{"id":5710,"date":"2019-07-30T09:03:23","date_gmt":"2019-07-30T07:03:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5710"},"modified":"2019-07-30T09:03:25","modified_gmt":"2019-07-30T07:03:25","slug":"hunger-im-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5710","title":{"rendered":"Hunger im Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Christoph Morich. <\/em>Immer wenn die Vereinten Nationen einen neuen Bericht zur gegenw\u00e4rtigen Ern\u00e4hrungssituation in der Welt ver\u00f6ffentlichen, schafft es dieser f\u00fcr einen Tag in die Presse, um am n\u00e4chsten wieder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.<!--more--> Die Zahlen des im Juli 2019 ver\u00f6ffentlichten Berichts \u201eThe State of Food Security and Nutrition in the World\u201c zeugen, wie jene der vorherigen, von der Grausamkeit der bestehenden Weltordnung: 820 Millionen Menschen leiden an Hunger. Fast 20% der Menschen in Afrika sind unterern\u00e4hrt. 2 Milliarden sind von Nahrungsmittelunsicherheit betroffen, haben also keinen regelm\u00e4\u00dfigen Zugang zu ausreichendem Essen. Unter ihnen befinden sich 8% der Bev\u00f6lkerung Europas und der USA.<\/p>\n<p>Die Zahlen erregen wenig Aufmerksamkeit, da sie uns im Grunde wenig Neues verraten. Seit dem Hinweis der eigenen Eltern, man m\u00fcsse essen, was auf dem Teller ist \u2013 schlie\u00dflich h\u00e4tten die Kinder in Afrika gar nichts zu essen \u2013 wei\u00df ein jeder \u00fcber das Grauen in der Welt Bescheid. Es erscheint als etwas Nat\u00fcrliches. Und nicht zuletzt aus den Benefiz-Galas der Vorweihnachtszeit oder anderen Spendenaufrufen kennen wir die Bilder hilfsbed\u00fcrftiger Kinder, denen man durch finanzielle Zuwendung eine Zukunft erm\u00f6glichen kann. So nobel dabei das Motiv von Einzelnen sein mag, so sehr f\u00fchren sie an einer vern\u00fcnftigen und nachhaltigen Auseinandersetzung mit dem Thema vorbei. Der spanische Theoretiker Jordi Maiso spricht diesbez\u00fcglich von einer Koexistenz von Sentimentalit\u00e4t und Gleichg\u00fcltigkeit. R\u00fchren die einzelnen Schicksale beim Fernseh-Abend zu Tr\u00e4nen, st\u00f6rt am n\u00e4chsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit an den Obdachlosen in erster Linie ihr Geruch. Bei solcher Wohlt\u00e4tigkeit geht es um die Beruhigung des eigenen Gewissens und nicht um Solidarit\u00e4t mit den Opfern der kapitalistischen Gesellschaft. Eine solche Solidarit\u00e4t w\u00e4re nicht Almosen, sondern der Abschaffung ihres Leidens verpflichtet. Diese h\u00e4tte sich in erster Linie mit den gesellschaftlichen Ursachen von Armut auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Das allgegenw\u00e4rtige menschliche Leiden, von dessen Existenz alle wissen, wird verdr\u00e4ngt, um nichts Grunds\u00e4tzliches in Frage stellen zu m\u00fcssen. Der Historiker Eric Hobsbawm schreibt diesbez\u00fcglich \u00fcber eine Entwicklung im 20. Jahrhundert: \u201eDenn das Schlimmste von allem ist, dass wir uns an das Unmenschliche gew\u00f6hnt haben. Wir haben gelernt das Unertr\u00e4gliche zu ertragen.\u201c Das Leben geht seinen Lauf, w\u00e4hrend alle wissen, dass irgendwo gerade Kinder verhungern. Diese kollektive Verdr\u00e4ngung des Leidens m\u00fcsste durchbrochen werden. Das Grauen des Hungers von Millionen d\u00fcrfte keine nebens\u00e4chliche Nachrichtenmeldung sein (die sich in diesen Wochen weit hinter den Spekulationen \u00fcber die Zukunft von Ursula von der Leyen finden lie\u00df), sondern m\u00fcsste als offensichtlichster Ausdruck andauernder Barbarei alles beeinflussen, was irgendwo gedacht und getan wird.<\/p>\n<p>Der regelm\u00e4\u00dfige Bericht der Vereinten Nationen zur Weltern\u00e4hrungslage ist dabei von zentraler Bedeutung, schafft er es doch zumindest, die globalen Ausma\u00dfe des Hungers nicht komplett in Vergessenheit geraten zu lassen. Die notwendigen Konsequenzen, die aus dem globalen Elend zu ziehen w\u00e4ren, spart er aber aus. In diesen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen ist die Verbreitung des Hungers vor allem abh\u00e4ngig von den Konjunkturzyklen in den verschiedenen Weltregionen. Dass die Anzahl der Hungerleidenden bis 2015 zur\u00fcckgegangen ist, ist n\u00e4mlich keineswegs das Resultat von politischen Ma\u00dfnahmen zu seiner Beseitigung, sondern zum gro\u00dfen Teil auf den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas und Indiens zur\u00fcckzuf\u00fchren. Jede \u00f6konomische Krise droht damit die Zahl der Hungernden weiter zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Zwar wird in dem Bericht neben dem Klimawandel, kriegerischen Konflikten und einer konjunkturellen Verlangsamung auch die Ungleichheit innerhalb einzelner L\u00e4nder als eine der Ursachen f\u00fcr Hunger angef\u00fchrt, das wirkliche Ausma\u00df des Elends einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft aber verkannt: der Ausschluss der Menschen vom gesellschaftlichen Reichtum durch das Privateigentum, der Zwang die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, dem ein Gro\u00dfteil der Weltbev\u00f6lkerung unterliegt, w\u00e4hrend die herrschende Klasse \u00fcber die Produktionsmittel verf\u00fcgt und an den Finanzm\u00e4rkten mit Lebensmitteln spekuliert, die anderen zum \u00dcberleben fehlen.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomischen Gr\u00fcnde f\u00fcr den Klimawandel, die Zerst\u00f6rung des Planeten durch das rastlose Streben des Kapitals nach Anlagem\u00f6glichkeiten (wie die k\u00fcrzlich durch den faschistischen Pr\u00e4sidenten Brasiliens gesetzlich legitimierte, weitestgehend uneingeschr\u00e4nkte Abholzung des Regenwaldes), finden allenfalls verk\u00fcrzt und unterbelichtet Erw\u00e4hnung. Auch kriegerische Konflikte, die in der Folge zu immer mehr Hungerleid f\u00fchren, erscheinen als etwas, das mit dem gesellschaftlichen Normalbetrieb nichts zu tun hat. Viele L\u00e4nder, in denen Kriege gef\u00fchrt werden, sind jedoch ehemalige Kolonien, die in der globalen kapitalistischen Konkurrenz nicht bestehen konnten. Durch den Abbau von Ressourcen und deren Verkauf in den globalen Norden entstehen dort Kriegs\u00f6konomien, die Konflikte vor allem deshalb andauern lassen, da Geld mit ihnen zu verdienen ist. Dies gilt insbesondere f\u00fcr viele L\u00e4nder in Sub-Sahara Afrika, wo die Zahl der Hungernden mit 22.8% weltweit am h\u00f6chsten ist. Nicht zuletzt verdient an den kriegerischen Konflikten die europ\u00e4ische Waffenindustrie. So etwa die deutsche Firma Rheinmetall, die Millionenprofite durch den Krieg im Jemen einstreicht, wo alle 10 Minuten ein Kind eines vermeidbaren Todes stirbt.<\/p>\n<p>Die Blindheit des Berichts f\u00fcr den wesentlichen Ursprung der Ph\u00e4nomene zieht sich durch den ganzen Text. So schreiben die Autor*innen, dass insbesondere die Abh\u00e4ngigkeit von Nahrungsmittelimporten zu einer h\u00f6heren Gefahr f\u00fcr Hunger und Nahrungsmittelunsicherheit f\u00fchren. Ohne aber zu erw\u00e4hnen, dass f\u00fcr diese Abh\u00e4ngigkeit vor allem die neoliberalen Umstrukturierungen aller National\u00f6konomien, u.a. durch die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF), verantwortlich sind. Sie bauten die Diversit\u00e4t der Agrarwirtschaft einzelner National\u00f6konomien ab, liberalisierten den Handel und forcierten Monokulturen f\u00fcr den Import und Export. Zwar k\u00f6nnen so gr\u00f6\u00dfere Profite f\u00fcr Agrarunternehmen generiert werden, National\u00f6konomien, in denen sich die Bev\u00f6lkerung bis dato halbwegs selbst versorgen konnte, gerieten aber in die Abh\u00e4ngigkeit vom Weltmarkt. Nun einfach eine gegenteilige Entwicklung zu fordern, hat kaum Aussicht auf Erfolg und erscheint angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte so naiv wie den Sozialstaat gegen den Raubtierkapitalismus zur\u00fcckzufordern. Es gibt keinen guten Kapitalismus, der sich gegen die immanente Logik des Kapitals selbst einfordern lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Ohne eine grundlegende Kritik am Kapitalismus k\u00f6nnen die Grauen der Gegenwart nicht ad\u00e4quat verstanden und bek\u00e4mpft werden. Die Praxis der Herrschenden, die kein Interesse an der \u00dcberwindung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse haben, sind dementsprechend weitestgehend konsequenzlos, wie an den Hunderten von Konferenzen und Absichtserkl\u00e4rungen zur Bek\u00e4mpfung des Klimawandels oder des Welthungers zu sehen ist.<\/p>\n<p>Und genau daran krankt der UN-Bericht. Er beschreibt das kapitalismusgemachte Grauen, ohne auch nur ansatzweise die Bedingungen, die dazu f\u00fchren benennen zu k\u00f6nnen. Der Wunsch, den Hunger besiegen zu wollen, braucht aber die Vermittlung mit der theoretischen und historischen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft. Ohne diese bleibt es bei l\u00e4cherlichen Ma\u00dfnahmen, in der die Linderung von Hunger nur ein Beiprodukt eines \u201ewirtschaftlichen Aufschwungs\u201c sind. Nur mit einer radikalen Kritik der bestehenden Produktionsverh\u00e4ltnisse, kann eine revolution\u00e4re Gesellschaft aufgebaut werden, in der die Linderung von Leiden der Zweck der Produktion selbst w\u00e4re.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2019\/07\/29\/hunger-im-kapitalismus\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Juli 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Morich. 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