{"id":5779,"date":"2019-08-09T16:15:30","date_gmt":"2019-08-09T14:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5779"},"modified":"2019-08-09T16:15:31","modified_gmt":"2019-08-09T14:15:31","slug":"peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionaers-band-i-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5779","title":{"rendered":"Peter A. Kropotkin: Memoiren eines Revolution\u00e4rs Band I &#038; II"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Fritz G\u00fcde. <\/span><\/i><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Erinnerungen Kropotkins sind zu weitreichend, um sie an dieser Stelle nachzuerz\u00e4hlen &#8211; Anlass zur W\u00fcrdigung bieten sie allemal.<\/span><\/b><!--more--><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">F\u00fcrst Pjotr Kropotkin, gestorben am 8. Februar 1921, wurde f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter in Moskau \u2013 neben Proudhon und Bakunin einer der bedeutendsten Klassiker des Anarchismus \u2013 unter Anteilnahme einer vieltausendfachen Menschenmenge zu Grabe getragen. Es war das letzte Mal, dass Anarchisten und Marxisten sich auf den Strassen Moskaus frei bewegen konnten. Seitdem nie wieder!&nbsp;<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">F\u00fcrst Kropotkin hat auf seine alten Tage sein vielleicht sch\u00f6nstes Buch geschrieben: die Memoiren eines Revolution\u00e4rs. 1969 ist es im Insel-Verlag herausgekommen und wirkte trostreich auf alle, die selbst zwar emp\u00f6rt waren &#8211; und wie! &#8211; aber zugleich ein schlechtes Gewissen hatten, weil sie im gew\u00f6hnlichen Leben immer das Gegenteil dessen taten, was ihnen eigentlich als richtig vorkam. Kam man aus der Gemengelage je heraus?&nbsp;<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Da wirkte der Weg des F\u00fcrsten im zaristischen Russland vertrauenerweckend und beispielgebend. Er &#8211; unter dem Schl\u00e4chterzaren Nikolaus geboren &#8211; selbst Abk\u00f6mmling der Rurik-Familien, die vor den Romanows den Thron innegehabt hatten, schildert zun\u00e4chst ganz ohne Groll die beh\u00fctete Kindheit. Eine ohne Vater und Mutter. Mutter tot, Vater lebte noch und trainierte m\u00fcde, um noch einmal den Familienvorstand und General zu markieren. Vor allen Ferien gab er seitenlange Ukase heraus, wie und von wo bis wo die Wagen mit M\u00f6beln und Proviant ins Ferienhaus gefahren werden sollten. Die riesige Dienerschaft samt den Kindern h\u00f6rte geduldig zu, nickte anst\u00e4ndig und gab sich gleich an der n\u00e4chsten Strassenecke dem freudigsten Gejohle hin. Chef weg! Drei Monate lang!!! Wie die Adligen im achtzehnten Jahrhundert in Frankreich wurden die Kinder dieser Grufties von allen anderen erzogen als von den eigenen Eltern. Ammen, Kinderm\u00e4dchen, Hauslehrer hatten sich zu k\u00fcmmern &#8211; und taten das hingebungsvoll. Alles Leibeigene &#8211; die sich mit den Kindern identifizierten und gegen die Machthaber mit ihren Listen eisern zusammenhielten.&nbsp;<\/span><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"912\" height=\"340\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Kropotkin_PA_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5780\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Kropotkin_PA_1.jpg 912w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Kropotkin_PA_1-300x112.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Kropotkin_PA_1-768x286.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 912px) 100vw, 912px\" \/><\/figure>\n<p>Die ewig langen Sommerferien! Die inhaltsleeren anstrengungslosen Auswendiglernstunden! Die beh\u00fctete Zeit ohne Ende! Wie ein Turgenjew schildert der sp\u00e4tere Revolution\u00e4r so friedvoll die vergangene Welt. Wahrscheinlich findet nur der die Kraft zum h\u00e4rtesten Widerspruch, der das immer noch in sich findet &#8211; aufgehoben &#8211; was zu zerst\u00f6ren er doch auf sich nimmt. Und schaffte es wirklich, aus den Windeln der Privilegien sich herauszuwickeln. Er wird nicht nur Page beim neuen Zaren Alexander II, sondern gleich Sergeant der \u00fcbrigen Pagen &#8211; Leibdiener sozusagen beim gesalbten Oberhaupt der Christenheit. Dennoch entschliesst er sich am Ende der Kadettenzeit nicht f\u00fcr einen der herrlichen Regimentsposten, die ihm offen gestanden h\u00e4tten, sondern f\u00fcr das verachtete Sibirien &#8211; und dort f\u00fcr Teile am Amurfluss, die erst vor kurzem annektiert worden waren.<\/p>\n<p>Vom Bewunderer des Zaren, der &#8211; angeblich &#8211; die Bauern befreit hatte, wird Kropotkin allm\u00e4hlich zum Kritiker, als er entdeckte, dass alles auf ein riesiges Bauernlegen hinauslief. Wie in den USA gegen\u00fcber den Sklaven, ungef\u00e4hr zur gleichen Zeit, fordert das Kapital eine Mobilisierung der riesigen Werte, die in den Leibeigenen und in deren Winzg\u00fctern sozusagen begraben lagen. Wie in Preussen wird den ehemaligen Gutsbesitzern als Entsch\u00e4digung f\u00fcr den Verlust der Leibeigenen im Voraus Entsch\u00e4digung gezahlt. Diese soll durch allj\u00e4hrliche Steuern &#8211; Abgaben &#8211; der Befreiten wieder hereinkommen. Das Ungl\u00fcck dabei nur, selbst aus kapitalistischer Sicht: es gab keine &#8211; oder kaum &#8211; produktiv gesonnenen Gutsbesitzer, die das gewonnene Geld produktiv z.B. f\u00fcr mechanische Pfl\u00fcge oder S\u00e4maschinen angelegt h\u00e4tten. Das Geld wurde verplempert.\u00a0<\/p>\n<p>Kropotkin, noch als Offizier, benutzt die Zeit, um Vermessungen des unbekannten Amurgebiets zu machen. Was k\u00f6nnte man damit alles anfangen? Macht auch Reisen ins damals noch russische Finnland. Und immer deutlicher stellt sich die Frage: Wozu das? Abstrakt gesagt: Der wissenschaftliche Fortschritt, die Entwicklung der Produktivkraft wird zur Destruktivpotenz, wenn niemand etwas mit dem Erworbenen anfangen kann. Der Geologe und Agronom stellt sich die Frage:\u00a0<\/p>\n<p>\u201eWas n\u00fctzt es aber, zu diesem Bauern von amerikanischen Maschinen zu reden, wenn er kaum Brot genug hat, sein Leben von einer Ernte zur andern zu fristen, wenn die Rente, die er f\u00fcr die harten Lehmschollen zu zahlen hat, im selben Masse, wie der Boden durch seine Bem\u00fchungen besser wird, steigt?&#8220; (S. 280)\u00a0<\/p>\n<p>Einsch\u00e4tzung der Lage im Kindheitsgut Nikolskoje nach der Bauernbefreiung:\u00a0<\/p>\n<p>\u201eSie sind jetzt frei. Sie sch\u00e4tzen ihre Freiheit sehr hoch. Aber sie haben keine Wiesen. Auf die eine oder andere Weise haben es die Grundherren einzurichten verstanden, dass sie fast alle Wiesen besitzen (&#8230;) Familien, die fr\u00fcher drei Pferde besassen, halten jetzt eins oder keins. Wozu ist aber ein einziges erb\u00e4rmliches Pferd n\u00fctze? Keine Wiesen, keine Pferde, kein D\u00fcnger.&#8220; (S. 281)\u00a0<\/p>\n<p>Was folgt daraus? Es m\u00fcssen erst alle Verh\u00e4ltnisse umgest\u00fcrzt werden, damit auch nur die kleinste Verbesserung verf\u00e4ngt. Im Anblick des Zaren &#8211; vor dem Abschied nach Sibirien &#8211; erscheint dem noch Unschl\u00fcssigen die Leere. Das unvermeidliche Verlorengehen. Die Verdunklung. Nach der Ernennung aus dem Pagencorps zum Offizier. Der Zar versammelt die neuernannten Offiziere um sich.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eIn ruhigem Tone begann er: \u201aIch w\u00fcnsche ihnen Gl\u00fcck. Sie sind Offiziere.\u2018 Er sprach dann von Soldatenpflicht und loyaler Gesinnung, wie es bei solchen Anl\u00e4ssen zu geschehen pflegt. \u201aSollte aber einer von ihnen\u2018, fuhr er fort, wobei er jede Silbe scharf betonte und sein Gesicht sich pl\u00f6tzlich vor Zorn verzerrte, \u201asollte einer von ihnen &#8211; was Gott verh\u00fcten m\u00f6ge &#8211; sich illoyal gegen Gott, Vaterland und den Zaren verhalten, merken sie wohl, was ich sage, so wird ihn die volle Strenge des Gesetzes treffen ohne das geringste Erbarmen.\u2018 Die Stimme versagte ihm, sein Gesicht trug einen feindlichen Ausdruck blinder Wut, wie ich ihn als Kind in den Gesichtern der Grundherren bemerkt habe, wenn sie ihren Leibeigenen drohten, sie bis aufs Blut peitschen zu lassen. Heftig stiess er seinem Pferde die Sporen in die Weichen und sprengte davon. Am n\u00e4chsten Morgen wurden auf seinen Befehl in Modlin drei Offiziere erschossen, w\u00e4hrend ein Soldat, namens Szur, unter den Spiessruten seinen Geist aufgab. [Im Rahmen der brutalen Niederschlagung des Polenaufstandes 1863, Anm. fg] \u201aReaktion, mit Volldampf r\u00fcckw\u00e4rts\u2018, sagte ich zu mir, als wir zum Korps zur\u00fcckgingen.&#8220; (S. 196)\u00a0<\/p>\n<p>Noch eine letzte Unterredung:\u00a0<\/p>\n<p>\u201eAlexander fand mich heraus und fragte: \u201aF\u00fcrchtest Du Dich nicht, so weit zu gehen?\u2018 (In gerade frischerschlossene Teile Sibiriens). Ich erwiderte mit W\u00e4rme: \u201aNein, ich will arbeiten. Es muss in Sibirien so viel zu tun geben, um die grossen Reformen, die gemacht werden sollen, dort einzuf\u00fchren.\u2018 Er schaute mir gerade ins Gesicht und wurde nachdenklich; schliesslich sagte er: \u201aNun so geh! Man kann \u00fcberall n\u00fctzlich sein.\u2018 Und dabei nahm sein Gesicht einen so m\u00fcden Ausdruck an, und verriet so v\u00f6llige Willenlosigkeit, das ich sofort dachte: Er ist ein gebrochener Mann und wird alles aufgeben.&#8220; (Ebd.)\u00a0<\/p>\n<p>Zuspitzung: Zwei M\u00e4nner, Produkte der gleichen Klasse, am Kreuzweg. Einer im Versinken. Im Absprung der andre. Im R\u00fcckblick kommt Kropotkin noch einmal auf diesen Augenblick zur\u00fcck. 1881. Nachdem die Gruppierung \u201eNarodnaja Wolna&#8220; (zu dt.: Volkswillen) mit der allerletzten verbliebenen Bombe am Zaren gerechtes Gericht ge\u00fcbt hatte. Es hatte unter den gegebenen Umst\u00e4nden so kommen m\u00fcssen.\u00a0<\/p>\n<p>Es kann hier nicht der ganze Weg Kropotkins nacherz\u00e4hlt werden. Nur eines noch: der Anblick Petersburgs, als Alexander II den Weg des W\u00fcterichs eingeschlagen hatte und weiterstolperte. Kropotkin war lang weg. Was ist aus den Zukunftsplanern und Quasi-Liberalen geworden, denen 1861 die Backen schwollen vor lauter Reform und Perspektive? &#8211; Keiner traut sich mehr das leiseste Wort. Jeder schw\u00f6rt ab, jemals an etwas anderes gedacht zu haben, als an Selbstherrschaft und Majest\u00e4tsbrummertum. Kropotkin schildert die Verbissenheit des Geheimdienstes, der alles niedertrampelt. Der jeden Anflug eines Gedankens mit Knast bedroht. Es darf nichts neues mehr geben! Mit vollem Recht, von den Herrschenden aus gesehen. Denn jeder Gedanke br\u00e4chte nur eines heraus: Der Zar muss weg! Zusammen mit uns allen! Auch das nahm die Stimmung der mittleren 1970er Jahre f\u00fcr uns Leser vorweg. Mit vollem Mund das Fortschrittsbrot in der Mundh\u00f6hle w\u00e4lzen &#8211; damit nur ja keine einzige Erkenntnis herauskommt.<\/p>\n<p><em>Peter A. Kropotkin: Memoiren eines Revolution\u00e4rs Band I &amp; II. Unrast Verlag, M\u00fcnster 2001. 255 Seiten, ca. 17.00 SFr. ISBN 3-89771-901-0<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/buchrezensionen\/sachliteratur\/peter_a_kropotkin_memoiren_eines_revolutionaers_5563.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. August 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fritz G\u00fcde. 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