{"id":5532,"date":"2019-06-19T15:21:42","date_gmt":"2019-06-19T13:21:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5532"},"modified":"2019-06-19T15:22:15","modified_gmt":"2019-06-19T13:22:15","slug":"klassenkampf-wo-bitte-gehts-zur-front","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5532","title":{"rendered":"Klassenkampf: Wo bitte geht\u2019s zur Front?"},"content":{"rendered":"<\/p>\n<p><strong>Rezension von Torsten Bewernitz\u2019 Streitschrift \u00bbSyndikalismus und neue Klassenpolitik\u00ab \u2013 Von Slave Cubela* <\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wenn man<br \/>\nes seit Jahren gew\u00f6hnt ist, zumeist von au\u00dferhalb Deutschlands wichtige Impulse<br \/>\nf\u00fcr die eigene klassenorientierte Reflexion und Praxis zu erhalten, dann schaut<br \/>\nman mit gemischten Gef\u00fchlen auf die aktuelle Debatte um eine neue<br \/>\nKlassenpolitik. Einerseits freut man sich, dass diejenigen, die sich selbst<br \/>\nh\u00e4ufig als radikale Linke verstehen, erneut Anlauf nehmen, die sozialen<br \/>\nVerh\u00e4ltnisse von ihren Wurzeln in den Produktionsverh\u00e4ltnissen her zu begreifen<br \/>\n\u2013 selbstverst\u00e4ndlich ist das in Deutschland leider nicht. Andererseits jedoch<br \/>\nfindet sich in der hiesigen Debatte um eine neue Klassenpolitik wenig<br \/>\nerfrischendes Denken, so dass ich dann doch lieber zu den Labor Notes, dem<br \/>\nJacobin oder zu Actuel Marx greife, um danach wom\u00f6glich ein wenig kl\u00fcger zu<br \/>\nsein als vorher. <\/p>\n<p>Vor diesem<br \/>\nHintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass mit Torsten Bewernitz\u2019<br \/>\nStreitschrift \u00bbSyndikalismus und neue Klassenpolitik\u00ab nun eine Wortmeldung aus<br \/>\nder bundesdeutschen, radikalen Linken vorliegt, die meines Erachtens aus der<br \/>\nDebatte um eine neue Klassenpolitik positiv hervorsticht. Denn Bewernitz\u2019<br \/>\nSchrift ist nicht nur eine offene Kritik des bundesdeutschen Syndikalismus,<br \/>\nalso vor allem der FAU, sondern sie skizziert auch einen diskussionsw\u00fcrdigen<br \/>\nWeg, um in dunkler werdenden Zeiten in Deutschland wieder an die Front des<br \/>\nKlassenkampfes zu gelangen. <\/p>\n<p><strong>Praxiskonservativ<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Es sind<br \/>\nvor allem drei Gedanken, die dabei meines Erachtens unbedingt hervorzuheben<br \/>\nsind. Da ist zum ersten Bewernitz\u2019 Zustandsbeschreibung der radikalen Linken in<br \/>\nDeutschland. Denn nicht nur betont er die Stagnation derselben, was sich<br \/>\nbeispielsweise bei den deutschen SyndikalistInnen darin ausdr\u00fccke, dass diese<br \/>\n\u00bbpermanent in ihrer eigenen Suppe in einem kleinen Wasserglas\u00ab (S. 5) schwimmen<br \/>\nund dabei auf den gro\u00dfen Sturm warteten, ohne das allgemeine Klima um sich<br \/>\nherum zu registrieren. Die Pointe von Bewernitz\u2019 Kritik scheint auf, wenn er schreibt:<br \/>\n\u00bbIn der Gesamtschau sind die Strukturen der syndikalistischen<br \/>\nBasisgewerkschaften genauso verkrustet wie diejenigen der DGB-Gewerkschaften:<br \/>\ndurch basisdemokratische, konsensorientierte Verfahrensweisen, durch<br \/>\nunhinterfragte Traditionen des post-1968 Neoanarchismus oder durch informelle<br \/>\n\u203aWissens\u2039-Hierarchien. Hinzukommt nicht selten eine nur geringe Bereitschaft zu<br \/>\neinem tats\u00e4chlichen Aktivismus.\u00ab (S. 39) <\/p>\n<p>Das ist<br \/>\nnat\u00fcrlich starker Tobak, aber indem Bewernitz aus eigener Anschauung heraus<br \/>\ndiese These ausf\u00fchrlich untermauert, wirft seine Schrift mit fortschreitender<br \/>\nLekt\u00fcre Fragen auf, die auch au\u00dferhalb der syndikalistischen Linken zu<br \/>\nDenkanst\u00f6\u00dfen und Ver\u00e4nderungen f\u00fchren sollten. Kann man etwa die in Kreisen der<br \/>\nradikalen Linken h\u00e4ufig anzutreffende Abgrenzung aufrechterhalten, der zufolge<br \/>\ndie etablierte Linke in Deutschland beh\u00e4big, langsam und inaktiv ist, w\u00e4hrend<br \/>\ndie radikale Linke lebendig, phantasievoll und aktionsorientiert ist? Zeichnet<br \/>\ndie bundesdeutsche Linke nicht \u00fcber alle Fraktionen hinweg ein erstaunliches<br \/>\nMa\u00df an praxiskonservativer Eintracht aus, da jede Str\u00f6mung f\u00fcr sich lieber an<br \/>\nalten Symbolen, Sprechweisen, Slogans und ritualisierten Aktionsformen<br \/>\nfesth\u00e4lt, statt risikobereit neue Wege einzuschlagen? Und wen versucht die<br \/>\nradikale Linke eigentlich zu beeindrucken, indem sie sich anhaltend als<br \/>\nrevolution\u00e4r, kommunistisch oder anarchistisch tituliert, indem sie plakativ<br \/>\nrote und schwarze Fahnen schwenkt, schwarze Bl\u00f6cke bildet, F\u00e4uste hebt und<br \/>\nunabl\u00e4ssig darum bem\u00fcht ist, m\u00f6glichst \u00bbanders\u00ab auszusehen? Und dies, obgleich<br \/>\nsie gleichzeitig selber immer wieder hellsichtig analysiert, dass die Erfolge<br \/>\nder radikalen Rechten nicht zuletzt die Folge einer neuen, angepassten<br \/>\nSymbolpolitik von rechts sind? <\/p>\n<p><strong>Das Ende<br \/>\nder negativen Fixierung <\/strong><\/p>\n<p>Der zweite<br \/>\nGedanke aus Bewernitz\u00b4 Streitschrift, den ich wichtig finde, stellt f\u00fcr die<br \/>\nradikale Linke schon einen wichtigen Schritt aus ihrer Praxiskonservativit\u00e4t<br \/>\ndar. Denn, so Bewernitz, statt sich etwa an den DGB-Gewerkschaften immer wieder<br \/>\nnegativ fixiert abzuarbeiten, den DGB-F\u00fchrungen also z.B. mangelnde<br \/>\nKonfliktbereitschaft oder gar Korrumpiertheit vorzuwerfen, ihren Forderungen<br \/>\nund Erfolgen radikalere entgegenzusetzen, das eigene Tun immer als revolution\u00e4r<br \/>\ndem blo\u00dfen Reformismus entgegenzusetzen, fragt Bewernitz entwaffnend: \u00bbK\u00f6nnte<br \/>\nes nicht einfach sein, dass der DGB deswegen \u203areformistisch\u2039 erscheint, weil er<br \/>\neinfach ganz demokratisch den Willen seiner Mitglieder umsetzt? Und m\u00fcssten<br \/>\ndann nicht SyndikalistInnen getreu ihrem basisdemokratischen Motto entsprechend<br \/>\nhandeln?\u00ab (S. 16) Mit anderen Worten: Die breite Verankerung<br \/>\nreformistisch-linker Institutionen wie Parteien oder Gewerkschaften sollte die<br \/>\nradikal Linken nicht stutzig machen oder gar belasten. Wenige ArbeiterInnen<br \/>\nwerden von diesen linken ReformistInnen gebremst, wenige werden von diesen<br \/>\nReformistInnen ausgenutzt, die ArbeiterInnen, die diese Institutionen w\u00e4hlen<br \/>\noder Mitglieder in den DGB-Gewerkschaften sind, tun das, weil sie von diesen<br \/>\nInstitutionen profitieren, weil sie nichts dagegen haben, dass<br \/>\nStellvertreterInnen f\u00fcr sie Politik machen und weil sie, wenn es ihnen zu bl\u00f6d<br \/>\nwird, einfach nicht mehr mitmachen und austreten. <\/p>\n<p>Dies vor<br \/>\nAugen gewinnt die radikale Linke in Deutschland meines Erachtens einen<br \/>\nerheblichen strategischen Spielraum. Statt sich n\u00e4mlich an offiziellen<br \/>\nVerlautbarungen z.B. des DGB abzuarbeiten (die im DGB meist ohnehin kein<br \/>\nMitglied liest) oder die Funktion\u00e4re der Parteien und Gewerkschaften anhaltend<br \/>\nzu kritisieren, k\u00f6nnte sie dar\u00fcber nachdenken, wie sie eigene Reflexions- und Aktionsbr\u00fccken<br \/>\nin die Arbeiterklassen hinein etablieren kann. Dabei k\u00f6nnte man auch den<br \/>\nerheblichen Teil der ArbeiterInnen ins Auge fassen, der weder linke Parteien<br \/>\nw\u00e4hlt noch Mitglied in den DGB-Gewerkschaften ist. Zudem w\u00e4re es m\u00f6glich, wie<br \/>\nauch Bewernitz betont, linken Parteien oder den DGB-Gewerkschaften deutlich<br \/>\nunbefangener als bisher entgegenzutreten. Man k\u00f6nnte punktuell B\u00fcndnisse mit<br \/>\ndiesen eingehen, man k\u00f6nnte aber auch diese Institutionen nutzen, indem man<br \/>\nderen Strukturen z.B. in die Planung eigener Projekte systematisch einbezieht<br \/>\n(etwa bei der Rechtsberatung, der \u00d6ffentlichkeitsarbeit etc.). <\/p>\n<p><strong>(De-)<br \/>\nZentrales Organizing <\/strong><\/p>\n<p>Damit sind<br \/>\nwir beim dritten, wichtigen Gedanken angelangt, den Bewernitz in seiner<br \/>\nStreitschrift formuliert, n\u00e4mlich seine \u00dcberlegungen, wie man diesen<br \/>\nstrategischen Spielraum als syndikalistische bzw. radikale Linke nutzen k\u00f6nnte.<br \/>\nZentral ist dabei die folgende Stelle: \u00bbWas wir also f\u00fcr eine praktische<br \/>\nKlassenpolitik brauchen, ist eine Organisationsform, (\u2026) die bewusst eine \u2013 starke<br \/>\n\u2013 Minderheit der Arbeitenden organisiert, sich daher nicht als Gewerkschaft<br \/>\nversteht, mit dieser nicht konkurriert, aber durchaus \u00fcber sie hinausgeht,<br \/>\nindem sie K\u00e4mpfe auf radikaler und auf breiterer Basis f\u00fchrt. Geschichte und<br \/>\nPraxis der Arbeiterbewegung halten daf\u00fcr zahlreiche Konzepte zur Verf\u00fcgung:<br \/>\nArbeiterr\u00e4te, Betriebskomitees, das \u203aUmherschweifen\u2039 der SituationistInnen<br \/>\nsowie Formen von Selbstaktivierung als Erfahrungsaustausch, militanter<br \/>\nBefragung und Organizing. Konkret m\u00f6chte ich als Organisationsform eine<br \/>\nVernetzung von Worker Centers vorschlagen, wie man sie der US-amerikanischen<br \/>\nArbeiterbewegung abschauen kann.\u00ab (S. 18) Und er f\u00fcgt hinzu: \u00bbAls Vorteile von<br \/>\nWorker Centers k\u00f6nnen wir in der aktuellen Situation festhalten: Erstens<br \/>\nagieren Worker Centers \u00e4hnlich wie momentan FAU und IWW im prek\u00e4ren Bereich.<br \/>\nZweitens sind sie geeignet, migrantische und geschlechtliche Themen zu<br \/>\nintegrieren. Drittens kommt ihr Konzept einem der aktuellen praktischen<br \/>\nSchwerpunkte der neuen Klassenpolitik entgegen, n\u00e4mlich der Stadtteilarbeit;<br \/>\nWorker Centers k\u00f6nnen \u00fcber Mieten und Wohnverh\u00e4ltnisse, Rechtsberatung und<br \/>\nKultur, Erwerbslosenberatung etc. nachdenken. Viertens k\u00f6nnen Worker Centers<br \/>\nals reale R\u00e4ume hoffentlich den sozialen Ort ersetzen, den das Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis<br \/>\nheute oft nicht mehr bietet und der auch kaum noch durch Arbeiterkneipen<br \/>\npr\u00e4sent ist.\u00ab (Ebd.)<\/p>\n<p>Dieses<br \/>\nPl\u00e4doyer f\u00fcr den Aufbau eines Netzwerks von Worker Centers ist nun keineswegs<br \/>\nneu, das wei\u00df Bewernitz sehr genau, denn er verweist auf einige erste Bl\u00fcten<br \/>\neiner erneuerten Linksradikalit\u00e4t, die f\u00fcr ein solches Netzwerk bereits<br \/>\nAnkn\u00fcpfungspunkte geschaffen haben. Bemerkenswert ist aber zweierlei. Zum einen<br \/>\nargumentiert er bei dieser Schaffung eines Worker-Center-Netzwerkes f\u00fcr eine<br \/>\nSelbstaufl\u00f6sung der FAU, ja er wirft zudem die Frage auf, welche Zukunft<br \/>\nGewerkschaften \u00fcberhaupt noch haben, wenn viele Arbeiter gar nicht mehr wissen,<br \/>\nwas das ist und gerade prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte nur sehr zur\u00fcckhaltend Hilfe von<br \/>\n\u00bbden Gewerkschaften\u00ab bekommen. (S. 21) Zum zweiten hat er eine klare<br \/>\nVorstellung davon, wie dieses Netzwerk ausgebaut und vertieft werden kann. Er<br \/>\nschreibt: \u00bbGrunds\u00e4tzlich m\u00fcssen sich Gruppen, die eine neue Klassenpraxis<br \/>\nanstreben, als OrganizerInnen verstehen oder es muss in ihnen zumindest zwei bis<br \/>\ndrei Personen geben, die Organizing praktisch anwenden und innerhalb der<br \/>\nGruppen vorantreiben.\u00ab (S. 25) An anderer Stelle \u00e4hnlich: \u00bbDas, was Worker<br \/>\nCenters im Alltag machen, muss letztlich eine Art Organizing sein.\u00ab (S. 33) <\/p>\n<p>Organizing<br \/>\n\u2013 ist das nicht die gar nicht mehr so neue Mitgliedermasche der<br \/>\nDGB-Gewerkschaften? Ist Organizing nicht letztlich nur eine pseudodemokratische<br \/>\nVariante typischer Stellvertreterpolitik \u00bbvon oben\u00ab? Zeigt sich das nicht<br \/>\nschon, wenn man wei\u00df, dass Organizer wie Versicherungsvertreter 1:1-Gespr\u00e4che<br \/>\nvorher \u00fcben, dass sie grenzwertig anmutende Hausbesuche machen, um Menschen zu<br \/>\naktivieren, dass sie Kampagnen vorab akribisch planen? Bewernitz\u2019 Antwort<br \/>\nprovoziert abermals und ist es deshalb wert, ausf\u00fchrlich wiedergegeben zu werden:<br \/>\n\u00bbWer sich gewerkschaftlich bet\u00e4tigen will, sei es auch auf relativ bescheidenem<br \/>\nNiveau, ist gut beraten, sich Methodik und Strategien auch der gro\u00dfen<br \/>\nGewerkschaften anzuschauen. Es ist nicht nur so, dass man da Material findet,<br \/>\ndas Strategien einem dadurch vermittelt, dass man sich von dortigen Strategien<br \/>\nabgrenzt. Nein, so manches l\u00e4sst sich durchaus \u00fcbernehmen \u2013 gerade, wenn aus<br \/>\neiner gewerkschaftsnahen, aber durchaus kritischen Wissenschaft kommt. Das<br \/>\nOrganizing etwa liegt den syndikalistischen Gewerkschaften n\u00e4her als den<br \/>\nGewerkschaften des DGB, weil die Verankerung ersterer in sozialen Bewegungen<br \/>\nst\u00e4rker ist, weil sie aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe schon immer auf solche Methoden<br \/>\nzur\u00fcckgreifen mussten und weil ihnen die gewachsenen betrieblichen Strukturen<br \/>\n(Betriebsr\u00e4te und Vertrauensleutek\u00f6rper) normalerweise fehlen \u2013<br \/>\nnichtsdestotrotz geht die Professionalisierung und Nutzbarmachung des Konzepts<br \/>\nauf die gro\u00dfen Gewerkschaften zur\u00fcck. Wer dieses Instrumentarium nur deswegen<br \/>\nzur Seite legt, entwaffnet sich schlicht selber.\u00ab (S. 38) <\/p>\n<p><strong>Prekariat?<br \/>\nMobilisieren? <\/strong><\/p>\n<p>Trotz<br \/>\ndieser und einiger anderer St\u00e4rken gibt es jedoch auch in Bewernitz\u00b4 Schrift<br \/>\nAspekte, in denen er meines Erachtens argumentativ abf\u00e4llt. Da ist zum einen<br \/>\nder Umstand, dass er zwar einer militanten Basispolitik klare Perspektiven<br \/>\ner\u00f6ffnet, gleichzeitig aber interessieren ihn die sozialen Verh\u00e4ltnisse, die<br \/>\ndie Grundlage einer solchen Politik w\u00e4ren, nur etwas mehr als eine Seite lang.<br \/>\nUnd wenn er dann schreibt, dass Worker Centers an dem \u00bbprek\u00e4ren Segment des Proletariats\u00ab<br \/>\n(S. 27) anzusetzen h\u00e4tten, dann ist das zwar in dieser Allgemeinheit sicherlich<br \/>\nbedenkenswert, doch das sog. prek\u00e4re Segment ist gro\u00df und rekrutiert sich aus<br \/>\nsehr unterschiedlichen sozialen Hintergr\u00fcnden. Die Branchen, in denen es<br \/>\narbeitet, sind gepr\u00e4gt von erheblichen Unterschieden. Viele migrantische<br \/>\nPrekarier sind z.B. zufrieden mit ihrer Arbeit, da sie sie als ersten Schritt<br \/>\nin einer neuen Gesellschaft sch\u00e4tzen. Das Prekariat im sozialen Bereich<br \/>\nwiederum scheut sich h\u00e4ufig genug vor sozialen K\u00e4mpfen, da es emotional sehr<br \/>\neng mit seinen KundInnen, PatientInnen, Kindern etc. verbunden ist. Hier w\u00e4re<br \/>\nes besonders wichtig, in einer Neuauflage oder einem eigenen Papier tiefer zu<br \/>\nsch\u00fcrfen, denn die Gleichung \u00bbPrekariat braucht Worker Centers\u00ab ist auf Dauer<br \/>\nzu holzschnittartig. <\/p>\n<p>Eine<br \/>\nandere Stelle, die mich beim Lesen irritierte, findet sich in jenem Abschnitt,<br \/>\nden er \u00bbMobilisieren statt organisieren\u00ab nennt. Bewernitz erl\u00e4utert, dass er<br \/>\nsie gew\u00e4hlt habe, um seine \u00bbkritische Haltung\u00ab gegen\u00fcber den \u00bbaktuellen<br \/>\nMethoden\u00ab des Organizing zu unterstreichen. Denn: \u00bbPraktisch l\u00e4uft Organizing<br \/>\nimmer auf dasselbe hinaus, Gewerkschaftsmitglieder gewinnen (\u2026), Betriebsr\u00e4te<br \/>\ngr\u00fcnden, Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen.\u00ab (S. 33) Mobilisieren hingegen sei ein<br \/>\nProzess, in welchem es offenbliebe, \u00bbob ArbeiterInnen nur an einigen Aktionen<br \/>\nteilnehmen, Gewerkschaftsmitglieder werden oder dauerhaft an einer<br \/>\nau\u00dfergewerkschaftlichen Initiative (wie einem Worker Center) teilnehmen<br \/>\nwollen\u00ab. (S. 36) Um es deutlich zu formulieren: Ich halte diese Entgegensetzung<br \/>\nvon Organizing und Mobilisieren aus mehreren Gr\u00fcnden f\u00fcr fragw\u00fcrdig. Muss denn<br \/>\nnicht auch ein Worker Center zahlende Mitglieder gewinnen, damit es sich<br \/>\ndauerhaft materiell finanzieren kann? Muss es nicht auch formalisierte Strukturen<br \/>\nherauszubilden suchen, also z.B. einen Worker-Center-Rat, der die Leitlinien<br \/>\nder eigenen Arbeit diskutiert und entscheidet? Warum bedarf es \u00fcberhaupt eines<br \/>\nbesonderen Verweises auf die Offenheit dieses Prozesses? Macht Bewernitz dies<br \/>\netwa, weil er wie viele radikale Linke denkt, dass man ArbeiterInnen mit<br \/>\nbesonderen Samthandschuhen gegen\u00fcbertreten muss, da sie sich sonst, wie er<br \/>\nanderer Stelle schreibt, missverstanden und ausgenutzt f\u00fchlen k\u00f6nnten? <\/p>\n<p>Ohne<br \/>\nZweifel ist es so, dass ArbeiterInnen in vielen gewerkschaftlichen<br \/>\nOrganizing-Prozessen erfahren m\u00fcssen, dass Entscheidungen getroffen werden,<br \/>\nohne dass sie gefragt werden. Aber diese ArbeiterInnen sind deshalb keineswegs<br \/>\nhilflos. Viele sagen der entsprechenden Gewerkschaft dann teils sehr deutlich<br \/>\nihre Meinung. Viele treten dann auch aus. Und viele registrieren diesen<br \/>\nVertrauensbruch, bleiben aber Mitglieder, da sie zumindest eine partielle<br \/>\nBesserung ihrer Situation aufrechterhalten wollen. Mit anderen Worten: Statt<br \/>\nsich tausend Gedanken dar\u00fcber zu machen, wie man ArbeiterInnen um Gottes Willen<br \/>\ninteger und basisdemokratisch behandelt, sollte die radikale Linke Organizing<br \/>\nnutzen, um \u00fcberhaupt in eine dauerhafte Beziehung zu ihnen treten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus kann sie beruhigt sein: Die betreffenden ArbeiterInnen selber<br \/>\nwerden dieser Linken \u2013 sollte sie sich zu dumm, autorit\u00e4r oder manipulativ<br \/>\nanstellen \u2013 schnell Zeichen geben, ob diese Beziehung auch in ihrem Sinne ist. <\/p>\n<p><strong>Der Alltag<br \/>\nist die Front? Der Alltag ist die Front! <\/strong><\/p>\n<p>Doch, so<br \/>\nk\u00f6nnte man einwenden: das soll also die Front des Klassenkampfs sein?<br \/>\nOrganizing im Prekariat zwecks Etablierung eines k\u00e4mpferischen<br \/>\nWorker-Center-Netzwerks? Wo bleibt da die Radikalit\u00e4t? Trotz aller Polemik: Der<br \/>\ngegenw\u00e4rtigen Antifa etwa verdanken wir sicher eine Unmenge an verhinderten<br \/>\nNazi-Umz\u00fcgen und ein immer wieder mutiges Eintreten gegen rechte Gewalt.<br \/>\nBesetzte H\u00e4user oder andere autonome R\u00e4ume sind ohne Zweifel ein wichtiger Ort<br \/>\nf\u00fcr viele Individuen, um soziale Denkphantasie, aber auch gesellschaftliche<br \/>\nKritik einzu\u00fcben. Kleine Gewerkschaften wie die FAU oder die IWW lassen immer<br \/>\nwieder aufhorchen, so dass sie k\u00fcrzlich selbst Anerkennung von der gro\u00dfen IG<br \/>\nMetall bekamen \u2013 in Form eines Lobs der zweiten Vorsitzenden Christiane Benner<br \/>\nf\u00fcr das Engagement bei Foodora (taz, 20. November 2017). Doch, und das ist<br \/>\nletztlich das gro\u00dfe Richtungsschild, das Bewernitz hochh\u00e4lt: Mit Blick auf eine<br \/>\nVielzahl bedrohlicher sozialer Entwicklungen wird es Zeit, dass diese linke<br \/>\nRadikalit\u00e4t endlich Eingang in die gesellschaftlichen Alltags-Diskurse und<br \/>\nPraxen findet, wird es Zeit, dazu die linksradikalen Rituale, Z\u00f6pfe und Symbole<br \/>\nabzuschneiden, wird es Zeit, dem\u00fctig und geduldig linke Radikalit\u00e4t in<br \/>\nsinnf\u00e4llige, greifbare Verbesserungspraxen nicht nur rund um die eigene<br \/>\nLohnarbeit einflie\u00dfen zu lassen. <\/p>\n<p>Dazu noch<br \/>\nein letzter, durchaus optimistischer Gedanke: Wenn es schwer zu leugnen ist,<br \/>\ndass die Probleme unserer Zeit zunehmend einen grunds\u00e4tzlichen Charakter<br \/>\nbekommen, dann stellt dies radikale Praxen zur Bew\u00e4ltigung dieser Probleme in<br \/>\nein neues Licht. Egal ob es sich um die Erderw\u00e4rmung, die zunehmenden<br \/>\ngesellschaftlichen Zerfallsprozesse, die explodierenden Mieten oder die<br \/>\nEntstehung der Big-Data-Strukturen handelt \u2013 immer h\u00e4ufiger sorgen die riesigen<br \/>\nProblemdimensionen daf\u00fcr, dass auch unpolitische Menschen vermehrt radikalen<br \/>\nL\u00f6sungen zuneigen. Zwar suchen viele Menschen dies vor sich zu verstecken,<br \/>\nindem sie scheinbar \u00fcberschaubare \u00bbSingle-Issue\u00ab-Forderungen aufstellen, sie<br \/>\nz.B. die schnelle und konsequente Umsetzung der Klimaziele fordern, die Etablierung<br \/>\neines solidarischen und bedingungslosen Grundeinkommens interessant finden, der<br \/>\nVerstaatlichung von Wohnraum viel abgewinnen k\u00f6nnen oder aber die Macht von<br \/>\nGro\u00dfkonzernen wie Google oder Facebook bedrohlich finden und deren Zerschlagung<br \/>\nins Auge fassen. Aber dieses Versteckspiel muss so nicht bleiben. Bewernitz\u2019<br \/>\nStreitschrift ist insofern auch ein spannender Hinweis, wie die radikale Linke<br \/>\nmit daf\u00fcr sorgen kann, dass diese implizite Links-Radikalisierung gr\u00f6\u00dfer<br \/>\nwerdender Teile der Gesellschaft zu einer expliziten wird. <\/p>\n<p><em>Slave<br \/>\nCubela arbeitet f\u00fcr eine gro\u00dfe deutsche Gewerkschaft. <\/em><\/p>\n<p><em>Torsten<br \/>\nBewernitz: Syndikalismus und neue Klassenpolitik. Eine Streitschrift. Verlag<br \/>\nDie Buchmacherei, Berlin 2019. 70 S., 7,\u2013 Euro. ISBN: 978-3-9820783-1-1 <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Cubela_Bewi.pdf\">express.de&#8230;<\/a> vom 19.<br \/>\nJuni 2019<\/em><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension von Torsten Bewernitz\u2019 Streitschrift \u00bbSyndikalismus und neue Klassenpolitik\u00ab \u2013 Von Slave Cubela* <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,87,23,39,26,45,4],"class_list":["post-5532","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-buecher","tag-deutschland","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5532"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5534,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5532\/revisions\/5534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}