{"id":5757,"date":"2019-08-07T14:25:41","date_gmt":"2019-08-07T12:25:41","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5757"},"modified":"2019-08-07T14:25:42","modified_gmt":"2019-08-07T12:25:42","slug":"frankreich-brutale-polizeigewalt-bringt-regierung-in-bedraengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5757","title":{"rendered":"Frankreich: Brutale Polizeigewalt bringt Regierung in Bedr\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid. <\/em><strong>Proteste zum Tod von Steve Maia Cani\u00e7o, seltsame Auszeichnungen f\u00fcr Polizisten, manipulierte Beweisf\u00fchrungen und Unwahrheiten &#8211; der \u00f6ffentliche Druck w\u00e4chst.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist sie nicht vorbei, die Protestbewegung der &#8222;Gelbwesten&#8220;, die Frankreich seit Herbst 2018 in Atem hielt. Es ist eine Protestbewegung politisch und sozial heterogenen Charakters, die sich im Laufe der Monate wandelte &#8211; und von ihren anf\u00e4nglich stark rechts besetzten Ausgangsmilieus abl\u00f6ste, auch Gewerkschaften gesellten sich ab Anfang Dezember 2018 hinzu &#8211; und ziemlich&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/soziale_konflikte-frankreich\/six-mois-deja-ein-halbes-jahr-gelbwesten-protest-ist-voll-ein-paar-schlaglichter-auf-eine-ueberaus-untypische-protestbewegung-und-zu-den-unterschiedlichen-darst\/\">unterschiedliche Bewertungen erfuhr<\/a>.<\/p>\n<p>Darum, eine irgendwie abschlie\u00dfende Bewertung zu treffen, kann und soll es an dieser Stelle nicht gehen. Zumal Staatspr\u00e4sident Emmanuel Macron selbst laut \u00f6ffentlichen Bekundungen davon ausgeht, dass die Sache nicht abgeschlossen, also f\u00fcr seine Regierung&nbsp;<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/politique\/gilets-jaunes-pour-emmanuel-macron-la-colere-n-est-pas-derriere-nous-magic-CNT000001hvwcJ.html\">nicht ausgestanden sei<\/a>.<\/p>\n<p>Ebenso wenig ausgestanden ist unterdessen ein Thema, das im Zusammenhang mit den &#8222;Gelbwesten&#8220;-Protesten ebenfalls viele Debatten und Polemiken ausl\u00f6ste und auch aus anderen Gr\u00fcnden ins aktuelle Geschehen dr\u00e4ngt: die von der franz\u00f6sischen Polizei ausge\u00fcbte&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Polizeigewalt-gegen-Proteste-der-Gelbwesten-Reihenweise-Verstuemmelungen-4281441.html\">Gewalt<\/a>.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der Protestbewegung der &#8222;Gelbwesten&#8220; ermittelt die Dienstinspektion IGPN &#8211; die im Folgenden noch n\u00e4her vorgestellt werden wird &#8211; derzeit in 288 F\u00e4llen wegen mutma\u00dflicher, nicht vom Gesetz gedeckter Gewaltanwendung durch die Polizei, wie just an diesem Montag&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/actualite-france\/gilets-jaunes-288-enquetes-de-l-igpn-pour-presomption-de-violences-policieres-20190805\">bekannt wurde<\/a>.<\/p>\n<p>Letztere ist derzeit auch deswegen in nahezu ganz Frankreich ein Thema, weil in der Nacht vom 21. zum 22. Juni dieses Jahres der 24-j\u00e4hrige Besucher eines Technokonzerts &#8211; Steve Maia Cani\u00e7o &#8211; infolge eines Polizeieinsatzes zu Tode kam.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wo ist Steve?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Weil eine von acht B\u00fchnen ihre Musik in der Nacht nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt abschalten mochte, ging die Polizei gegen 4.30 Uhr mit Kn\u00fcppeln, Tr\u00e4nen- und Reizgas gegen die Besucher vor. Hinter ihnen befand sich das Ufer der Loire, die an der Stelle kurz vor ihrer Einm\u00fcndung in den Atlantik steht, und deren Str\u00f6mung ziemlich kr\u00e4ftig ist &#8211; und dies ohne Absperrung.<\/p>\n<p>Wie aus Videos von der Szene hervorgeht,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.liberation.fr\/france\/2019\/07\/13\/y-a-la-loire-derriere-de-nouvelles-videos-sur-la-charge-policiere-a-nantes_1739733\">riefen<\/a>&nbsp;mehrfach Anwesende: &#8222;Da hinten ist Wasser&#8220; und &#8222;Gefahr, da liegen Leute im Wasser!&#8220; Mindestens sieben Personen konnten sich aus dem Fluss retten, doch &#8222;Steve&#8220;, den quasi alle Medien l\u00e4ngst unter seinem Vornamen bezeichnen, konnte nicht schwimmen.<\/p>\n<p>Wochenlang lief in Frankreich dazu eine, viel Aufmerksamkeit erregende, \u00d6ffentlichkeitskampagne unter dem Motto:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2019\/07\/12\/ou-est-steve-le-grand-silence-politique-autour-du-disparu-de-nantes_5488396_3224.html\">&#8222;Wo ist ist Steve?&#8220;<\/a>. Zur Kampagne bestehen inzwischen auch eigene&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.infolibertaire.net\/qui-a-tue-steve-2\/\">Bild<\/a>&#8211; und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FiyJdRKLYNA&amp;fbclid=IwAR1mV1C8_C5N47h4FVGPb9D5xfc_CQiytOCNloe6FInCL_rQhKjDRMRQuU0\">Tondokumente<\/a>.<\/p>\n<p>Am vorigen Montag (29. Juli) wurde nun die, unkenntliche und durch Fingerringe, sp\u00e4ter durch DNA-Analyse identifizierte,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.leparisien.fr\/faits-divers\/disparition-de-steve-un-corps-retrouve-dans-la-loire-29-07-2019-8125707.php\">Leiche geborgen<\/a>. Am selben Tag stellte Premierminister Edouard Philippe pers\u00f6nlich &#8211; was laut den Worten der Anw\u00e4ltin von Steves Familie aus der Sache&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/flash-actu\/mort-de-steve-l-avocate-de-la-famille-evoque-une-affaire-d-etat-20190730\">eine &#8222;Staatsaff\u00e4re&#8220; macht<\/a>&nbsp;-, den Untersuchungsbericht der &#8222;Allgemeinen Inspektion der nationalen Polizei&#8220; (IGPN) vor.<\/p>\n<p>Diese Dienstinspektion ist f\u00fcr die Untersuchung eventueller Verfehlungen der Polizei zust\u00e4ndig und untersteht nicht der Polizeidirektion, jedoch dem Innenministerium. In ihrem Bericht wird behauptet, es gebe &#8222;keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Polizeieinsatz und dem Tod von Steve Cani\u00e7o&#8220;.<\/p>\n<p>Nun stellt sich jedoch heraus, dass die IGPN buchst\u00e4blich keinen einzigen der 89 anwesenden Partyg\u00e4ste, die Zeugen der Szene wurden oder selbst betroffen waren und Strafanzeige gegen die Polizei erstatteten, vernommen hat. Und ein Zeuge, der sich der IGPN schriftlich zur Verf\u00fcgung stellte, wurde nicht angeh\u00f6rt &#8211; die Institution behauptet, ihm eine E-Mail gesandt zu haben, was er selbst&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/police-justice\/article\/2019\/08\/01\/mort-de-steve-maia-canico-un-nantais-denonce-les-lacunes-de-l-enquete-de-l-igpn_5495450_1653578.html\">energisch dementiert<\/a>. Ausschlie\u00dflich Angeh\u00f6rige der Polizeiseite waren angeh\u00f6rt worden.<\/p>\n<p>Mittlerweile ruderte die IGPN zur\u00fcck: Ihre Chefin Brigitte Jullien, die sich zum ersten Mal \u00fcberhaupt in solcher Form an die \u00d6ffentlichkeit wendet, \u00e4u\u00dferte sich in einem Interview mit der Tageszeitung Lib\u00e9ration, das an diesem Montag&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.liberation.fr\/france\/2019\/08\/04\/on-ne-dit-pas-circulez-y-a-rien-a-voir-entretien-muscle-avec-les-dirigeants-de-l-igpn_1743670\">erschien<\/a>. Darin erkl\u00e4rt die Dame: &#8222;Weitergehen, es gibt nichts zu sehen&#8220; sage man in dem Untersuchungsbericht auch wieder nicht.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"393\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/crs-2ef8a4859a7d667a.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5758\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/crs-2ef8a4859a7d667a.jpg 700w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/crs-2ef8a4859a7d667a-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption>  CRS-Einsatzkr\u00e4fte.&nbsp;<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Compagnie_r%C3%A9publicaine_de_s%C3%A9curit%C3%A9#\/media\/File:C'%C3%A9tait_un_5_F%C3%A9vrier_(46092708265).jpg\">Foto<\/a>&nbsp;(vom 05.02.2019): Patrice Calatayu\/<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/\">CC BY-SA 2.0<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n<p>So weit will sie denn anscheinend doch nicht gehen. Man habe keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Polizeieinsatz und Steves Tod gesehen, aber dass es keinen gebe, behaupte man ja nicht. Nun, \u00dcberzeugungsfestigkeit oder Gewissheit sieht anders aus \u2026<\/p>\n<p>Unterdessen hat der Premierminister bereits eine andere Aufsichtsbeh\u00f6rde, die&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.rfi.fr\/france\/20190730-corps-steve-maia-canico-loire-igpn-philippe-reactions-iga\">&#8222;Allgemeine Verwaltungsinspektion&#8220; (IGA)<\/a>, mit einer&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.france24.com\/fr\/20190731-disparition-steve-inspection-generale-administration-nantes-philippe-castaner\">&#8222;weiterf\u00fchrenden&#8220; Untersuchung beauftragt<\/a>. Ein Teil der Opposition fordert unterdessen einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Thema, welchen die Regierungspartei LREM jedoch bislang&nbsp;<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/politique\/mort-de-steve-y-aura-t-il-une-commission-d-enquete-parlementaire-magic-CNT000001hBgm7.html\">ablehnt<\/a>.<\/p>\n<p>Am vergangenen Wochenende (03. und 04. August) fanden unterdessen vielerorts Proteste statt. In Nantes gab es am Samstagvormittag eine Trauerkundgebung von rund 1.000 Menschen an dem Ort, nahe dem die Leiche im Wasser aufgefunden worden war. Am Nachmittag demonstrierten rund 1.700 Menschen &#8211; laut beh\u00f6rdlichen Zahlen &#8211; in der Innenstadt, wo der Protestzug&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/flash-actu\/steve-le-prefet-interdit-tout-rassemblement-samedi-au-centre-de-nantes-20190801\">zuvor verboten worden war<\/a>.<\/p>\n<p>Dabei kam es, wie zu erwarten, auch zu Auseinandersetzungen und in diesem Zusammenhang zu&nbsp;<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/steve-un-samedi-d-hommages-et-de-manifestations-incidents-a-nantes-CNT000001hDT8Z\/photos\/manifestation-a-nantes-le-3-aout-2019-en-souvenir-de-steve-maia-canico-ab871a227f136714fe302f05d7b7dbc9.html\">vierzig Festnahmen<\/a>. Auch in weiteren franz\u00f6sischen St\u00e4dten, wie in&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.paris-normandie.fr\/actualites\/quelque-500-personnes-reunies-a-rouen-pour-la-marche-blanche-en-memoire-de-steve-maia-canico-HB15415255\">Rouen<\/a>&nbsp;oder&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.paris-normandie.fr\/actualites\/societe\/pres-de-200-manifestants-ont-defile-au-havre-en-hommage-a-steve-maia-canico-JB15413569\">Le Havre<\/a>, aber auch etwa in&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.infolibertaire.net\/manifestations-pour-steve-et-contre-les-violences-policieres-100-personnes-a-beziers-700-a-montpellier\/\">S\u00fcdfrankreich<\/a>&nbsp;wurde aus diesem Anlass demonstriert.<\/p>\n<p>Unterdessen wurden einzelne Beamte &#8211; in diesem Falle der Gendarmerie, die \u00e4hnliche Aufgaben wie die Polizei wahrnimmt, jedoch dienstlich der Verteidigungsministerin untersteht &#8211; identifiziert, die sich bei sozialen Medien \u00fcber den Tod des jungen Mannes&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lesinrocks.com\/2019\/08\/01\/actualite\/societe\/mort-de-steve-des-gendarmes-accuses-davoir-poste-des-messages-moqueurs\">lustig gemacht hatten<\/a>. Einem von ihnen wurde eine Vorladung zu einem dienstrechtlichen Disziplinarverfahren&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lepoint.fr\/video\/un-gendarme-convoque-pour-s-etre-moque-de-la-mort-de-steve-sur-facebook-01-08-2019-2327931_738.php\">zugestellt<\/a>.<\/p>\n<p><strong>73-j\u00e4hrige Dame verletzt, Staatsanwalt (bestenfalls) auf Tauchstation<\/strong><\/p>\n<p>Wie Ende Juli&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/police-justice\/article\/2019\/06\/25\/affaire-genevieve-legay-la-police-mise-en-cause-dans-la-blessure_5481029_1653578.html\">herauskam<\/a>, hat der Leiter der Staatsanwaltschaft im s\u00fcdostfranz\u00f6sischen Nizza, Jean-Michel Pr\u00eatre, explizit zugegeben, in einem offiziellen Rapport \u00fcber polizeiliche \u00dcbergriffe am 23. M\u00e4rz dieses Jahres in der Stadt Unterschiede zwischen divergierenden Versionen weggeb\u00fcgelt und die Ordnungskr\u00e4fte&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2019\/07\/24\/affaire-legay-pour-sa-defense-le-procureur-de-nice-ne-voulait-pas-embarrasser-macron_5492695_3224.htmlundhttps:\/www.lepoint.fr\/faits-divers\/affaire-legay-le-procureur-de-nice-aurait-voulu-proteger-emmanuel-macron-24-07-2019-2326419_2627.php\">wei\u00dfgewaschen zu haben<\/a>, &#8222;um Pr\u00e4sident Emmanuel Macron nicht in Schwierigkeiten zu bringen&#8220;.<\/p>\n<p>Konkret ging es u.a. darum, dass Staatspr\u00e4sident Macron pers\u00f6nlich zwei Tage nach der polizeilichen Attacke vom 23. M\u00e4rz 19 in der \u00f6rtlichen Tageszeitung Nice Matin das Wort ergriffen hatte, und dort behauptete, es habe &#8222;keinen Kontakt&#8220; zwischen Genevi\u00e8ve Legay und Polizeibeamten gegeben. Eine Darstellung, die objektiv wahrheitswidrig ist. Doch um nicht herauskommen zu lassen, dass der Staatspr\u00e4sident die Unwahrheit hinausposaunte, sagte nun einfach auch der ermittelnde Staatsanwalt die Unwahrheit dazu. Allerdings lie\u00df sich seine Version im Lauf der Ermittlungen nicht aufrechterhalten und wurde dann auch offiziell zur\u00fcckgezogen.<\/p>\n<p>Am 13. Juli dieses Jahres war der Staatsanwaltschaft Nizza die Akte bereits durch h\u00f6chstrichterliche Entscheidung&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2019\/07\/13\/affaire-legay-le-procureur-de-nice-evince-du-dossier_5488943_3224.html\">entzogen worden<\/a>. Seitdem ist die Staatsanwaltschaft Lyon mit dem Fortgang der Ermittlungen befasst.<\/p>\n<p>Die 73j\u00e4hrige Aktivistin bei ATTAC, Genevi\u00e8ve Legay, war bei einer &#8222;Gelbwesten&#8220;-Demonstration in Nizza durch Polizisten gesto\u00dfen worden, ging zu Boden, wurde \u00fcberrannt, schwer verletzt und im Krankenhaus behandelt. Zun\u00e4chst wurde behauptet, die Polizei habe die Frau \u00fcberhaupt &#8222;nicht ber\u00fchrt&#8220;, sp\u00e4ter geriet diese offizielle (Schutz-)Version jedoch ins Wanken. Ein Polizeibeamter wurde identifiziert als derjenige, welcher Madame Legay stie\u00df; er selbst brachte sein &#8222;ehrliches Bedauern&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lci.fr\/police\/gilets-jaunes-le-policier-qui-a-pousse-genevieve-legay-sincerement-desole-2122668.html\">zum Ausdruck<\/a>&nbsp;und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lexpress.fr\/actualite\/societe\/gilets-jaunes-le-policier-qui-a-blesse-genevieve-legay-pensait-avoir-pousse-un-homme_2081324.html\">erkl\u00e4rte<\/a>, er sei davon ausgegangen, &#8222;einen Mann&#8220; gesto\u00dfen und zu Boden bef\u00f6rdert zu haben.<\/p>\n<p>Gendarmeriebeamte hatten anl\u00e4sslich dieser Auseinandersetzung&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nouvelobs.com\/societe\/20190624.OBS14833\/genevieve-legay-pourquoi-les-gendarmes-ont-refuse-d-obeir-a-la-police.html\">den Befehl verweigert<\/a>, die Polizei bei ihrem Einsatz zu unterst\u00fctzen &#8211; das ist mehr oder minder &#8222;unerh\u00f6rt&#8220;. In Frankreich untersteht die Gendarmerie dem Verteidigungs-, und die Polizei untersteht dem Innenministerium, wobei vor nunmehr zehn Jahren viele Statusbestimmungen (etwa Laufbahngarantien, Rentenregelungen) aneinander angeglichen wurden; das Staatsgebiet ist in jeweilige Zust\u00e4ndigkeitszonen beider Staatsorgane aufgeteilt.<\/p>\n<p>Es mangelte nicht an Pikanterie, als j\u00fcngst Innenminister Christophe Castaner die Namen von Angeh\u00f6rigen der polizeilichen Sicherheitskr\u00e4fte bekannt gab, die &#8222;dekoriert&#8220; (d\u00e9cor\u00e9) werden sollen, denen also in naher Zukunft eine Auszeichnung verliehen wird. Unter ihnen befinden sich f\u00fcnf Polizeibeamte, die pers\u00f6nlich im Verdacht stehen, an ungesetzlichen Formen von staatlicher oder im Namen des Staates ausge\u00fcbter Gewaltanwendung beteiligt gewesen zu sein. Darunter:<\/p>\n<ul>\n<li>zwei Kommissare (das bedeutet in diesem Falle: Einsatzleiter), die an der Szene beteiligt waren, bei der die oben erw\u00e4hnte Aktivistin Genevi\u00e8ve Legay verletzt worden ist und deren Namen in den Ermittlungsdokumenten dazu auftauchen;<\/li>\n<li>und zwei Polizeioffiziere, die respektive an einem gewaltf\u00f6rmigen \u00dcberfall auf Demonstrationsteilnehmer in einem Pariser Fastfood-Restaurant&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/watch\/?v=2157662374495426\">im Dezember 2018<\/a>sowie am Tod der 80j\u00e4hrigen Zineb Redouane in Marseille am 1. Dezember 2018, dazu N\u00e4heres unten, beteiligt gewesen sein sollen.<\/li>\n<li>Im \u00dcbrigen befindet sich auch ein wegen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.francetvinfo.fr\/faits-divers\/police\/rouen-le-policier-qui-s-etait-trompe-de-personne-lors-d-un-rendez-vous-coquin-a-l-hotel-de-police-sur-la-liste-des-fonctionnaires-decores_3557405.html\">sexueller N\u00f6tigung verfolgter Polizist<\/a>unter den Auszuzeichnenden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die Bewertung des Ministerhandelns ist dabei nicht so sehr, dass die f\u00fcnf Namen auf einer Liste von auszuzeichnenden Polizisten auftauchen ; auf ihr stehen immerhin 9.126 Namen von Polizeibediensteten, denen eine Medaille f\u00fcr ihr\/ein &#8222;au\u00dferordentliches Engagement in den Kr\u00e4ften f\u00fcr Innere Sicherheit in den Jahren 2018\/19&#8220;&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.france24.com\/fr\/20190719-france-christophe-castaner-decore-policiers-soupconnes-violences-gilets-jaunes\">verliehen werden soll<\/a>. (Die Polizei z\u00e4hlt in Frankreich insgesamt&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Police_nationale_(France)\">rund 150.000 Mitglieder<\/a>.)<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die Bewertung des Ministerhandelns ist vielmehr, dass Christophe Castaner auch dann, nachdem er \u00fcber die Pr\u00e4senz der beschuldigten Beamten und den Inhalt der Vorw\u00fcrfe informiert worden war, von seiner Entscheidung nicht abr\u00fccken und die Liste&nbsp;<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/christophe-castaner-assume-d-avoir-decore-des-policiers-mis-en-cause-dans-des-violences-contre-les-gilets-jaunes-magic-CNT000001hjp5e.html\">nicht modifizieren mochte<\/a>. Er stehe zu seinem Entschluss; allerdings w\u00fcrden, falls es denn zu dienstrechtlichen Sanktionen (Disziplinarstrafen) komme, den entsprechend Bestraften ihre Auszeichnungen in diesem Falle wieder entzogen, verlautbarte der Minister.<\/p>\n<p>Nun ist f\u00fcr Ermittlungen gegen Polizeibeamte\/beamtinnen &#8211; etwa wegen des Vorwurfs von Gewalttaten im Dienst &#8211; eine &#8222;Generalinspektion der Nationalpolizei&#8220; (IGPN) zust\u00e4ndig, die zwar nicht der Autorit\u00e4t der Polizeif\u00fchrung direkt, wohl aber jener des Innenministeriums unterstellt ist.<\/p>\n<p>Und wenn der amtierende Minister ihr nun durch das Verleihen einer Auszeichnung signalisiert, dass es sich bei den Betreffenden um irgendwie exemplarische, sozusagen eben &#8222;ausgezeichnete&#8220; Beamte handele &#8211; wird die Dienstinspektion dann dazu neigen, dar\u00fcber hinwegzusehen und trotzdem Sanktionen vorzuschlagen? Die n\u00e4here Zukunft wird es erweisen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Zineb Redouane: 80-j\u00e4hrige Dame get\u00f6tet<\/strong><\/p>\n<p>Auch der Fall der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2019\/07\/02\/mort-de-zineb-redouane-a-marseille-l-enquete-pietine_5484410_3224.html\">get\u00f6teten 80j\u00e4hrigen Zineb Redouane<\/a>&nbsp;birgt potenziell einigen politischen Sprengstoff. Auch hier kommen immer mehr&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.arretsurimages.net\/articles\/affaire-zineb-redouane-des-revelations-en-cascade\">kompromittierende Informationen<\/a>&nbsp;ans Tageslicht.<\/p>\n<p>Madame Redouane war am Samstag, den 1. Dezember 2018, am Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock, in der rue des Feuillants, durch mindestens eine Tr\u00e4nengasgranate getroffen worden. Zu dem Zeitpunkt spielten sich dort sowohl Proteste der &#8222;Gelbwesten&#8220; als auch eine Demonstration gegen die st\u00e4dtische Wohnungspolitik in Marseille ab &#8211; infolge des&nbsp;<a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Effondrement_des_immeubles_rue_d%27Aubagne_%C3%A0_Marseille\">Einsturzes<\/a>eines in bedenklichem Zustand befindlichen Wohnhauses in der Marseiller rue d\u2019Aubagne am 05. November 18 wurden dort rund 2.500 Menschen aus ebenso schlecht erhaltenen Wohngeb\u00e4uden evakuiert, zum Teil ohne jegliches vern\u00fcnftige Angebot einer Ersatzwohnung. Dieser Skandal h\u00e4lt im \u00dcbrigen bis heute an.<\/p>\n<p>Am 03. Dezember 2018 verstarb Zineb Redouane an den Folgen ihrer Verletzung in einem Krankenhaus. Die Staatsmacht verbreitete schnell die Version, erstens sei sie an den Folgen der Operation und nicht etwa an ihren Verletzungen gestorben, und zum Zweiten handele es sich um einen Unfall &#8211; die Tr\u00e4nengasgranate sei schr\u00e4g nach oben geschossen worden, um ihren Gasinhalt \u00fcber die Menge zu verstreuen, und sei dabei durch ein Fenster gegangen.<\/p>\n<p>Ihre Tochter, die sich zum fraglichen Zeitpunkt hinter ihr in der Wohnung befand, sagte hingegen aus, Beamte h\u00e4tten gezielt auf ihre Mutter geschossen, weil sie ihr Telefon in der Hand gehabt habe &#8211; man habe sie verd\u00e4chtigt, zu filmen. Rassistische Reflexe, die in den Reihen der franz\u00f6sischen Polizei nicht wirklich inexistent sind, m\u00f6gen dabei wom\u00f6glich auch eine Rolle gespielt haben.<\/p>\n<p>Inzwischen hat ein Sohn von Zineb Redouane Fotos der Dame auf ihrem Krankenhaus- bzw. Totenbett publiziert (was eine Polemik in den Reihen der Familien betreffend Piet\u00e4tsfragen ausl\u00f6ste). Diese sind zumindest insofern von \u00f6ffentlichem Interesse, das sicherlich gegen den Respekt der Totenruhe abgewogen werden muss, als die Aufnahmen erkennen lassen, dass Zineb Redouane allem Anschein nach nicht durch eine, sondern durch zwei Granaten getroffen wurde und zwei unterschiedliche Verletzungsstellen aufweist. Dies belegt in den Augen auch von Journalisten die These vom&nbsp;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/PhilippeMurer\/status\/1147915700830375937\">gezielten Beschluss<\/a>.<\/p>\n<p>Bis heute sind einige brisante Details zu diesem Todesfall bekannt geworden: Der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft befand sich selbst w\u00e4hrend des polizeilichen Einsatzes&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lepoint.fr\/justice\/mort-de-zineb-redouane-la-presence-du-procureur-adjoint-etait-legitime-05-07-2019-2322939_2386.php\">unmittelbar vor Ort<\/a>&nbsp;und begleitete die Polizeikr\u00e4fte; wor\u00fcber sein Vorgesetzter auch&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nouvelobs.com\/justice\/20190708.OBS15634\/mort-de-zineb-redouane-le-procureur-etait-bien-informe-de-la-presence-de-son-adjoint-sur-le-terrain.html\">informiert war<\/a>.<\/p>\n<p>Ihm selbst wurde nach dem Ereignis die Leitung der Ermittlungen \u00fcbertragen. \u00dcberraschung: Der Mann vermochte kein Problem zu erkennen, sondern schloss sofort nach dem Ableben von Madame Redouane auf Herzversagen infolge eines &#8222;Operationsschocks&#8220;.<\/p>\n<p>Der Leiter der Bereitschaftspolizei (CRS) w\u00e4hrend des Einsatzes weigerte sich seinerseits standhaft, f\u00fcnf vor Ort benutzte Abschussger\u00e4te f\u00fcr Gasgranaten durch Experten inspizieren zu lassen. Nun ja, eigentlich nennt sich das illegale Behinderung von Ermittlungen respektive Strafvereitlung im Amt, und bildet einen Straftatbestand \u2026<\/p>\n<p>Und die am Einsatz beteiligten Beamten konnten sich leider, leider an \u00fcberhaupt nichts erinnern. Komisch aber auch. Die am n\u00e4chsten am, nennen wir es: Tatort gelegene \u00dcberwachungskameras hatte, neue \u00dcberraschung, angeblich aufgrund einer Panne keine Bilder aufgezeichnet. Undsoweiterundsofort: Pleiten, Pech und Pannen vereitelten seri\u00f6se Ermittlungen, welch ein Ungl\u00fcck aber auch. Im \u00dcbrigen ist auch sieben Monate danach jener Polizist, der die (in der Wirkung t\u00f6dliche) Gasgranate verschoss, noch&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bfmtv.com\/mediaplayer\/video\/sept-mois-apres-le-policier-qui-a-tue-zineb-redouane-n-a-toujours-pas-ete-identifie-1173656.html\">nicht einvernommen worden<\/a>.<\/p>\n<p>Hinzu kommt eine kuriose Anordnung der ermittelnden Richter vom April dieses Jahres: Diese wollten&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.leparisien.fr\/faits-divers\/mort-de-zineb-redouane-l-erreur-de-la-juge-chargee-de-l-enquete-24-04-2019-8059257.php\">wissen<\/a>, wie lange die Dauer der Krankschreibung (gemessen in Arbeitsausfall-Tagen, franz\u00f6sisch ITT abgek\u00fcrzt) der Toten sei, um die Schwere der K\u00f6rperverletzung juristisch beurteilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun stellte sich aber heraus, dass die soeben erw\u00e4hnte \u00dcberwachungskamera mutma\u00dflich doch nicht kaputt war. Yassine Bouzrou, in dieser Sache Rechtsanwalt von vier der f\u00fcnf Kinder der Verstorbenen, erstattete am Freitag, den 05. Juli dieses Jahres, deswegen&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.leparisien.fr\/faits-divers\/affaire-zineb-redouane-la-famille-accuse-les-policiers-d-entraver-l-enquete-06-07-2019-8111076.phpundhttps:\/www.lemonde.fr\/societe\/article\/2019\/07\/07\/affaire-zineb-redouane-nouvelle-plainte-de-la-famille_5486533_3224.html\">Strafanzeige<\/a>&nbsp;wegen Falschaussage und Strafvereitlung seitens von Amtstr\u00e4gern.<\/p>\n<p>Die Familie selbst hatte Ende Juni dieses Jahres eine neuerliche Strafanzeige wegen Verschleppung der Ermittlungen&nbsp;<a href=\"https:\/\/rmc.bfmtv.com\/mediaplayer\/video\/mort-de-zineb-redouane-la-famille-a-depose-une-nouvelle-plainte-1173740.html\">get\u00e4tigt<\/a>, die zu einer ersten Anzeige vom 19. April hinzukommt.<\/p>\n<p>Aufgrund der pers\u00f6nlichen Verwicklung des stellvertretenden Leiters der \u00f6rtlichen Staatsanwaltschaft d\u00fcrfte die Verantwortlichkeit der Ermittlungen voraussichtlich an einen anderen Gerichtsstandort ausgelagert werden, um eine unmittelbare Einflussnahme zu erschweren.<\/p>\n<p>Man darf aber getrost davon ausgehen, dass es auch in diesem Falle ohne Druck aus der Gesellschaft zu keinen ernsthaften Ermittlungsfortschritten kommen d\u00fcrfte\u2026<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Frankreich-Brutale-Polizeigewalt-bringt-Regierung-in-Bedraengnis-4488530.html?seite=all\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. August 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. Proteste zum Tod von Steve Maia Cani\u00e7o, seltsame Auszeichnungen f\u00fcr Polizisten, manipulierte Beweisf\u00fchrungen und Unwahrheiten &#8211; der \u00f6ffentliche Druck w\u00e4chst.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[61,76,49,17],"class_list":["post-5757","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-frankreich","tag-neue-rechte","tag-repression","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5757"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5757\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5760,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5757\/revisions\/5760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}