{"id":5718,"date":"2019-07-31T10:18:36","date_gmt":"2019-07-31T08:18:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5718"},"modified":"2019-07-31T10:18:37","modified_gmt":"2019-07-31T08:18:37","slug":"ueber-meine-arbeit-als-deutsch-als-zweitsprache-lehrerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5718","title":{"rendered":"\u00dcber meine Arbeit als\u2026 Deutsch-als-Zweitsprache-Lehrerin"},"content":{"rendered":"<p>Ich arbeite seit bald zwei Jahren in einer Z\u00fcrcher Sprachschule f\u00fcr Erwachsene, die sich auf \u201cExpats\u201d konzentriert hat, also jene Schicht der MigrantInnen, die typischerweise hochqualifiziert ist und bei einem grossen, multinationalen Unternehmen wie<!--more--> PwC, Google oder einer der vielen Banken angestellt ist. Wir sind circa 40 Lehrpersonen, die meisten davon jung und studierend \u2013 und weiblich: h\u00f6chstens f\u00fcnf der Angestellten sind m\u00e4nnlich.<\/p>\n<p><strong>Die Entfremdung des Lehrerberufs<\/strong><\/p>\n<p>Um das erstmal klarzustellen: Im Grunde unterrichte ich gerne. Ich werde im Folgenden aber leider nicht viele positive Worte zum Unterrichten als Beruf finden k\u00f6nnen, was mich frustriert. Das Lehren ist eine unglaublich wichtige T\u00e4tigkeit, die sowohl f\u00fcr Lehrende als auch f\u00fcr Lernende sehr bereichernd sein kann. Allerdings ist die ganze Funktionsweise des Berufs von Profitmotiven zerfressen, und so bewahrheitet sich Marx: Ich unterrichte nicht, um zu unterrichten, sondern ich unterrichte, um Geld zu verdienen. Jede Minute, die ich daf\u00fcr aufwende, auf die spezifischen Bed\u00fcrfnisse eines Sch\u00fclers einzugehen, mich vorzubereiten oder mir Gedanken \u00fcber das gerade Unterrichtete zu machen, ist eine Minute, die ich gratis arbeite. Vor- und Nachbereitung werden zum einfachen Kalk\u00fcl und erfolgen nur, wenn es unbedingt notwendig ist.<\/p>\n<p><strong>Die Probleme des Modells \u201cTeilzeit und Stundenlohn\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Bei meiner Arbeit wird im Stundenlohn gearbeitet, was viele Komplikationen mit sich bringen kann. Das gr\u00f6sste Problem liegt auf der Hand: Es herrscht teils geringe Lohnsicherheit. Wird eine Lektion rechtzeitig abgesagt, bedeutet dies Lohnausfall f\u00fcr die Lehrperson. Insbesondere um die Weihnachts- und in der Sommerferienzeit f\u00fchrt dies zu erheblich geringerem Verdienst. Da viele Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler Kaderpositionen innehaben, sind auch Dienstreisen keine Seltenheit. Das f\u00fchrt zu einem Dilemma: Die eigentlich geplante Stundenzahl (und damit den geplanten Lohn) l\u00e4sst sich nur mit einer geh\u00f6rigen Portion Gl\u00fcck erreichen. Um einigermassen verl\u00e4sslich auf einen bestimmten Betrag zu kommen, muss man also weit dar\u00fcber hinausschiessen: Beim Vorstellungsgespr\u00e4ch empfahl das Gesch\u00e4ft, zwischen 12 und 15 Lektionen pro Woche zu \u00fcbernehmen, um auf zehn tats\u00e4chlich unterrichtete Lektionen zu kommen. Letzten Endes ist aber immer noch etwas Gl\u00fcck im Spiel, und nicht zuletzt bringt das \u201c\u00dcberbuchen\u201d mit vielen Komplikationen verbunden: Sollte man doch alle Stunden unterrichten m\u00fcssen, ger\u00e4t man in Stress. Ausserdem ist es \u00e4usserst schwierig, 12-15 Lektionen sinnvoll und konfliktlos in der Woche zu verteilen. Schliesslich vergr\u00f6ssert sich der administrative Aufwand f\u00fcr die Betreuung von so vielen Sch\u00fclerInnen erheblich, auch wenn kein Unterricht erfolgt.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach ist das alles sehr geschickt eingef\u00e4delt. Die Firma kann so den Grossteil des Risikos auf die Angestellten abw\u00e4lzen. Wird unterrichtet, verdient die Firma gut, andernfalls Lohnausfall. Durch ihre Kulanz kann sich die Schule auf Kosten der Arbeitnehmenden als flexibel und unkompliziert profilieren. Weder die Vor- noch die Nachbereitungszeit\u00a0 wird entl\u00f6hnt, in der Stadt Z\u00fcrich auch nicht die Anreise. Einen guten Teil der Kommunikation haben die Lehrpersonen zu \u00fcbernehmen. Hinzu kommt, dass viele Sch\u00fcler im B\u00fcro oder sogar zuhause unterrichtet werden wollen \u2013 so ist statt einem traditionellen Schulgeb\u00e4ude nur ein B\u00fcro mit einigen Unterrichtszimmern vonn\u00f6ten, das minimale Betriebskosten verursacht. Trotz alledem macht der Lohn nicht mal die H\u00e4lfte des Lektionspreises aus. Man muss sich fragen: In wessen Taschen landet der ganze \u00dcberschuss\u2026?<\/p>\n<p><strong>Frauenstreik<\/strong><\/p>\n<p>Am Frauenstreik hatte sich auch meine Bude offiziell beteiligt. Ab 15 Uhr sollte die Arbeit niedergelegt werden, dann gemeinsames Transpimalen im B\u00fcro und Gang zur Demonstration, gemeinsam mit der Chefin notabene. Das alles hinterliess einen schalen Nachgeschmack: Warum sollte sich meine Chefin als grossz\u00fcgige Frauenbefreierin profilieren d\u00fcrfen, wo sie doch selber gerade die Probleme der weiblichen Teilzeitarbeit reproduziert und bevorzugt Frauen ausbeutet? Ich besann mich dennoch eines besseren und nahm zumindest am \u201cStreikZmittag\u201d teil. Denn das wichtigste am Frauenstreiktag waren ja nicht die Positionen meiner Chefin, sondern der Kontakt zu meinen Mitarbeiterinnen und die Gespr\u00e4che mit ihnen \u2013 und die Erkenntnis, dass man die ArbeiterInnen niemals untersch\u00e4tzen sollte. Das B\u00fcro entschied spontan, die Arbeit nicht ab 15 Uhr, sondern den ganzen Nachmittag niederzulegen und sich stattdessen bei einem Bier miteinander \u00fcber die Unterdr\u00fcckungserlebnisse auszutauschen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/berichte\/ueber-meine-arbeit-als-deutsch-als-zweitsprache-lehrer\/#more-10996\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Juli 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich arbeite seit bald zwei Jahren in einer Z\u00fcrcher Sprachschule f\u00fcr Erwachsene, die sich auf \u201cExpats\u201d konzentriert hat, also jene Schicht der MigrantInnen, die typischerweise hochqualifiziert ist und bei einem grossen, multinationalen Unternehmen wie<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[87,32,22],"class_list":["post-5718","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schweiz","tag-arbeitswelt","tag-frauenbewegung","tag-politische-oekonomie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5718","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5718"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5718\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5719,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5718\/revisions\/5719"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5718"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}