{"id":5953,"date":"2019-09-02T08:30:43","date_gmt":"2019-09-02T06:30:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5953"},"modified":"2019-09-02T08:30:44","modified_gmt":"2019-09-02T06:30:44","slug":"brasilien-tage-des-feuers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5953","title":{"rendered":"Brasilien: Tage des Feuers"},"content":{"rendered":"<p><em>Markus Lehner. <\/em>Seit Beginn der Trockenzeit in der Amazonasregion ist dieses Jahr dort ein wahres Inferno an Waldbr\u00e4nden ausgebrochen. Allein im August handelt es sich jede Woche um Tausende. Diese sind zwar sehr unterschiedlich in der Gr\u00f6\u00dfe, summieren<!--more--> sich aber zu einem Katastrophenzustand, von dem inzwischen die vier brasilianischen Bundesstaaten Rond\u00f4nia, Par\u00e1, Mato Grosso und Amazonas betroffen sind. Aufnahmen von Satelliten zeigen, dass pro Minute Regenwald in der Gr\u00f6\u00dfe von etwa 1,5 Fu\u00dfballfeldern abbrennt.<\/p>\n<p><strong>Verbrecherische Politik<\/strong><\/p>\n<p>Die Mitschuld der verbrecherischen Bolsonaro-Regierung an diesem \u00f6kologischen Desaster mit globalen Auswirkungen ist unbestreitbar. Agro-Business und extraktive Industrien (wie der Bergbaukonzern Vale) haben f\u00fcr ihre globalen Gesch\u00e4fte ein starkes Interesse an der r\u00fccksichtslosen Ausbeutung der Amazonasregion. Durch die Vorg\u00e4ngerregierungen und internationalen Druck war das enorme Entwaldungstempo seit 2004 von j\u00e4hrlich \u00fcber 20.000 Quadratkilometer auf unter 10.000 zur\u00fcckgegangen. Offensichtlich ist es die \u201eEntwicklungsstrategie\u201c der Bolsonaro-Regierung, im Interesse ihrer wesentlichsten GeldgeberInnen diese \u201eZur\u00fcckhaltung\u201c wieder vollst\u00e4ndig aufzugeben. Die \u201eUmweltbedenken\u201c wurden als Behinderung der wirtschaftlichen Interessen Brasiliens verunglimpft, internationale Kritik als \u201eNeokolonialismus\u201c abgetan und jede nur erdenkliche Hetze gegen UmweltaktivistInnen, Landlosenbewegung und indigene AmazonasbewohnerInnen vom Zaun gebrochen.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn der Pr\u00e4sidentschaft von Bolsonaro wurden IBAMA (Brasilianisches Institut f\u00fcr Umwelt und erneuerbare nat\u00fcrliche Ressourcen; Umweltbundesamt Brasiliens) \u201eges\u00e4ubert\u201c, 21 der 27 Regionaldirektoren abgesetzt und ihre Mittel drastisch gek\u00fcrzt. Mit Tereza Cristina, der Landwirtschaftsministerin, bekam eine direkte Lobbyistin des Agrobusiness die Verantwortung f\u00fcr die Amazonasregion \u00fcbertragen. Der \u201eUmweltminister\u201c Ricardo Salles erkl\u00e4rte, dass es die oberste Pflicht seines Ministeriums ist, die \u201eRechte der LandbesitzerInnen zu sch\u00fctzen\u201c. Daher werden nicht nur die Aktionen gegen illegale Landbesetzungen jetzt rechtzeitig angek\u00fcndigt, es gibt auch die niedrigsten Strafen f\u00fcr illegale Brandrodungen seit Jahrzehnten. Die 980 Millionen Dollar, die die EU f\u00fcr die Wiederaufforstung im Amazonas zur Verf\u00fcgung gestellt hat, werden von Salles zur \u201eEntsch\u00e4digung\u201c von Agrounternehmen verwendet (die die jetzt freigegebenen Gebiete sich zumeist illegal angeeignet hatten). Schlie\u00dflich brachte Fl\u00e1vio Bolsonaro, der Sohn des Pr\u00e4sidenten, der selbst Senator ist, ein Gesetz ein, das die Verpflichtung zum Schutz bestimmter Pflanzenarten, die LandbesitzerInnen bisher einhalten mussten, lockert.<\/p>\n<p>Was auch immer die Regierung bisher an Ma\u00dfnahmen gesetzt hat: klar ist, dass sich LandbesitzerInnen, Konzerne und ihr gesellschaftliches Umfeld in der Amazonasregion durch Bolsonaro ermutigt f\u00fchlten, alle Schranken fallen zu lassen. Seit dem Amtsantritt von Bolsonaro im Januar wurden bis Juni 79.000 neue Br\u00e4nde gez\u00e4hlt, ein Anstieg um 82\u00a0% gegen\u00fcber dem Vorjahr. Die kriminelle Energie der Landeigent\u00fcmerInnen wird am Beispiel des \u00dcberfalls auf das indigene Volk der Wajapi im Bundesstaat Amap\u00e1 deutlich: Am 24. Juni drangen Bewaffnete eines Bergbaukonzerns f\u00fcr Rodungsarbeiten in das als \u201egesch\u00fctzt\u201c ausgezeichnete Gebiet ein, vertrieben die EinwohnerInnen und t\u00f6teten dabei mehrere Menschen, darunter deren Sprecher Emyra: ein Mord, der unter den Indigenen-AktivistInnen gro\u00dfes Entsetzen verbreitete. Dies ist Ausdruck des Charakters der Bolsonaro-Bewegung: von Gro\u00dfgrundbesitzerInnen unterst\u00fctzt, gibt es in den l\u00e4ndlichen Regionen Mittelschichten und HandlangerInnen, die sich rassistisch aufgeladen mit m\u00f6rderischer Energie auf die Hindernisse f\u00fcr das \u201eechte Brasilianertum\u201c st\u00fcrzen: Indigene, landlose LandarbeiterInnen und Kleinb\u00e4uerInnen (meist durch die MST vertreten), UmweltaktivistInnen und Linke: eine mit Bolsonaro verbundene Bewegung, die durchaus \u00c4hnlichkeiten mit den italienischen FaschistInnen der 1920er Jahre im Klassenkampf um die Latifundien der Po-Ebene hat. Daher sind die Waldbr\u00e4nde nicht nur ein \u00f6kologisches Desaster, sie sind auch Teil einer gewaltt\u00e4tigen Bewegung gegen alle, die Interesse an einem nachhaltigen Umgang mit dem Regenwald haben. So stellt es auch die Erkl\u00e4rung der MST (die von Bolsonaro als \u201eTerrororganisation\u201c bezeichnet wird) zu den j\u00fcngsten Br\u00e4nden fest: Die Abschaffung der bisherigen (schwachen) Schutzbestimmungen im Amazonasgebiet ist das eine, aber \u201ezur selben Zeit w\u00e4chst die Verfolgung und Kriminalisierung der Teile der Bev\u00f6lkerung, die traditionellerweise die Biome Brasiliens erhalten: die einfache Landbev\u00f6lkerung und die Indigenen\u201c (Queimar a Amazonia e crime contra humanidade, MST, 23.8.). [Biom: Gro\u00dflebensraum der Erde; Makro-\u00d6kosystem]<\/p>\n<p>So ist es auch kein Wunder, dass k\u00fcrzlich bekannt wurde, dass \u00fcber einen Whatsapp-Verteiler der bolsonaristischen Landeigent\u00fcmerInnen f\u00fcr den 10. August zu einem \u201eTag des Feuers\u201c aufgerufen wurde entlang der Bundesstra\u00dfe 163, die die jetzt besonders betroffenen Regionen Mato Grosso und Par\u00e1 (beim Rio Tapaj\u00f3s) verbindet. Nachdem diese Whatsappgruppe von 70 LandeignerInnen durch die Zeitschrift Globorural geleakt worden war, konnte das l\u00e4cherliche Ablenkungsman\u00f6ver von Bolsonaro, dem zufolge die Umweltorganisationen die Br\u00e4nde selber legen w\u00fcrden, um ihm zu schaden, nicht mehr aufrechterhalten werden. Inzwischen muss selbst der Bolsonaro zutiefst ergebene Justizminister Moro gegen die tats\u00e4chlichen BrandstifterInnen ermitteln lassen (Globorural, Grupo usou whatsapp para convocar \u201edia do fogo\u201c no Para; 25.8.).<\/p>\n<p><strong>Entwicklung der letzten Jahre<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind Waldbr\u00e4nde am Rand des Amazonasgebiets und in der angrenzenden Savannenlandschaft (Cerrado) speziell in der Trockenzeit nichts Ungew\u00f6hnliches, haben sich jedoch durch bestimmte Umst\u00e4nde in den letzten Jahren periodisch verst\u00e4rkt. Zu beachten ist, dass normalerweise selbst in der \u201eTrockenzeit\u201c im Amazonasgebiet durchschnittlich mehr Regen f\u00e4llt als in unseren Breiten in den regenreichsten Monaten. Das Gebiet lebt einerseits vom Abregnen der feuchten Luftmassen der \u00e4quatorialen Nord-\/S\u00fcdostpassatwinde, die sich in der zweiten Jahresh\u00e4lfte entsprechend abschw\u00e4chen. Andererseits erzeugt der Regenwald selbst ein Mikroklima, das auch in der Trockenzeit noch f\u00fcr ausreichend Regen sorgt. In den Millionen-Jahren, in denen sich der Regenwald gebildet hat, haben speziell die Regenwaldb\u00e4ume aufgrund der n\u00e4hrstoffarmen B\u00f6den die F\u00e4higkeit zu enormem Wasserumsatz entwickelt. Zur Aufnahme von Kohlendioxid und Abgabe von W\u00e4rme \u00fcber Wasserdampf haben sie ein Kreislauf-, Wurzel- und Porensystem entwickelt, das sie pro Tag 1000 Liter aus Bodenwasser umsetzen und in die Atmosph\u00e4re abgeben l\u00e4sst (die B\u00e4ume unserer Breitengrade schaffen durchschnittlich um die 400 Liter). Dies senkt die Temperatur im Waldgebiet (durch die \u00fcber das Wasser dem Boden entnommene W\u00e4rmeenergie), bew\u00e4ssert gro\u00dfe Gebiete und sorgt durch die Sonnenabstrahlung der gro\u00dfen Wolkenb\u00e4nke (Albedo-Effekt) f\u00fcr einen zus\u00e4tzlichen Klimaschutz.<\/p>\n<p>Die schon bisher betriebene Abholzung hat messbare langfristige Auswirkungen auf das regionale und globale Klima. Seit 1970 wurden 800.000 Quadratkilometer (von urspr\u00fcnglich 4 Millionen) abgeholzt, mit einem gemessenen Effekt von 0,6 Grad Erw\u00e4rmung im Amazonasbecken. Die abgeholzten Gebiete sind noch mal im Durchschnitt um 4,3 Grad w\u00e4rmer, was bei landwirtschaftlicher Nutzung wiederum gesteigert wird (ohne die Wirkungsweise der Waldflora kann nur ein Bruchteil des Regenwassers im Boden gehalten werden, der Gro\u00dfteil flie\u00dft ab). Die n\u00e4hrstoffarmen so gewonnenen B\u00f6den sind nach 4\u20135 Jahren zumeist unbrauchbar. Viele werden aufgegeben und versteppen (was den Hunger nach immer neuen Abholzungen erkl\u00e4rt). Diese immer gr\u00f6\u00dferen Schneisen des Cerrado in den Regenwald untergraben das Mikroklima in immer mehr Bereichen des Waldes \u2013 und ab einer bestimmten Gesamttemperatur (beim heutigen Tempo wird die Erw\u00e4rmung bis 2050 seit 1970 um 1,5 Grad gestiegen sein) funktioniert die \u201eWasserpumpe\u201c Baum in diesen Bereichen nicht mehr. Dann werden selbst Regenwaldb\u00e4ume zu leichter Beute von Funkenfl\u00fcgen und Wind. Nach unterschiedlichen Modellen wird daher inzwischen von bestimmten \u201eKipppunkten\u201c des Waldsterbens im Amazonasbecken gesprochen. Seit langem wird davon gesprochen, dass mit 40\u00a0% Verlust (relativ zur Gr\u00f6\u00dfe 1970) ein Punkt erreicht w\u00e4re, wo die Selbstregeneration und der Mikroklimaschutz zusammenbrechen und der Wald als Ganzes bedroht ist (also der Region die Versteppung drohen k\u00f6nnte). Inzwischen werden Modelle mit 20\u201325\u00a0% diskutiert, die schon nahe an den heute erreichten 17\u00a0% Waldvernichtung sind (<a href=\"https:\/\/advances.sciencemag.org\/content\/4\/2\/eaat2340\">https:\/\/advances.sciencemag.org\/content\/4\/2\/eaat2340<\/a>).<\/p>\n<p>Die Auswirkungen der Erreichung dieses Kipppunktes w\u00e4ren nicht nur f\u00fcr das regionale Klima, und damit f\u00fcr die nat\u00fcrlichen Grundlagen der Landwirtschaft in S\u00fcdamerika, verheerend. Das Amazonasbecken enth\u00e4lt 40\u00a0% des Weltbestandes an Regenw\u00e4ldern und 10\u201315\u00a0% der globalen Biodiversit\u00e4t. Vor allem aber ist der Regenwald auch eine riesige Kohlenstoffsenke: In der Biomasse der Regenw\u00e4lder steckt so viel Kohlenstoff, wie die Menschheit derzeit in 10 Jahren verbrennt. In \u201enormalen\u201c Jahren (ohne extreme D\u00fcrreereignisse) nimmt der Amazonasregenwald etwa 1,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus der Atmosph\u00e4re auf und wirkt damit der Erderw\u00e4rmung durch Treibhausgase entgegen. In den letzten D\u00fcrrejahren mit gro\u00dfen Brandereignissen, die seit den 2000er-Jahren im 5-Jahresrhythmus stattfanden (das letzte war 2015), kehrte sich dies um. Dann bewirkt die Verbrennung der Kohlenstoffreservoirs des Waldes, dass in so einem Jahr mehr Treibhausgase entstehen, als zur selben Zeit von China und den USA zusammen hervorgebracht werden. Dabei sind diese D\u00fcrreereignisse selbst ein Produkt des Klimawandels. Es l\u00e4sst sich ein Zusammenhang mit den El-Ninjo-Ph\u00e4nomenen nachweisen (die Erw\u00e4rmung im Ostpazifik f\u00fchrt zu einer Umkehr der Konvektionsstr\u00f6me \u00fcber S\u00fcdamerika, was zu einer Abschw\u00e4chung der f\u00fcr den Regenwald lebenswichtigen Passatwinde f\u00fchrt). Entscheidend ist derzeit aber, dass in diesem Jahr dieses Wetterph\u00e4nomen noch nicht sein Maximum erreicht hat \u2013 dieses ist erst im n\u00e4chsten Jahr wahrscheinlich (die Auswirkungen k\u00f6nnen wir uns heute noch gar nicht vorstellen!). Gerade dies zeigt deutlich, wie sehr menschengemacht das derzeitige Ausma\u00df der Brandkatastrophe ist. Sollten die Vorhersagen f\u00fcr die n\u00e4chsten beiden Jahre stimmen und die brasilianische Politik sich nicht grundlegend \u00e4ndern, so w\u00e4ren die Auswirkungen auf den Regenwald und das Weltklima be\u00e4ngstigend!<\/p>\n<p><strong>Reaktionen<\/strong><\/p>\n<p>Sehr zum Unmut von Bolsonaro lie\u00df sich die Katastrophe in Amazonien vor der Weltpresse und globalen Umweltverb\u00e4nden nicht verbergen \u2013 auch die Entlassung des Direktors der Satelliten\u00fcberwachung half nichts mehr, nachdem die NASA diesem \u201eNestbeschmutzer\u201c auch noch in allen Punkten recht gegeben hatte. Bolsonaros Politik steht jetzt weltweit am Pranger \u2013 und dies ist angesichts der gro\u00dfen Exportpl\u00e4ne speziell des Agrobusiness keine gute Publicity. Hatte man sich doch gerade durch das Mercosur\/EU-Abkommen riesige Gesch\u00e4fte mit Fleisch und Tierfutter nach den zu erwartenden Zollsenkungen versprochen. Sicherlich hat besonders der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident sein Herz f\u00fcr den Amazonas speziell auch aufgrund der Bedenken seiner heimischen Agrarlobby entdeckt. Klar ist jedoch, dass jetzt auch die brasilianische Agroindustrie \u201eMa\u00dfnahmen\u201c fordert und erkennt, dass Bolsonaro ihrem Gesch\u00e4ft gerade schadet. In vielen Punkten muss jetzt zur\u00fcckgerudert werden. Der Einsatz der brasilianischen Armee zur Brandbek\u00e4mpfung muss jedoch auch als Element des inneren Klassenkampfes verstanden werden.<\/p>\n<p>Die Armee wirkt dort nicht nur als erweiterte Feuerwehr, sondern als Unterst\u00fctzung im Kampf gegen die dortigen \u201eTerroristInnen\u201c (Umweltsch\u00fctzerInnen, Indigene, Landlose,\u2026). Ebenso werden die \u201eHilfsaktionen\u201c aus Europa und den USA, besonders die zur \u201eWiederaufforstung\u201c, sicher wieder als \u201eEntsch\u00e4digung\u201c zum Verzicht auf weitere Brandrodungen eingesetzt werden. Aus Deutschland und Co. sind diese PR-Aktionen vor allem als Instrumente zu verstehen, das Mercosur-Abkommen in jedem Fall zu retten.<\/p>\n<p>Trotz der gro\u00dfen Bekenntnisse zum Klimaschutz und der Ermahnungen an den \u201eb\u00f6sen\u201c Bolsonaro wollen deutsche Industrie und Politik ihr gro\u00dfes Brasiliengesch\u00e4ft (\u201eein unheimlich interessanter Zukunftsmarkt\u201c nach einem Anlagefondsmanager, der der deutschen Bank nahesteht) nicht durch \u201eso etwas Nebens\u00e4chliches\u201c in Frage stellen lassen. Hatten doch wichtige VertreterInnen der deutschen Konzerne (von Daimler, VW, Bayer bis zur Deutschen Bank) ihre unverhohlene Unterst\u00fctzung f\u00fcr Bolsonaro schon vor dessen Wahl zum Ausdruck gebracht. Auch gegenseitige Besuche von WirtschaftsvertreterInnen nach der Wahl zeigen deutlich, dass man gegenseitig gro\u00dfe Gesch\u00e4fte und Investitionen erwartet. Dazu passt dann auch, dass der SPD-Au\u00dfenminister bei seinem Besuch in Brasilien vor allem von Bolsonaros Bereitschaft zur Zusammenarbeit gegen\u00fcber Venezuela sprach \u2013 aber kaum die semi-faschistische Politik dieses Gangsters noch die sich abzeichnende Amazonas-Katastrophe erw\u00e4hnte. Da wurde selbst der CSU-Minister f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung M\u00fcller deutlicher, als er den \u00f6kologisch bedenklichen Anstieg von billigem Soja-Futtermehl aus den Amazonas-Brandregionen anprangerte.<\/p>\n<p><strong>Ablenkungsman\u00f6ver<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden jetzt wieder vor allem \u201edie VerbraucherInnen\u201c in die Verantwortung genommen, die durch ihren Fleischkonsum und Kauf billiger Agrarimporte die VerursacherInnen des Ganzen seien. Abgesehen wird davon, dass die Preise auf den internationalen Agrarm\u00e4rkten nur zum Teil von den ErzeugerInnen bestimmt werden, sondern durch eine Kette von MitprofiteurInnen von Lebensmittelkonzernen, Handelsketten bis zu Warenterminb\u00f6rsen. Verkannt wird auch die globale Dimension der beteiligten M\u00e4rkte: der Handelskrieg zwischen den USA und China f\u00fchrt gerade jetzt zu einem enormen Anstieg der Nachfrage nach Soja und Fleisch aus Brasilien f\u00fcr China. \u201eVerhaltens\u00e4nderungen\u201c einiger tausend MarktteilnehmerInnen aus europ\u00e4ischen Mittelklassefamilien werden angesichts dieser Struktur der globalen Agrar- und Rohstoffm\u00e4rkte nichts bewirken \u2013 schon gar nicht angesichts der Schnelligkeit, mit der auf die dramatische Situation des Regenwaldes reagiert werden muss. Es ist eine billige Masche der eigentlichen VerursacherInnen, die Verantwortung auf \u201edie VerbraucherInnen\u201c abzuschieben, die dann auch noch durch das Green-Washing von Produkten mittels fragw\u00fcrdiger \u00d6kolabels zur Kasse gebeten werden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Klimakatastrophe wie auch die Gef\u00e4hrdung grundlegender Biotope ein klarer Fall von Marktversagen, von der Unm\u00f6glichkeit in diesem System, solche Probleme \u00fcber \u201eden Markt\u201c (etwa durch Zertifikatehandel, indirekte Steuern oder Produktbewertungen) zu l\u00f6sen. Denn der Markt ist nur die Vermittlung der eigentlich problematischen Kapitalverwertungsinteressen, die \u2013 wie auch das brasilianische Beispiel zeigt \u2013 die drohende \u00f6kologische Katastrophe wesentlich mit hervorbringen. Daher kann dieser Katastrophe nur entgegengewirkt werden, wenn man radikal die Eigentumsfrage stellt. Die genannten Probleme erfordern einen globalen Plan von Wiederaufforstung bis zur systematischen Umstellung auf klimaneutrale Produktion auch im Agrarsektor.<\/p>\n<p><strong>Perspektive<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist auch die Durchsetzung eines solchen globalen Planes angesichts des Zeithorizonts der Probleme und der erwiesenen Langsamkeit globaler Klimapolitik keine Soforthilfe. Daher m\u00fcssen heute die weltweiten Umweltbewegungen im Zusammenk\u00e4mpfen mit den sozialen Bewegungen vor Ort die jeweiligen Staaten zu radikalen Ma\u00dfnahmen zwingen. Im Fall von Brasilien hei\u00dft dies: Enteignung der Agro- und Bergbaukonzerne, Agrarreform zur Umverteilung des Gro\u00dfgrundbesitzes an die Bev\u00f6lkerung auf dem Land und Entwicklung eines Planes zur Wiederaufforstung des Regenwaldes sowie zu seiner \u00f6kologischen Bewirtschaftung \u2013 alles unter Kontrolle der sozialen und \u00f6kologischen Bewegungen, vor allem der LandarbeiterInnen und Kleinb\u00e4uerInnen. Nein zu den aus Massensteuern finanzierten \u201eGeldfonds\u201c von G7, EU &amp; Co., die nur wieder in die Kassen der Gro\u00dfgrundbesitzerInnen flie\u00dfen werden. Stattdessen sollen die imperialistischen Konzerne Steuern aus ihren Gewinnen f\u00fcr die Regenwaldprojekte unter Kontrolle der armen Landbev\u00f6lkerung zahlen! Nein zu jeder Unterst\u00fctzung von Bundesregierung und deutschen Konzernen f\u00fcr das Bolsonaro-Regime \u2013 es wird keine Rettung des Regenwaldes ohne den Sturz dieses rechts und marktliberalen Regimes geben! Daher: vor allem Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bewegung zum Sturz von Bolsonaro, die im Kampf gegen dessen sozialen und gesellschaftlichen Amoklauf schon mehrere Generalstreiks durchgef\u00fchrt hat! Sofortiger Abbruch der Ratifizierung des Mercosur\/EU-Abkommens, das den Interessen der deutschen Konzerne in Brasilien wie auch dem der brasilianischen Agrarkonzerne in die H\u00e4nde spielt \u2013 und nie ein Mittel zur Bewahrung des Amazonasgebietes sein kann (wie uns das die Bundesregierung verkaufen will)!<\/p>\n<p>Alle diese Forderungen m\u00fcssen von einer ernsthaften Bewegung gegen den Klimawandel, wie es FFF beansprucht zu sein, aufgegriffen werden und anstelle der verfehlten Strategie von Verbraucher-Kritik gestellt werden! Machen wir Amazonastag am 5. September und Klimastreik am 20. September zum Beginn einer globalen Bewegung zur Enteignung des Kapitals, das als Ganzes diesen Planeten zerst\u00f6rt!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2019\/09\/01\/brasilien-tage-des-feuers\/\"><em>Neue Internationale 240&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. September 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Lehner. 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