{"id":555,"date":"2015-05-25T10:26:32","date_gmt":"2015-05-25T08:26:32","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=555"},"modified":"2015-05-28T10:11:50","modified_gmt":"2015-05-28T08:11:50","slug":"vietnam-die-niederlage-nach-dem-sieg-von-1975","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=555","title":{"rendered":"Vietnam &#8211; Die Niederlage nach dem Sieg von 1975"},"content":{"rendered":"<p><b>Vor vierzig Jahren f\u00fcgte die vietnamesische Bev\u00f6lkerung der imperialistischen Supermacht USA eine vernichtende Niederlage bei \u2013 und sie lebt nun unter dem Joch des globalisierten Kapitalismus. Ja, schlimmer <\/b><b>noch<\/b><b>: Vietnam <!--more-->wird heute von den USA in ihrem Aufmarsch gegen China erneut als milit\u00e4rischer Br\u00fcckenkopf aufgebaut. Was geschah?<\/b><\/p>\n<p><b>Der Fall von Saigon war ein beeindruckender Sieg einer unterdr\u00fcckten Bev\u00f6lkerung gegen die m\u00e4chtigste imperialistische Nation der Welt. Aber trotz alles Heldenmutes und aller Opfer, die die vietnamesische Bev\u00f6lkerung in 30 Jahren Krieg \u2013 zuerst gegen den franz\u00f6sischen Kolonialismus, dann gegen den US-Imperialismus \u2013 gebracht hat, l\u00e4sst sich nicht abstreiten, dass sie vierzig Jahre nach ihrem Sieg tragische Helden sind.<\/b><\/p>\n<p><b>Vietnam konnte sich trotz seines tapferen Kampfes nicht aus dem Status einer unterdr\u00fcckten ehemaligen Kolonie befreien. Vierzig Jahre nach dem Fall von Saigon hat sich Vietnam zu einem Billiglohnland f\u00fcr ausl\u00e4ndische transnationale Konzerne entwickelt, die sich von der Ausbeutung vietnamesischer Arbeiterinnen und \u00a0Arbeiter riesige Profite erhoffen.<\/b><\/p>\n<p><b>Vierzig Jahre nachdem die letzten US-Truppen aus Vietnam vertrieben wurden, kehrt das amerikanische Milit\u00e4r zur\u00fcck: Washington schickt Kriegsschiffe in das Land und liefert Waffen an die vietnamesische Armee, um das Land in seine imperialistische Strategie des \u00abPivot to Asia\u00bb einzuspannen. Somit k\u00f6nnte Vietnam, das in einem der blutigsten Kriege der Region den Sieg \u00fcber die amerikanischen Truppen errungen hat, zu einer Schachfigur der USA bei der Vorbereitung eines m\u00f6glicherweise noch katastrophaleren Krieges werden &#8211; diesmal gegen die Atommacht China.<\/b><\/p>\n<p><b>Washington versucht au\u00dferdem, Hanoi in die Transpazifische Partnerschaft (TPP) einzubeziehen, einen Freihandelsblock, der Chinas Aufstieg zur vorherrschenden Wirtschaftsmacht in der Region ausbremsen soll. Die Bedingungen des Vertrags w\u00fcrden Vietnam zur Zerschlagung von Staatsunternehmen zwingen, und dem amerikanischen Kapital einen noch gr\u00f6\u00dferen Teil seiner Wirtschaft zur Ausbeutung er\u00f6ffnen.<\/b><\/p>\n<p><b>Zwar ist China der gr\u00f6\u00dfte Handelspartner Vietnams, aber die USA sind sein gr\u00f6\u00dfter Exportmarkt.<\/b><\/p>\n<p><b>Der wichtigste Grund f\u00fcr das Schicksal der vietnamesischen Revolution ist ihre Isolation, die wiederum durch die nationalistische Perspektive der vietnamesischen F\u00fchrung gef\u00f6rdert wurde. Eine noch entscheidendere Rolle bei der Isolierung der vietnamesischen Revolution haben jedoch die F\u00fchrungen der stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaften gespielt, welche die Arbeiterklasse im gleichen Zeitraum in einem Land nach dem anderen bewusst vom Pfad der sozialen Revolution abgebracht hatten &#8211; 1968 in Frankreich, 1969 in Italien, 1973 in Chile, 1974 in Portugal und Griechenland, 1975 in Spanien.<\/b><\/p>\n<p><b>Die Erfahrung in Vietnam hatte die herrschende Eliten der USA traumatisiert. Sie versuchten jahrzehntelang, das \u00abVietnam-Syndrom\u00bb zu \u00fcberwinden, wie die Ablehnung des Militarismus in der amerikanischen Bev\u00f6lkerung nach dieser Erfahrung genannt wurde. Allerdings hat die F\u00fchrung der machtvollen Antikriegsbewegung in den USA gegen die Intervention in Vietnam alles in ihrer Macht stehende getan, um den Kampf gegen Krieg vom Kampf gegen den Kapitalismus zu trennen, w\u00e4hrend das Land gleichzeitig von einer massiven Streikwelle und einer Reihe von Rebellionen der am st\u00e4rksten unterdr\u00fcckten Schichten der Arbeiterklasse in den Innenst\u00e4dten ersch\u00fcttert wurde. Sie ordnete diese Bewegung der Demokratischen Partei unter. Nach dem Krieg r\u00fcckten diese Schichten, genau wie die Demokratische Partei selbst, schnell nach rechts.<\/b><\/p>\n<p><b>Im nachfolgenden Beitrag geht Pierre Rousset den Ereignissen nach. Der Autor ist F\u00fchrungsmitglied der Vierten Internationale und des franz\u00f6sischen Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA). Er hat mehrere Publikationen zu den politischen Entwicklungen in Asien verfasst. Der Beitrag wurde von der Redaktion <i>maulwuerfe.ch<\/i> ins Deutsche \u00fcbertragen. Er erscheint in der Inprekorr vom Juli \u2013 August 2015.<\/b><\/p>\n<p><b>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/b><\/p>\n<p>Heute ist es nicht ungew\u00f6hnlich, dass die USA einen Krieg verlieren. Im vergangenen Jahrhundert war dem nicht so. Vor genau vierzig Jahren war die Niederlage der USA in Vietnam ein umso bedeutsameres Ereignis, als die USA w\u00e4hrend Jahren ihre ungeheure Kriegsmaschine mobilisierten, um den Krieg zu gewinnen; dadurch erlangte der Indochina-Krieg eine erstrangige internationale Bedeutung. Vietnam stand damals im Fokus der weltpolitischen Spannungslinien von Revolution und Konterrevolution, der Ost-West Blockkonfrontation\u00a0 und dem sino-sowjetischen Konflikt. Dies war eine seither nie mehr dagewesene Konfiguration.<\/p>\n<p>Am 30. April 1975 eroberte die Volksbefreiungsarmee im Rahmen einer Blitzoffensive Saigon, ohne dabei auf Widerstand zu stossen. Das Saigoner Regime, ein Handlanger Washingtons, brach zusammen wie ein Kartenhaus. \u00dcberrumpelt mussten die USA ihre Niederlassungen Hals \u00fcber Kopf r\u00e4umen, Helikopter evakuierten ihre Staatsb\u00fcrgerinnen und \u2013b\u00fcrger ab dem Dach der US-Botschaft \u2013 und dies unter den Augen aller Welt! Welch schreckliche Dem\u00fctigung f\u00fcr die imperialistische Supermacht, die damals als unbesiegbar galt.<\/p>\n<p>Damals standen die USA bereits seit mehr als zwanzig Jahre im Krieg mit der vietnamesischen Befreiungsbewegung; dieser Krieg\u00a0begann bereits vor der franz\u00f6sischen Niederlage von 1954 und sie bereiteten sich darauf vor, das in rasantem Niedergang befindliche franz\u00f6sische Kolonialregime abzul\u00f6sen. F\u00fcr die USA ging es nicht um die Verteidigung spezifischer Wirtschaftsinteressen (Marktzugang, Investitionen, \u2026). Es ging vielmehr\u00a0um geostrategische Ziele: jeder revolution\u00e4ren Dynamik in Asien definitiv Einhalt zu gebieten.<\/p>\n<p><b>Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der asiatischen Revolutionen<\/b><\/p>\n<p>Asien wurde sehr fr\u00fch zum wichtigsten Brennpunkt der antiimperialistischen K\u00e4mpfe. Zwar waren die Folgen des Ersten Weltkrieges und der Russischen Revolution zuerst in Europa sp\u00fcrbar. Aber nach der letzten Niederlage der Deutschen Revolution (1923) verschob sich die Aufmerksamkeit gegen Osten. Das islamische Zentralasien geriet in Aufruhr. Ab 1925 standen sich in China revolution\u00e4re und konterrevolution\u00e4re Kr\u00e4fte gegen\u00fcber. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich bewaffnete Befreiungsbewegungen von Lateinamerika \u00fcber Afrika bis in den Mittleren Osten; ihre leuchtenden Beispiele waren Kuba, Algerien, Pal\u00e4stina, Angola, Mo\u00e7ambique\u2026 Der Imperialismus setzte seine Ordnung mittels besonders blutigen Diktaturen (Chile, Argentinien, \u2026) und mit Hilfe von Staaten wie Israel durch. Dies betraf die gesamte Dritte Welt, aber es war im Fernen Osten, wo mit dem Sieg der Chinesischen Revolution (1949) der Konflikt eine ganz besondere Dimension annahm. China ist das bev\u00f6lkerungsreichste Land der Erde, gefolgt von Indien, das, obwohl kapitalistisch, sich an Moskau anlehnte, um eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit zu gewinnen. Frankreich erwies sich als ausserstande, den Kampf des vietnamesischen Volkes zu zerschlagen. Die revolution\u00e4ren Brennpunkte in der Region weiteten sich aus. Washinton wollte die Welle der asiatischen Befreiung <i>\u00ab\u00a0eind\u00e4mmen und zur\u00fcckdr\u00e4ngen\u00a0\u00bb<\/i> und knauserte dabei nicht mit seinen Mitteln.<\/p>\n<p>Gegen China wurde keine Blockade aufgezogen wie gegen Kuba. Vielmehr wollten die USA einen riesigen politischen, wirtschaftlichen und milit\u00e4rischen Sicherheitsg\u00fcrtel aufbauen, der sich in einem weiten Bogen ab der koreanischen Halbinsel bis zur indonesischen Halbinsel erstrecken sollte. Washington schob den Riegel im Osten: Es war der Koreakrieg (1950 \u2013 1953), der ein bis heute geteiltes Korea geschaffen hat. Und schob den Riegel im S\u00fcden und baute Taiwan zu einer Festung aus &#8211; dorthin haben sich die konterrevolution\u00e4ren chineschen Truppen zum grossen Missfallen der einheimischen Bev\u00f6lkerung zur\u00fcckgezogen. Das autorit\u00e4re Regime der Goumindang repr\u00e4sentierte im Sicherheitsrat der UNO [bis 1971; Anm. d. \u00dc.]\u00a0 ganz China. Um die Regimes in S\u00fcdkorea und in Taiwan zu stabilisieren, f\u00f6rderten die USA Agrarreformen und liess den reichen Familien, die den diktatorischen Staat kontrollierten mehr Handlungsspielraum. Von daher r\u00fchrt die ungew\u00f6hnliche Entwicklung eines vergleichsweise autonomen koreanischen und taiwanesischen Kapitalismus.<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten halfen Japan beim Wiederaufbau (wie in Westeuropa mit dem Marshallplan), und stellten dieses unter seinen strategischen Schutz. Auf Okinawa, in S\u00fcdkorea, auf den Philippinen, in Thailand wurden sehr grosse US-Milit\u00e4rbasen errichtet. Die VII. Flotte und ihre Flugzeugtr\u00e4ger besetzten das Chinesische Meer. Washington schob den Riegel erneut, dieses Mal im s\u00fcdasiatischen Archipel &#8211;\u00a0mit Hilfe des indonesischen Staatsstreiches von Suharto (1965). Die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI), die als die gr\u00f6sste KP der kapitalistischen Welt galt, wurde zum Preis von vermutlich zwei Millionen Toten und einem Repressionsstaat, der \u00fcber dreissig Jahre andauerte, ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Projekt der Einkreisung Chinas fehlte noch das kontinentale S\u00fcdostasien. In Thailand und Malaysia waren damals maoistische Guerillas t\u00e4tig. Und vor allem hatten in Vietnam die K\u00e4mpfe wieder eingesetzt. Die in den Genfer Vertr\u00e4gen festgelegte Teilung des Landes konnte nicht von langer Dauer sein; die darin vereinbarten Wahlen w\u00e4ren mit Sicherheit durch den Vietminh und Ho Chi Minh gewonnen worden. F\u00fcr Washington, das die Vertr\u00e4ge nicht unterzeichnet hatte, kamen deshalb solche Wahlen nicht in Frage. Im Gegenteil: Das Saigoner Regime und seine amerikanischen Berater begannen mit der systematischen Ermordung der revolution\u00e4ren Kader, die im S\u00fcden lebten. An der Wende zu den sechziger Jahren hatte die KPV deshalb beschlossen, die K\u00e4mpfe erneut aufzunehmen, wohl wissend, dass sie diesmal direkt den Vereinigten Staaten und nicht mehr nur Frankreich gegen\u00fcberstehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><b>Den \u00abSowjetblock\u00bb in die Knie zwingen<\/b><\/p>\n<p>Die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der asiatischen Revolutionen war nicht das einzige Ziel der US-Intervention in Vietnam. Hinter Peking war auch Moskau im Visier. Washington wollte Schluss machen mit dem \u00abBlocksystem\u00bb, das seit dem Zweiten Weltkrieg die internationale Szene beherrschte. Dabei ging es um einen grossen Einsatz: dem imperialistischen Kapital zu erm\u00f6glichen, erneut in die unendlichen Weiten des \u00abOstblocks\u00bb einzudringen.<\/p>\n<p>Obwohl er in Indochina stattfand, war der Vietnamkonflikt kein lokaler Krieg, nicht einmal nur ein regionaler. Er hatte eine weltweite Dimension. Unmittelbare Folge: S\u00e4mtliche Widerspr\u00fcche der internationalen Politik brachen hier durch und beeinflussten den Befreiungskampf: die Mobilisierungen der Arbeiterbewegung und der fortschrittlichen Kr\u00e4fte in Europa und in den Vereinigten Staaten, die Solidarit\u00e4tsbewegungen, die Er\u00f6ffnung (oder eben nicht) neuer revolution\u00e4rer Fronten in der Dritten Welt, Widerspr\u00fcchlichkeiten der Moskauer oder Pekinger Diplomatie\u2026. Denn Widerspr\u00fcchlichkeiten, die gab es.<\/p>\n<p>Es gab keine einfache Gleichwertigkeit zwischen dem \u00abrevolution\u00e4ren Lager\u00bb und dem \u00absowjetischen Lager\u00bb. Sosehr der Ost-West Konflikt eine Realit\u00e4t war, sosehr konnte der Imperialismus auf die Eigeninteressen der sowjetischen B\u00fcrokratie spielen (wie sp\u00e4ter auf diejenigen der chinesischen B\u00fcrokratie), um in entscheidenden Momenten auf die Befreiungsbewegungen Druck auszu\u00fcben. Die asiatischen Kommunisten haben dies sehr fr\u00fch zu ihrem Schaden erfahren. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hat Moskau in den Abkommen von Jalta und Potsdam akzeptiert, dass China und Vietnam im westlichen Herrschaftsbereich verbleiben sollen. Weder die KPCh noch die KPV haben diese Aufteilung der Welt hingenommen, die geheim und hinter ihrem R\u00fccken von den Allierten ausgehandelt wurde.<\/p>\n<p>1954 zwangen Moskau und Peking die KPV noch gemeinsam, um w\u00e4hrend den Genfer Verhandlungen ein Abkommen zu akzeptieren, das keineswegs den wirklichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen entsprach und das im Keime einen neuen Krieg mit sich brachte \u2013 den amerikanischen Krieg, der grausamste von allen. Die Vietnamesen haben aus dieser bitteren Erfahrung gelernt: F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter haben sie den \u00abgrossen Br\u00fcdern\u00bb China und Sowjetunion die Beteiligung an den Verhandlungen in Paris verweigert; diese wurden bilateral mit Washington gef\u00fchrt aus denen dann die Vertr\u00e4ge von 1973 hervorgingen \u2013 diesmal jedoch vorteilhaft f\u00fcr Vietnam.<\/p>\n<p>Mit dem Hervortreten des sino-sowjetischen Konflikts Mitte der 1960er Jahre wurde die Geopolitik noch komplexer. Damals hatte sich China gegen das hinter seinem R\u00fccken von Moskau mit Washington ausgehandelte Nuklearabkommen gestellt. Das Schisma, das den \u00abOstblock\u00bb von innen her aufbrechen liess, bereitete der KPV ein wahres Kopfzerbrechen, denn\u00a0sie ben\u00f6tigte die Hilfe beider Rivalen aus dem \u00absozialisten Lager\u00bb. Im Gegenzug bedeutete dieses Schisma einen Gl\u00fccksfall f\u00fcr die Vereinigten Staaten, die diesen neuen Widerspruch auszunutzen verstanden. Dieser Trumpf erlaubte ihnen zwar nicht, das Debakel von 1975 zu vermeiden, aber er erwies sich in den Folgejahren f\u00fcr die Bildung eines B\u00fcndnisses USA-China-Rote Khmer als entscheidend, als versucht wurde, Vietnam in die Zange zu nehmen.<\/p>\n<p>Bei all dem darf jedoch keinesfalls vergessen werden, dass die w\u00e4hrend des Krieges gegen die USA von Moskau und Peking geleistete wirtschaftliche und milit\u00e4rische Hilfe an Hanoi sehr wichtig war. Die UdSSR und China wussten sehr wohl, dass sie die wahren Ziele der US-Intervention in Vietnam waren. W\u00e4ren die USA siegreich gewesen, so h\u00e4tten sie weiteren Druck aufbauen k\u00f6nnen. Die sino-sowjetische Hilfe war von daher einer der Faktoren des vietnamesischen Widerstandes. Obwohl sie betr\u00e4chtlichen Umfang hatte, so wurde sie doch politisch so abgemessen, dass dadurch nicht die Gespr\u00e4chsm\u00f6glichkeiten mit Washington bedroht wurden: Die Raketen, die den nordvietnamesischen Himmel gegen die B-52 Bomber h\u00e4tten sch\u00fctzen k\u00f6nnen, wurden nicht geliefert, das Angebot eines (faulen) Kompromisses wurde aufrechterhalten \u2013 nur dass die KPV ihn nicht wollte.<\/p>\n<p><b>Der vietnamesische Faktor<\/b><\/p>\n<p>Die geopolitische Lage nach 1949 (Sieg der Chinesischen Revolution) und 1954 (franz\u00f6sische Niederlage) macht aus Vietnam den \u00abBrennpunkt\u00bb der internationalen Situation, den \u00abvorgeschobenen Sch\u00fctzengraben\u00bb des revolution\u00e4ren Kampfes, um an einen langen Kampfruf an den Solidarit\u00e4tsdemos anzukn\u00fcpfen: \u00abSeid gegr\u00fcsst, vietnamesische Br\u00fcder, Soldaten an der allervordersten Front\u00bb. Es war weiterhin notwendig, dass die Befreiungsbewegung in diesem Lande imstande war, eine sehr schwierige Aufgabe zu \u00fcbernehmen: An \u00abvorderster Front\u00bb gegen die Vereinigten Staaten zu stehen.<\/p>\n<p>Die antikolonialen K\u00e4mpfe in Vietnam haben erst sp\u00e4t das spektakul\u00e4re Ausmass angenommen, wie wir es von China ab den zwanziger Jahren kennen. Gleichwohl sind die nationale Bewegung und vor allem die KPV zur selben Zeit wie die KPCh entstanden. Der Kern der ersten F\u00fchrungen dieser beiden Parteien \u00a0hat sich unmittelbar nach der Russischen Revolution gebildet, vor der Stalinisierung der UdSSR. Alle beide haben sich nichtsdestotrotz mit dem \u00absozialistischen Lager\u00bb identifiziert und haben dabei jedoch eine Autonomie in ihren Entscheidungen beibehalten, die mit der direkten Unterordnung anderer KPs kontrastiert. Beide haben sie sich unterschiedliche Kampferfahrungen angeeignet, bevor sie sich in einem verl\u00e4ngerten Volkskrieg engagiert haben \u2013 ab der Wende in die dreissiger Jahre in China, ein Jahrzehnt sp\u00e4ter in Vietnam.<\/p>\n<p>Vor dem Krieg gegen die USA hatte der Vietminh im August durch die Erkl\u00e4rung der Unabh\u00e4ngigkeit eine solide nationale Legitimit\u00e4t gewonnen. Diese wurde dann noch gefestigt durch die F\u00fchrung des \u00abVolkskrieges\u00bb, der dem franz\u00f6sischen Expeditionskorps\u00a0 die Niederlage von\u00a0 Di\u00ean Bi\u00ean Phu beif\u00fcgte, ein bislang weltweit einmaliger Erfolg gegen\u00fcber einer Kolonialmacht. Die Vereinigten Staaten griffen also einen kriegserprobten und gut verwurzelten Gegner an; sie zweifelten nicht an ihrem Sieg, so sehr waren sie von ihrer Macht \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>In seiner Dauer stellt der vietnamesische Befreiungskampf eine ganze Periode dar, die durch die Russische Revolution er\u00f6ffnet wurde. Der Sieg von 1975 war dabei auf seine Art der H\u00f6hepunkt: Das Land siegte in einem frontalen Konflikt gegen den amerikanischen Imperialismus. Er k\u00fcndigte auch das Ende dieser Periode an, obschon dies nicht sogleich sichtbar ist: Die sowjetischen und chinesischen Regimes zersetzten sich aufgrund von b\u00fcrokratischen Konflikten und Krisen immer mehr.<\/p>\n<p><b>Ein totaler Krieg<\/b><\/p>\n<p>Die amerikanische Intervention war in erster Linie eine \u2013 abgesehen von den beiden Weltkriegen \u2013 bislang beispiellose milit\u00e4rische Eskalation. Die ungeheuren in der Region bereitgestellten Mittel wurden eingesetzt, die Milit\u00e4rbasen von Okinawa bis Thailand wurden in \u00abbodengest\u00fctzte Flugzeugtr\u00e4ger\u00bb verwandelt. Die VII. Flotte bombardierte die vietnamesischen K\u00fcsten pausenlos, w\u00e4hrend die Luftwaffe in sehr kurzer Zeit vor Ort sein konnte. Die riesigen B-52 Bomber konnten ihr zerst\u00f6rerisches Werk aus grosser H\u00f6he ausf\u00fchren. Zum ersten Male wurden in den K\u00e4mpfen im grossen Massstabe Helikopter eingesetzt (Frankreich hatte bereits in Algerien welche benutzt). Napalm, Entlaubungsmittel (Agent Orange, das das Land immer noch vergiftet), Splitterbomben\u2026. Abgesehen von der Atombombe und der Zerst\u00f6rung der wichtigsten D\u00e4mme, was einen Teil Nordvietnams unter den Fluten ertr\u00e4nkt h\u00e4tte (zwei Massnahmen, deren internationale Konsequenzen vorhersehbar gewesen w\u00e4ren) wurden alle Mittel eingesetzt. Das US-Expeditionskorps war bis zu 550\u00b4000 Mann stark. Auf das kleine Gebiet in Indochina wurden doppelt so viele Tonnen an Bomben abgeworfen, wie durch die Allierten im Zweiten Weltkrieg insgesamt. Alles in allem nahmen ann\u00e4hernd 9 Millionen US-Milit\u00e4rs am Krieg teil.<\/p>\n<p>Der Krieg wurde auf mehreren Ebenen gef\u00fchrt. Ein Plan zur Ermordung der Kader der Nationalen Befreiungsfront im S\u00fcden, der Plan Phoenix, f\u00fchrte zu mehreren Zehntausend Opfern. Es wurde eine Agrarreform angestossen, um derjenigen der Vietminh etwas entgegenzusetzen und dem Saigoner Regime, das sich auf kapitalistische Farmer abst\u00fctzte, eine soziale Basis zu verschaffen. Die Landbev\u00f6lkerung wurden in strategische D\u00f6rfer umgesiedelt und es wurde bis in die einzelnen Haushalte hinein ein System der Polizeikontrolle errichtet, das bis in die St\u00e4dte reichte, um alle nicht registrierten Personen ausfindig zu machen. Um die Zahl der Opfer unter dem Expeditionskorps zu verringern, wurde die \u00abVietnamisierung\u00bb der konterrevolution\u00e4ren Einheiten vorangetrieben \u2013 dabei ging es darum, \u00abdie Hautfarbe der Leichen zu ver\u00e4ndern\u00bb\u2026.<\/p>\n<p>In den Vereinigten Staaten wurde die Wirtschaft in die Kriegsproduktion eingespannt wie auch die Forschergemeinschaft, von der die Regierung verlangte, neue T\u00f6tungsmaschinen zu erfinden, Sprengbomben, um die Tunnels zu zerst\u00f6ren, W\u00e4rmedetektoren um Menschen aufzusp\u00fcren, Anti-Personenminen, die sich im nat\u00fcrlichen Umfeld einf\u00fcgen, \u2026 Die sehr grosse Mehrheit der Wissenschafter hat sich ohne grosse Bedenken an die Arbeit gemacht, bis zu dem Moment, als die Antikriegsbewegung angesichts der grossen Verluste der US-Armee an Kraft gewann; 60\u00b4000 GIs fanden den Tod, w\u00e4hrend drei Millionen Vietnamesinnen und Vietnamesen get\u00f6tet wurden, bei f\u00fcnf Millionen Verletzten und zehn Millionen Vertriebenen\u2026.<\/p>\n<p>Trotz der schweren Verluste, die nach dem Sieg ernste Folgen hatten (so wurde die Ausstattung mit revolution\u00e4ren Kadern vor allem im S\u00fcden sehr geschw\u00e4cht), hielt der vietnamesische Widerstand stand. Die wirtschaftlichen Kosten f\u00fcr die USA waren enorm. Die Antikriegsbewegung wurde zu einem Faktor innenpolitischer Destabilisierung. Das Jahr 1968 hat den Westen ersch\u00fcttert\u2026. Washington wurde zu Verhandlungen gezwungen. Zwei Jahre nach der Unterzeichnung der Pariser Vertr\u00e4ge brach das Saigoner Regime zusammen.<\/p>\n<p><b>Schach, jedoch nicht matt<\/b><\/p>\n<p>Im Jahre 1975, gleich nach dem vietnamesischen Sieg, erkl\u00e4rten Mo\u00e7ambique (im Juni) und Angola (im November) ihre Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 worauf S\u00fcd-Afrika in beide einf\u00e4llt. In diesem wiederum kommt das Apartheid &#8211; Regime 1994\u00a0 an sein Ende\u2026.<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten werden in Vietnam zwar in Schach gesetzt, aber der K\u00f6nig ist deswegen nicht matt. Die Pariser Vertr\u00e4ge liefen nicht auf einen Kompromis hinaus, etwa nach dem Muster der Vertr\u00e4ge von Evian zwischen dem franz\u00f6sischen Imperialismus und dem neuen algerischen Regime, ganz im Gegenteil. Washington sann auf politische Rache, und der Konflikt dauerte in anderer Form fort. Bereits 1972 begab sich Richard Nixon in einer spektakul\u00e4ren Geste nach Peking, w\u00e4hrend die K\u00e4mpfe auf der indochinesischen Halbinsel w\u00fcteten. Es entstand ein Gelegenheitsb\u00fcndnis, das nach 1975 zu einer anti-vietnamesischen Front zwischen dem amerikanischen Imperialismus, China (wo Deng Xiaoping die Z\u00fcgel \u00fcbernahm) und \u2026 den Roten Khmer (hinter dem offiziellen Rauchvorhang von Sihanuk) f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Der Krieg war nicht vor\u00fcber. Washington hielt den diplomatischen Druck auf das Land aufrecht und erliess ein Embargo; es wird bis zum Februar 1994 dauern und verunm\u00f6glicht internationale Investitionen. Die Roten Khmer ihrerseits treten in Kambodscha selbst eine m\u00f6rderische Flucht nach vorne an, verst\u00e4rken die Angriffe auf die Grenze und fordern von Vietnam das Mekong Delta. Im Dezember 1978 interveniert die vietnamesische Armee im grossen Massstab und das Pol Pot Regime f\u00e4llt in sich zusammen, w\u00e4hrend die vertriebene Bev\u00f6lkerung wieder nach Hause zur\u00fcckkehrt. Im Februar-M\u00e4rz 1979 \u00fcberf\u00e4llt die chinesische Armee mit ca. 120\u00b4000 Mann an mehreren Orten die Nordgrenze; die lokalen und regionalen Milizverb\u00e4nde mussten sich diesem Angriff entgegenstellen, da die regul\u00e4re vietnamesische Armee im kambodschanischen Kriegsgebiet gebunden war. F\u00fcr die KPCh ging es vor allem darum, Hanoi seine Anspr\u00fcche auf die Inselgruppen der Spratley und der Paracelsus Inseln klarzumachen, als ein Vorspiel auf heutige maritime Gebietskonflikte.<\/p>\n<p>Der Krieg nach dem Kriege st\u00fcrzte Vietnam in eine Krise. Wie in Russland, in China oder in Kuba l\u00e4sst der Imperialismus seine Niederlage durch einen hohen Preis bezahlen, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung durch 30 Jahre Krieg schwer geschw\u00e4cht wurde. Das Regime verh\u00e4rtete sich noch mehr \u2013 bereits in der Vergangenheit wurde Ho Chi Minh (verstorben 1969) mehr oder weniger zum Alleinherrscher; er\u00a0dr\u00e4ngte Giap mehr als einmal an die Wand und f\u00fchrte in der F\u00fchrung eine geheime S\u00e4uberung durch, angebliche \u00abSowjettreue\u00bb wurden w\u00e4hrend langer Jahre unter Hausarrest gestellt. Das Regime bef\u00fcrchtete, dass die chinesische Gemeinschaft im S\u00fcden des Landes zu einer f\u00fcnften Kolonne w\u00fcrde und griff die grossen kapitalistischen H\u00e4ndler an\u2026, die oft Chinesen sind. Peking heizte den Konflikt seinerseits an, was den starken Exodus der \u00abBoat people\u00bb nur noch verst\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Die Niederlage der Vereinigten Staaten von 1975 hatte nachhaltige Folgen. Der US-Imperialismus erlebte einen relative Niedergang, von dem Europa h\u00e4tte profitieren k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Jahren war es ihm nicht mehr m\u00f6glich, sich direkt in neue Kriege zu verwickeln. Es h\u00e4tte sich ein neues Fenster f\u00fcr Befreiungsk\u00e4mpfe \u00f6ffnen k\u00f6nnen, wenn nicht der chinesisch-sowjetische Konflikt dieses sofort wieder geschlossen h\u00e4tte. Die Niederlage im Sieg kam nicht durch den \u00e4usseren Feind, sondern durch den inneren Feind jeder sozialen Revolution: von der B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p>Diese Niederlage im Sieg kam auch, dies sollte nicht vergessen werden, durch die Schw\u00e4che der internationalen Solidarit\u00e4t zustande \u2013 einer nach wie vor aktuellen Frage. Obwohl dies nicht der einzige Faktor war, so wurden doch im Rahmen der Radikalisierung der Jugend in zahlreichen L\u00e4ndern in den Jahren 1965 bis 1975 viele sehr sch\u00f6ne internationalistische Seiten dar\u00fcber geschrieben. Aber dies war bereits recht sp\u00e4t. Das vietnamesische Volk h\u00e4tte seine Freiheit zur Zeit der Volksfront-Regierung in Frankreich 1936-37 gewinnen k\u00f6nnen; oder 1945, wenn Paris damals kein Expeditionskorps h\u00e4tte entsenden k\u00f6nnen, um die ehemalige Kolonie zur\u00fcckzuerobern; oder 1954, wenn Moskau und Peking keinen Deal mit Paris geschlossen h\u00e4tten; oder dann 1968, im Anschluss an die T\u00eat-Offensive. Man musste bis 1975 warten, nach Jahrzehnten der Zerst\u00f6rung und der schweren Pr\u00fcfungen, die der Befreiungsbewegung und der gesamten Bev\u00f6lkerung h\u00e4tten erspart werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor vierzig Jahren f\u00fcgte die vietnamesische Bev\u00f6lkerung der imperialistischen Supermacht USA eine vernichtende Niederlage bei \u2013 und sie lebt nun unter dem Joch des globalisierten Kapitalismus. Ja, schlimmer noch: Vietnam <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[50,18,20,51,17],"class_list":["post-555","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-china","tag-imperialismus","tag-sowjetunion","tag-vietnam","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=555"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":563,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/555\/revisions\/563"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=555"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=555"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=555"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}