zu Arbeitsniederlegung auf. Es gibt bei den einzelnen Gewerkschaften unterschiedliche Positionen: W\u00e4hrend die Syna meint, der Streik sei nicht legal, die Frauen sollten die Arbeitgeber bitten, ihnen an diesem Tag frei zu geben, sagt die Unia, Frauen seien streikberechtigt, und der VPOD in Z\u00fcrich ruft zu ein-, zwei-, dreist\u00fcndigen, halbt\u00e4gigen oder ganzt\u00e4gigen Streiks auf. Klar ist allen: Je mehr Frauen es sind, desto weniger haben wir zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p><strong>Der DGB und seine Einzelgewerkschaften sagen, ein Streikaufruf sei illegal. Werden solche Argumente auch in der Schweiz aufgebracht und wie verhalten sich die Arbeitgeberverb\u00e4nde?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben in der Schweiz eigentlich ein Streikrecht. Es gibt aber ebenso eine Friedenspflicht, solang ein Betrieb dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterstellt ist. Das Streikrecht wurde bislang so ausgelegt, dass ein Streik sich mit konkreten Arbeitsforderungen gegen einen konkreten Arbeitgeber richten musste. Der VPOD vertritt aber den Standpunkt, dass die Forderungen konkret genug seien, um legal zu streiken. Somit kommt es auf die Branche und den Betrieb und auf die juristische Auslegung an, ob Frauen am Arbeitsplatz legal streiken k\u00f6nnen. Der Arbeitgeberverband spricht sich nat\u00fcrlich gegen den Streik aus und es kommen auch schon Drohungen: Die SVP-Vizepr\u00e4sidentin und Chefin des Chemieunternehmens EMS, Martullo-Blocher, hat angek\u00fcndigt, Frauen zu entlassen, die am 14.Juni streiken.<\/p>\n<p><strong>Wie habt ihr euch organisiert? Von einer feministischen Bewegung konnte ja lange Zeit nicht mehr gesprochen werden. Und welche Organisationen nehmen am Frauenstreik teil?<\/strong><\/p>\n<p>Mittlerweile gibt es in fast allen Kantonen Streikkollektive, in manchen sogar mehrere, sie funktionieren alle etwas unterschiedlich. Ich selber bin in Z\u00fcrich aktiv, wo wir mit einer AG-Struktur arbeiten. Das hei\u00dft, es gibt das Z\u00fcrcher Kollektiv, das sich einmal im Monat versammelt und wichtige Entscheidungen trifft (Manifestinhalte, Tagesablauf, gemeinsame Auftritte etc.), und dann haben wir verschiedenste Arbeitsgruppen, die mehr oder weniger ans Kollektiv gebunden sind. Diese AGs haben sich entweder berufsspezifisch (Betreuungsgruppe, Hochschulkollektiv etc.) oder themen- und aufgabenspezifisch (Manifestgruppe, internationalistisches Treffen etc.) gebildet und sind weitgehend autonom, tragen aber die Informationen und Ideen ins Kollektiv.<\/p>\n<p>Auf der schweizweiten Ebene l\u00e4uft vieles \u00fcbers Netz. So haben wir eine schweizweite Webseite (frauenstreik2019.ch), wo versucht wird, alle Informationen zu sammeln. Es gibt eine nationale Koordination, die jedoch f\u00fcr die Ausgestaltung des Streiktags an den jeweiligen Orten nicht viel zu sagen hat. Am 10.M\u00e4rz wurde auf einer schweizweiten Versammlung, an der \u00fcber 500 Frauen teilnahmen, ein gemeinsamer Streikaufruf verabschiedet und die zwei fixen Zeitpunkte 11 Uhr und 15.25 Uhr bestimmt.<\/p>\n<p>Was die unterst\u00fctzenden Organisationen angeht, so ist der Streik sehr breit aufgestellt: Von Einzelfrauen, politischen Organisationen, Parteien \u00fcber Gewerkschaften, Berufsverb\u00e4nde bis zu Kirchengemeinden und Frauenh\u00e4user sind alle dabei. B\u00fcrgerliche und rechte Frauen, aus der SVP wie auch der FDP, sind nicht dabei, was lediglich aufzeigt, dass wir die richtigen Forderungen stellen und uns pseudofeministischen Standpunkte kein bisschen ann\u00e4hern werden.<\/p>\n<p><strong>Vereinigen sich alle Beteiligten unter einen gemeinsamen Streikaufruf oder gibt es jeweils spezifische Forderungen?<\/strong><\/p>\n<p>Auf der vorhin erw\u00e4hnten schweizweiten Versammlung wurde ein gemeinsamer Streikaufruf verabschiedet. Dieser umfasst Armut, Lohnunterschiede, \u00adCare-Arbeit, Rassismus, \u00d6kologie und Gewalt und benennt das kapitalistische System als eines der Hauptursachen f\u00fcr die Ungleichheit. Es ist somit als schweizweiter Appell relativ stark! In Z\u00fcrich und in anderen Kollektiven gibt es trotzdem auch eigene Manifeste und Forderungen, was die Vielfalt der Bewegung nur best\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>Die gro\u00dfe Herausforderung eines feministischen Streiks ist, dass er \u00fcber den Arbeitsplatz hinausgehen muss. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, von Kinderbetreuung \u00fcber Kranken- und Altenpflege, Haushalt oder der Platz von Frauen im \u00f6ffentlichen Raum sollen sichtbar gemacht werden. Was habt ihr dazu geplant?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist tats\u00e4chlich eine Herausforderung, Arbeit, die \u2013 um sie besser ausbeuten zu k\u00f6nnen \u2013 unsichtbar gemacht wurde und wird, sichtbar zu machen! Es sind verschiedenste Ideen aufgekommen und viele Aktionen in Planung. So wird z.B. dazu aufgerufen, Besen vor die Haust\u00fcr zu stellen oder Pfannen und Laken aus den Fenstern zu h\u00e4ngen, um auf den Streik in der Hausarbeit aufmerksam zu machen. Auf die Unsichtbarkeit im \u00f6ffentlichen Raum wurde schon mit Ideen wie dem \u00c4ndern von Stra\u00dfennamen oder dem Versch\u00f6nern von Statuen aufmerksam gemacht, und ich kann mir vorstellen, dass sich solche Aktionen auch am Streiktrag wiederholen werden.<\/p>\n<p>Es wird au\u00dferdem auch dazu aufgerufen, nichts einzukaufen, also einen Konsumstreik durchzuf\u00fchren. Zum einen, um auch auf die Rolle der Frau als Versorgungsverantwortliche f\u00fcr die Familie aufmerksam zu machen, zum anderen, um neben dem Streik in den Betrieben auf eine weitere Art die kapitalistische Wirtschaft anzugreifen. Es wird auch von M\u00e4nnern organisierte Kinderbetreuung geben, die ebenfalls rege gen\u00fctzt werden sollte, um sich der Betreuungsarbeit zu verweigern. Und au\u00dferdem werden wir so viele sein, dass man uns eh nicht \u00fcbersehen kann!<\/p>\n<p><strong>Und die M\u00e4nner?<\/strong><\/p>\n<p>An vielen Orten gibt es solidarische M\u00e4nnerkollektive, die den Frauen*\u00adstreik mit Kinderbetreuung, Essen und Berichterstattung unterst\u00fctzen. Sie helfen uns schon bei den Vorbereitungen, indem sie bspw. die Kinderbetreuung w\u00e4hrend der Sitzungen oder die \u00dcbersetzung von Protokollen, Einladungen und Aufrufen \u00fcbernehmen. An anderen Orten machen M\u00e4nner auch in den Kollektiven mit und sind Teil der Planung.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich finde es am sinnvollsten, wenn sich M\u00e4nner in solidarischen Kollektiven treffen und die Streikkollektive unterst\u00fctzen, wo sie k\u00f6nnen. Sie sollten sich aber meiner Meinung nach nicht in die Planung von Aktionen und Streiks einmischen, denn es geht ja darum, dass Frauen sich selbst erm\u00e4chtigen und ihre spezifische Unterdr\u00fcckung benennen und aufzeigen k\u00f6nnen. An den Orten, wo sie am Streiktag dabei sind, sollen sich M\u00e4nner jedenfalls nicht in den Vordergrund dr\u00e4ngen, denn es geht an diesem Tag nicht um sie. Wichtig ist auf jeden Fall, dass sie sich auch untereinander kritisch mit ihren Geschlechterrollen auseinandersetzen. Denn schlussendlich wollen wir eine Welt ohne Rollendenken, und da geh\u00f6ren alle dazu.<\/p>\n<p><strong>Gibt es bereits Diskussionen dar\u00fcber, wie es nach dem Streiktag weitergehen soll?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gibt dazu Diskussionen und auch schon Daten f\u00fcr Vernetzungstreffen nach dem Streik. So wie ich das mitbekomme, finden es viele Frauen unheimlich wichtig, die Vernetzung \u00fcber den Streiktag hinaus beizubehalten. Viele sehen den Streik als Startpunkt und nicht als Ende der Mobilisierung. Wie diese Bewegung weitergehen wird, welche Strukturen und Formen sie annehmen wird, das wird sich zeigen. Es sieht aber so aus, als werde das nicht der letzte Streik gewesen sein. Ich hoffe nur, dass die kommenden Streiks \u2013 im Sinne einer internationalen Perspektive \u2013 am 8.M\u00e4rz stattfinden werden.<\/p>\n<p><em>Quelle<\/em>: <a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2019\/06\/ueber-den-schweizer-frauenstreik-im-juni\/\"><em>Soz Nr. 06\/2019&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. Juni 2019<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein landesweiter Frauenstreik f\u00fcr die aktive Gleichstellung der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen der Schweiz erregte am 14.Juni 1991 weltweite Aufmerksamkeit. 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