{"id":5715,"date":"2019-07-31T08:26:20","date_gmt":"2019-07-31T06:26:20","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5715"},"modified":"2019-07-31T08:26:22","modified_gmt":"2019-07-31T06:26:22","slug":"krise-der-autoindustrie-fuehrt-zu-immer-mehr-entlassungen-weltweit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5715","title":{"rendered":"Krise der Autoindustrie f\u00fchrt zu immer mehr Entlassungen weltweit"},"content":{"rendered":"<p><em>Shannon Jones. <\/em>Angesichts des anhaltenden Abschwungs in der Autoindustrie mehren sich die Warnungen vor einem massiven Arbeitsplatzabbau. Die Autokonzerne versuchen trotz sinkender Abs\u00e4tze in wichtigen M\u00e4rkten, Geld f\u00fcr Forschung und<!--more--> Entwicklung im Bereich von Elektroautos und selbstfahrender Fahrzeuge zur\u00fcckzustellen. Obendrein \u00fcben die eskalierenden handelspolitischen Spannungen zwischen den USA und China zus\u00e4tzlichen Druck auf die Autobauer aus.<\/p>\n<p>Der globale Charakter des Angriffs auf die Arbeitspl\u00e4tze entlarvt den reaktion\u00e4ren Nationalismus, den die Gewerkschaften und Politiker des Gro\u00dfkapitals, wie die Trump-Regierung in den USA, auf der ganzen Welt propagieren. Die Arbeitspl\u00e4tze werden nicht von der Handelspolitik dieses oder jenes Landes bedroht, sondern vom Versagen des kapitalistischen Systems selbst, das sehr schnell auf einen weiteren Wirtschaftsabschwung zusteuert.<\/p>\n<p>Diese Woche warnte ein f\u00fchrender Vertreter der indischen Industrie, die anhaltende Absatzflaute in Indien k\u00f6nne zum Verlust von bis zu einer Million Stellen in der Fahrzeugteile-Branche f\u00fchren, die in dem Land etwa f\u00fcnf Millionen Menschen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Laut dem Pr\u00e4sidenten des indischen Verbands der Fahrzeugteile-Hersteller, Ram Venkataramani, ist der Pkw-Absatz in Indien im ersten Quartal 2019 um 18,4 Prozent gesunken, die Verkaufszahlen im Juni waren die niedrigsten seit 18 Jahren. Auf die Autobranche entf\u00e4llt fast die H\u00e4lfte aller Industriearbeitspl\u00e4tze in Indien. Der Abschwung in dieser Branche ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr das langsamere Wachstum des Landes. Etwa 35 Millionen Arbeitspl\u00e4tze h\u00e4ngen direkt oder indirekt an der Autoproduktion.<\/p>\n<p>In China, dem weltweit gr\u00f6\u00dften Automarkt, gehen die Ums\u00e4tze weiter zur\u00fcck; im ersten Halbjahr 2019 lag der Neuwagenverkauf 14 Prozent unter dem des Vorjahrs. Die Verkaufszahlen von General Motors gingen im ersten Quartal um zehn Prozent zur\u00fcck, die von VW um sechs Prozent. Die Flaute hat in der chinesischen Autoindustrie seit Juli 2018 220.000 Arbeitspl\u00e4tze gekostet, d.h. etwa f\u00fcnf Prozent aller Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckgang hat schwerwiegende Auswirkungen auf viele Autobauer, einige k\u00f6nnten sich in der nahen Zukunft sogar ganz aus China zur\u00fcckziehen. Die Ford-Werke in China z.B. waren in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nur zu elf Prozent ihrer Kapazit\u00e4t ausgelastet. Profite aus Ums\u00e4tzen in China machen einen betr\u00e4chtlichen Prozentsatz des Vorsteuergewinns vieler gro\u00dfer Autokonzerne aus, u.a. bei Audi (\u00fcber 40 Prozent), VW (38 Prozent) und General Motors (23 Prozent).<\/p>\n<p>Der japanische Autobauer Nissan k\u00fcndigte letzte Woche den Abbau von weltweit 12.500 Arbeitspl\u00e4tzen bis M\u00e4rz 2020 an. 6.400 davon sollen in Japan, den USA, Gro\u00dfbritannien, Mexiko, Spanien, Indien und Indonesien wegfallen. Weitere 6.100 Entlassungen sind f\u00fcr 2021 und 2022 geplant.<\/p>\n<p>Die Flaute in Asien entwickelt sich parallel zu einem Umsatzabschwung der Autobranche in Nordamerika. Ein Analyst der Bank of America\/Merrill Lynch warnte, die Ums\u00e4tze k\u00f6nnten bis 2022 um 30 Prozent sinken. Ford, General Motors und Fiat Chrysler haben f\u00fcr dieses Jahr Entlassungen in den USA und Kanada angek\u00fcndigt. Daneben wird auch Nissan 2.420 Stellen in Werken in den USA und Mexiko streichen. Anfang des Jahres hatte Nissan bereits in seinem Werk in Canton (Mississippi) eine ganze Produktionsschicht gestrichen und 381 Stellen abgebaut.<\/p>\n<p>Diese Woche fielen der Schlie\u00dfung des 78 Jahre alten GM-Getriebewerks in Warren (Michigan) 200 Arbeitspl\u00e4tze zum Opfer. Noch im Jahr 2006 waren dort 1.200 Arbeiter besch\u00e4ftigt. Warren ist eins der f\u00fcnf nordamerikanischen Werke, die das Unternehmen bis Anfang 2020 im Rahmen des Abbaus von 14.000 Produktions- und B\u00fcrostellen schlie\u00dfen will. Zuvor hatte GM das Werk in Lordstown (Ohio) geschlossen und droht mit der Schlie\u00dfung von zwei Fertigungswerken in Detroit-Hamtramck und Oshawa (Ontario).<\/p>\n<p>Fiat Chrysler hat Anfang des Jahres eine Schicht in seinem Fertigungswerk in Belvidere (Illinois) gestrichen und plant die Streichung der dritten Schicht in Windsor (Ontario), durch die 1.500 Arbeitspl\u00e4tze wegfallen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In Kanada k\u00fcndigte Ford Anfang Juli die Entlassung von 200 Arbeitern im Werk Oakville (Ontario) f\u00fcr September an und drohte mit weiterem m\u00f6glichen Stellenabbau. Zuvor hatte Ford bereits ein Job-Massaker veranstaltet, dem 12.000 Produktionsstellen in ganz Europa und 7.000 B\u00fcrostellen in Nordamerika bzw. zehn Prozent der weltweit fest angestellten Belegschaft zum Opfer fielen.<\/p>\n<p>Opel k\u00fcndigte letzte Woche den Abbau weiterer 1.100 Stellen in R\u00fcsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern an. Im Juni hat Ford die Produktion in Russland faktisch eingestellt, als der Konzern die Schlie\u00dfung von drei Werken abschloss.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Matamoros.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5716\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Matamoros.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Matamoros-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Massenversammlung auf der Plaza von Matamoros (Mexiko) w\u00e4hrend der wilden Streiks Anfang des Jahres [Quelle: Esteban Martinez]<\/strong> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Angriff auf die Arbeitspl\u00e4tze wird angetrieben von den unabl\u00e4ssigen Forderungen der Investoren nach immer h\u00f6heren Renditen trotz zunehmend schwieriger Marktbedingungen. Das erfordert immer neue Produktionssteigerungen f\u00fcr die Arbeiter, Rationalisierungen und den Abbau von Arbeitsschutzma\u00dfnahmen, die in Jahrzehnten erbitterter K\u00e4mpfe errungen wurden.<\/p>\n<p>Ein b\u00f6sartiges Merkmal dieses Prozesses ist die extreme Zunahme von Leih- und Gelegenheitsarbeitsverh\u00e4ltnissen. Diese Arbeiter sind kaum mehr als Parias, die niedrigere L\u00f6hne erhalten und kaum oder keine Rechte haben. Nirgendwo ist das so deutlich wie in Indien, wo laut Branchensprecher MS Unnikrishnan 70 bis 80 Prozent der Arbeiter in der Autoindustrie Leiharbeiter sind. Der Kampf gegen Leiharbeit war das Hauptthema im Kampf der Arbeiter im Maruti-Suzuki-Werk in Manesar. Wegen dieses Arbeitskampfs wurden 13 Anf\u00fchrer der neu gegr\u00fcndeten Gewerkschaft Maruti Suzuki Workers Union aufgrund einer fingierten Mordanklage zu Haftstrafen verurteilt.<\/p>\n<p>Die Bundesstaatsregierung von Tamil Nadu hat sich im Juni aus Angst vor der wachsenden Militanz der Autoarbeiter auf das Gesetz f\u00fcr \u201egrundlegende Dienstleistungen\u201c berufen, um damit faktisch Streiks in der Fahrzeugteile-Industrie zu verbieten.<\/p>\n<p>In den USA hat sich der Einsatz von Teilzeit- und Leiharbeitskr\u00e4ften zu einem wichtigen Thema bei den augenblicklichen Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft UAW und den Detroiter Autobauern entwickelt. Unter den Belegschaften herrscht gro\u00dfer R\u00fcckhalt f\u00fcr die Umwandlung von Teilzeit- und Leiharbeitsvertr\u00e4gen in Vollzeitstellen mit vollem Lohn und Zusatzleistungen. GM hingegen will die H\u00e4lfte der Belegschaft in befristete Arbeitsverh\u00e4ltnisse zwingen.<\/p>\n<p>Die zunehmende Nutzung von Elektroautos und selbstfahrenden Fahrzeugen, die weniger mechanische Teile ben\u00f6tigen als Benzin- oder Dieselfahrzeuge, wird vermutlich zu einem weiteren Angriff auf Arbeitspl\u00e4tze und Arbeitsbedingungen f\u00fchren. Ein Marktanalyst erkl\u00e4rte gegen\u00fcber der Investoren-Website S&amp;P Global: \u201eWenn die Nachfrage nach Komponenten f\u00fcr Verbrennungsmotoren nachl\u00e4sst, werden Zulieferfirmen zunehmend gezwungen sein, \u00fcber die Kosten in einem immer kleineren Markt, in immer h\u00f6herem Ma\u00dfe (mehr noch als zurzeit) zu konkurrieren. Davon werden gro\u00dfe Akteure profitieren, die Zulieferer mit der Zeit zu Fusionen zwingen werden.\u201c<\/p>\n<p>Er wies darauf hin, dass in diesem Prozess \u201ebetr\u00e4chtliche finanzielle Mittel erforderlich sind und dass gro\u00dfe und gut kapitalisierte Zulieferer einen inh\u00e4renten Wettbewerbsvorteil haben und vermutlich ebenfalls Fusionen und Konsolidierungen erzwingen werden\u201c. Dies \u00e4u\u00dferte sich bisher in einer Reihe von Fusionen und Partnerschaften, u.a. der vor Kurzem geschlossenen Partnerschaft von Ford und VW bei der Entwicklung von selbstfahrenden Wagen und Elektroautos.<\/p>\n<p>Der Angriff auf die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse ist nicht auf die Autoindustrie beschr\u00e4nkt und st\u00f6\u00dft zunehmend auf Widerstand. Beispielhaft daf\u00fcr sind der aktuelle Streik bei dem Autozulieferer Faurecia in Saline (Michigan) und die zunehmenden internationalen K\u00e4mpfe, u.a. ein Generalstreik in Ecuador Anfang Juli, Massenproteste in Algerien, Hongkong und dem US-Au\u00dfengebiet Puerto Rico. Anfang des Jahres brachte die Rebellion von 70.000 Arbeitern der Fahrzeugteile-Industrie in Matamoros (Mexiko) die Lieferung von wichtigen Teilen an amerikanische und kanadische Autofabriken zum Erliegen.<\/p>\n<p>Auf der ganzen Welt sind Autoarbeiter mit den gleichen Angriffen auf ihre Arbeitspl\u00e4tze, ihren Lebensstandard und ihre Arbeitsbedingungen konfrontiert. Deshalb brauchen sie eine globale Strategie zur Vereinigung und Koordination ihrer K\u00e4mpfe \u00fcber alle nationalen Grenzen hinweg.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften UAW in Amerika, Unifor in Kanada, die IG Metall in Deutschland und alle anderen Gewerkschaften basieren auf dem reaktion\u00e4ren und veralteten Programm des Nationalismus. Anstatt Widerstand gegen den Angriff auf Arbeitspl\u00e4tze und Lebensstandards zu leisten, machen die UAW und die anderen Gewerkschaften weitere Zugest\u00e4ndnisse. Als Rechtfertigung f\u00fchren sie an, dass sich die Arbeiter den Forderungen ihrer \u201eeigenen\u201c kapitalistischen Ausbeuter unterwerfen m\u00fcssen, um ihre Arbeitspl\u00e4tze retten, indem sie die Arbeiter in anderen L\u00e4ndern unterbieten.<\/p>\n<p>Der Arbeitsplatzabbau ist aber nicht das Ergebnis von unfairen Handelspraktiken oder ausl\u00e4ndischer Konkurrenz, sondern ein Resultat des Kapitalismus. Karl Marx hat in\u00a0<em>Lohnarbeit und Kapital<\/em>\u00a0den \u201eindustriellen Krieg der Kapitalisten untereinander geschildert. Dieser Krieg hat das Eigent\u00fcmliche, da\u00df die Schlachten weniger in ihm gewonnen werden durch Anwerben als durch Abdanken der Arbeiterarmee. Die Feldherren, die Kapitalisten, wetteifern untereinander, wer am meisten Industrie-Soldaten entlassen kann.\u201c (MEW 6, S. 421).<\/p>\n<p>Die Arbeiter m\u00fcssen an Stelle der korrupten b\u00fcrokratischen Gewerkschaften demokratisch gew\u00e4hlte und kontrollierte Fabrik- und Arbeitsplatzkomitees organisieren, um den Widerstand gegen die Autobosse zu mobilisieren. Diese Komitees werden sich nicht nach den Profitforderungen des Konzernmanagements richten, sondern nach den Bed\u00fcrfnissen der Arbeiter nach sicheren Arbeitspl\u00e4tzen, angemessenen L\u00f6hnen und einem sicheren und gesunden Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Der Kampf zur Verteidigung von Arbeitspl\u00e4tzen erfordert eine Neuorganisation der Gesellschaft. Dem Recht der Konzerne, Fabriken zu schlie\u00dfen und ganze Stadtviertel und Regionen zu zerst\u00f6ren, m\u00fcssen die Arbeiter ihr soziales Recht auf einen Arbeitsplatz und einen angemessenen Lebensstandard entgegensetzen. Dies ist ein politischer Kampf und erfordert die Entwicklung einer politischen Bewegung der Arbeiterklasse zur Vereinigung der Arbeiter im weltweiten Kampf f\u00fcr den Sozialismus.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/07\/31\/auto-j31.html\">autoarbeiterinfo&#8230;<\/a> vom 31. Juli 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Shannon Jones. Angesichts des anhaltenden Abschwungs in der Autoindustrie mehren sich die Warnungen vor einem massiven Arbeitsplatzabbau. 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