{"id":5870,"date":"2019-08-21T17:39:46","date_gmt":"2019-08-21T15:39:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5870"},"modified":"2019-08-21T17:39:48","modified_gmt":"2019-08-21T15:39:48","slug":"afd-und-bundeswehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5870","title":{"rendered":"AfD und Bundeswehr"},"content":{"rendered":"<p><em>Sarcasticus. <\/em>Welche zerebralen Sp\u00e4tfolgen nicht auszuschlie\u00dfen sind, wenn man jahrzehntelang Dienst als Karriereoffizier in der Bundeswehr getan hat, l\u00e4sst sich vielleicht am Beispiel von R\u00fcdiger Lucassen ermessen. Der war 34 Jahre dabei. Er<!--more--> bezeichnet seinen letzten aktiven Dienstgrad selbst als \u201eOberst im Generalstab\u201c, obwohl der letztere Begriff seit Gr\u00fcndung der Bundeswehr im Jahre 1955 aus geschichtlichen Antezedenzien, die damals erst wenige Jahre zur\u00fccklagen, keine Verwendung mehr findet.<\/p>\n<p>Doch wenn man so lange dabei war wie Lucassen, dann sehnt man sich vielleicht einfach nach einem richtigen Generalstab und schwadroniert im \u00dcbrigen gegebenenfalls auch noch als Zivilist von der unbedingt notwendigen \u201eMotivation jedes einzelnen Soldaten zum unerbittlichen Kampf im Gefecht\u201c.<\/p>\n<p><strong>Man h\u00f6rt f\u00f6rmlich Ernst J\u00fcngers Stahlgewitter orgeln!<\/strong><\/p>\n<p>Dabei l\u00e4sst sich die Vision vom \u201eunerbittlichen Kampf\u201c sicher umso wohlfeiler aufrufen, wenn man, um auf Lucassen zur\u00fcckzukommen, in seiner aktiven Zeit gar nicht der Verlegenheit ausgesetzt war, je an einem realen Gefecht teilnehmen zu m\u00fcssen. So f\u00e4llt auch das passende Pathos nicht schwer: \u201eDer Dienst an der Waffe ist einzigartig. Kein anderer Beruf in Deutschland setzt die Akzeptanz und den Willen voraus, t\u00f6dliche Gewalt anzuwenden [\u2026].\u201c<\/p>\n<p>Die Zitate entstammen einer Schrift neuesten Datums: \u201eStreitkraft Bundeswehr. Der Weg zur Verteidigungsf\u00e4higkeit Deutschlands\u201c, herausgegeben vom Arbeitskreis Verteidigung der AfD-Bundestagsfraktion. Und da Lucassen verteidigungspolitischer Sprecher dieser Fraktion ist, d\u00fcrfte die Annahme kaum fehl gehen, dass er nicht nur eine inhaltliche Mit-, sondern eine Hauptverantwortung f\u00fcr dieses Papier tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Im Einzelnen offeriert dieses AfD-Pamphlet unter anderem folgende Forderungen \u2013 respektive Vorhaben \u2013 und Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4nge:<\/p>\n<ul>\n<li>Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht und Durchsetzung derselben; der \u201eWehrersatzdienst [\u2026] soll die Ausnahme vom bewaffneten Wehrdienst\u201c sein.<\/li>\n<li>\u201eWiederaufnahme der Wehrerfassung. Musterung aller deutschen M\u00e4nner ab dem 18. Lebensjahr.\u201c<\/li>\n<li>Aufstockung der Bundeswehr \u201ein einem ersten Schritt\u201c auf 230.000 Mann.<\/li>\n<li>Bildung eines gekaderten Reservistenkorps in der St\u00e4rke von 50.000 Mann \u2013 \u201ef\u00fcr die Aufwuchsf\u00e4higkeit der Bundeswehr im Kriegsfall\u201c, aber \u201eauch bef\u00e4higt [\u2026], im Grenzschutz eingesetzt zu werden\u201c. Wegen letzterem: \u201e\u00c4nderung der grundgesetzlichen Bestimmungen zum Einsatz der Bundeswehr im Inneren\u201c.<\/li>\n<li>Entkoppelung des Milit\u00e4rhaushaltes vom \u201ej\u00e4hrlich schwankende[n] Budgetrecht des Parlaments\u201c; das \u201eGrundgesetz muss [\u2026] angepasst werden\u201c.<\/li>\n<li>\u201eDeutschland erf\u00fcllt seine finanziellen Zusagen gegen\u00fcber der NATO uneingeschr\u00e4nkt.\u201c (Das meint derzeit bekanntlich zwei Prozent vom BIP f\u00fcrs Milit\u00e4r, also eine Steigerung der deutschen R\u00fcstungsausgaben auf 75,8 Milliarden US-Dollar \u2013\u00a0)<\/li>\n<li>Integrierung der zivilen Bundeswehrverwaltung \u201ein die Truppe\u201c. Die aus historischen Gr\u00fcnden verf\u00fcgte, im Grundgesetz verankerte Trennung von Truppe und Verwaltung \u201eist nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df\u201c.<\/li>\n<li>Aufbau eines Generalstabes.<\/li>\n<li>J\u00e4hrliche Milit\u00e4rparaden in Berlin \u2013 zum Tag der deutschen Einheit.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und f\u00fcr Eierk\u00f6pfe in Uniform h\u00e4lt das AfD-Papier ebenfalls eine klare Botschaft bereit: \u201eDer Offizier ist zuerst Soldat und dann Akademiker.\u201c<\/p>\n<p><strong>Und wozu das Ganze?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eZiel ist die Wiederherstellung der Verteidigungsbereitschaft Deutschlands\u201c, inklusive \u201eSt\u00e4rkung des Wehrwillens in der Bev\u00f6lkerung\u201c. Die Bundeswehr soll in die Lage versetzt werden, das deutsche Staatsgebiet 20 Tage lang autonom zu verteidigen.<\/p>\n<p><strong>Aber gegen wen eigentlich?<\/strong><\/p>\n<p>Denn den augenblicklichen neuen alten Hauptfeind der NATO, die Russen, hat die AfD offenbar nicht im Visier; in dem Bundeswehr-Papier hei\u00dft es: \u201eDeutschland setzt sich f\u00fcr eine aktive Entspannungspolitik der NATO gegen\u00fcber der Russischen F\u00f6deration ein.\u201c<\/p>\n<p>Doch nehmen wir die \u201e20 Tage autonome Verteidigung des deutschen Staatsgebietes\u201c doch einfach mal zum Nennwert: Dann sind das im schlimmsten Falle auch 20 Tage raumgreifende Kriegf\u00fchrung mit modernen verbundenen konventionellen (und nuklearen?) Streitkr\u00e4ften\u00a0<em>auf<\/em>\u00a0deutschem Territorium. Diese Problematik war schon des \u00d6fteren Gegenstand von\u00a0<em>Bl\u00e4ttchen<\/em>-Beitr\u00e4gen. So kann ich hier\u00a0<a href=\"https:\/\/das-blaettchen.de\/2016\/03\/militaers-%25e2%2580%2593-a-priori-zu-dumm-zum-denken-35599.html\">auf einen von 2016 verweisen<\/a>: \u201eEin Staat mit derart komplexen Infrastrukturen in Wirtschaft und Gesellschaft wie Deutschland w\u00e4re in einem Krieg, der gro\u00dfe Teile seines Territoriums einbez\u00f6ge, milit\u00e4risch l\u00e4ngst nicht mehr zu verteidigen, sondern nur noch zu zerst\u00f6ren. Das ist gleicherma\u00dfen der Vernichtungswirkung moderner, selbst schon konventioneller Waffen wie der Verletzbarkeit der zivilen Infrastrukturen geschuldet.\u201c<\/p>\n<p>Was letztere anbetrifft, bedarf es zum Beispiel nur einer relativ kurzfristigen Unterbrechung der Stromversorgung, um die Lebensnerven unserer Gesellschaft nachhaltig zu sch\u00e4digen. Dazu Christoph Unger, Chef des Bundesamtes f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz und Katastrophenhilfe, k\u00fcrzlich in einem Interview: \u201eNach 24 Stunden ohne Strom h\u00e4tten wir katastrophale Verh\u00e4ltnisse.\u201c\u00a0<em>Wie katastrophal<\/em>, das wurde im\u00a0<a href=\"https:\/\/das-blaettchen.de\/2019\/08\/bemerkungen-252-49315.html\"><em>Bl\u00e4ttchen<\/em>\u00a09\/2019<\/a>\u201edurchexerziert\u201c.<\/p>\n<p>Wer angesichts dieser Sachverhalte die milit\u00e4rische Verteidigung Deutschlands auf eigenem Territorium immer noch f\u00fcr eine realistische und realisierbare Zielvorstellung h\u00e4lt, der mag ja den Heldentod im \u201eunerbittlichen Kampf im Gefecht\u201c f\u00fcr des Mannes h\u00f6chste Bestimmung halten, aber der wei\u00df definitiv nicht, wor\u00fcber er redet. Dabei stammen die Erkenntnisse, um die es hier geht, zum erheblichen Teil schon aus den letzten Jahren des Kalten Krieges. Zur weiterf\u00fchrenden Lekt\u00fcre ist zum Beispiel ein Beitrag von\u00a0<a href=\"https:\/\/das-blaettchen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Schmidt_Schwarz.pdf\">Max Schmidt und Wolfgang Schwarz aus dem Jahre 1989: \u201eZur Kriegsuntauglichkeit Europas\u201c<\/a>\u00a0zu empfehlen.<\/p>\n<p><strong>Doch zur\u00fcck zum AfD-Bundeswehrpapier.<\/strong><\/p>\n<p>Die Autoren haben nicht nur die Verteidigung Deutschlands zu Hause im Blick, sondern global: \u201eDie Bundesrepublik versetzt ihre Streitkr\u00e4fte personell, materiell und rechtlich in die Lage, den ihr zugewiesenen Schutzanteil\u00a0<em>an jedem Ort der Erde<\/em>\u00a0(Hervorhebung \u2013\u00a0<em>S.<\/em>) gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Dies als nur d\u00fcrftig kaschiertes Streben nach weltweiter Interventionsf\u00e4higkeit zu interpretieren, ginge angesichts der aktuellen Verfasstheit und der Ressourcen der Bundesrepublik vielleicht doch etwas zu weit. Aber die Richtung wird schon anvisiert. Und wer wei\u00df, vielleicht gibt es ja k\u00fcnftig in China mal wieder einen Boxeraufstand niederzuschlagen?!<\/p>\n<p>Klare AfD-Kante nicht zuletzt auch an die Adresse der Briten und Franzosen, von den anderen NATO-Partnern (mit Ausnahme der USA) ganz zu schweigen: \u201eDeutschland erhebt Anspruch auf eine milit\u00e4rische F\u00fchrungsrolle in Europa.\u201c<\/p>\n<p>Wer AfD w\u00e4hlt oder dies in K\u00fcrze vorhat, der sollte sich vielleicht das Bundeswehr-Pamphlet dieser Partei mal komplett zu Gem\u00fcte f\u00fchren. Es sind \u2013 aber nur wegen des gro\u00dfen Schriftgrades \u2013 49 Seiten.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.afdbundestag.de\/wp-content\/uploads\/sites\/156\/2019\/06\/Endfassung-SK-Bundeswehr-26.06.pdf\">Im Internet abrufbar.<\/a><\/p>\n<p>P.S.: Hier vielleicht noch ein Vorschlag an den Arbeitskreis Verteidigung der AfD-Bundestagsfraktion. Wie w\u00e4re es denn mit einer eigenen Hymne f\u00fcr die Bundeswehr?<\/p>\n<p><em>Der Gott, der Eisen wachsen lie\u00df,<\/em><\/p>\n<p><em>der wollte keine Knechte,<\/em><\/p>\n<p><em>drum gab er S\u00e4bel, Schwert und Spie\u00df<\/em><\/p>\n<p><em>dem Mann in seine Rechte;<\/em><\/p>\n<p><em>drum gab er ihm den k\u00fchnen Mut,<\/em><\/p>\n<p><em>den Zorn der freien Rede,<\/em><\/p>\n<p><em>da\u00df er best\u00e4nde bis aufs Blut,<\/em><\/p>\n<p><em>bis in den Tod die Fehde.<\/em><\/p>\n<p>Ernst Moritz Arndt<\/p>\n<p>Und wenn Ernst Moritz Arndt vielleicht (noch) zu martialisch ist, dann k\u00e4me wom\u00f6glich die Ballade der Landsknechte aus Schillers \u201eWallensteins Lager\u201c infrage. Die beginnt doch vergleichsweise besinnlich und tr\u00fcge \u00fcberdies dem derzeitigen Einsatzgrad der mechanisierten Kampftechnik der Bundeswehr kongenial Rechnung:<\/p>\n<p>Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!<\/p>\n<p>Ins Feld, in die Freiheit gezogen.<\/p>\n<p>Im Felde, da ist der Mann noch was wert,<\/p>\n<p>Da wird das Herz noch gewogen.<\/p>\n<p>Da tritt kein anderer f\u00fcr ihn ein,<\/p>\n<p>Auf sich selber steht er da ganz allein.<\/p>\n<p>Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,<\/p>\n<p>Man sieht nur Herren und Knechte,<\/p>\n<p>Die Falschheit herrschet, die Hinterlist,<\/p>\n<p>Bei dem feigen Menschengeschlechte,<\/p>\n<p>Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,<\/p>\n<p>Der Soldat allein, ist der freie Mann.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/das-blaettchen.de\/2019\/08\/afd-und-bundeswehr-49265.html\">das-blaettchen.de&#8230;<\/a> vom 21. August 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sarcasticus. 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