{"id":5633,"date":"2019-07-18T15:18:21","date_gmt":"2019-07-18T13:18:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5633"},"modified":"2019-08-07T15:13:13","modified_gmt":"2019-08-07T13:13:13","slug":"kommunismus-als-strategie-eine-ueberfaellige-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5633","title":{"rendered":"Kommunismus als Strategie. Eine \u00fcberf\u00e4llige Debatte"},"content":{"rendered":"<p><em>Willi Eberle.<\/em> <strong>Kommunismus als die befreiende, revolution\u00e4re \u00dcberschreitung des Kapitalismus, der politischen und sozialen Herrschaft der Bourgeoisie, als Reich, wo \u00ab jeder nach seinen<!--more--> F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen\u00bb<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><em>[1]<\/em><\/a>: diese Perspektive verschwand im Verlaufe der vergangen vier Jahrzehnte weitgehend aus den theoretischen Debatten der sogenannten \u00abrevolution\u00e4ren\u00bb Linken, und umso mehr einer breiteren, selbst einer kritischen, \u00d6ffentlichkeit. Und entsprechend die Strategie dahin. Diesem dringenden Problem widmet sich das gut 330seitige Buch <em>Communisme et strat\u00e9gie<\/em> von Isabelle Garo, erschienen bei \u00c9ditions Amsterdam, Paris im April 2019.<\/strong><\/p>\n<p>Zitieren wir gleich die ganze Passage, wo der oben erw\u00e4hnte Satz von Marx steht: \u00abIn einer h\u00f6heren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und k\u00f6rperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbed\u00fcrfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkr\u00e4fte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller flie\u00dfen \u2013 erst dann kann der enge b\u00fcrgerliche Rechtshorizont ganz \u00fcberschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen.\u00bb Dieses theoretische \u2013 und praktische \u2013 Programm entwickelte sich seit der Mitte der 1840er Jahre bei Karl Marx \u2013 und etwas fr\u00fcher bei Friederich Engels.<\/p>\n<p>Und die innere Logik der K\u00e4mpfe der Arbeiterbewegung deuten in eine entsprechende Richtung. Dies wird und wurde in deren Inhalten und Methoden \u00fcber die vergangenen 200 Jahre immer wieder sichtbar. Mehr Zeitautonomie, einen gr\u00f6sseren Anteil an ihrem Arbeitsprodukt, dem gesellschaftlichen Reichtum, mehr Kontrolle \u00fcber den gesellschaftlichen Produktionsprozess, demokratische Beteiligung am (b\u00fcrgerlichen) Staat \u2013 in revolution\u00e4ren Perioden gar der Aufbau von R\u00e4testrukturen parallel zum b\u00fcrgerlichen Staat \u2013, k\u00e4mpferische Achsen um die Eigentumsfrage an den Produktionsmitteln und die demokratische Kontrolle \u00fcber den gesellschaftlichen Reichtum, dies sind Kernst\u00fccke der Agenda der Arbeiterklasse im Klassenkonflikt. In diesem Sinne ist das Programm von Marx und Engels, und nach ihnen der Tradition des revolution\u00e4ren Marxismus in einem gewissen Sinne wissenschaftlich: Denn mit den Instrumenten dieser theoretischen und praktischen Tradition m\u00fcssten die Siege und Niederlagen der Arbeiterklasse erkl\u00e4rt und die Strategien von deren Kampfstrukturen entwickelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun, soweit geht Isabelle Garo nicht. Im Gegenteil, sie distanziert sich sogar ausdr\u00fccklich (S. 330) von einer solchen Sichtweise. Aber sie ordnet ihre Argumente trotzdem in materialistisch-dialektischer Art in recht gute, verstreut angebrachte knappe Einsch\u00e4tzungen der jeweiligen geschichtlichen Perioden ein. Wie es sich f\u00fcr revolution\u00e4re Ans\u00e4tze geh\u00f6rt. Sie konzentriert ihr Argument haupts\u00e4chlich auf drei zeitgen\u00f6ssische popul\u00e4re Autoren, die beispielhaft stehen f\u00fcr drei Achsen der \u00ablinken\u00bb antimarxistischen Theoriebildung, die auf jeweils einer zentralen Achse der Strategiediskussion eine Alternative zum marxistischen Ansatz entwickeln m\u00f6chten: Alain Badiou zu Staat und Politik, Ernesto Laclau zu Klasse und Hegemonie, Antonio Negri und Michael Hardt zur Eigentumsfrage und Arbeitsteilung.<\/p>\n<p><strong>Alain Badiou, Ernesto Laclau (&amp; Chantal Mouffe), Antonio Negri (&amp; Michael Hardt)<\/strong><\/p>\n<p>Diese drei Autoren sind Repr\u00e4sentanten einer breiten philosophischen Entwicklung, die den wachsenden Neuen Mittelschichten angesichts der Niederlagen der Arbeiterbewegung ab den sp\u00e4ten 1970er Jahre als ideologische Untermauerung ihrer praktischen, lebensweltlichen Hinwendung zum neoliberalen Akkumulationsmodell dienen sollen: Postmodernismus, Linguistic turn, Positivismus, Pragmatismus und andere Str\u00f6mungen des Anti-Marxismus, insbesondere auch eine Ankn\u00fcpfung an traditionelle, ins 19. Jahrhundert zur\u00fcckreichende, rechte intellektuelle Str\u00f6mungen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>; diese neuen Ans\u00e4tze des Anti-Marxismus entwickelten sich eher im universit\u00e4ren Milieu, entstammten kaum je einer Massenbewegung. Dass Garo gerade diese drei Autoren n\u00e4her betrachtet, h\u00e4ngt einerseits damit zusammen, dass sie sich beispielsweise mit dem Postmodernismus in fr\u00fcheren Arbeiten ausgiebig besch\u00e4ftigt hat. Andererseits sind alle Drei, trotz ihres ausgesprochenen Anti-Marxismus, mit Fragen der Strategie der Emanzipation besch\u00e4ftigt. In den Ausf\u00fchrungen der Autorin wird klar, dass sie gerade an diesem Anspruch scheitern m\u00fcssen. Dies k\u00f6nnte \u2013 ja muss wohl \u2013 als Hinweis genommen werden, dass eine Strategie der Befreiung nur mit den Erfahrungen und Instrumenten des revolution\u00e4ren Marxismus entwickelt werden kann, im Rahmen der demokratischen Aneignung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, der Stellung der Eigentumsfrage durch die vereint k\u00e4mpfende Arbeiterklasse. Und gerade dies wird durch die drei Autoren vehement bestritten und durch Garo etwas zu zur\u00fcckhaltend gegen diese eingebracht.<\/p>\n<p>Die drei Autoren ordnen ihre sehr pauschale Einsch\u00e4tzung des Marxismus in den gef\u00e4lligen und leichtfertigen Diskurs des Antitotalitarismus ein, wie er ab den 1970er Jahren parallel zur neoliberalen Offensive fl\u00e4chendeckend durch deren tragenden Kr\u00e4fte verbreitet wurde. Dabei spielen ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen in den K\u00e4mpfen der 1960er und 1970er Jahren eine entscheidende Rolle. Alle drei waren in radikalen linken Gruppierungen an jenen K\u00e4mpfen beteiligt und machten die Erfahrung von deren Niederlagen und des Niedergangs der radikalen Linken und der Arbeiterbewegung. Sie taten, was viele politischen Aktivistinnen und Aktivisten jener Periode taten: sie suchten die Ursachen f\u00fcr die Niederlagen im Marxismus als solchem. Alain Badiou war zur Zeit der grossen K\u00e4mpfe der franz\u00f6sischen Arbeiterklasse Ende der 1960er Jahre in einer franz\u00f6sischen maoistischen Spontigruppe, die so schnell verschwand wie sie entstand, Antonio Negri erlebte die grossen Arbeiteraufst\u00e4nde Italiens. In beiden Kampfzyklen spielten die Kommunistischen Parteien, angesichts der wuchtigen Spontanit\u00e4t der Arbeiterk\u00e4mpfe, eine mehr als problematische Rolle. Ernesto Laclau machte im argentinischen Kontext \u00e4hnliche Erfahrungen. Dass sie sich in solch pauschalisierende Urteile \u00fcber die gesamte Arbeiterbewegung und den Marxismus verbeissen, ist vor diesem Hintergrund vielleicht verst\u00e4ndlich. Als Intellektuelle hingegen ist unentschuldbar, dass sie jede Referenz auf Klassenkampf, Parteiaufbau, Verankerung in der Arbeiterklasse, politisches Programm, und andere zentrale Elemente der Tradition des revolution\u00e4ren Marxismus bek\u00e4mpfen. Gerade diesbez\u00fcglich reihen sie sich ein in die Front von Stalinismus und Sozialdemokratie, d.h. von allen Varianten des traditionellen Reformismus<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, die zu Recht jede revolution\u00e4re Entwicklung als Bedrohung ihrer Existenz verstehen und deshalb mit allen Mitteln bek\u00e4mpfen. \u00a0Diese drei Autoren werden so nolens volens zu retardierenden Faktoren der Emanzipation. Vor diesem Hintergrund ist es bedauerlich, dass Garo mit ihnen und den entsprechenden intellektuellen Modestr\u00f6mungen nicht sch\u00e4rfer ins Gericht geht.<\/p>\n<p>Mit dem R\u00fcckgang oder besser gesagt: Verschwinden anhaltender grosser und offensiver Arbeiterk\u00e4mpfe, wie sie im heissen Jahrzehnt vom Ende der 1960er bis zum Ende der 1970er Jahre weltweit aufflammten, versch\u00e4rfte sich auch das strategische Problem des Aufbaus einer Einheit der emanzipatorischen K\u00e4mpfe, bei denen die Arbeiterklasse die klare F\u00fchrung hat und langsam als geschichtliches Subjekt, als Arbeiterklasse f\u00fcr-sich, auf die B\u00fchne tritt; dies war im heissen Jahrzehnt gerade der Fall.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Neue K\u00e4mpfe entwickelten sich zwar ab der Mitte der 1990er Jahre in einzigartiger Breite, allerdings waren und sind sie thematisch und vor allem politisch-organisatorisch zerstreut und oft sehr weit entfernt von den Fragen um die materielle und politische Wirklichkeit der breiten Bev\u00f6lkerung, der Arbeiterklasse an-sich angesiedelt. Die Arbeiterklasse spielt bei diesen K\u00e4mpfen meistens keine sichtbar f\u00fchrende Rolle. An die Stelle der Perspektive der universellen Befreiung und der Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums und der demokratischen Kontrolle seiner Produktion und Verteilung traten stattdessen oftmals Fragen der lokalen Unterdr\u00fcckung aufgrund spezieller Identit\u00e4ten (Rasse, Geschlecht, Lebensform, Nationalit\u00e4t, Religion,\u2026). Die gesellschaftlichen Grundkonflikte werden nicht mehr als Klassenkonflikte in einem geschichtlichen Zusammenhang verstanden, sondern als K\u00e4mpfe gegen Unterdr\u00fcckung hier und jetzt. Dies war die Stunde des Linguistic turn (der sprachkritischen Wende), der Gender Studies, des Pragmatismus, des Postmodernismus und anderer anti-marxistischer Ans\u00e4tze. Gerade auch auf diesem Punkt w\u00e4re eine Vertiefung durch die Autorin hilfreich gewesen.<\/p>\n<p>Alain Badiou weist, wie die Postmodernisten, das Marx\u2019sche Projekt der Kritik der politischen \u00d6konomie vehement zur\u00fcck und entwirft ein entsprechend \u00ab\u00e4therisch\u00bb wirkendes Projekt eines \u00abspekulativen Linksradikalismus\u00bb (63), wo das Ereignis als Moment, wo der Kommunismus als \u00abNorm des historischen Prozesses\u00bb erscheint. Er kn\u00fcpft damit an Derrida an, wie auch diese Auffassung seltsame Gemeinsamkeiten mit dem \u00abSpontaneismus des Maoismus und des Neoliberalismus\u00bb aufweist (64). Damit wird es ihm unm\u00f6glich, eine Verbindung zwischen der materiellen, konkreten Wirklichkeit mit einer Konzeption von Kommunismus und Strategie zu entwickeln \u2013 dem zentralen Pfeiler des Marx\u2019schen Projektes. Sein Ansatz gleitet damit in einen Voluntarismus ab und tr\u00e4gt somit irrationalistische Z\u00fcge, trotz der formalen und akademischen Ausgefeiltheit seines umfangreichen Werkes.<\/p>\n<p>Ernesto Laclau hat vor seinem Tod (2014) mit seiner Ehefrau Chantal Mouffe mehrere B\u00fccher publiziert, wo sie eine breit angelegte Hypothese \u00fcber die nur elektorale Machtergreifung jenseits der marxistischen Konzepte von Klassenkonflikt, Kapitalismus, Geschichte, Politik, Organisation usw. erarbeiten. Sie st\u00fctzen sich dabei auf strukturalistische und postmodernistische Konzepte (die Gesellschaft als Ensemble von diskursiven Praktiken). \u00a0Demzufolge lehnen sie eine polit\u00f6konomische Analyse des Kapitalismus ab und betrachten eine solche als unm\u00f6glich und vor allem als \u00abtotalit\u00e4r\u00bb, wie im Postmodernismus \u00fcblich. Die vorgeschlagene Strategie kn\u00fcpft an die rechten Rezeptionen des Hegemoniekonzeptes von Gramsci an; entsprechend schrecken Laclau und Mouffe auch nicht vor autorit\u00e4ren Konsequenzen des Ansatzes eines linken Populismus zur\u00fcck. Politik ist bei ihnen nur eine Diskurstechnik (107), beschr\u00e4nkt sich strikt auf eine elektorale Eroberung der Macht. Die Arbeiterklasse wird f\u00fcr das reibungslose Funktionieren des Kapitalismus eher als St\u00f6rung betrachtet (97), vor allem wenn sie als k\u00e4mpfende Kraft die B\u00fchne der Geschichte betritt.<\/p>\n<p>Antonio Negri hat gemeinsam mit dem US-amerikanischen Literaturtheoretiker Michael Hardt u.a. die vier popul\u00e4ren B\u00fccher <em>Empire<\/em>, <em>Multitude, Commonwealth<\/em> und <em>Assembly<\/em> publiziert, wo sie den zentralen Hypothesen des Marxismus entgegentreten und die Konzepte des Empire, der Multitude, des Gemeineigentums und der Demokratie entwickeln. In manch einer Hinsicht ist Negri ein Kampfgef\u00e4hrte der spontaneistischen Projekte des Open Marxism von Moishe Postone, John Holloway u.a. und der Wertkritik, wie sie v.a. durch Robert Kurz repr\u00e4sentiert wurde. F\u00fcr Negri und Hardt leistet die \u00abdurch den kognitiven Kapitalismus mobilisierte Arbeitskraft den unterdr\u00fcckerischen Tendenzen des Marktes\u00bb aus sich selbst Widerstand und entwickelt gemeinschaftliche Alternativen. Dieses Kernargument der Multitude, die das Kapital vor sich hertreibt, stammt aus dem italienischen Operaismus und ist mittlerweile durch die faktische Entwicklung vollst\u00e4ndig widerlegt. Doch Negri &amp; Hardt lassen sich dadurch nicht beirren und treiben ihr Argument in hysterische H\u00f6hen, vor allem mit dem von Foucault entlehnten, jedoch invertierten Argument der Biopolitik (S. 139), mit dem sie an der irrationalistischen Konzeption des Vitalismus ankn\u00fcpfen. Auch hier ergeben sich Gemeinsamkeiten mit der neoliberalen Ideologie.<\/p>\n<p>Diesen drei anti-marxistischen Ans\u00e4tzen stellt die Autorin eine knappe und weitgehend \u00fcberzeugende Darstellung des Marx\u2019schen Projektes gegen\u00fcber. Dieses Projekt beschreibt sie recht eingehend als Kommunismus, nicht als vorgefertigtes Modell, sondern als Strategie im Rahmen eines historischen Prozesses.<\/p>\n<p><strong>Und was jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Isabelle Garo geh\u00f6rt innerhalb der franz\u00f6sischen NPA zur Tendance CLAIRE<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> (pour le Communisme, la Lutte Auto-organis\u00e9e, Internationaliste et R\u00e9volutionnairE). Die NPA, seit dem Fr\u00fchjahr 2009 Nachfolgeorganisation der ehemaligen Ligue communiste r\u00e9volutionnaire<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>, ist eine der wenigen international noch lebensf\u00e4higen trotzkistischen Organisationen, die weiterhin eine einigermassen ergiebige und strukturierte politische Debattierkultur aufrechterhalten konnten. Sie ist die f\u00fchrende politische Organisation in dem ehemaligen Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> (VSVI, dem sogenannten Pablismus), die sich, wie die meisten trotzkistischen Organisationen angesichts der aufkommenden Massenmobilisierungen nach dem 15j\u00e4hrigen dunklen Tunnel ihres Zerfalls sp\u00e4testens ab der Mitte der 1990er Jahre mehr oder weniger von zentralen Hypothesen des klassischen revolution\u00e4ren Marxismus distanzierten. Bei der LCR wurde dannzumal die Strategie der Breiten Parteien formuliert: dabei wurde u.a. die Hypothese des Klassencharakters des b\u00fcrgerlichen Staates fallengelassen und eine letztendlich elektorale Orientierung im Hinblick auf sogenannte Linke Regierungen \u00fcbernommen, als Basis f\u00fcr entsprechende B\u00fcndnispolitiken mit klassischen reformistischen oder neu entstandenen neo-reformistischen politischen Formationen \u2013 oft in Zusammenarbeit mit Abk\u00f6mmlingen des Eurokommunismus. Diese Strategie f\u00fchrte ab dem Ende der 1990er Jahre zur praktischen Unterst\u00fctzung von Regierungsparteien in Brasilien, Venezuela, Italien, Frankreich, Griechenland, Portugal und zu B\u00fcndnissen mit Parteien, die in die nationale Regierung eintreten wollten, wie in Grossbritannien, den USA, Spanien, Deutschland. Die Folgen dieser neo-reformistischen Strategien f\u00fcr den Aufbau von revolution\u00e4ren politischen Organisationen waren verheerend f\u00fcr die Arbeiterbewegung und f\u00fcr den Aufbau einer revolution\u00e4ren politischen Linken. In der Bilanzierung dieser Entwicklungen stiess die Debattierkultur selbst in der NPA an ihre Grenzen: diese fatale Strategie konnte bislang, trotz mehrerer Vorst\u00f6sse, nicht korrigiert werden.<\/p>\n<p>Und diese Grenze ist auch im Buch von Isabelle Garo zu sp\u00fcren: obgleich sie zentrale Fragen der Strategie anspricht oder sogar detailliert erl\u00e4utert (Staat, politische Organisation, gesellschaftliche Arbeitsteilung, Eigentumsfrage, Klassenkonflikt, Periodisierung, u.a.), und dabei eigentlich Positionen formuliert, die unvertr\u00e4glich mit der Strategie der Breiten Parteien sind \u2013 etwa die zentrale Bedeutung von strategischen Orientierungen auf eine Beseitigung der politischen und sozialen Herrschaft der Bourgeoisie \u2013, so weigert sie sich, diese Debatte offen anzugehen. Sie scheint da ebenfalls Gefangene dieser Tabuzone zu sein\u2026<\/p>\n<p>Dies ist wohl kein Zufall. Die Strategie-Debatte wurde ab den sp\u00e4ten 1970er Jahren, dem Durchbruch der neoliberalen Offensive, bis in die Linke hinein zunehmend von einem \u00abAntitotalitarismus\u00bb und einer Hinwendung zum Linguistic turn dominiert, im Rahmen dessen alle totalisierenden, dialektischen philosophischen Ans\u00e4tze ab der Urs\u00fcnde Marx \u2013 gelegentlich zur\u00fcck bis inklusive Hegel \u2013 bis zum Gulag, den Moskauer Prozessen und dem Grossen Sprung nach vorn unter Mao, inklusive den Roten Khmer und Nordkorea in denselben Topf der \u00abtotalit\u00e4ren Ans\u00e4tze\u00bb geworfen wurden wie die reale Geschichte der revolution\u00e4ren Durchbr\u00fcche und der entsprechenden Traditionen des revolution\u00e4ren Marxismus. Garo sieht Ans\u00e4tze zu dieser \u00abtotalit\u00e4ren\u00bb Entwicklung beim Marx der Kritik des Gothaer Programmes; Lenin, sofern \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt, liegt f\u00fcr sie vollends in der Gefahrenzone totalit\u00e4rer Ans\u00e4tze. <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Diese antimarxistische Perspektive war bereits in den langen Debatten der 1990er Jahre um die strategische Ausrichtung einer \u00d6ffnung gegen\u00fcber den neuen sozialen Bewegungen wirksam. Damit wurde der Weg abgeschnitten, zu den radikalen und notwendigen Antworten vorzudringen, die in eine strategische Orientierung heute einfliessen m\u00fcssten. Es geht im Umgang mit den neuen sozialen Bewegungen nicht nur darum, sich inhaltlich gegen\u00fcber diesen zu \u00f6ffnen (was dies auch immer heissen m\u00f6ge), sondern das Erbe der Tradition des revolution\u00e4ren Marxismus produktiv im Rahmen dieser Bewegungen umzusetzen. Es kann nur darum gehen, einen Orientierungspol aufzubauen und damit einen Beitrag zur inhaltlichen und materiellen Strukturierung dieser Bewegungen zu leisten und nicht einfach den noch ungeschiedenen Str\u00f6mungswolken innerhalb dieser Mobilisierungen hinterherzulaufen und sich durch herausragenden Aktivismus zu legitimieren; nicht darum, zu zeigen, dass der Marxismus eigentlich gar nicht so gef\u00e4hrlich (\u00abtotalit\u00e4r\u00bb) ist, wie allgemein angenommen wird, sondern dass er ein unverzichtbares Instrument zum Verst\u00e4ndnis, zur Orientierung und zum praktischen Kampfe gegen die Herrschaft \u00fcber die lebendige Arbeit und den gesellschaftlichen Reichtum ist. Gerade hierin liegt n\u00e4mlich der antitotalit\u00e4re und demokratische Reichtum der Tradition des revolution\u00e4ren Marxismus!<\/p>\n<p>Garo kommt dieser Perspektive recht nahe, nur formuliert sie diese nie klar und arbeitet sie nicht konsequent f\u00fcr heutige Verh\u00e4ltnisse heraus. Ganz anders Marx! Dies zeigt sie sch\u00f6n auf, etwa auf Seite 246: \u00abDabei ist f\u00fcr Marx wichtig, nie die vorherbestimmten, ja vorgeschriebenen Phasen [eines \u00dcberganges zum Kommunismus] zu definieren, sondern [diesen zu verstehen als] einen dauerhaften Prozess aus politischer Mobilisierung, demokratischem Funktionieren, Umwandlung der gesellschaftlichen Produktion und der Politik und einer egalit\u00e4ren Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum.\u00bb Nun, war das nicht auch die innere Triebfeder der proletarischen Revolutionen und Mobilisierungen der vergangenen 150 Jahre? Selbst wenn sie beispielsweise auf Seite 293 schreibt, dass die grossen aktuellen Mobilisierungen (Frauenbewegung, \u00d6kologiebewegung, gegen Rassismus,\u2026) von Lohnabh\u00e4ngigen und der Jugend getragen werden, so geht ihre Sorge vor allem dahin, dass die revolution\u00e4re Linke in den Bewegungen sich bez\u00fcglich ihrer programmatischen Referenzen (soweit diese \u00fcberhaupt existieren) eher zur\u00fcckhalten und einfach solidarisch mitlaufen solle. Etwas mehr Vertrauen auf den Maulwurf der Geschichte t\u00e4te hier gut! Sie schreibt ja selbst, dass das tiefe Motiv vom Marx der Kritik der politischen \u00d6konomie war, die Natur dieses Maulwurfs zu verstehen, um seine vordere linke Grabschaufel \u2013 als klassenk\u00e4mpferische politische Organisation \u2013 zu st\u00e4rken und befreiendes Licht in die finsteren H\u00f6hlen des Unget\u00fcms Kapitalismus zu werfen: Grab munter weiter, Maulwurf, wir sind Teil von Dir!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Karl Marx: Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei (Kritik des Gothaer Programms), 1875. MEW 19, 21. Diese Losung wird Louis Blanc zugeschrieben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Siehe dazu beispielsweise Jan Rehmann: Postmoderner Links-Nietzscheanismus. Deleuze &amp; Foucault. Eine Dekonstruktion. Argument, 2004, oder der Sammelband: Moderne, Nietzsche, Postmoderne. Akademie-Verlag, 1990. Und die trotz den stalinistischen Nebent\u00f6nen und einigen \u00dcberdehnungen des Argumentes weiterhin als Klassiker geltende Untersuchung: Georg Luk\u00e0cs: Die Zerst\u00f6rung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler. Aufbau-Verlag, 1984 (1952). Zwei hilfreiche Untersuchungen zur periodischen Einordnung des Postmodernismus aufgrund der neuen Form des Kapitalismus: David Harvey: The Condition of Postmodernity. An enquiry into the Origins of Cultural Change. Blackwell, 1990 und Frederic Jameson: Postmodernism, or, The Cultural Logic of Late Capitalism. Verso, 1991.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ohne auf die Debatte um die reformistische Tradition einzugehen, sei festgehalten, dass hier damit alle Ans\u00e4tze gemeint sind, die in ihrer politischen Perspektive in erster Linie auf Kompromisse mit der Bourgeoisie setzen. Dies ist sicher das wichtigste Ziel jeder B\u00fcrokratie, wie sie die reformistischen Ans\u00e4tze durchweg dominieren; dabei sei ebenfalls darauf hingewiesen, dass die Lohnabh\u00e4ngigen heute aus Perspektivlosigkeit mehrheitlich auf Kompromisse mit der Bourgeoisie setzen. So schwach ist das Klassenbewusstsein heute. Demgeben\u00fcber setzen revolution\u00e4re Perspektiven auf die St\u00e4rkung der Kampfkraft der Arbeiterklasse. Dass der Reformismus ein wesentlicher Faktor f\u00fcr den Vormarsch der neoliberalen Offensive ist, ist offensichtlich.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Philosophisch hilfreich auf dieser Frage z.B.: Kevin Anderson: Lenin, Hegel, and Western Marxism. A Critical Study. University of Illinois Press, 1995 und Paul Blackledge\u00a0: Marxism and Ethics. Freedom, Desire and Revolution. Suny Press, 2012. F\u00fcr die historische Perspektive etwa Colin Barker (ed.): Revolutionary Rehearsals. Haymarket Books, 1987 und Chris Harman: The fire last time. 1968 and after (second edition). Bookmarks, 1998.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/tendanceclaire.org\/index.php\">https:\/\/tendanceclaire.org\/index.php<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <a href=\"https:\/\/wikirouge.net\/Ligue_communiste_r%C3%A9volutionnaire_(France)\">https:\/\/wikirouge.net\/Ligue_communiste_r%C3%A9volutionnaire_(France)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pablismus\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pablismus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> F\u00fcr eine aktuelle, interessante und historisch informierte Aufarbeitung der Geschichte der Russischen Revolution, des Bolschewismus und der Rolle Lenins siehe z.B. Tam\u00e0sz Krausz: Reconstructing Lenin. An Intellectual Biography. Monthly Review Press, 2015. Immer noch ein Klassiker f\u00fcr die innere Verbindung des bolschewistischen Projektes und den k\u00e4mpfenden Sektoren der Arbeiterklasse beispielsweise: Paul Le Blanc: Lenin and the Revolutionary Party. Humanties Press International, 1990. F\u00fcr eine akribische Darstellung der Herausbildung der Stalinschen Diktatur und der Marginalisierung der revolution\u00e4ren Sektoren in der bolschewistischen Partei und in der Arbeiterklasse in den 1920er Jahren siehe Wadim S. Rogowin: Trotzkismus. Mehring Verlag, 2010.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willi Eberle. 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