{"id":5950,"date":"2019-08-30T11:57:34","date_gmt":"2019-08-30T09:57:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5950"},"modified":"2019-08-30T11:57:36","modified_gmt":"2019-08-30T09:57:36","slug":"aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5950","title":{"rendered":"\u00bbAspekte des neuen Rechtsradikalismus\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><em>Didi Neidhart. <\/em><strong>Der gerade bei Suhrkamp ver\u00f6ffentlichte Abdruck eines Vortrags von Theodor W. Adorno \u00fcber Rechtsradikalismus zeigt, wie wichtig Ans\u00e4tze der Kritischen Theorie heute noch im Kampf gegen Rechts sind, zumal vieles, von dem hier die Rede<!--more--> ist, mittlerweile in der \u00bbMitte der Gesellschaft\u00ab angekommen ist.<\/strong><\/p>\n<p>Als Theodor W. Adorno am 6. April 1967 auf Einladung des Verbandes Sozialistischer Studenten \u00d6sterreichs an der Wiener Universit\u00e4t den Vortrag \u00bbAspekte des neuen Rechtsradikalismus\u00ab hielt, war die rechtsradikale NPD gerade in die Landesparlamente von Hessen, Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein eingezogen. Und es schien gut m\u00f6glich, dass es die NPD bei den Wahlen 1969 auch in den Bundestag schaffen k\u00f6nnte (was dann aber nicht der Fall war). Umso dringlicher sind Adornos Appelle und umso genauer und akribischer seine Analysen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"401\" height=\"640\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/adorno-cover.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5951\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/adorno-cover.jpg 401w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/adorno-cover-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><figcaption>Theodor W. Adorno: \u00bbAspekte des neuen Rechtsradikalismus\u00ab, Suhrkamp 2019, 86 Seiten, EUR 10,30<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Angst &amp; Narben<\/strong><\/p>\n<p>Adorno konstatiert dabei gleich zu Beginn den Fortbestand der \u00bbgesellschaftlichen Voraussetzungen\u00ab f\u00fcr rechtsradikales Gedankentum und Tun (\u00bbquer durch die Gesamtbev\u00f6lkerung verteilt\u00ab) und nennt dabei u. a. die \u00bbDeklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus b\u00fcrgerlich\u00ab sind, als einen jener Umst\u00e4nde, die anf\u00e4llig f\u00fcr (diskursive) Verschiebungen nach Rechts machen.<\/p>\n<p>Die Taktiken und Strategien bestehen dabei (damals wie heute) aus der Verbreitung von \u00bbWeltuntergangsphantasien\u00ab (\u00bbGef\u00fchl der sozialen Katastrophe\u00ab), verbunden mit dem \u00bbunbewussten Wunsch nach Unheil\u00ab. Von daher ist es auch kein Zufall, dass Evangelikale \u2013 in den USA, Brasilien oder weltweit \u2013 so radikal gegen Klimaschutz sind, weil sich dadurch ihr hei\u00df ersehntes Armageddon (oder wie Greta Thunberg es angesichts des Tagebaus im Hambacher Forst nennt: \u00bbMordor\u00ab) immer weiter verz\u00f6gert.<\/p>\n<p>Diesen \u00bbWundmalen\u00ab und \u00bbNarben\u00ab einer Demokratie, \u00bbdie ihrem eigenen Begriff (\u2026) bis heute noch nicht voll gerecht worden ist\u00ab versucht Adorno auf den Grund zu gehen und ist dabei auch deshalb so aktuell, weil vieles, was im Jahr 1967 (noch) eindeutig rechtsradikal war, mittlerweile im von Mark Fisher beschriebenen \u00bbkapitalistischen Realismus\u00ab zwischen \u00bbroher B\u00fcrgerlichkeit\u00ab und \u00bbradikaler Mitte\u00ab gar nicht mehr als solches erkannt bzw. als Normalit\u00e4t (eine \u00bbMeinung unter anderen\u00ab) akzeptiert wird.<\/p>\n<p><strong>\u00bbHass\u00a0auf den Sozialismus\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Nun stellt aber auch Adorno die alte Frage, wieso \u00bbdie Schuld an ihrer eigenen Deklassierung nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt habe\u00ab geschoben wird (also die kapitalistischen\/neoliberalen Verh\u00e4ltnisse), sondern genau jene trifft, die gesellschaftliche Deklassierungen immer schon mit gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen zusammen gedacht haben (oder eben jene, denen es noch schlechter geht).<\/p>\n<p>Jenseits von Walter Benjamin (wonach jede \u00bbrechte Revolution\u00ab das Ergebnis einer gescheiterten linken ist), der Verschiebung von \u00bbclass\u00ab zu \u00bbrace\u00ab (als Grund f\u00fcr Deklassierungen etc.) und der (neoliberalistisch motivierten) Selbstdemontage sozialdemokratischer Positionen (Blair, Schr\u00f6der, Clinton &amp; Co.) argumentiert Adorno hier jedoch auch \u00bbsozialpsychologisch\u00ab (und zeigt dabei, wie wichtig solche Ans\u00e4tze gerade heute wieder w\u00e4ren).<\/p>\n<p>Was Adorno hier \u00bbHass auf den Sozialismus\u00ab nennt, wurde ca. zehn Jahre sp\u00e4ter bei den \u00bbM\u00e4nnerphantasien\u00ab von Klaus Theweleit durchaus als Art politischer Rassismus gedeutet und analysiert. Sozialismus und Kommunismus sind demnach dem \u00bbdeutschen Wesen\u00ab fremd und geh\u00f6ren daher im Sinne v\u00f6lkischen Denkens ausradiert, was sich u. a. bei den \u00e4u\u00dferst blutigen Niederschlagungen der R\u00e4terepubliken in M\u00fcnchen und Berlin durch rechte Freikorps gezeigt hat. (Interessant in diesem Zusammenhang w\u00e4re die Frage, ob es angesichts rechtsradikaler Jugendbewegungen in Deutschland und \u00d6sterreich auch einen Diskurs um eine \u00bbEntfremdung\u00ab\/\u00bbAlienation\u00ab gibt, wie zu Zeiten der \u00bblinken 68er\u00ab, oder ob Neonazis, Identit\u00e4re &amp; Co. vielleicht gar nicht als \u00bbanders\u00ab\/\u00bbfremd\u00ab wahrgenommen werden.)<\/p>\n<p>Zu diesen Feindbildern geh\u00f6rt auch das \u00bbImago des Kommunisten\u00ab (den Adorno nach den Ausf\u00fchrungen zum \u00bbkulturellen Sektor\u00ab erw\u00e4hnt, wodurch hier auch schon der Begriff \u00bbKulturmarxismus\u00ab avant la lettre aufblitzt) sowie Begriffe wie \u00bbLinksintellektueller\u00ab (bzw. heutzutage irgendwas mit \u00bblinksversifft\u00ab, p.c., gender etc.) und \u00bbLuftmensch\u00ab (aka wurzellose Kosmopolit*innen).<\/p>\n<p>Gleichwohl bedeutet Faschismus\/Rechtsradikalismus auch die extreme Verzerrung dieser Feindbilder, da diese f\u00fcr \u00bbdie b\u00fcrgerliche Mitte\u00ab schon immer bedrohlich erscheinen, was wiederum deren Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr rechte Parolen erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>\u00bbBegriffslose Praxis\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Dies alles kann jedoch auch deshalb so gut gelingen, weil es auf der anderen Seite immer wieder eklatante Fehleinsch\u00e4tzungen gibt, auf denen sich zwischen \u00bbHusch-Husch-Taktik\u00ab, \u00bbTotschweigen\u00ab und dem buchst\u00e4blichen Verweis auf \u00fcber 1.000 Festmeter Theorie ausgeruht wird.<\/p>\n<p>Daher stellt Adorno auch unmissverst\u00e4ndlich klar, dass rechtsradikale Positionen wegen \u00bbihres niedrigen geistigen Niveaus und wegen ihrer Theorielosigkeit\u00ab nicht untersch\u00e4tzt werden sollen. Gerade deshalb sei hier eine \u00bbau\u00dferordentliche Perfektion\u00ab von \u00bbpropagandistischen Mitteln\u00ab zu beobachten, was nicht zuletzt durch die \u00bbKonstellation von rationalen Mitteln und irrationalen Zwecken\u00ab auch immer wieder zus\u00e4tzlich verschleiert wird (es stellt im rechten Denken oder bei Verschw\u00f6rungstheorien keinen Widerspruch dar, jene physikalischen Grundlagen via Social Media zu leugnen, ohne die es die technischen Voraussetzungen f\u00fcr Social Media gar nicht geben w\u00fcrde).<\/p>\n<p>Hier zeigt sich auch eines der Hauptprobleme beim Vorhaben, \u00bbmit Rechten zu reden\u00ab. Schon f\u00fcr Adorno steht diese Diskussionsverweigerung von rechts \u00bbim Dienst des Irrationalismus, der Abwehr der rationalen Argumentation, des diskursiven Denkens \u00fcberhaupt\u00ab (in dem Sinne argumentiert auch Sascha Lobo, wenn er davon spricht, dass es gar keine rechten \u00bbGegen\u00f6ffentlichkeiten\u00ab, sondern nur rechte \u00bbGegenrealit\u00e4ten\u00ab \u2013 durchaus im Sinne rechter Paralleluniversen \u2013 gibt).<\/p>\n<p>Dass Adorno hierbei auf seine \u00bbStudien zum autorit\u00e4ren Charakter\u00ab (also auf jede Menge empirische Fakten) zur\u00fcckgreift, ist nur logisch (aber auch eine Art Clou \u2013 er zeigt, wie anders mit Realit\u00e4t umgegangen werden kann).<\/p>\n<p>Das Fazit, dass diese Charaktere \u00bbunansprechbar sind, dass sie nichts an sich herankommen lassen\u00ab, korreliert f\u00fcr Adorno dann auch vorz\u00fcglich mit all den \u00bbMachttechniken\u00ab, die \u00bbkeine durchgebildete Theorie\u00ab und stattdessen nur \u00bbBruchst\u00fcckhaftes\u00ab aufweisen.<\/p>\n<p>Diese \u00bbVorherrschaft einer begriffslosen Praxis\u00ab (die sich heutzutage u. a. im \u00bbpost-faktischen\u00ab, diskursfeindlichen Expert*innen-Bashing, der \u00bbMessage Control\u00ab sowie einer \u00c4sthetisierung\/\u00d6konomisierung des Politischen als schrittweise Suspendierung von Politik per se etc. manifestiert) macht dann auch ein Agieren, Argumentieren und Meinen \u00bbabgespalten von jeder Kenntnis der Sache\u00ab m\u00f6glich. Dazu geh\u00f6ren Trump-Tweets ebenso wie \u00bbFake News\u00ab, \u00bbAlternative Facts\u00ab, Verschw\u00f6rungstheorien und offene L\u00fcgen, denen vor allem \u00bbFaktenchecks\u00ab rein gar nichts antun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es spricht vieles f\u00fcr die Methodik von Adorno, gerade hier so aktuell zu sein, auch weil er sich nicht imstande sieht, einfache L\u00f6sungsans\u00e4tze zu pr\u00e4sentieren (auch der stete Verweis auf \u00bbdie Vernunft\u00ab mag jenseits der konkreten Vortragssituation im Lichte der \u00bbnegative Dialektik der Aufkl\u00e4rung\u00ab etwas diffiziler ausfallen).<\/p>\n<p><strong>Fakten &amp; Fakes<\/strong><\/p>\n<p>Aber er nennt zumindest die Dinge beim Namen und labert nicht herum. Etwa, wenn es um Propaganda (als \u00bbDifferenz zwischen den realen Interessen und den vorgespiegelten falschen Zielen\u00ab) geht. Diese dient nach Adorno \u00bbweniger der Verbreitung einer Ideologie\u00ab (weil die im Grunde \u00bbviel zu d\u00fcnn ist\u00ab), sondern stellt eine \u00bbmassenpsychologische Technik\u00ab zu Verbreitung des \u00bbModells der autorit\u00e4tsgebundenen Pers\u00f6nlichkeit\u00ab dar (vgl. Selfies von und mit Trump, Salvini, Orban, Kurz, Putin, Strache, Erdogan, Kickl, H\u00f6cke, Gauland, Hofer, Weidel, Johnson, Kaczy\u0144ski, Bolsonaro etc.).<\/p>\n<p>Die zuvor schon diagnostizierte \u00bbCharakteristik der Theorielosigkeit\u00ab (was jedoch nie mit Ideologielosigkeit verwechselt werden sollte) setzt sich in diesem \u00bbarm und d\u00fcnn\u00ab fort, wird jedoch durch \u00bbpermanente Wiederholung\u00ab wirkungsm\u00e4chtig (aka \u00bbda wird schon was h\u00e4ngen bleiben\u00ab), zeigt jedoch auch, dass hier gar nicht so bl\u00f6d agiert wird, wie immer wieder angenommen. Bl\u00f6de w\u00e4re ja, selbst nicht zu erkennen, wie \u00bbarm und d\u00fcnn\u00ab die eigene Weltanschauung ist.<\/p>\n<p>Und \u00bbd\u00fcnn\u00ab meint dann eben auch (wieder) die \u00c4sthetisierung der Politik als Art Weihefeier (die \u00bbGebetsliga Sebastian Kurz\u00ab) des \u00bbFeschismus\u00ab (wie \u00bbDer Falter\u00ab so trefflich \u00fcber Kurz &amp; Co geschrieben hat) zum Zweck der Selbst\u00fcberh\u00f6hung (\u00bbGreat Again\u00ab, \u00bbLand zur\u00fcckholen\u00ab\/\u00bbHeimat leben\u00ab) bei gleichzeitig permanentem Anpatzen politisch anders Denkender in Form eines antisemitisch codierten Tourette-Syndroms (\u00bbSilberstein!\u00ab).<\/p>\n<p>Das ist dann vielleicht auch die dringlichste Aktualit\u00e4t von Adornos \u00dcberlegungen, n\u00e4mlich, wie viel sich davon in der neoliberalen Agenda selbst finden l\u00e4sst (damit ist keine Gleichsetzung gemeint, sondern eine Matrix, die als Echoraum\/Verst\u00e4rker f\u00fcr Rechtsradikalismus fungiert). Angefangen bei einer perfid-totalit\u00e4ren \u00bbMessage Control\u00ab zwischen Presse\/Kritikabwehr, Demokratieverachtung (\u00bbParlamentarische Vielstimmigkeit ist nicht so meins\u00ab) und \u00bbBitte, habt mich alle lieb\u00ab, die, wenn sie br\u00fcchig wird oder entgleist oder von der (hehe) normativen Kraft des Faktischen einfach \u00fcberroll wird, sofort ins Paranoid-Weinerliche (bei gleichzeitigem Ruf nach mehr Kontrolle und \u00dcberwachung) abdriftet.<\/p>\n<p>Ebenso erkennt Adorno aber gerade bei alldem einen geradezu manischen Hang zum \u00bbKonkretismus\u00ab und \u00bbFormalismus\u00ab, d. h. zur \u00bbAnh\u00e4ufung von Daten\u00ab im Sinne \u00bbv\u00f6llig irrer und phantastischer Geschichten\u00ab (niemand hat bekanntlich mehr Daten zur Erdgeschichte als Kreationismus\/Creative-Design-Fans, mehr Beweise f\u00fcr Gott als fundamentalistische Religionsgemeinschaften und mehr Fakten zu Sonne, Mond und Sternen als die Flat Earth Society). Im Zeitalter von Social Media werden damit nicht nur K\u00f6pfe und Kan\u00e4le verstopft, sondern auch Energien vergeudet, abgezapft und gebunden.<\/p>\n<p>Und diese Taktik geht ja auch immer wieder auf. Kurz: Die Botschaft muss so derart \u00bbd\u00fcnn\u00ab sein, damit sich auch die anderen als so bl\u00f6d erweisen (k\u00f6nnen), ebenfalls \u00bbd\u00fcnn\u00ab zu argumentieren. Womit Politik an sich immer \u00bbd\u00fcnner\u00ab wird und pl\u00f6tzlich alle so reden, als h\u00e4tten sie dasselbe NLP-Seminar besucht.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, dass der Wille, \u00bbGreat Again\u00ab zu sein, alles andere als \u00bbdurchgedacht\u00ab ist. Wie Adorno anschaulich darlegt, erzeugt gerade die Angst, \u00bbprovinzialisiert\u00ab zu werden (der Verlust \u00bbweltpolitischer\u00ab Macht), erst jene \u00bbWut\u00ab, die sich dann vor allem auf dem \u00bbkulturellen Sektor\u00ab so richtig \u00bbaustoben\u00ab will, indem (als \u00bbKulturreaktion\u00ab) ausgerechnet eine \u00bbProvinzialisierung\u00ab propagiert wird.<\/p>\n<p>Das ist ja auch das Paradoxe daran: einerseits ein nationalchauvinistisch-v\u00f6lkisches \u00bbGreat Again\u00ab zu propagieren (auch im Kulturellen, nicht nur bei \u00d6konomie, Milit\u00e4r und Ressentiments), mit dem sich international jedoch (radikal) provinzialisiert wird, und andererseits zu glauben, dass dieses Provinzielle (noch dazu in Zeiten von Internet &amp; Co) dann doch \u00bball over the world\u00ab Geltung erlangen wird.<\/p>\n<p><strong>Neoliberale Problemzonen<\/strong><\/p>\n<p>Was Adorno bei alldem noch nicht ahnen konnte, war u. a. Thatchers Diktum von \u00bbThere is no such thing as society\u00ab und ihr TINA-Prinzip, welches besagt, dass es bez\u00fcglich des Kapitalismus nur lauten kann \u00bbThere is no alternative\u00ab.<\/p>\n<p>Wird Gesellschaft per se als nicht existent gesehen, sondern nur als \u2013 wie bei Thatcher weiter ausgef\u00fchrt \u2013 \u00bbMarkt\u00ab und \u00bbNation\u00ab, wobei letztere aus lauter \u00bbfreien\u00ab Individuen (Ich-AGs, unternehmerische Selbste, Typen wie Kurz, Bl\u00fcmel, Strache, Hofer, Kickl und Gudenus etc.) besteht, die sich entlang von Selbstoptimierungen um die oberen Pl\u00e4tze im neoliberalen Marktgeschehen raufen, dann braucht es so etwas wie \u00bbSozialpsychologie\u00ab gar nicht. Burnouts k\u00f6nnen bzw. m\u00fcssen individual-psychologisch behandelt werden, um nur ja nicht auf strukturelle\/soziologische Zusammenh\u00e4nge zu sto\u00dfen. (Zudem stellt sich die Frage nach den \u00bbWundmalen\u00ab und \u00bbNarben\u00ab in einer Demokratie, die \u00bbmarktkonform\u00ab sein soll, noch einmal ganz anders \u2013 n\u00e4mlich dergestalt, dass vielleicht die Marktkonformit\u00e4t genau jene \u00bbWundmale\u00ab und \u00bbNarben\u00ab schl\u00e4gt, die dann mit rechtsradikalen Pflastern versorgt werden wollen).<\/p>\n<p>Der weitgehende Verzicht auf \u00bbSozialpsychologie\u00ab mag auch die beliebte vorschnelle These von all den rechten\/rechtsradikalen \u00bbEinzelt\u00e4tern\u00ab und \u00bbEinzelf\u00e4llen\u00ab erkl\u00e4ren, denen zwar meist sofort irgendeine Art \u00bbpsychische Auff\u00e4lligkeit\u00ab beschieden wird, diese jedoch nie in der ideologischen Anrufung gesehen wird, die sich durch solch eine rechtsradikal motivierte Tat (vom Posting bis zum t\u00e4tlichen Angriff) Bahn bricht und manifestiert (andererseits wird bei von \u00bbFremden\u00ab begangenen Straftaten immer verallgemeinert und naheliegende psychische Aspekte wie Kriegstraumata oder Posttraumatische Belastungsst\u00f6rungen werden fast nie er\u00f6rtert).<\/p>\n<p>Es war \u00fcbrigens der legend\u00e4re \u00f6sterreichische Psychoanalytiker Erwin Ringel (\u00bbDie \u00f6sterreichische Seele\u00ab, 1984), der Antisemitismus mal als \u00bbpsychische St\u00f6rung\/Krankheit\u00ab bezeichnet hat. Nicht um Antisemitismus zu entschuldigen, sondern um dort anzusetzen, wo er sich am hartn\u00e4ckigsten h\u00e4lt: in der Psyche, im Unterbewussten\/Unbewussten, im Imagin\u00e4ren.<\/p>\n<p>Adornos Ansatz, Rechtsradikalismus als \u00bbsozialpsychologisches Problem\u00ab zu thematisieren (und nicht als \u00bbMeinung\u00ab oder \u00bbmilieubedingte Unmuts\u00e4u\u00dferung\u00ab zu banalisieren\/nivellieren), meint nichts anderes, als angesichts von Rechtsradikalen (aber nicht von diesen) \u00fcber den \u00bbZusammenhang ihrer Ideologie und ihrer psychologischen\u00ab sowie \u00bbsozialpsychologischen Beschaffenheit\u00ab nachzudenken, damit \u00bbeine gewisse Naivit\u00e4t des sozialen Klimas\u00ab aufgel\u00f6st wird (hier schwingt unverkennbar Wilhelm Reichs \u00bbMassenpsychologie des Faschismus\u00ab aus 1933 mit, was Adorno jedoch verschweigt).<\/p>\n<p>Erschreckend und besorgniserregend ist jedoch die Kontinuit\u00e4t dieser \u00bbgewissen Naivit\u00e4t\u00ab, vor allem angesichts einer sich zunehmend radikalisierenden und gewaltbereiten rechten Szene zwischen NSU, rechtsextremen Netzwerken bei Milit\u00e4r, Polizei und Justiz, rechten Preppern, Reichsb\u00fcrgern, Pegida, Identit\u00e4ren, \u00bbbesorgten Wutb\u00fcrgern\u00ab, rassistischen Securities, \u00bbNachbarschaftswachen\u00ab, v\u00f6lkischen Siedlern, rechten Popkulturen, Todeslisten \u2013 bis hin zur Ermordung des CDU-Politikers Walter L\u00fcbckes, an dem die Antifa mehr Anteil nahm als CDU\/CSU).<\/p>\n<p>\u00bbNazi-Ignoranz\u00ab nennt das Sascha Lobo und das meint weit mehr als Adornos \u00bbgewisse Naivit\u00e4t\u00ab (auch mehr als das altbekannte \u00bbauf dem rechten Auge blind sein\u00ab, weil dieses institutionelle \u00bbrechte Auge\u00ab sehr wohl wei\u00df, wie es einen Hitlergru\u00df nicht sieht).<\/p>\n<p><strong>Das Wahre im Falschen<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt macht Adorno aber auch auf etwas aufmerksam, was nur allzu oft zu einem Stolperstein in der Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus wird. Wenn etwa nicht unterschieden wird zwischen \u00bbdie Leute dort abholen, wo sie stehen\u00ab, (also selbst rechts werden) im Gegensatz zu einer Politik, die darin bestehen w\u00fcrde, die Leute von dort \u00bbwegzuholen\u00ab, wo sie stehen (eben rechts).<\/p>\n<p>Gerade mit Blick auf das, was (und wen) rechte\/rechtsradikale Ideologie anspricht, merkt Adorno an, wie wichtig hierbei die Erkenntnis ist, \u00bbdass keineswegs alle Elemente dieser Ideologie unwahr sind\u00ab (schon Haider war ein Meister darin, die richtigen Fragen mit den falschen Zielen\/Absichten zu stellen). Vielmehr w\u00fcrde sich hier exemplarisch zeigen, wie \u00bbdas Wahre\u00ab (soziale Ungerechtigkeiten) im \u00bbDienst einer unwahren Ideologie\u00ab (Rassismus, Nationalismus) instrumentalisiert werden kann und dann auch noch funktioniert (und die Linke so zur Verzweiflung treibt).<\/p>\n<p>Gleichzeitig erkennt Adorno hier jedoch auch M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Entwicklung von Gegenstrategien, denn \u00bbdas sachlich Falsche, Unwahre (\u2026) zwingt (Rechtsradikale dazu), (\u2026) mit ideologischen Mitteln zu operieren\u00ab, womit nicht nur (aber auch) Ideologiekritik gemeint ist. Viel eher geht es darum, ihr Spiel (ihre Schm\u00e4hs) aufzudecken und vorzuf\u00fchren, was jedoch wiederum einen gesellschaftlichen Konsens (z. B. Antifaschismus) voraussetzt, den es angesichts der aktuellen Fragmentierung (bzw. Spaltung) von Gesellschaft so nicht mehr gibt. (Wir d\u00fcrfen bei aller Aktualit\u00e4t von Adornos Ausf\u00fchrungen nicht vergessen, dass diese noch unter disziplinargesellschaftlichen und nicht unter kontrollgesellschaftlichen Dispositiven ge\u00e4u\u00dfert worden sind.)<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrde Adorno heute von kulturindustriellen Mitteln sprechen und dabei weniger Hollywood dissen, als vielmehr auf das Erbe von Berlusconi (Politik als Talk-Show) verweisen (bei Trump als Casting\/Wrestling-Show weitergef\u00fchrt). Oder auf den Appeal jener Leute, die Politik so betreiben, als wollten sie einem Versicherungen oder Altautos andrehen und damit durchkommen.<\/p>\n<p>Als das \u00bbKunstst\u00fcck der Gegenwehr\u00ab bezeichnet nun Adorno, \u00bbden Missbrauch auch der Wahrheit f\u00fcr die Unwahrheit aufzuspie\u00dfen\u00ab. Das klingt fast zu sch\u00f6n, um nicht gleich eine gewisse Verschwurbeltheit aufzuweisen, und mag im philosophischen Diskurs durchaus funktionieren, aber \u00bbWahrheit\u00ab generiert sich mittlerweile ja g\u00e4nzlich anders. Was \u00bbWahrheit\u00ab ist, entscheidet eine Aufmerksamkeits\u00f6konomie zwischen Clicks, Likes, Follower-Zahlen, Renditen und Einnahmen sowie pers\u00f6nlichen Ressentiments als Click Baits.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt aber auch das permanent nach rechts drehende Branding\/Framing seitens einer b\u00fcrgerlich-konservativ bis links-liberalen Presselandschaft, die politische Forderungen, Anregungen oder Optionen, die nicht eindeutig rechts (bzw. neoliberal) gepolt sind, mit dem ann\u00e4hernd selben Vokabular in Frage stellt, wie es Rechte\/Neoliberale auch tun w\u00fcrden, um das dann als neutralen (weil ja \u00bbMitte\u00ab\/\u00bbB\u00fcrgerlich\u00ab\/\u00bbLiberal\u00ab und links und rechts im Grunde eh irgendwie gleich \u00bbradikal\u00ab w\u00e4ren) Diskussionsbeitrag auszugeben.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgerliches YouPorn<\/strong><\/p>\n<p>Aber solange mit rechtsradikalen Blogs, Postings, Tweets oder \u00bbroher B\u00fcrgerlichkeit\u00ab (f\u00fcr die Rechtsradikalismus quasi eine Art politisch ausgelebte \u00bbFifty Shades Of Grey\u00ab-YouPorn-Variante) Geld verdient werden kann, wird sich die dahinter steckenden Logik am allerwenigsten durch \u00bbmoralische Appelle\u00ab einsch\u00fcchtern lassen. Au\u00dfer mit der Ware \u00bbMoral\u00ab kann noch mehr Geld verdient werden.<\/p>\n<p>Die mittlerweile internationale Dimension neuer rechtsradikaler Bewegungen in der Politik mag von Land zu Land andere Ursachen haben, aber die strukturellen wie eben auch \u00bbpsychosozialen\u00ab Gemeinsamkeiten zwischen illiberaler Demokratie, postdemokratischem Demagogentum, \u00bbdemokratischem Faschismus\u00ab, Brexiteers sind un\u00fcbersehbar (und vollziehen sich \u2013 wenn mitunter auch zeitverz\u00f6gert \u2013 in teilweise fast identischem Sprachgebrauch).<\/p>\n<p>Dabei ist f\u00fcr Adorno der Nationalismus weniger die Ursache f\u00fcr rechtsradikale Tendenzen, sondern die \u00bbBehauptung, dass die Deutschen in der Welt diskriminiert w\u00fcrden\u00ab (was nach Auschwitz auch sehr nachvollziehbar w\u00e4re), schafft erst die Basis f\u00fcr nationalen\/nationalistischen Furor. Von daher verwundert es nicht, dass alle, die jetzt \u00bbGreat Again\u00ab werden wollen, sich stets von den jeweils anderen so derart diskriminiert (wie etwa die USA unter Trump durch Mexiko), \u00fcber den Tisch gezogen oder sonst wie entehrt f\u00fchlen und dabei stets spielend vom T\u00e4ter-Zynismus zur Opfer-Larmoyanz wechseln).<\/p>\n<p>\u00bbAspekte des neuen Rechtsradikalismus\u00ab zeigt einen pr\u00e4zisen wie (f\u00fcr Adornos Verh\u00e4ltnisse) sehr verst\u00e4ndlichen, sachlich fundierten und dabei ebenso leidenschaftlich \u00bbKritik\u00ab und \u00bbWissenschaft\u00ab betreibenden Theoretiker, der zwar einiges an Fragen beantwortet (sowie allzu \u00bbd\u00fcnne\u00ab Verallgemeinerungen zerlegt), dabei jedoch gen\u00fcgend Platz l\u00e4sst f\u00fcr weitere Diskurse.<\/p>\n<p>Es stellt sich (wie beim Thema Klima) eher die Frage, wer dem wieso in den letzten knapp 50 Jahren nicht mit jener Dringlichkeit ein Augenmerk geschenkt hat, von der Adorno quasi als Gegenpol zum \u00bbpsychologischen Nepp\u00ab des Rechtsradikalismus ausgegangen ist.<\/p>\n<p>Der Vortrag als Audiofile:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ECQOctFuw50\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ECQOctFuw50<\/a><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrende und vertiefende Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Andreas Peglau: \u00bbRechtsruck im 21. Jahrhundert: Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus als Erkl\u00e4rungsansatz\u00ab, Nora 2017<\/p>\n<p>Link zum H\u00f6rbuch (gek\u00fcrzt):\u00a0<a href=\"https:\/\/andreas-peglau-psychoanalyse.de\/hoerbuch-rechtsruck-im-21-jahrhundert\/\">https:\/\/andreas-peglau-psychoanalyse.de\/hoerbuch-rechtsruck-im-21-jahrhundert\/<\/a><\/p>\n<p>Andreas Peglau: \u00bbVom Nicht-Veralten des \u203aautorit\u00e4ren Charakters\u2039. Wilhelm Reich, Erich Fromm und die Rechtsextremismusforschung\u00ab, DuEPublico 2018<\/p>\n<p>Link:\u00a0<a href=\"https:\/\/duepublico2.uni-due.de\/servlets\/MCRFileNodeServlet\/duepublico_derivate_00045266\/05_Peglau_Autoritarismus.pdf\">https:\/\/duepublico2.uni-due.de\/servlets\/MCRFileNodeServlet\/duepublico_derivate_00045266\/05_Peglau_Autoritarismus.pdf<\/a><\/p>\n<p>Franziska Schutzbach: \u00bbDie Rhetorik der Rechten: Rechtspopulistische Diskursstrategien im \u00dcberblick\u00ab, Xanthippe 2018<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/skug.at\/aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus\/\"><em>skug.at&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. August 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Didi Neidhart. Der gerade bei Suhrkamp ver\u00f6ffentlichte Abdruck eines Vortrags von Theodor W. 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