{"id":5720,"date":"2019-07-31T13:12:20","date_gmt":"2019-07-31T11:12:20","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5720"},"modified":"2019-07-31T13:12:21","modified_gmt":"2019-07-31T11:12:21","slug":"kontertext-rechts-wuchert-zusammen-was-zusammenpasst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5720","title":{"rendered":"kontertext: Rechts wuchert zusammen, was zusammenpasst"},"content":{"rendered":"<p><em>Rudolf Walther<\/em><em>. <\/em><strong>Die NZZ n\u00e4hert sich der Sprache der rechten Populisten, Rechtsradikalen, der alten und neuen Rechten mehr und mehr an.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Terrorismus, Islamismus und Antisemitismus sind ernstzunehmende Gefahren f\u00fcr jede Demokratie. Aber Bange machen gilt nicht und gesch\u00e4ftsm\u00e4ssiges Bewirtschaften von Ger\u00fcchten schon gar nicht. Die gr\u00f6sste und wirkliche Gefahr f\u00fcr Demokratien entspringt der wachsenden Angleichung der politischen Positionen und Sprache von rechten Populisten, Rechtsradikalen, rechten Konservativen und neuen Rechten aus b\u00fcrgerlichen Milieus \u2013 alle vereinigt im vielstimmigen Chor nationalistisch impr\u00e4gnierter Parolen und wohlstands-chauvinistisch synchronisierter Interessen und Interessenten. Insbesondere rechte Populisten, konservative Rechte und neue Rechte gleichen sich deshalb vielerorts schleichend bis zur Ununterscheidbarkeit an. Man erkennt das am gemeinsamen Slang. Die Schlagw\u00f6rter \u00abbiodeutsch\u00bb oder \u00aburdeutsch\u00bb etwa waren bislang nur bei der AfD, Pegida und den Neurechten um G\u00f6tz Kubitschek und seiner Zeitschrift\u00a0<em>Sezession<\/em>\u00a0zu h\u00f6ren. Jetzt erscheinen sie auch im\u00a0<em>NZZ<\/em>-Vokabular (Michael Rasch in der\u00a0<em>NZZ<\/em>\u00a0vom 9.7.2019).<\/p>\n<p>Die\u00a0<em>NZZ<\/em>\u00a0bildet ein Feld, auf dem der schleichende Angleichungsprozess rechter Stimmen unter der Flagge von Nationalismus und Besitzstandswahrung seit 2015 besonders gut zu beobachten ist. Das Jahr markiert den Wechsel in der Chefredaktion von Markus Spillmann zu Eric Gujer. Den Rechtskurs bekamen langj\u00e4hrige Mitarbeiter direkt zu sp\u00fcren, aber auch Leser. Gujer profilierte sich als scharfer Beobachter und Kritiker der EU und der Bundesrepublik Deutschland. In der EU unterstellt er der BRD einen Drang zu einer hegemonialen Stellung, was freilich weniger f\u00fcr die Ambitionen deutscher Politik gilt, die in dieser Hinsicht unter der Kanzlerin Merkel entschieden vorsichtiger agiert als etwa unter den skrupelfreien Kanzlern Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schr\u00f6der (SPD). Doch die Dominanz der deutschen Wirtschaft in der EU (\u00abExportweltmeister\u00bb) ist ein nicht zu bestreitendes Faktum.<\/p>\n<p><strong>Kampf gegen den &#8222;Mainstream von links&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Als scharf\u00e4ugiger Beobachter und Kritiker der deutschen Innenpolitik und Binnenverh\u00e4ltnisse diagnostiziert Gujer eine Art linke \u00abGleichschaltung\u00bb, r\u00e4umt jedoch ein: \u00abGelenkt ist dieser Prozess aber nicht; er entsteht durch die gegenseitige Verst\u00e4rkung unabh\u00e4ngiger Echokammern in den Medien, der Politik, der Wirtschaft, der Gewerkschaften. Oder einfacher gesagt: durch den Mainstream\u00bb (Gujers Kolumne \u00abDer andere Blick\u00bb vom 12.4.2019). Alles in einen Sack und zumachen! Das Draufpr\u00fcgeln kann beginnen.<\/p>\n<p>Das Wort von der ziemlich grossen \u00abEchokammer\u00bb, in der eigentlich nur die Kirchen und die Bundesliga fehlen, scheint sich an der Falkenstrasse \u00abnicht gelenkter\u00bb redaktioneller Gleichschaltung zu verdanken. Was Gujer in der deutschen \u00abEchokammer\u00bb vermisst, sind nicht etwa Kritiker der wirtschaftlichen Dominanz des Landes in der EU, sondern \u00abpopulistische Positionen\u00bb, die \u00abin der \u00d6ffentlichkeit als nicht mehr sagbar gelten\u00bb. Dass es im medialen Betrieb der BRD \u00abnicht mehr\u00bb Sagbares gibt, ist freilich nur eine id\u00e9e fixe, die exklusiv bei der AfD, bei Rechtsradikalen, konservativen Rechten und neuen Rechten anzutreffen war \u2013 und in der\u00a0<em>NZZ<\/em>, die im vergangenen Jahr \u00fcber 100 Artikel zum Thema \u00abpolitische Korrektheit\u00bb mit immer gleichen Beispielen und gleichem Tenor ver\u00f6ffentlicht hat (<em>Tages-Anzeiger<\/em>\u00a0v. 8.6.2019). Unter Gujers Chefredaktion berauscht sich ein Teil der Redaktion an der selbst gebastelten, rechten \u00abid\u00e9e fixe\u00bb, eine nicht n\u00e4her benannte linke Institution bestimme fl\u00e4chendeckend die mediale Agenda. Wie und warum aber, bitte sehr, h\u00e4lt sich das Thema der seit mindestens zwei Jahren fast v\u00f6llig versiegten \u00abunkontrollierten Masseneinwanderung\u00bb in allen rechtsradikalen, rechten und konservativen Medien, wenn angeblich Linke das \u00f6ffentlich Sagbare verwalten? Die Gujer-<em>NZZ<\/em>\u00a0belegt mit ihrer Dauerkampagne f\u00fcr das vermeintlich \u00abNicht-mehr-Sagbare\u00bb mit dem Refrain \u00abpolitische Korrektheit\u00bb nur noch, wie sie sich im Windschatten der Rechten verfangen hat im Gestr\u00fcpp rechtsgestrickter Ressentiments und Ideen. Zu denen geh\u00f6rt auch, dass die Abschiebung gefl\u00fcchteter M\u00e4nner, Frauen und Kinder in vermeintlich sichere L\u00e4nder wie Tunesien oder Algerien dazu beitragen sollen, zu verhindern, dass \u00abein Bleiberecht f\u00fcr alle\u00bb entsteht.<\/p>\n<p>Damit rennt die\u00a0<em>NZZ<\/em>\u00a0K\u00f6ppels Rechtspostille\u00a0<em>Weltwoche<\/em>\u00a0nach und reitet uralte Ressentiments, geschminkt mit W\u00f6rtern \u00e0 la mode: \u00abDer h\u00e4ssliche Deutsche tr\u00e4gt keinen Stahlhelm mehr \u2013 er belehrt die Welt moralisch\u00bb (Gujer). Gut zu wissen von einer Zeitung, die bis in die j\u00fcngste Zeit die kriminellen Gesch\u00e4ftsmodelle der Schweizer Banken verteidigte. Damit hat es ein j\u00e4hes Ende genommen, aber zum Kalenderblatt f\u00fcr den Leipziger Rechtsprofessor Thomas Rauscher reicht es schon noch. Dieser behauptete von sich, \u00abich bin konservativ\u00bb und w\u00fcnschte sich \u00abein weisses Europa br\u00fcderlicher Nationen\u00bb. Marc Felix Serrao,\u00a0<em>NZZ<\/em>-B\u00fcroleiter in Berlin, sah darin kein Bekenntnis eines astreinen Rassisten, sondern ein \u00abzentrales Muster nationalkonservativer Einwanderungskritik\u00bb im Sinne der \u00abscharfen Trennung zwischen \u2018wir\u2018 und \u2018die\u2018\u00bb. Serrao z\u00e4hlt derlei zwar zur Kategorie \u00abplumper Stereotype\u00bb, sp\u00fclt diese aber gleich mit dem Hinweis weich, \u00abgegen Gesetze verstossen sie nicht\u00bb (6.12.2017). Einen rechtsliberalen Zynismus auf intellektueller Schwundstufe erreicht Serrao mit der Versicherung, der Leipziger Juraprofessor habe nur als \u00abPrivatmensch politisiert\u00bb. Ungef\u00e4hr so sehen das H\u00f6cke, Gauland &amp; Co auch, wenn sie den Nationalsozialismus zum \u00abVogelschiss\u00bb in der deutschen Geschichte und das Holocaust-Denkmal zum \u00abSymbol der Schande\u00bb kleinreden.<\/p>\n<p><strong>Aushebelung des Staates<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Gujer das Schweizer Fernsehen als \u00abStaatsfernsehen\u00bb denunziert, spricht er dem abgemeldeten rechten Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maassen nat\u00fcrlich aus dem Herzen. Der liest die\u00a0<em>NZZ<\/em>\u00a0als \u00abWestfernsehen\u00bb in der eingebildeten \u00abMeinungsdiktatur\u00bb BRD und herzt damit den neuen\u00a0<em>NZZ<\/em>-Kurs und die AfD gleichermassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Ultras in der SVP ist der Service public bekanntlich \u00abstaatlich orchestrierter Diebstahl\u00bb \u2013 so Olivier Kessler in seiner Bewerbungsepistel als Vizedirektor des rechten Z\u00fcrcher Think Tanks \u00abLiberales Institut\u00bb. Wenn oben von Berlin als \u00abtiefrotem Labor des Staatssozialismus\u00bb (Gujer) die Rede ist, werden Jungsch\u00fctzen unten wie Lucien Scherrer munter und verspotten die BRD als \u00abNanny-Staat\u00bb (21.10.2017). Thomas Ribi \u00fcbersetzt dann die Parole in den aktuellen\u00a0<em>NZZ<\/em>-Speak, wonach der Staat auch \u00abVerkehr, Bildung und Kultur dem Markt \u00fcberlassen\u00bb soll. \u00abDas ist radikal. Nur, es ist weder verfassungswidrig noch unanst\u00e4ndig\u00bb (14.2.2018). Adam Smith h\u00e4tte derlei unter den \u00absophistical speculations\u00bb verbucht.<\/p>\n<p>Die \u00abneue reaktion\u00e4re Linie der\u00a0<em>NZZ<\/em>\u00bb (Daniel Binswanger) hat nat\u00fcrlich auch im Feuilleton Einzug gehalten, als Ren\u00e9 Scheu dort eintraf \u2013 ein \u00abAthlet des freien Denkens\u00bb (Scheu), f\u00fcr das er sein Profil mit einem philosophischen Schulbubenst\u00fcck sch\u00e4rfte, in dem er Sartre zum Wegbereiter von Rassismus und Islamismus frisierte (30.10.2017). Um seine Toleranz nach rechts zu dokumentieren, kauft Scheu oft abgehalfterte deutsche Kolumnisten von Reinhard Mohr \u00fcber Bassam Tibi bis zu Cora Stephan aus der BRD ein. Aber f\u00fcr den strammen Rechtskurs und die Ann\u00e4herung an AfD und neue Rechte b\u00fcrgen auch \u00abheimische\u00bb Schreibkr\u00e4fte wie Marc Felix Serrao. Der liefert in regelm\u00e4ssiger Folge Portr\u00e4ts neuer Rechter und Rechtsradikaler, die er als \u00abRechtskonservative\u00bb einstuft. Dazu geh\u00f6ren ein rechtes Buchh\u00e4ndlerpaar mit offener Sympathie f\u00fcr Pegida ebenso wie der notorische Geschichtsrevisionist Rolf-Peter Sieferle oder der rechtsgestrickte Autor Uwe Tellkamp und die \u00abJunge Freiheit\u00bb, das Zentralorgan der neuen Rechten. Lucien Scherrer seinerseits \u00fcbernahm es, den ehemaligen Sloterdijk-Assistenten und jetzigen AfD-Vors\u00e4nger und Hausesoteriker Marc Jongen zum \u00abRechtskonservativen\u00bb zu nobilitieren. \u00dcber solche Balzrufe ihrer \u00abalten Tante\u00bb d\u00fcrften sich wirkliche Konservative \u2013 je nach Temperament \u2013 \u00e4rgern oder wundern.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Medien\/NZZ-Rechtstrend-AfD1\"><em>infosperber.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Juli 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rudolf Walther. 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