{"id":567,"date":"2015-06-12T14:05:34","date_gmt":"2015-06-12T12:05:34","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=567"},"modified":"2015-06-12T14:05:34","modified_gmt":"2015-06-12T12:05:34","slug":"fluechtlinge-als-billige-arbeitskraefte-dank-rassismus-und-agrarkapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=567","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge als billige Arbeitskr\u00e4fte dank Rassismus und Agrarkapital"},"content":{"rendered":"<p>Jonas Komposch. F\u00fcr die schweizerische Gem\u00fcseproduktion sollen k\u00fcnftig Fl\u00fcchtlinge herangezogen werden. Der Staat verspricht sich davon einen Beitrag zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative sowie eine Entlastung des Sozialsystems. Die Agrarwirtschaft wiederum zementiert ihre Tiefstlohnpolitik.<!--more--><\/p>\n<p>Diese Ank\u00fcndigung traf zeitlich perfekt ein. W\u00e4hrend die Nachrichtenflut von sinkenden Fl\u00fcchtlingsbooten einfach nicht enden wollte und sogar ein Jean Ziegler den Krieg \u00abgegen Schlepperboote\u00bb forderte, zeigte sich die Schweiz pl\u00f6tzlich von der menschlichen Seite. Das Staatssekretariat f\u00fcr Migration (SEM) und der Schweizerische Bauernverband (SBV) wollen k\u00fcnftig vorl\u00e4ufig Aufgenommene und anerkannte Fl\u00fcchtlinge st\u00e4rker in die Agrarwirtschaft einbeziehen. Hierf\u00fcr wird ein Pilotversuch gestartet, bei dem in zehn Betrieben Gefl\u00fcchtete eingestellt werden. H\u00f6rt, h\u00f6rt! Arbeit f\u00fcr die vom Elend geplagten Fl\u00fcchtlinge! \u00abWie herzlich\u00bb, freute sich der linke B\u00fcrger. \u00abWie sinnvoll\u00bb, staunte auch die migrationsbesorgte Patriotin. Unisono stimmte man ins \u00abGut, gibt\u2018s die Schweizer Bauern\u00bb ein. In einer perfekt inszenierten Pressekonferenz im Vorzeigebetrieb der Familie Eschbach aus F\u00fcllinsdorf (BL) wurde die neue Partnerschaft aus Staat und Agrarkapital in fast philanthropischer Weise die erwarteten Vorteile der gew\u00fcnschten Stossrichtung betont.<\/p>\n<p><b>\u00abWin-win-Situation\u00bb dank der SVP<\/b><\/p>\n<p>Weil die Masseneinwanderungsinitiative der SVP umgesetzt werden soll, will das SEM das \u00abPotenzial an inl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften\u00bb st\u00e4rker ausnutzen. Und zu diesem \u00abPotenzial\u00bb geh\u00f6ren auch die in die Schweiz Gefl\u00fcchteten. Bereits heute arbeiten in der Landwirtschaft bis zu 35\u00b4000 ausl\u00e4ndische ArbeiterInnen. Sie kommen meist aus Polen und Portugal, aber auch aus Rum\u00e4nien oder Ungarn. Auf \u00c4ckern und in Gew\u00e4chsh\u00e4usern schuften sie von fr\u00fchmorgens bis sp\u00e4tabends zu einem Lohn, f\u00fcr den keinE SchweizerIn auch nur einen Finger kr\u00fcmmen w\u00fcrde. Doch neu gelten diese ArbeiterInnen als unerw\u00fcnschte \u00abMasseneinwanderer\u00bb, die draussen zu bleiben haben. Die Perspektive des Staates ist klar: K\u00fcnftig sollen die BilligarbeiterInnen aus den EU-L\u00e4ndern durch Gefl\u00fcchtete ersetzt werden, welche arbeitslos bloss die Sozialwerke belasten w\u00fcrden. Doch \u00abim Idealfall\u00bb, sagen SEM und SBV, soll es eine \u00abWin-win-Situation\u00bb geben. Schliesslich ist man um die anerkannten Fl\u00fcchtlinge besorgt. Und tats\u00e4chlich finden diese trotz Arbeitserlaubnis oft erst nach Jahren eine Anstellung. Im Gem\u00fcsebetrieb hingegen seien nicht nur eine sinnvolle Besch\u00e4ftigung und ein eigener Verdienst gew\u00e4hrleistet, auch k\u00f6nnten die ArbeiterInnen dort die Landessprache lernen und sich besser in die Gesellschaft integrieren. Deutsch lernen also. Fragt sich nur, mit wem. Deutschsprachige ArbeiterInnen gibt es in der Branche praktisch keine. Und in welche Gesellschaft sich die Gefl\u00fcchteten integrieren sollen, wenn diese von Tag zu Tag nur \u00c4cker zu sehen bekommen und Freizeit quasi nicht existiert, bleibt ebenso ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p><b>Abh\u00e4ngigkeit und Ausbeutung zum Schleuderpreis<\/b><\/p>\n<p>Sicher ist hingegen, dass die materiellen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge noch miserabler sind, als jene der Saisonniers aus der EU: Der Anfangslohn betr\u00e4gt gerade mal 2\u00b4300 Franken, erst nach einem Monat gibt es den \u00fcblichen Minimallohn von 3\u00b4200 Franken, also knapp 14 Franken pro Stunde. Die Wochenarbeitszeit ist in 26 kantonal unterschiedlichen Normalarbeitsvertr\u00e4gen (NAV) festgehalten und variiert von 45 (in Genf) bis 66 Stunden (in Glarus). Dass an sechs Tagen gearbeitet werden kann, ist in den NAVs \u00fcberall vorgesehen. Arbeitsschichten von 14 Stunden sind weit verbreitet. M\u00f6glich macht diese extreme Ausdehnung des Arbeitstages eine Raffinesse der B\u00e4uerInnenlobby. Das \u00abBundesgesetz \u00fcber die Arbeit in Industrie, Gewerbe und Handel\u00bb beschr\u00e4nkt die w\u00f6chentliche H\u00f6chstarbeitszeit zwar auf f\u00fcnfzig Stunden, doch die Landwirtschaft ist diesem Arbeitsgesetz schlicht nicht unterstellt.<\/p>\n<p>Die Ausbeutung mit extremen Arbeitszeiten und Tiefstl\u00f6hnen gen\u00fcgt den UnternehmerInnen aber noch nicht. Die NAVs gestatten ihnen auch, einen Viertel bis die H\u00e4lfte des ersten Lohnes zur\u00fcckzubehalten. Erst bei \u00abordentlicher Beendigung\u00bb des Arbeitsverh\u00e4ltnisses soll dieser Teil ausbezahlt werden. Die Abh\u00e4ngigkeit der ArbeiterInnen von den Patrons zeigt sich auch bei Kost und Logis. Hierf\u00fcr darf bis zu 990 Franken vom Lohn abgezogen werden. Und keinesfalls soll es einer Arbeiterin in den Sinn kommen, den Bettel einfach so hinzuschmeissen. \u00abUngerechtfertigtes Nichtantreten oder Verlassen der Arbeitsstelle\u00bb kann mit einem Viertel des Monatslohnes und weiteren Wiedergutmachungen bestraft werden. Nicht zuletzt werden LandarbeiterInnen auch deshalb gnadenlos ausgenutzt, weil sie Vertr\u00e4ge in deutscher Sprache nicht verstehen, ihre Rechte nicht kennen oder weil sie schwarz arbeiten.<\/p>\n<p><b>Schwarze ArbeiterInnen, weisse KapitalistInnen<\/b><\/p>\n<p>Bei solchen Ausbeutungszust\u00e4nden steht normalerweise bald eine Gewerkschaft auf der Matte. Nicht so in der Landwirtschaft! Die grossen Gewerkschaften gl\u00e4nzen durch totale Abwesenheit. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) w\u00fcnscht sich sogar, dass die Fl\u00fcchtlinge zu den Schweizer Arbeitsbedingungen entl\u00f6hnt und angestellt werden, sprich, dass die Ausbeutung wie bisher weitergeht. Lediglich einige Westschweizer Basisgewerkschaften organisieren sich allm\u00e4hlich mit den Saisonniers. Auch erstaunt, dass niemand das historisch stark belastete Bild von schwarzen LandarbeiterInnen und weissen GutsbesitzerInnen aufgreift. Die offensichtlich multiple Ungleichheit zwischen ChefIn und ArbeiterIn sowie die Ausbeutung von diskriminierten, schwarzen Fl\u00fcchtlingen versuchen die Verantwortlichen mit einer antirassistischen Rhetorik zu verschleiern. Doch auf der Homepage des \u00abSchweizer Bauers\u00bb zeigt sich in rassistischen Kommentaren, was die Gefl\u00fcchteten von ihren baldigen ArbeitgeberInnen erwarten k\u00f6nnen. Und auch die SVP machte unl\u00e4ngst in Bezug auf Asylunterk\u00fcnfte klar, dass Asylsuchende \u00abkeine Anspr\u00fcche\u00bb zu stellen h\u00e4tten. Anspruchslos sollen sie nun auch unser Schweizer Biogem\u00fcse ernten. Allerdings liegt in dieser extremen und ethnisierten Ausbeutungsform der Konflikt schon zur Eskalation bereit. Das zeigen etwa die k\u00e4mpfenden afrikanischen LandarbeiterInnen in Andalusien oder der Aufstand im italienischen Rosarno von 2010. Aber auch die Attacken von Chefs und Faschisten auf migrantische Erdbeerpfl\u00fcckerInnen in Griechenland geh\u00f6ren zu diesem Konfliktpotenzial.<\/p>\n<p><i>Quelle: Vorw\u00e4rts vom 5. Juni 2015<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jonas Komposch. F\u00fcr die schweizerische Gem\u00fcseproduktion sollen k\u00fcnftig Fl\u00fcchtlinge herangezogen werden. Der Staat verspricht sich davon einen Beitrag zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative sowie eine Entlastung des Sozialsystems. 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