{"id":5466,"date":"2019-06-11T08:12:29","date_gmt":"2019-06-11T06:12:29","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5466"},"modified":"2019-06-11T08:12:29","modified_gmt":"2019-06-11T06:12:29","slug":"teilzeitarbeit-grundpfeiler-der-schweizer-frauenunterdrueckung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5466","title":{"rendered":"Teilzeitarbeit: Grundpfeiler der Schweizer Frauenunterdr\u00fcckung"},"content":{"rendered":"<p><em>Dersu Heri.<\/em> <strong>Die Schweiz hat den weltweit zweith\u00f6chsten Anteil an Teilzeit arbeitenden Frauen. Die fatalen Auswirkungen entbl\u00f6ssen den zutiefst reaktion\u00e4ren Charakter des Schweizer Kapitalismus.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>59% der angestellten Frauen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Nur die Niederlande weist einen noch h\u00f6heren Anteil auf. Der Antrieb dahinter ist offensichtlich, denn die Schweizer Kapitalisten profitieren gleich doppelt: Einerseits k\u00f6nnen sie die Arbeitskraft der Frauen auf dem Arbeitsmarkt ausbeuten. Andererseits erm\u00f6glicht die Teilzeitarbeit, dass die Frauen dennoch gratis die Hausarbeit verrichten k\u00f6nnen. Auch heute noch erledigen Frauen den Grossteil der Haus- und Betreuungsarbeit \u2013 fast zweimal so viel wie die M\u00e4nner. Die Teilzeitarbeit ist ein entscheidender Pfeiler der Frauenunterdr\u00fcckung in der Schweiz.<\/p>\n<p><strong>M\u00fctter, Doppelbelastung, Sexismus<\/strong><\/p>\n<p>Frauen mit jungen Kindern weisen die h\u00f6chsten Teilzeitanteile auf (82,3%; V\u00e4ter in derselben Situation: 13,4%). Die meisten Frauen geben famili\u00e4re Verpflichtungen als Hauptgrund f\u00fcr ihren Teilzeitjob an. F\u00fcr die wenigen Teilzeit arbeitenden M\u00e4nner hingegen sind Ausbildung und zeitaufw\u00e4ndige Hobbies die angegebenen Gr\u00fcnde. Klar ist: Im Schweizer Kapitalismus sollen sich auch noch im Jahr 2019 die Frauen um den Haushalt k\u00fcmmern!<\/p>\n<p>Dies hat nat\u00fcrlich starke Auswirkungen auf die Rolle der Frau innerhalb der Familie und schliesslich in der Gesellschaft. Gem\u00e4ss dem Bundesamt f\u00fcr Statistik sind die Teilzeit-Frauen mit ihren kleineren Arbeitspensen f\u00fcr nur 24% der Familieneinkommen verantwortlich. Damit sind die Frauen materiell von den M\u00e4nnern abh\u00e4ngig. Als \u00abHausarbeiterin\u00bb im privaten Haushalt erscheint es so, als w\u00fcrde die Frau f\u00fcr den Vollzeit angestellten Mann arbeiten. Es scheint, als w\u00e4re der Mann der Besitzer der Frau. Aus diesem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis k\u00f6nnen sehr vergiftete Beziehungen zwischen Mann und Frau entstehen. Diese Abh\u00e4ngigkeit stellt die Ursache f\u00fcr die Frauenunterdr\u00fcckung in allen ihren h\u00e4sslichen Facetten dar. In vergangenen Artikeln haben wir uns intensiv mit beispielsweise\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/eingepruegelte-geschlechterrollen\/\">Gewalt an Frauen<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/schweizer-kapitalismus-und-lohndiskriminierung\/\">Lohnungleichheit<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/die-scheinbare-koerperkontrolle\/\">Essst\u00f6rungen<\/a>\u00a0oder\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/irland-der-sieg-gegen-das-abtreibungsverbot-ist-nur-der-anfang\/#more-8264\">Abtreibungsverboten<\/a>\u00a0befasst.<\/p>\n<p><strong>Prek\u00e4re Jobs und Rollenbilder<\/strong><\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zur Teilzeitarbeit. Diese \u00aberlaubt\u00bb es den Frauen also, einer Doppelbelastung ausgesetzt zu sein: Hausarbeit und Lohnarbeit. F\u00fcr diese \u00abM\u00f6glichkeit\u00bb sollen die Frauen aber ihrem Kapitalisten gef\u00e4lligst dankbar sein und miese Arbeitsbedingungen akzeptieren. So sind Teilzeitstellen oft von tieferen L\u00f6hnen, befristeten Arbeitsvertr\u00e4gen, unregelm\u00e4ssigen Arbeitszeiten, Arbeit auf Abruf und schlechten Sozialversicherungsleistungen gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Die doppelten Anspr\u00fcche, welche an Frauen im Kapitalismus gestellt werden, sorgen daf\u00fcr, dass Frauen gezielt in prek\u00e4re Jobs gedr\u00e4ngt werden. In der Folge sind Teilzeitstellen oftmals \u00abtypische Frauenberufe\u00bb wie Sekret\u00e4rinnen, Erzieherinnen oder im Gesundheitssektor (jeweils fast 60% Teilzeitstellen). In traditionellen \u00abM\u00e4nnerberufen\u00bb \u2013 beispielsweise auf dem Bau \u2013 finden sich hingegen kaum Teilzeitjobs. Dies bedeutet, dass die Teilzeitarbeit auch ein Hebel ist, um die traditionellen Rollenbilder weiter aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften haben es bisher vernachl\u00e4ssigt, die Teilzeit arbeitenden Frauen gewerkschaftlich zu organisieren. Obwohl schweizweit jedeR f\u00fcnfte Lohnabh\u00e4ngige Mitglied einer Gewerkschaft ist, sind im Dienstleistungssektor nur 8% der Besch\u00e4ftigten organisiert. Auch in anderen Berufen mit hohem Frauenanteil sind die Organisationsgrade verschwindend klein: Unterrichtswesen und Erziehung 6%, Gesundheitswesen 3%, Reinigung 6%. Dies er\u00f6ffnet wiederum den Kapitalisten optimale Bedingungen, um maximale Profite aus den Besch\u00e4ftigten herauszupressen, ohne entsprechende Gegenwehr erwarten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Reaktion\u00e4re Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Der Kapitalismus ist dringend darauf angewiesen, dass ein Grossteil der Hausarbeit gratis von den Frauen erledigt wird. Denn die herrschende Klasse will so wenig wie m\u00f6glich f\u00fcr die notwendige Hausarbeit bezahlen. In der Schweiz ist insbesondere die \u00f6ffentliche Kinderbetreuung verheerend schlecht ausgebaut. So deckt das Kinderkrippen-Angebot 11%, die Mittagstische 10% und die Tagesschulen nur 6% der Kinder in der Schweiz ab. Dies bedeutet schliesslich, dass sich die Familien selbst \u2013 das heisst meistens die Frauen \u2013 um ihre Kinder k\u00fcmmern m\u00fcssen. Und daf\u00fcr eben gezwungen sind, prek\u00e4re Teilzeitstellen anzunehmen.<\/p>\n<p>Hinzu kommen zahlreiche weitere Rahmenbedingungen, welche die Doppelbelastung der Frau zementieren. Die Schweiz ist auch das zweitletzte Land in West- und Nordeuropa betreffend finanzieller Unterst\u00fctzung f\u00fcr Familien. Auch die Betreuung der Alten und Behinderten (ebenfalls mehrheitlich von Frauen erledigt) wird in der Schweiz speziell stark in die Verantwortung der Privathaushalte gelegt: W\u00e4hrend in den OECD-L\u00e4ndern durchschnittlich 85% der Langzeitpflege \u00ab\u00f6ffentlich-solidarisch\u00bb finanziert wird, liegt dieser Anteil in der Schweiz bei unter 40%. Hinzu kommt, dass ein zweifacher Lohn innerhalb der Familie oft steuerliche Nachteile mit sich bringt. Und schliesslich kommt noch die allseits bekannte Abwesenheit eines gesetzlichen Vaterschaftsurlaubs in der Schweiz.<\/p>\n<p><strong>Den gesetzten Rahmen sprengen!<\/strong><\/p>\n<p>Dies zeigt, wie eng der Rahmen ist, den uns der Kapitalismus steckt. Die knallharten Bedingungen des Schweizer Kapitalismus \u2013 schlechte \u00f6ffentliche Kinderbetreuung, Lohnungleichheit, offener und versteckter Sexismus, usw. \u2013 sind m\u00e4chtiger als unsere individuellen Werte. Eine Studie der Uni Lausanne hat ermittelt, dass auch Paare mit fortschrittlichen Wertevorstellungen in eine traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau fallen, sobald sie Kinder bekommen. Das heisst, dass abstrakte Forderungen nach einer \u00abgerechteren\u00bb Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau wirkungslos verpuffen, da im Schweizer Kapitalismus die Grundvoraussetzungen daf\u00fcr gar nicht gegeben sind.<\/p>\n<p>Die allermeisten Menschen in der Schweiz haben ein klares Interesse an guten Jobs zu guten L\u00f6hnen, an einem fl\u00e4chendeckendes Krippennetz und an der Selbstbestimmung der Frau. Wenn also der kapitalistische Rahmen diese Bed\u00fcrfnisse nicht befriedigen kann, dann muss er eben gesprengt werden. Dies bedeutet auch, dass der Frauenkampf als Klassenkampf gef\u00fchrt werden muss:\u00a0<em>Gemeinsam\u00a0<\/em>mit den lohnabh\u00e4ngigen M\u00e4nnern. Und\u00a0<em>gegen<\/em>\u00a0die Klasse der Kapitalisten, welche die Frauen gleich mehrfach ausbeuten.<\/p>\n<p>Aus dieser Analyse m\u00fcssen wir konkrete Forderungen ableiten, damit wir uns kampff\u00e4hig machen. Um gegen die Frauenunterdr\u00fcckung und die verheerenden Auswirkungen der Teilzeit-Arbeit im Kapitalismus zu k\u00e4mpfen fordern wir:<\/p>\n<ul>\n<li>Kostenlose Kindertagesst\u00e4tten, Kantinen und Pflegepl\u00e4tze in Quartier und Betrieb! Bezahlt durch stark progressive Steuern!<\/li>\n<li>12 Monate Elternschaftsurlaub f\u00fcr M\u00fctter und V\u00e4ter!<\/li>\n<li>Eine drastische Reduktion der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn!<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/teilzeitarbeit-grundpfeiler-der-schweizer-frauenunterdrueckung\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Juni 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dersu Heri. Die Schweiz hat den weltweit zweith\u00f6chsten Anteil an Teilzeit arbeitenden Frauen. 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