{"id":5800,"date":"2019-08-12T09:52:14","date_gmt":"2019-08-12T07:52:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5800"},"modified":"2019-08-12T09:52:15","modified_gmt":"2019-08-12T07:52:15","slug":"die-linke-verlust-der-arbeiterklasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5800","title":{"rendered":"Die Linke: Verlust der Arbeiterklasse?"},"content":{"rendered":"<p><em>Janis Ehling. <\/em><strong>Nur alle 10 Jahre erscheint die deutsche Parteimitgliederstudie (PAMIS). Sie ist die umfassendste Mitgliederstudie ihrer Art. Von jeder Partei werden 2000 Mitglieder im Westen und nochmal 1000 Mitglieder im Osten<!--more--> befragt. Ihre Ergebnisse werden mit Spannung erwartet. Die Studie soll aufgrund des pl\u00f6tzliches Todes des Projektsleiter Tim Spier erst 2020 erscheinen. Die Ergebnisse der Sozialstrukturdaten wurden aber nun vorver\u00f6ffentlicht. Sie widerlegen einige popul\u00e4re Klischees in der Gesellschaft und in der Linken.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Vertreten die Parteien noch die Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der Sozialstrukturanalysen steht die Frage, ob die Parteien die Menschen noch vertreten und ob sie gesellschaftliche Gruppen repr\u00e4sentieren. Seit 1991 ist die Zahl der Parteimitglieder immer weiter gesunken. Damit repr\u00e4sentieren die Parteien immer weniger Menschen. Erst 2017 gab es nach fast 30 Jahren wieder eine leichte Steigerung der Parteimitgliederzahlen um 1,8%. Passend dazu steigt die Wahlbeteiligung seit ein paar Jahren wieder an. Einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr den Anstieg der Wahlbeteiligung fehlt in der Studie leider: die\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/erste-gewerkschaft-fuehrt-unvereinbarkeitsbeschluss-mit-afd-ein\/\">AfD<\/a>. Eine Untersuchung der AfD-Mitglieder w\u00e4re sicher spannend gewesen, fehlt aber weil nur Parteien im Bundestag untersucht wurden (2017).<\/p>\n<p><strong>Klischee: \u00dcberalterung und Defizite bei Frauen?<\/strong><\/p>\n<p>Stimmt. Ins Auge springt vor allem die rapide \u00dcberalterung der Parteien. Das betrifft vor allem CDU\/CSU, SPD und DIE LINKE. W\u00e4hrend 1998 der Anteil der \u00fcber 65-j\u00e4hrigen noch ziemlich genau ihrem Anteil in der Bev\u00f6lkerung entsprach, sieht es heute 20 Jahre sp\u00e4ter anders aus. Mittlerweile machen die \u00fcber 65-j\u00e4hrigen die H\u00e4lfte aller Parteimitglieder aus, w\u00e4hrend ihr Anteil in der Bev\u00f6lkerung nur um 2% auf 27% gestiegen ist. Doch zumindest f\u00fcr DIE LINKE gibt es Hoffnung. 2017 war sie die Partei mit dem h\u00f6chsten Anteil an Jungen (U34), knapp gefolgt von den Gr\u00fcnen. Lange sah es so aus als w\u00fcrde DIE LINKE keine Zukunft haben. Das ist mittlerweile anders. Zwar l\u00e4sst die \u00dcberalterung der Parteien erstmal weiter sinkende Mitgliedszahlen erwarten. Eine insgesamt ansteigende Politisierung und das Aufkommen der AfD zeigen aber, dass das kein Naturgesetz bleiben muss. Die Parteien sterben nicht aus wie es vielfach hei\u00dft. Das Parteiensystem und die Parteien ver\u00e4ndern sich lediglich.<\/p>\n<p>Weniger dramatisch, aber dennoch \u00fcberraschend ist der geringe Anstieg beim Frauenanteil in den Parteien. Von 1998 bis 2017 ist der Frauenanteil um ganze 2% auf 28% angestiegen. Die Parteien haben hier ein gro\u00dfes Defizit \u2013 vor allem die CSU mit ganzen 19% Frauenanteil. Den h\u00f6chsten Anteil haben Gr\u00fcne und LINKE. Allerdings beruht der hohe Frauenanteil der LINKEN vor allem auf den ehemaligen PDS-Mitgliedern. Im Osten ist die Gleichberechtigung immer noch weiter als im Westen. Der Westen hinkt hinterher, aber auch hier gibt es Unterschiede: je s\u00fcdlicher das Bundesland desto schlechter ist der Frauenanteil in den Parteien.<\/p>\n<p><strong>Klischee: Nur noch AkademikerInnen in den Parteien?<\/strong><\/p>\n<p>Jein. Auf den ersten Blick scheint es so. Fast die H\u00e4lfte der Parteimitglieder sind mittlerweile studiert (44%). In der Gesamtbev\u00f6lkerung haben aber weniger als ein F\u00fcnftel studiert (18%). Spitzenreiter sind die Gr\u00fcnen. Ganze 72% ihrer Mitglieder haben studiert und nur 13% haben mittlere Reife oder h\u00f6chstens einen Hauptschulabschluss. Am langsamsten steigt der Anteil der AkademikerInnen in der CDU\/CSU an. Auch bei der LINKEN steigt der Anteil an AkademikerInnen langsam an. Insgesamt geht der Anteil Hochgebildeter in den Parteien gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung aber sogar etwas zur\u00fcck, weil die Gesellschaft sich schneller akademisiert als die Parteien.<\/p>\n<p><strong>Klischee: Verschwinden der ArbeiterInnen aus der Politik?<\/strong><\/p>\n<p>Stimmt. Auff\u00e4llig ist der R\u00fcckgang der\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/gewerkschaften-und-die-linke\/\">GewerkschafterInnen\u00a0<\/a>in den Parteien. Bei allen Parteien au\u00dfer der LINKEN geht der Gewerkschafteranteil dramatisch zur\u00fcck \u2013 besonders bei Gr\u00fcnen und SPD. Bei der SPD ist er in den letzten 20 Jahren um ganze 10% gesunken und liegt mit 35% nur noch knapp vor der LINKEN. Insgesamt sind nur noch 20% der Parteimitglieder auch Mitglieder in Gewerkschaften, gegen\u00fcber 27% 1998. Dabei ist der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in den 20 Jahren nur um 2% auf 13% heute gesunken.<\/p>\n<p>Noch gravierender ist, dass in der Befragung 1998 noch 38% der Befragten selbst angaben, ArbeiterInnen zu sein. 2017 sagten das nur noch 9% der Befragten und damit weniger als ihr realer Anteil in der Bev\u00f6lkerung. Ebenso sieht es bei der Selbsteinsch\u00e4tzung der Schichtzugeh\u00f6rigkeit aus. 1998 sagten noch 36% aller Befragten der Unterschicht anzugeh\u00f6ren. 20 Jahre sp\u00e4ter war es fast nur noch die H\u00e4lfte. Dabei hat die gesellschaftliche Spaltung eher zu- als abgenommen. Gegen den realen Trend ordnen sich aber mehr Menschen der Mittel- oder Oberschicht zu. Dieses fehlende Bewusstsein d\u00fcrfte vor allem den linken Parteien schaden.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend rechneten sich vor allem FDP-Mitglieder \u2013 auch hier mit gro\u00dfem Abstand \u2013 zur Oberschicht. Das Klassenbewusstsein der Oberschicht ist also intakt.<\/p>\n<p><strong>Klischee: Vergr\u00fcnung der LINKEN?<\/strong><\/p>\n<p>Falsch. DIE LINKE hat sowohl den h\u00f6chsten Arbeiteranteil der Parteien, knapp vor der SPD. Als einzige Partei \u00fcberhaupt und mit gro\u00dfem Abstand haben sie Mitglieder aus der Unterschicht (34%). Aber auch hier sinkt der Anteil beider Gruppen, wenn auch nur leicht. Bei den Gr\u00fcnen sinkt der Anteil an Gewerkschaftsmitgliedern, ArbeiterInnen und Angeh\u00f6rigen der Unterschicht. LINKE und Gr\u00fcne entwickeln sich also sozial weiter auseinander. Die in j\u00fcngster Zeit im Anschluss an Didier Eribon begonnene Klassendebatte findet in der Parteimitgliederstudie aber einige Best\u00e4tigung. Das\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-linke-und-die-arbeiterklasse\/\">\u201eVerschwinden der Arbeiter aus der Politik\u201c<\/a>\u00a0beklagte der Historiker Lutz Raphael j\u00fcngst prominent und hat Recht. Diese Tendenz setzt sich fort und vor allem DIE LINKE steht hier in der Verantwortung.<\/p>\n<p><strong>Klischee: die Parteien sind bald am Ende?<\/strong><\/p>\n<p>Falsch. Die \u00dcberalterung der Parteien l\u00e4sst zwar einen R\u00fcckgang der Parteimitgliederzahlen vermuten, aber das ist nicht das Ende der Parteien. Vor der Entstehung der gro\u00dfen Parteien kam b\u00fcrgerliche Politik sehr gut mit kleinen Parteien zurecht, die nicht mehr als Elitezirkel waren. Rechte, konservative oder liberale Politik will nicht viel ver\u00e4ndern, hat Geld, Lobbymacht und Einfluss in den Eliten. Linke Parteien sind im Gegensatz dazu auf massenhaftes Engagement und breite Unterst\u00fctzung angewiesen.<\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft wird gerade wieder politischer. Die steigende Wahlbeteiligung zeigt das. F\u00fcr die (linken) Parteien kann das eine Chance sein, denn Parteien leben vom politischen Konflikt. Die l\u00e4hmende Merkel-\u00c4ra, die alle politischen Entscheidungen als Sachzw\u00e4nge verkaufte, sch\u00fcttete alle realen Widerspr\u00fcche zu. Leidtragende dieser Politik waren, dass zeigt die Parteimitgliederstudie auch, vor allem ArbeiterInnen und Lohnabh\u00e4ngige, die sich nicht mehr vertreten sahen.<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2013<\/p>\n<p>Nachzulesen im ersten Heft der Zeitschrift f\u00fcr Parlamentsfragen 2019:\u00a0<em>Die Sozialstruktur der deutschen Parteimitgliedschaften. Empirische Befunde der Deutschen Parteimitgliederstudien 1998, 2009 und 2017.<\/em>\u00a0Von Markus Klein, Philipp Becker, Lisa Czeczinski, Yvonne L\u00fcdecke, Bastian Schmidt und Frederik Springer<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/48082\/\">diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/a> vom 12. August 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Janis Ehling. Nur alle 10 Jahre erscheint die deutsche Parteimitgliederstudie (PAMIS). 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