{"id":5616,"date":"2019-07-13T10:48:49","date_gmt":"2019-07-13T08:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5616"},"modified":"2019-07-13T10:48:50","modified_gmt":"2019-07-13T08:48:50","slug":"die-rolle-deutscher-grosskonzerne-im-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5616","title":{"rendered":"Die Rolle deutscher Gro\u00dfkonzerne im Faschismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Jan Ole Arps, Guido Speckmann und Nelli T\u00fcgel. <\/em>Beides hat man in der Bundesrepublik so wohl noch nicht erlebt: Ein Juso-Vorsitzender, der eine Kollektivierungs- und Sozialismusdebatte ausl\u00f6st und eine junge Firmenerbin, die ihm erwidert<!--more--> und bekennt: \u00bbIch bin Kapitalist. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und sowas.\u00ab So Verena Bahlsen Mitte Mai. Die Jugendorganisation der SPD tr\u00e4gt Sozialismus zwar noch im Namen, aber f\u00fcr die Praxis hat das kaum eine Relevanz. Und f\u00fcr Kapitaleigner und Reiche gilt in Deutschland die Devise: \u00dcber Geld redet man nicht &#8211; schon gar nicht dar\u00fcber, wie man es erhalten hat. Die 25-j\u00e4hrige Verena Bahlsen, eine Erbin des gleichnamigen Keks-Imperiums, brach mit dieser Gepflogenheit. Und sie ritt sich schnell weiter in den medialen Shitstorm hinein. Denn nachdem ihr auf Twitter entgegengehalten worden war, in der Online-Chronik der Firma Bahlsen die Besch\u00e4ftigung von 200 Zwangsarbeiter*innen zur Zeit des Nationalsozialismus verschwiegen zu haben, legte sie in der Bildzeitung nach: \u00bbDas war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt\u00ab. Das ging nach hinten los: Der Spiegel legte dar, dass Verena Bahlsens Opa und seine zwei ebenfalls in der Firmenleitung t\u00e4tigen Br\u00fcder allesamt in der NSDAP waren und die SS gef\u00f6rdert hatten. Und Die Zeit wies nach, dass die Bahlsen-Zwangsarbeiter*innen mitnichten so viel wie die deutschen Besch\u00e4ftigten verdienten.<\/p>\n<p>Die Bahlsen-Anekdote zeigt zweierlei: Zwangsarbeit ist immer noch nicht als Verbrechen des deutschen Faschismus im Bewusstsein verankert &#8211; trotz der breiten Debatte, die im Zuge der Zwangsarbeiterentsch\u00e4digung um die Jahrtausendwende gef\u00fchrt wurde. Und ebenfalls nicht im Bewusstsein ist, dass unter anderem aufgrund der riesigen Profitsch\u00f6pfung fast aller deutscher Konzerne durch Zwangsarbeit im Dritten Reich in der unmittelbaren Nachkriegszeit mehr als nur der IG Farben-Konzern h\u00e4tten zerschlagen werden sollen. Fast alle politischen Kr\u00e4fte wollten unmittelbar 1945 deutsche Firmen sozialisieren. Die M\u00f6glichkeiten dazu sind in L\u00e4nderverfassungen und im Grundgesetz der Bundesrepublik festgeschrieben. (ak 649) Damals war die Verstrickung deutscher Firmen mit dem Nationalsozialismus allgemein bekannt. Antifaschismus beinhaltete auch Antimonopolismus. Dass schlie\u00dflich kaum sozialisiert wurde, hing mit dem Ausbruch des Kalten Krieges zusammen.<\/p>\n<p>Bahlsen ist im Vergleich zu Daimler, Siemens oder BMW ein kleiner Fisch. Wir werfen im Folgenden Schlaglichter auf die f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften deutschen Konzerne und ihre Rolle im Nazi-Faschismus. Das Ranking entspricht dem des Wirtschaftsmagazins Forbes, das als Kriterium eine Kombination von Umsatz, Nettogewinn, Aktiva und Marktwert zugrunde legt.<\/p>\n<p><strong>Allianz: Hilfen f\u00fcr den SA-Aufbau<\/strong><\/p>\n<p>Im Februar 1931 meldete Hitlers pers\u00f6nlicher Spendenbeschaffer Walther Funk: \u00bbWenn es zum B\u00fcrgerkrieg kommt, gibt es von der Allianz f\u00fcnf Millionen Mark.\u00ab Er und Hitler hatten den Aufsichtsratsvorsitzenden des Versicherungsunternehmens, August von Finck, und den Vorstandschef Kurt Schmitt (sp\u00e4ter Wirtschaftsminister unter Hitler) getroffen. Hintergrund: Die NSDAP sah in der Endphase der Weimarer Republik einen B\u00fcrgerkrieg heraufziehen und wollte die SA bewaffnen, um eine bef\u00fcrchtete kommunistische Revolution niederzuschlagen. Hitler war \u00fcber die gro\u00dfe Summe erstaunt und kommentierte: \u00bbDiese Millionen sind Macht\u00ab. Die unheilige Allianz zwischen der 1890 gegr\u00fcndeten Versicherung und dem Nazifaschismus wurde in den folgenden Jahren noch enger. Ob Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Stutthof, Neuengamme oder Ravensbr\u00fcck &#8211; \u00fcberall war man allianzversichert. R\u00fcstungsbetriebe der SS, H\u00e4ftlingsbaracken oder Fuhrparks waren Haftpflicht-, Feuer- oder unfallversichert. Allianz-Mitarbeiter*innen gaben auf den KZ-Arealen Tipps gegen Feuergefahr. Trat der Ernstfall ein, zauderten sie aber mit der Auszahlung. Gar nichts von ihrer Allianz-Versicherung sahen J\u00fcdinnen und Juden, ihre Versicherungen wurden beschlagnahmt und nicht ausgezahlt. Die Allianz verdiente an T\u00e4ter*innen wie Opfern. Als der Zweite Weltkrieg begann, konnte das Unternehmen enorme Gesch\u00e4fte machen. \u00bbIm Gefolge der deutschen Truppen eroberten die Assekuranzen fast den ganzen europ\u00e4ischen Markt\u00ab, fasste der Spiegel 1997 eine Recherche zusammen.<\/p>\n<p>Dass f\u00fchrende Allianz-Manager die N\u00e4he von Hermann G\u00f6ring und Hitler suchten, lag auch daran, dass sie Verstaatlichungen f\u00fcrchteten. Schon Bismarck hatte die Umwandlung der privaten Versicherer in \u00f6ffentlich-rechtliche Institutionen ins Spiel gebracht. Seitdem wurde dar\u00fcber diskutiert &#8211; auch von der nationalsozialistischen \u00bbLinken\u00ab, die das begr\u00fc\u00dfte. Dann sich doch lieber mit den wirtschaftsfreundlichen Hermann G\u00f6ring und Hitler ins Einvernehmen setzen, um das \u00dcberleben zu sichern &#8211; und Profite zu machen.<\/p>\n<p>August von Finck junior \u00fcbrigens hat sich schon l\u00e4ngst von seinen Beteiligungen an der Allianz getrennt. Eines jedoch teilt er mit seinem Vater: die Vorliebe f\u00fcr finanzielle Zuwendungen an rechte Parteien. Er soll hinter den finanziellen Zuwendungen an die AfD aus der Schweiz stecken.<\/p>\n<p><strong>Daimler: hohe Profite durch Zwangsarbeit<\/strong><\/p>\n<p>41 Zeilen. Dieses Bisschen Platz r\u00e4umte man dem Thema Zwangsarbeit in der 330-seitigen Firmengeschichte ein, die die Daimler-Benz Aktiengesellschaft 1986 anl\u00e4sslich eines Firmenjubil\u00e4ums hatte anfertigen lassen. Aufgrund wachsenden \u00f6ffentlichen sowie innerbetrieblichen Drucks, letzterer ausge\u00fcbt vor allem durch die linksoppositionelle PLAKAT-Gruppe, publizierte Daimler-Benz noch im selben Jahr eine schriftliche Dokumentation, die die Zeit des deutschen Faschismus ausf\u00fchrlicher unter die Lupe nahm. Die darin aufgef\u00e4cherte Erz\u00e4hlung \u00e4hnelt jener, der sich Verena Bahlsen bediente: Man habe die betroffenen M\u00e4nner und Frauen \u00bbgut behandelt\u00ab, hatte Bahlsen behauptet; man sei stets bem\u00fcht gewesen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter*innen zu \u00bblindern\u00ab, so beschreibt der Politikwissenschaftler Sebastian Br\u00fcnger die in der Daimler-Benz-Dokumentation eingenommene Haltung.<\/p>\n<p>Die Daimler-Benz AG war 1926 aus einer Fusion hervorgegangen. 1944 waren die H\u00e4lfte der 100.000 Daimler-Arbeiter*innen Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene, Verschleppte, KZ-H\u00e4ftlinge. Schon 1937 betrug der R\u00fcstungsanteil der Konzerns 50 Prozent, 1944 lag er bei 95 Prozent. Viele Zwangsarbeiter*innen, die bei Daimler schuften mussten, \u00fcberlebten den Einsatz nicht. Diese menschlichen Kosten flossen nicht nur in die R\u00fcstungsproduktion, sie legten auch einen bedeutenden Grundstein f\u00fcr das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, wie der Bochumer Geschichtswissenschaftler Constantin Goschler 2008 dem WDR erkl\u00e4rte. So h\u00e4tten Zwangsarbeiter*innen etwa \u00bbwertvolle Produktionskapazit\u00e4ten\u00ab unter hohen Verlusten zu Kriegsende in Sicherheit bringen m\u00fcssen. Als sich Daimler 1988 dazu entschloss, 20 Millionen Mark f\u00fcr Entsch\u00e4digungen zur Verf\u00fcgung zu stellen, kritisierten unter anderem \u00dcberlebende diese Summe angesichts der ungeheuren Profite, die der Konzern aus Zwangsarbeit gepresst hatte, als viel zu niedrig.<\/p>\n<p>Daimler-Benz existierte bis zur gro\u00dfen Fusion mit Chrysler im Jahr 1998. 2007 wurde die Chrysler Group wieder abgesto\u00dfen. Heute arbeiten 280.000 Menschen f\u00fcr Daimler, 170.000 davon in der Bundesrepublik. Hauptaktion\u00e4r ist seit Anfang 2018 der chinesische Milliard\u00e4r Li Shufu, der sich f\u00fcr mehr als sieben Milliarden Euro 9,69 Prozent der Wertpapieranteile sicherte. Der Gewinn des Konzerns lag 2018 bei 7,25 Milliarden Euro.<\/p>\n<p><strong>Volkswagen: Autos bauen f\u00fcr den F\u00fchrer<\/strong><\/p>\n<p>Seit 1960 ist der Autokonzern Volkswagen mit einem aktuellen Jahresumsatz von 272 Milliarden Dollar, einem Gewinn von 13,1 Milliarden Dollar und 650.000 Besch\u00e4ftigten eine Aktiengesellschaft. Etwa die H\u00e4lfte der Aktien geh\u00f6rt heute der Familie Porsche und Pi\u00ebch. Bis Mitte der 2010er Jahre war der Hauptaktion\u00e4r das Land Niedersachsen, dem heute noch 20 Prozent der Wertpapiere geh\u00f6ren. Der damalige Ministerpr\u00e4sident und sp\u00e4tere SPD-Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der machte Ferdinand Pi\u00ebch 1993 zum Vorstandsvorsitzenden von VW &#8211; 2005 stieg die Firma Porsche als Eigent\u00fcmer bei VW ein; der Familienclan Porsche-Pi\u00ebch brachte daraufhin eine Aktienmehrheit in seinen Besitz.<\/p>\n<p>Die Verbindung zwischen der Familie und Volkswagen ist indes viel \u00e4lter. Ferdinand Pi\u00ebchs Vater Anton Pi\u00ebch war der Schwiegersohn von Porschegr\u00fcnder Ferdinand Porsche. Adolf Hitler hatte den Autohersteller Mitte der 1930er mit der Konstruktion eines \u00bbVolkswagens\u00ab betraut. F\u00fcr dessen Produktion wurden 1937 Volkswagen, 1938 die Stadt Wolfsburg (vormals Fallersleben), 1942 das Konzentrationslager \u00bbArbeitsdorf\u00ab &#8211; auf ausdr\u00fcckliches Dr\u00e4ngen Ferdinand Porsches &#8211; und 1944 das Au\u00dfenlager Laagberg des KZ Neuengamme gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Porsche war mit seinem Schwiegersohn Anton Pi\u00ebch zwischen 1941 und 1945 Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Volkswagenwerkes. Er trat 1937 der NSDAP und 1942 der SS bei. Der aus Wien stammende Pi\u00ebch war bereits seit 1933 NSDAP-Mitglied, als dies in \u00d6sterreich noch illegal war. Schon seit seinem Jura-Studium hatte er sich in rechten und v\u00f6lkischen Kreisen bewegt und als Anwalt Nationalsozialisten vertreten, 1944 wurde er Mitglied der SS.<\/p>\n<p>Etwa 20.000 Zwangsarbeiter*innen sowie KZ-H\u00e4ftlinge wurden unter der Leitung von Porsche und Pi\u00ebch in den 1940er Jahren bei VW ausgebeutet, das waren zwei Drittel aller Arbeiter*innen des Werkes. Wie die Historiker Hans Mommsen und Manfred Grieger f\u00fcr ihre Tausend Seiten starke Monografie \u00bbDas Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich\u00ab aus dem Jahr 1996 recherchierten, starben dabei Hunderte Menschen, darunter mindestens 350 S\u00e4uglinge, die ihren M\u00fcttern nach der Geburt weggenommen worden waren.<\/p>\n<p>Der Konzern bekannte sich nie aus eigenem Antrieb zu seiner Verantwortung. Erst im Sommer 1998 und unter internationalem Druck wurde ein privater Fonds \u00fcber 20 Millionen Mark eingerichtet. Zum Vergleich: 1999 lag der Jahresgewinn von VW bei 850 Millionen Mark. Nur ein Zehntel der fr\u00fcheren VW-Zwangsarbeiter*innen wurde aus dem Fonds entsch\u00e4digt. Das Verm\u00f6gen der Familie Porsche und Pi\u00ebch wird heute auf 39,4 Milliarden Euro gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p><strong>Siemens: \u00bbDemokraten\u00ab machen Gesch\u00e4fte in KZs<\/strong><\/p>\n<p>Das Unternehmen Siemens wurde 1847 in Berlin gegr\u00fcndet; schon im Folgejahr baute es die erste Telegraphenlinie Europas zwischen Berlin und Frankfurt am Main. Bald folgten internationale Gro\u00dfprojekte wie der Bau des Transatlantikkabels. Siemens erweiterte seine Produktpalette &#8211; Oberleitungen, Kabel, Flugmotoren &#8211; und wurde bis 1939 zum gr\u00f6\u00dften Elektrokonzern der Welt. Noch heute z\u00e4hlt Siemens zu den weltgr\u00f6\u00dften Elektrokonzernen. Zum Aufstieg des Konzerns an die Weltspitze trugen die vielen R\u00fcstungsauftr\u00e4ge durch das NS-Regime ma\u00dfgeblich bei. Zwischen 1933 und 1944 verf\u00fcnffachte der Konzern seinen Umsatz; R\u00fcstungsg\u00fcter waren in dieser Zeit der wichtigste Gesch\u00e4ftszweig. Auf seiner Website erz\u00e4hlt Siemens die Geschichte so: \u00bbCarl Friedrich von Siemens leitet das Unternehmen zwischen 1933 und 1941. Als \u00fcberzeugtem Demokraten ist ihm die Nazi-Diktatur zuwider, dennoch hat er sich f\u00fcr das Wohl und den Erhalt des Unternehmens einzusetzen.\u00ab Carl Friedrich von Siemens, selbst Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (1920-1924), hatte zu Beginn der Weimarer Republik, wie viele andere Industrielle, allerdings auch den \u00bbAntibolschewistenfonds\u00ab der rechtsradikalen Antibolschwestischen Liga mit Zahlungen unterst\u00fctzt. Nach dem Wehrmachts\u00fcberfall auf Polen lie\u00dfen Kriegsauftr\u00e4ge die Kassen weiter klingeln. Der Konzern baute neue Werke \u00fcberall in Deutschland und in den besetzten Gebieten und machte Extra-Profite durch den massenhaften Einsatz von Zwangsarbeiter*innen. 1942 errichtete Siemens ein Werk am Frauenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck, in dem unter Aufsicht von Siemens- und SS-Personal gut 2.000 weibliche KZ-H\u00e4ftlinge schufteten. Auch in Auschwitz und Lublin produzierte Siemens mit von der SS angemieteten KZ-H\u00e4ftlingen. Um 1944 waren Sch\u00e4tzungen zufolge gut ein Viertel der damals 250.000 Siemens-Arbeiter*innen waren Zwangsarbeiter*innen.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg wurde Hermann von Siemens (Firmenchef von 1941 bis 1956) kurz im N\u00fcrnberger Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis interniert, seine Karriere nahm dadurch keinen Schaden. Eine Mitverantwortung am Nationalsozialismus wies der Konzern stets von sich, die Entsch\u00e4digung ehemaliger Zwangsarbeiter*innen lehnte er lange ab. 1962 zahlte Siemens \u00bbaus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden\u00ab sieben Millionen D-Mark an die Jewish Claims Conference. Mit seiner Zahlung an die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft kaufte sich Siemens im Jahr 2000 von jeder weiteren Verantwortung frei.<\/p>\n<p><strong>BMW: Unter den Nazis Rekordums\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Mit BMW ging es bekanntlich los: Als der Juso-Vorsitzende Kevin K\u00fchnert den bayerischen Autokonzern zum Kollektivierungskandidaten k\u00fcrte, wurde die Frage der Enteignung zum bundespolitischen Aufreger. Der Juso brachte sogar die Zerschlagung des Konzerns (Jahresumsatz 2017: 99 Milliarden Euro) ins Spiel: \u00bbMir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW staatlicher Automobilbetrieb steht &#8230; oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht.\u00ab<\/p>\n<p>Die BMW-Firmengeschichte ist eine Geschichte des Grauens. Die Bayerischen Motorenwerke, 1913 als Rapp Motorenwerke GmbH gegr\u00fcndet, r\u00fcsteten schon im Ersten Weltkrieg das deutsche Heer mit Motoren f\u00fcr Jagdflugzeuge aus. Weil der Versailler Friedensvertrag es 1919 f\u00fcr f\u00fcnf Jahre verbot, in Deutschland Flugzeugmotoren herzustellen (damals das einzige Produkt des Unternehmens), entwickelte BMW zun\u00e4chst ein Motorrad, sp\u00e4ter Autos. Der Durchbruch f\u00fcr BMW kam unter den Nazis: Der Jahresumsatz schnellte von 32,5 Millionen Reichsmark im Jahr 1933 auf 280 Millionen im Jahr des Kriegsbeginns. Der Grund: R\u00fcstungsauftr\u00e4ge, haupts\u00e4chlich Flugmotoren. 1944 machte das Unternehmen einen Umsatz von 750 Millionen Reichsmark. Es hatte rund 56.000 Besch\u00e4ftigte, ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte davon Zwangsarbeiter*innen.<\/p>\n<p>Auch mit Enteignungen hat das Unternehmen bereits Erfahrung. 1938 profitierte BMW von der \u00bbArisierung\u00ab der Argus Motoren Gesellschaft des j\u00fcdischen Fabrikanten Moritz Straus. Aus dem Betrieb wurde das BMW-Werk II in M\u00fcnchen-Allach. BMW beutete hier 17.000 Zwangsarbeiter*innen und KZ-H\u00e4ftlinge aus dem Au\u00dfenlager Allach des KZ Dachau aus und baute am Standort quasi ein firmeneigenes Konzentrationslager. Etwa 2.000 KZ-H\u00e4ftlinge, die f\u00fcr BMW arbeiteten, starben an Hunger, K\u00e4lte und Entkr\u00e4ftung. Belangt wurde daf\u00fcr niemand bei BMW. Bis 1965 befand sich das Allacher Werk weiter im Besitz von BMW, dann verkaufte das Unternehmen das Gel\u00e4nde an den Triebwerkbauer MTU. 1959 wurde Herbert Quandt Gro\u00dfaktion\u00e4r bei BMW. Auch das Verm\u00f6gen der Industriellenfamilie Quandt, die als reichste Familie Deutschlands gilt, basiert auf der Auspressung von Zwangsarbeiter*innen und KZ-H\u00e4ftlingen und der Enteignung j\u00fcdischen Besitzes.<\/p>\n<p>In der sowjetischen Besatzungszone \u00fcbernahm nach Kriegsende die Sowjetunion das BMW-Automobilwerk in Eisenach, 1953 wurde es in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt, der fortan Wartburg-Autos produzierte. An diesen zweiten Teil der BMW-Enteignungshistorie lie\u00dfe sich gut ankn\u00fcpfen, allerdings vielleicht ohne Wartburg-Produktion.<\/p>\n<p><strong>10 versus 180 Millionen<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbBrosamen vom Herrentisch\u00ab hie\u00df die Buchform einer 1999 vorgelegten Studie des Wirtschaftshistorikers Thomas Kuczynski. In dieser hatte er ausgerechnet, dass deutsche Konzerne den NS-Zwangsarbeiter*innen rund 180 Milliarden DM an vorenthaltenen L\u00f6hnen schuldeten. Wohlgemerkt, nur an Lohneinkommen, Entsch\u00e4digungen f\u00fcr das ohnehin nicht zu beziffernde Leid waren hier nicht enthalten. Gegen die 180 Milliarden muten die nach einer jahrzehntelangen Praxis der Entsch\u00e4digungsverweigerung im Jahr 2000 von der Bundesregierung und einer Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft vereinbarten zehn Milliarden DM recht mickrig an. Brosamen vom Herrentisch eben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak650\/41.htm\"><em>ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. Juli 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Ole Arps, Guido Speckmann und Nelli T\u00fcgel. 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