{"id":5511,"date":"2019-06-18T08:02:23","date_gmt":"2019-06-18T06:02:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5511"},"modified":"2019-06-18T08:02:33","modified_gmt":"2019-06-18T06:02:33","slug":"wir-brauchen-einen-radikalen-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5511","title":{"rendered":"\u201cWir brauchen einen radikalen Wandel\u201d"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Interview mit Fridolin vom antikapitalistischen Block bei der zentralen \u201cFridays-For-Future\u201d-Demo am 21. Juni in Aachen.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler*innenbewegung \u201eFridays For Future\u201c hat in den vergangenen Monaten weltweit Bekanntheit erlangt. Alles begann mit der damals 15-j\u00e4hrigen Greta Thunberg, die beschloss, jeden Freitag die Schule zu bestreiken, um ihren Widerstand gegen die Zerst<em>\u00f6r<\/em>ung unserer Umwelt auszudr\u00fccken. Schneller als man ahnen konnte, wurde aus diesem Streik eine Bewegung; \u201eFridays For Future\u201c war geboren. Hunderttausende Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auf der ganzen Welt begannen, auf die Stra\u00dfe zu gehen \u2013 f\u00fcr ihre und unsere Zukunft und gegen die Zurichtung dieser Welt.<\/p>\n<p>Immer wieder wird versucht, solche Proteste zu befrieden und zu entradikalisieren. Eine der Besonderheiten an der Initiatorin Greta Thunberg ist, dass sie sich beharrlich gegen diese Befriedungs- und Vereinnahmungsversuche wehrt, indem sie zum Beispiel mit einer bewundernswerten Geduld die meist d\u00fcmmlichen und diffamierenden Fragen von Journalist_innen immer wieder auf ihre zentralen Forderungen umlenkt: Wir brauchen eine radikale Ver\u00e4nderung; wir brauchen sie jetzt und so schnell und umfassend wie m\u00f6glich. Und wenn sie nicht innerhalb des Bestehenden umsetzbar ist, dann schaffen wir das Bestehende eben ab und machen es neu.<\/p>\n<p>Wichtig ist jedoch: \u201eFridays For Future\u201c hat zwar mit Greta Thunberg angefangen, aber sie ist weder \u2018F\u00fchrerin\u2019 noch alleinige Repr\u00e4sentantin all der jungen Menschen, die sich Woche f\u00fcr Woche lautstark f\u00fcr ihre Zukunft einsetzen. Genauso wenig sind es allerdings die meist selbsternannten Sprecher_innen der Bewegung; diese Bewegung ist genauso divers wie die Menschen, die sie tragen.<\/p>\n<p>So kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, wenn es um die Protestformen und die Radikalit\u00e4t der Forderungen geht. Ein solcher Kampf wird auch in Aachen ausgetragen; hier sind Teile der \u00f6rtlichen \u201eFridays-For-Future\u201c-Gruppe mit linksradikalen Strukturen gut vernetzt und formulieren eine antikapitalistische Perspektive.<\/p>\n<p>Am 21.06.2019 findet eine internationale Gro\u00dfdemonstration von Fridays For Future genau dort statt, Zehntausende Teilnehmer_innen werden erwartet. Wir haben uns mit Fridolin, einem Genossen unterhalten, der an der Vorbereitung des antikapitalistischen Blocks beteiligt ist.<\/p>\n<p><strong>Bevor wir zu der Demo kommen, lass uns einen allgemeinen Blick auf \u201eFridays For Future\u201c und \u00d6kologie aus linksradikaler Perspektive werfen. Wie sch\u00e4tzt du die Bewegung ein?<\/strong><\/p>\n<p>Als ich die Proteste das erste Mal mitbekommen habe, war ich begeistert. So etwas habe ich in der rasanten Entwicklung noch nicht gesehen; dass vor allem junge Menschen sich so sehr f\u00fcr das Leben in dieser Gesellschaft interessieren und Probleme erkennen und benennen \u2013 und nicht ausschlie\u00dflich konsumieren, was ja den Jugendlichen oft vorgeworfen wird. Das, was die Generationen davor jahrzehntelang verkackt haben, kommt jetzt von 16-j\u00e4hrigen auf den Tisch, und das find\u2019 ich super.<\/p>\n<p><strong>Findest du, dass linskradikale Kr\u00e4fte sich dabei genug und richtig einbringen?<\/strong><\/p>\n<p>Teils, teils. Ich glaube, dass schon viele Leute in linksradikalen Kreisen die Proteste bef\u00fcrworten \u2013 aber auch, dass viele da zu hochn\u00e4sig rangehen, in der typisch deutsch-linken Art meinen, dass man selbst alles viel besser macht. Die Toleranzschwelle f\u00fcr Widerspr\u00fcche und Dinge, die nicht hundertprozentig in die eigene Agenda passen, ist da sehr gering. Statt sich den Debatten zu stellen, wird lieber ganz geschwiegen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Leute, die das unterst\u00fctzen und auch zu den Demos gehen, und das hat auch schon sehr viel gefruchtet. Ich habe selten bei vermeintlich b\u00fcrgerlichen Protesten so viele Aufn\u00e4her mit irgendwelchen Antifa-Emblemen oder \u00e4hnlichem gesehen wie bei \u201eFridays For Future\u201c in Aachen. So oder so sollte aber in der linksradikalen Bewegung das Ganze noch ernster genommen werden.<\/p>\n<p><strong>Was hat denn Antikapitalismus \u00fcberhaupt mit \u00d6kologie zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr viel. Wenn man sich die Wirtschaft anguckt, also was und wof\u00fcr produziert wird, wird man feststellen, dass viele dieser Produkte eigentlich v<em>\u00f6<\/em>llig \u00fcberfl\u00fcssig sind und nur produziert werden, um vermeintlichen Luxus zu schaffen und Profite zu maximieren. Die Wirtschaft ist nicht bed\u00fcrfnisorientiert. Es gibt viel zu viele Autos, viel zu viele Handys, viel zu viel Essen, das schlecht verteilt wird.<\/p>\n<p>Und man kann sich ja anschauen, wie rasant die CO2-Emissionen steigen, was eben mit \u00dcberproduktion, mit schlechter Landwirtschaft und einem vermeintlichen Luxusangebot f\u00fcr Menschen insbesondere in Nordeuropa zu tun hat. Derartiges Wachstum funktioniert aber eben nicht auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen. Klimawandel und Ungleichverteilung sind zwingend mit Kapitalismus verbunden. Und die Abschaffung des Kapitalismus ist die einzige M\u00f6glichkeit, den Klimawandel zwar nicht mehr zu stoppen \u2013 weil das wahrscheinlich gar nicht mehr geht -, aber wenigstens einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00e4tzt du das linksradikale und antikapitalistische Potential der Bewegung? Wie ist die Stimmung auf den Demos?<\/strong><\/p>\n<p>Ich treffe viele Leute, die sich \u00fcber \u201eFridays For Future\u201c politisieren. Die eben nicht dabei stehenbleiben, zu sagen, Klimawandel sei b\u00f6se und andere Probleme dann ausklammern \u2013 sondern Aspekte wie Ausbeutung, Diskriminierung und dergleichen mitdenken. Die Schlussfolgerung, dass der Kapitalismus das Problem ist, ist vielleicht noch nicht bei allen angekommen. Aber in Anbetracht der kurzen Zeit, in der es die Bewegung gibt, wird sich das mit Sicherheit noch verbreitern. Das Spannende an dem Thema ist ja: Es geht alle etwas an, und wir brauchen einen radikalen Wandel, um diesen Planeten nicht innerhalb k\u00fcrzester Zeit unbewohnbar zu machen. Das sagen nicht nur wir, sondern sehr viele Expert*innen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt\u2019s aber nat\u00fcrlich diese typischen \u2018Gr\u00fcnen\u2019; die immer noch meinen, dass mit der richtigen Stimmabgabe der Kapitalismus sch\u00f6ner gemacht werden k\u00f6nnte. Die sind aber meiner Wahrnehmung nach in der Unterzahl.<\/p>\n<p><strong>Trotzdem sind ja gerade die reformistischen Stimmen relativ laut, vor allem in der b\u00fcrgerlichen Presse \u2013 die, die sich distanzieren von radikaleren Protestformen und antikapitalistischer Positionierung. Was sagst du zu diesen Distanzierungen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, eines der Probleme von \u201eFridays For Future\u201c sind diese vermeintlichen F\u00fchrungspersonen, die sich in die \u00d6ffentlichkeit dr\u00e4ngen. Das hat man nat\u00fcrlich weniger von Leuten, die antihierarchisch gepr\u00e4gt sind, als von eher b\u00fcrgerlichen Leuten, die ihre Meinung \u00fcberall herausposaunen wollen. Distanzierungen gibt\u2019s ja bei vielen Protestbewegungen nach einer Weile. Aber es ist so, dass FFF auch teilweise dazu aufruft, sich beispielsweise bei \u201eEnde Gel\u00e4nde\u201c zu beteiligen, um verschiedene Aktionsformen zu vereinen.<\/p>\n<p>In Aachen gibt es jetzt auch Versuche von Staat und Polizei, \u201eEnde Gel\u00e4nde\u201c zu kriminalisieren. Es wurden Flyer an Schulen geschickt mit der Info, dass man sich doch blo\u00df nicht an deren Aktionen beteiligen d\u00fcrfe, weil die \u2013 Zitat \u2013 \u201egewaltbereit\u201c seien. Ich denke aber, dass diese Kriminalisierungsversuche nicht sonderlich weit f\u00fchren werden, und ich kann mir gut vorstellen, dass es klappen wird, verschiedene Protestformen zu vereinen. Hoffe ich zumindest.<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest du die gesamtgesellschaftliche Perspektive von \u201eFridays For Future\u201c einsch\u00e4tzen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dass FFF das Potential hat, wirklich in die Gesellschaft hineinzuwirken. Was es ja auch schon tut; Klimawandel ist Top-Thema \u00fcberall im Moment. Ich vergleiche das manchmal mit dem Rechtsruck, den wir die letzten Jahre hatten; die Klimabewegung als progressive Antwort von jungen Menschen, die nicht damit einverstanden sind, wie seit Jahrzehnten regiert wird. Und ich denke, dass das durchaus die Perspektive bietet, f\u00fcr solidarische Werte und eine solidarische Gesellschaft zu werben. Und auch \u00e4ltere Generationen zu \u00fcberzeugen, dass es im Moment einfach schei\u00dfe l\u00e4uft und der Kapitalismus ein rasendes Monster ist, das sich von selbst nat\u00fcrlich nicht abschaffen wird oder abbremsen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Die Stadt Aachen f\u00e4llt ja immer mal wieder auf durch Umwelt- und \u00d6kologiethemen; \u00dcberall h\u00e4ngen Tihange-Plakate, und der Hambacher Forst befindet sich auch in unmittelbarer N\u00e4he. Eine gute Ausgangslage f\u00fcr die Gro\u00dfdemonstration?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, dass in Aachen ein besonderes Bewusstsein entstanden ist durch die kaputten AKW in Belgien, Tihange und Doel, die bei einer Explosion die Stadt auch direkt betreffen werden \u2013 und nat\u00fcrlich auch durch den Hambacher Forst. Jede*r in Aachen wei\u00df, was der Hambacher Forst ist. Und \u201eFridays For Future\u201c ist hier auch ein gro\u00dfes Thema; Aachen hat die gr\u00f6\u00dften FFF-Demos in ganz NRW \u2013 gehabt, zumindest, bis K\u00f6ln uns dann \u00fcberholt hat.<\/p>\n<p><strong>Dann kommen wir mal zu dem antikapitalistischen Block. Wer hat das angesto\u00dfen? Warum gibt es diesen Block?<\/strong><\/p>\n<p>Bei den Freitagsdemos haben wir in den letzten zwei Monaten mehrfach einen eigenen kleinen Block gemacht, also dazu aufgerufen, mit eigenen Transpis, Schildern, Fahnen was auch immer, dahin zu kommen und das Thema gesamtgesellschaftlich-kritisch zu betrachten. Als wir dann geh\u00f6rt haben, dass es diese internationale Demo geben wird, war klar, dass wir da eine antikapitalistische Position beziehen sollten. Wir haben auch sehr schnell sehr viel Zuspruch bekommen. Die Aachener \u201eFridays For Future\u201c Gruppe selber tr\u00e4gt ja auch im Vergleich zu vielen anderen St\u00e4dten deutlich progressivere Inhalte mit, hat zum Beispiel ein eigenes Transpi mit klaren antikapitalistischen Positionen.<\/p>\n<p>Wir finden \u201eFridays For Future\u201c an sich schon super, aber oft fehlt eben einfach noch ein bisschen; n\u00e4mlich die Systemanalyse, wo die wirklichen Ursachen liegen, warum die Leute \u00fcberhaupt auf die Stra\u00dfe m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Auch wenn bei euch lokal diese Vernetzung funktioniert, wird es ja bei der Gesamtstruktur \u201eFridays For Future\u201c um diesen Block doch Diskussionen geben \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es innere und auch \u00f6ffentliche Debatten. Ich denke, dass es nicht wenig Leute gibt, die sich eine etwas radikalere Form der Proteste und der Forderungen w\u00fcnschen, und sich in den Ortsgruppen selber einbringen und daf\u00fcr werben, gegen den Kapitalismus vorzugehen. Zu den Auseinandersetzungen bez\u00fcglich dieses Blocks: Was ich sagen kann ist, dass es durchaus Kritik daran gibt und teilweise offene Ablehnung. Das ist aber auf jeden Fall nicht die Mehrheit. Die radikaleren Kr\u00e4fte wachsen stetig, und ich denke, dass die Leute, die zum Beispiel Mitglied bei den Gr\u00fcnen sind, nach und nach verstehen werden, dass auch die Gr\u00fcnen das Problem nicht l\u00f6sen werden, weil sie sich eben an die Profitlogik des Marktes halten.<\/p>\n<p><strong>#Informationen zum antikapitalistischen Block:\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/antikap2106.noblogs.org\/\"><strong>https:\/\/antikap2106.noblogs.org\/<\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2019\/06\/17\/wir-brauchen-einen-radikalen-wandel\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Juni 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Fridolin vom antikapitalistischen Block bei der zentralen \u201cFridays-For-Future\u201d-Demo am 21. Juni in Aachen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[39,58,17],"class_list":["post-5511","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-deutschland","tag-oekosozialismus","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5511","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5511"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5511\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5512,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5511\/revisions\/5512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5511"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5511"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5511"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}