{"id":596,"date":"2015-07-08T10:07:55","date_gmt":"2015-07-08T08:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=596"},"modified":"2015-07-08T10:07:55","modified_gmt":"2015-07-08T08:07:55","slug":"der-soziale-frieden-in-deutschland-broeckelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=596","title":{"rendered":"Der \u201esoziale Frieden\u201c in Deutschland br\u00f6ckelt"},"content":{"rendered":"<p><i>Helmut Born. <\/i>2014 und 2015 gab es in der Bundesrepublik eine erhebliche Zunahme von Streiks in ganz unterschiedlichen Branchen. Schon jetzt hat es im Jahr 2015 mehr Streiktage gegeben, als im ganzen Jahr 2014 \u2013 das allerdings besonders streikarm war, aber auch als im ganzen Jahr <!--more-->2013. Bei der Post waren 32.000 Besch\u00e4ftigte ann\u00e4hernd vier Wochen involviert, bei den Erzieherinnen 23.000 volle vier Wochen, die vorangegangenen Warnstreiks nicht mit eingerechnet. Die Verteilungsk\u00e4mpfe sind auch hierzulande heftiger geworden. In manchen Bereichen gibt es Bestrebungen der Gewerkschaften, in die Offensive zu kommen, in anderen wehren sie sich gegen die Angriffe des Kapitals um Schlimmeres zu verhindern. Eine wichtige Rolle spielen die Angriffe der Gesch\u00e4ftsleitungen ehemals staatlicher Unternehmen im Zuge der Privatisierungen und ihrer Folgen. Die wichtigsten K\u00e4mpfe und deren Ergebnisse bzw. Zwischenergebnisse \u2013 denn l\u00e4ngst nicht alle sind abgeschlossen \u2013 sollen im Folgenden eingesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p><b>Der Kampf der GDL<\/b><\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung bei der Bahn wurde hervorgerufen durch die verschlechterten Arbeitsbedingungen der Besch\u00e4ftigten. Eine Unmenge an \u00dcberstunden und h\u00e4ufige Schichtwechsel sind dort an der Tagesordnung. \u00dcberschattet war die Tarifrunde, die von Mitte 2014 bist zum Juli 2015 angedauert hat, von dem Vorhaben der Bundesregierung, ein Tarifeinheitsgesetz zu verabschieden, das f\u00fcr die GDL erhebliche negative Konsequenzen haben k\u00f6nnte. Der Bahnvorstand spekulierte auf die Verabschiedung dieses Gesetzes \u2013 mit der Zustimmung von Bundestag und Bundesrat und der Unterschrift des Bundespr\u00e4sidenten Joachim Gauck ist es nun in Kraft getreten \u2013 mit der Absicht, damit der GDL eine Niederlage zu bereiten. Dabei ging es vor allem um den Anspruch der GDL, f\u00fcr alle Mitglieder Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, also nicht nur f\u00fcr die Lokomotivf\u00fchrer.<\/p>\n<p>Das Forderungspaket der GDL enthielt au\u00dfer einer Lohnerh\u00f6hung von 5,5 % auch qualitative Forderungen, um den sich verschlechternden Arbeitsbedingungen entgegenzutreten. Vor allem die Forderung nach Neueinstellungen, der Begrenzung von \u00dcberstunden und nach einer Arbeitszeitverk\u00fcrzung um zwei Stunden trafen den Nerv der Besch\u00e4ftigten, aber auch den des Bahnvorstands. Tats\u00e4chlich hatte die teilprivatisierte Bahn ihre Profite haupts\u00e4chlich durch permanenten Personalabbau realisieren k\u00f6nnen. Schon 2011 hatte die GDL versucht, dieser Situation mit der Durchsetzung von Neueinstellungen entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Nach mehreren Streiks schloss die GDL im Dezember letzten Jahres ein Zwischenabkommen mit dem Bahnvorstand, das eine Einmalzahlung vorsah sowie die Zusicherung, dass von nun an die GDL f\u00fcr alle ihre Mitglieder Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen k\u00f6nne. Im neuen Jahr trieb die Bundesregierung die Verabschiedung des Tarifeinheitsgesetzes voran. Der Zeitplan sah vor, dass das Gesetz im Mai verabschiedet werden sollte. Dies fasste der Bahnvorstand als Steilvorlage auf, um die GDL hinzuhalten. Aktuelle Verhandlungsst\u00e4nde wurden wieder in Frage gestellt oder ganz zur\u00fcckgenommen. Dadurch war die GDL geradezu gezwungen, mehr Druck zu machen, was sich dann in verl\u00e4ngerten Streikphasen bemerkbar machte. Aber erst der unbefristete Streik im Mai \u00f6ffnete die T\u00fcr zu einer f\u00fcr die GDL akzeptablen L\u00f6sung.<\/p>\n<p>In einer Vereinbarung wurde der GDL zugesichert, dass sie f\u00fcr alle ihre Mitglieder Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen k\u00f6nne. Allerdings sollten diese Verhandlungen im Rahmen einer Schlichtung mit zwei Schlichtern, dem ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten und SPD-Mitglied Platzek f\u00fcr den Bahnvorstand und dem amtierenden Ministerpr\u00e4sidenten von Th\u00fcringen Ramelow von der Linkspartei, f\u00fcr die GDL durchgef\u00fchrt werden. F\u00fcr die Zeit der Schlichtung durfte die GDL nicht zu weiteren Streiks aufrufen.<\/p>\n<p>Am 1.7.15 wurde dann das Schlichtungsergebnis der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt. Im Einzelnen sieht das Ergebnis folgende Regelungen vor:<\/p>\n<p>Die GDL hat f\u00fcr die gesamte Bahn 14 Tarifvertr\u00e4ge abschlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Arbeitszeit wird ab dem 1. Januar um eine Stunde verk\u00fcrzt<\/li>\n<li>Die Anzahl der \u00dcberstunden wird auf 80 pro Jahr begrenzt<\/li>\n<li>Neueinstellung von 300 Lokomotivf\u00fchrern und 100 Zugbegleitern<\/li>\n<li>Lokrangierf\u00fchrer werden genauso wie Lokomotivf\u00fchrer behandelt<\/li>\n<li>Die Einkommen werden zum 1.7. um 3,5 % erh\u00f6ht und am 1. 5.16 nochmals um 1,6 % \u2013 jeweils mit Mindestbetr\u00e4gen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Vor allem bei den Einkommenserh\u00f6hungen musste die GDL sich mit den Ergebnissen zufriedengeben, die der Bahnvorstand schon vorher mit der konkurrierenden DGB-Gewerkschaft EVG erzielt hatte. In der Frage der Verbesserung der Arbeitsbedingungen konnte die GDL aber wichtige Forderungen durchsetzen. Die Strategie des Bahnvorstands, die Zust\u00e4ndigkeit der GDL auf die Vertretung der Lokomotivf\u00fchrer zu begrenzen, ging nicht auf. Ganz im Gegenteil. Es wurde vereinbart, dass bei der Bahn f\u00fcr die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre das Tarifeinheitsgesetz, das eigentlich am 1.7. in Kraft treten sollte, nicht angewendet wird. Pikanterweise wurde das Gesetz erst am 6.7. vom Bundespr\u00e4sidenten unterzeichnet. In f\u00fcnf Jahren d\u00fcrfte das Bundesverfassungsgericht gekl\u00e4rt haben ob dieses Gesetz \u00fcberhaupt der Verfassung entspricht, was viele Juristen und die Rechtsstelle des Bundestags bezweifeln.<\/p>\n<p>Es bleibt festzuhalten, dass die GDL mit diesem Abschluss einen gro\u00dfen Erfolg feiern konnte. Dieser Abschluss wurde gegen die geballte Macht der Bundesregierung, aller Arbeitgeberverb\u00e4nde, sogar des DGB und eines Medienkartells erzielt, das vor offener und aggressiver Hetze gegen den GDL-Vorsitzenden Weselsky nicht zur\u00fcckscheute.<\/p>\n<p><b>Der Streik bei der Post<\/b><\/p>\n<p>Ende dieses Jahres laufen mehrere Vereinbarungen bei der Deutschen Post wie z.B. der Schutz vor betriebsbedingten K\u00fcndigungen, zur Begrenzung der Fremdvergabe usw. aus. Um den ernsten Willen der Ver\u00e4nderungen bei der Post zu beweisen, hat der Postvorstand im April dieses Jahres die Gr\u00fcndung von 49 regionalen Gesellschaften, der DHL Delivery, bekanntgegeben. In diesen Gesellschaften soll nicht mehr der mit ver.di abgeschlossene Tarifvertrag der Post, sondern der viel schlechtere Tarifvertrag der Speditions- und Logistikbranche gelten. Das bedeutet, dass PaketzustellerInnen, die in diesen ausgegliederten Gesellschaften arbeiten, 20 % weniger Lohn bekommen als die Besch\u00e4ftigten in der DHL.<\/p>\n<p>Zur Rekrutierung von Personal f\u00fcr seine Lohndr\u00fcckergesellschaften hat sich der Postvorstand etwas besonders anr\u00fcchiges einfallen lassen: Allen PaketzustellerInnen mit befristetem Vertrag bei der DHL wurde ein unbefristeter Vertrag bei der DHL Delivery angeboten! Sollten Besch\u00e4ftigte dieses \u201eAngebot\u201c ablehnen, bliebe ihnen noch der Gang zur Agentur f\u00fcr Arbeit, sprich in die Arbeitslosigkeit. Mit dieser Erpressungsstrategie ist es dem Postvorstand gelungen, einen Grundstock f\u00fcr die Personalbesetzung in den neuen Gesellschaften zu legen.<\/p>\n<p>Das war sozusagen der Auftakt f\u00fcr die diesj\u00e4hrige Tarifrunde bei der Post. Der offene Tarifbruch war eine richtige Kampfansage an ver.di, die bei der Post sehr gut organsiert ist. Um auf diese Konfrontation eine schnelle Antwort geben zu k\u00f6nnen beschloss ver.di, den zu Ende April auslaufenden Tarifvertrag zur Arbeitszeit zu k\u00fcndigen. Nach mehreren Diskussionen wurde die Forderung nach einer Arbeitszeitverk\u00fcrzung von 2,5 Stunden, von 38,5 auf 36 Stunden, gestellt. Der eigentliche Sinn der Aktion aber, die Schlie\u00dfung der ausgegliederten Gesellschaften, um die Besch\u00e4ftigten wieder zur Post zu holen, wurde damit nicht artikuliert. Dementsprechend gab es im Mai auch nur sehr verhaltene Streikaktionen. Es gab zwar einzelne Warnstreiktage, die aber doch ziemlich verpufften, da die Streikenden auch nicht zusammengef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Ende Mai lief auch der Lohntarifvertrag bei der Post aus. Ver.di beschloss, eine Lohnerh\u00f6hung von 5,5 % zu fordern. Ende Mai\/Anfang Juni kam es zu einer gr\u00f6\u00dferen Warnstreikwelle, die den Postvorstand zu ernsthaften Verhandlungen bringen sollte. Der lehnte aber sogar auch das Angebot von ver.di ab, praktisch auf alle Forderungen zu verzichten, wenn er bereit w\u00e4re, die Delivery-Besch\u00e4ftigten nach dem f\u00fcr die Post geltenden Tarifvertrag zu bezahlen.<\/p>\n<p>Daraufhin erkl\u00e4rte die ver.di-Fachbereichsleiterin Andrea Koscis die Verhandlungen f\u00fcr gescheitert und rief einen unbefristeten Streik ab dem 10. Juni aus. Bei alldem waren die Mitglieder so gut wie nicht beteiligt. Weder gab es Diskussionsm\u00f6glichkeiten, noch wurde \u00fcberhaupt eine Urabstimmung organisiert. Die ganze Angelegenheit war in der Hand von wenigen meist hauptamtlichen Funktion\u00e4ren, entweder von ver.di oder aus den betrieblichen Gremien. Und so lief der Streik auch ab. Die Mitglieder mussten sich alle drei Tage in den \u00f6rtlichen Streiklokalen blicken lassen, um sich einzutragen. Danach konnten sie zumeist wieder nach Hause fahren, um sich nach drei weiteren Tagen wieder in die Streikliste einzutragen. In D\u00fcsseldorf z.B. streikten die Besch\u00e4ftigten vom 11. Juni bis zum 6. Juli. In dieser Zeit konnten sie nur an zwei Kundgebungen teilnehmen: an einer vor der Postzentrale in Bonn und an einer kurz vor Schluss der Tarifrunde in D\u00fcsseldorf. Offensichtlich hatten die Verantwortlichen Angst vor zu vielen Zusammenk\u00fcnften der Mitglieder, denn dann h\u00e4tte ja ihre Streikstrategie kritisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So kam es wie es kommen musste. Ver.di forderte Ende Juni den Postvorstand wieder zu Verhandlungen auf. Dieser willigte ein, sich am ersten Juli-Wochenende wieder zusammenzusetzen. Das Ergebnis ist leider so, wie es bef\u00fcrchtet werden musste:<\/p>\n<p>die ausgegliederten Gesellschaften bleiben bestehen und sollen auf eine Personalst\u00e4rke von insgesamt 20.000 Besch\u00e4ftigten ausgebaut werden<\/p>\n<ul>\n<li>die 6750 DHL Paketzusteller behalten ihre Vertr\u00e4ge und damit die Bezahlung nach dem Post-Tarifvertrag, die in den ausgegliederten Gesellschaften werden deutlich schlechter bezahlt<\/li>\n<li>weitere Ausgliederungen wird es bis 2018 nicht geben<\/li>\n<li>der Schutz vor betriebsbedingten K\u00fcndigungen wird bis 2019 verl\u00e4ngert<\/li>\n<li>Im Oktober gibt es eine Einmalzahlung von 400 \u20ac<\/li>\n<li>2016 und 2017 gibt es nur minimale Lohnerh\u00f6hungen von 2,0% und1,7 %<\/li>\n<li>Die Arbeitszeit bleibt unver\u00e4ndert bei 38,5 Stunden<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein Sieg sieht anders aus! Trotzdem hat die Fachbereichsvorsitzende A. Kocsis das Ergebnis nat\u00fcrlich sch\u00f6n geredet und von einem gro\u00dfen Erfolg gesprochen. F\u00fcr sie und die anderen hauptamtlichen Funktion\u00e4re scheint es wichtiger zu sein, mit diesem Bahnvorstand \u201esozialpartnerschaftlich\u201c zusammenarbeiten zu k\u00f6nnen, als die Interessen der Besch\u00e4ftigten zu vertreten.<\/p>\n<p>Mit diesem Abschluss wird der Postvorstand sein \u00f6ffentlich proklamiertes Ziel, die Profite bis 2020 von jetzt drei Milliarden auf f\u00fcnf Milliarden \u20ac zu steigern, sehr gut weiterverfolgen k\u00f6nnen. Das sieht auch die Verhandlungsf\u00fchrerin des Postvorstands Kreis so. Sie hat erkl\u00e4rt, dass sie mit diesem Abschluss sehr zufrieden ist. In ihrem Fall, vom \u201eArbeitgeber\u201c-Standpunkt aus, wird diese positive Bilanz zu Recht gezogen. Aus dem Blickwinkel der Interessen der Besch\u00e4ftigten sieht das ganz anders aus.<\/p>\n<p><b>Aufwertungsrunde der Sozial- und Erziehunsgdienste<\/b><\/p>\n<p>Seit Anfang April haben die in den Sozial- und Erziehungsdiensten Besch\u00e4ftigten die \u00d6ffentlichkeit mit ihren Aktionen in der Aufwertungskampagne in Atem gehalten. Sie haben es geschafft, f\u00fcr ihr Anliegen, sowohl eine bessere gesellschaftliche Anerkennung wie auch eine bessere Bezahlung durchzusetzen, eine breite \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung zu gewinnen. Selbst in der unbefristeten Streikphase von Mitte Mai bis Mitte Juni kippte die Stimmung in der \u00d6ffentlichkeit nicht. Es wurde zwar viel \u00fcber die N\u00f6te der Eltern, die sich eine alternative Betreuung f\u00fcr ihren Nachwuchs organisieren mussten, gesprochen und geschrieben. Aber die Berichte der notleidenden Eltern waren oft an den Haaren herbei gezogen.<\/p>\n<p>Vielfach unterst\u00fctzten n\u00e4mlich die Eltern die Forderungen der Besch\u00e4ftigten und organisierten h\u00e4ufig gemeinsam eine Betreuung f\u00fcr ihre Kinder. Das war gl\u00fccklicher Weise anders als vor sechs Jahren, als den Erzieherinnen und den wenigen Erziehern ein teils eisiger Wind entgegen blies.<\/p>\n<p>Auch die Forderung der ErzieherInnen nach durchschnittlich 10% Einkommenserh\u00f6hung wurde von gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung als berechtigt angesehen. Vielen war klar geworden, dass diesen Besch\u00e4ftigten immer mehr abverlangt wird, dass sie schlecht bezahlt werden, weil ihre Arbeit als \u00abFrauenarbeit\u00bb im traditionellen Verst\u00e4ndnis abgewertet wird, und dass es nur gerecht w\u00e4re, sie so zu bezahlen wie \u00e4hnlich hoch qualifizierte Angestellte in anderen Bereichen des \u00d6ffentlichen Diensts.<\/p>\n<p>Allerdings sperrte sich der kommunale Arbeitgeberverband (VKA) weitgehend, \u00fcberhaupt \u00fcber die Forderungen von ver.di, GEW und DBB zu diskutieren und war nur bereit, \u00fcber nach ihrer Ansicht besonders belastete Besch\u00e4ftigtengruppen zu sprechen. Dies galt insbesondere f\u00fcr KITA-Leitungen und f\u00fcr Besch\u00e4ftigte mit besonderen Aufgaben.<\/p>\n<p>Nach vier Wochen Streik, nachdem sie erkannt hatte, dass die gesellschaftliche Unterst\u00fctzung nicht br\u00f6ckelte, rief der VKA Anfang Juni einseitig die Schlichtung an.<\/p>\n<p>Nach dem Schlichtungsabkommen braucht nur eine der beiden Seiten die Schlichtung anzurufen, um damit gleichzeitig auch die Streiks beenden zu k\u00f6nnen. Nach einer zweiw\u00f6chigen Schlichtungsphase verk\u00fcndeten die beiden Schlichter Schmalstieg und Milbrand ein Ergebnis, das mit Sicherheit nicht als Durchsetzung der Aufwertung der Erziehungsberufe eingesch\u00e4tzt werden kann. Im Durchschnitt gab es nur Erh\u00f6hungen von 3,4 %. Allerdings gab es hierbei deutliche Unterschiede: alle KITA-Leitungen sollten ihr Einkommen \u00fcberdurchschnittlich erh\u00f6ht bekommen, w\u00e4hrend viele Besch\u00e4ftigte mit Erh\u00f6hungen zwischen 1% bis 3 % abgespeist werden sollten.<\/p>\n<p>Offensichtlich waren die Vertreter des Bundesvorstands von ver.di bereit, dieses Ergebnis zu akzeptieren. Da aber die Basis sich inzwischen weitgehende Rechte erstritten hatte, so werden die Strategie zu einer Tarifrunde und deren Umsetzung sowie Ergebnisse in Delegiertenversammlungen diskutiert und beschlossen. So wurde das Ergebnis auf einer bundesweiten Delegiertenversammlung Ende Juni besprochen.<\/p>\n<p>Hierbei kam es zu einer fast hundertprozentigen Ablehnung der Schlichtungsempfehlung. Aber nicht nur die wenig attraktiven Einkommenserh\u00f6hungen, sondern auch die lange Laufzeit von f\u00fcnf Jahren wurden von den Delegierten eindeutig abgelehnt. Daraufhin wurde beschlossen, eine mehrw\u00f6chige Mitgliederbefragung durchzuf\u00fchren um deren Meinung einzuholen.<\/p>\n<p>Diese soll Anfang August abgeschlossen sein, und auf dieser Grundlage soll es am 13. August noch einmal zu Verhandlungen mit dem VKA kommen. Sollte es hierbei zu keinen substantiellen Verbesserungen kommen, k\u00f6nnte es durchaussein, dass die Aufwertungskampagne im Herbst fortgesetzt wird.<\/p>\n<p><b>Cockpit<\/b><\/p>\n<p>Ein weiterer laufender Konflikt wird zwischen der Unternehmensleitung der Lufthansa und der Pilotengewerkschaft Cockpit ausgetragen. Hier w\u00e4re die \u00f6ffentliche Meinung gut beraten, ihre Vorurteile von diesen ach so privilegierten Besch\u00e4ftigten mit ihren Sonderinteressen mal hintanzustellen und sich den Hintergrund des Konflikts vor Augen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Lufthansa will mit der Gr\u00fcndung der Billigairline Eurowings den anderen Billigairlines Konkurrenz machen. Wie das geht? Ganz einfach, die Besch\u00e4ftigten sollen weniger verdienen und mehr arbeiten. Das trifft auch die Piloten, aber eben nicht nur sie, sondern auch die Flugbegleiterinnen und -begleiter. Ein Sprecher von Lufthansa hat es vor den Fernsehkameras gegen\u00fcber Cockpit arrogant abgelehnt, diese Problematik in der Tarifrunde \u00fcberhaupt als Thema zuzulassen. Es handele sich um die Unternehmenspolitik, und die sei alleinige Sache der Gesch\u00e4ftsleitung. Ja,\u00abWir wollen freie Wirtschaftler sein!\u00bb hatte schon Ernst Busch den Vertretern der Unternehmerinteressen in den Mund gelegt, die den Besch\u00e4ftigten das Recht bestreiten, sich kollektiv in unternehmerische Entscheidungen einzumischen, auch wenn ihre Arbeitsbedingungen und ihre Entlohnung offensichtlich auf dem Spiel stehen. Und so stehen die Zeichen in diesem Bereich auf Kampf, und Cockpit hat Streikaktionen noch in der Zeit der Sommerurlaube angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p><b>M\u00fcndige oder entm\u00fcndigte Mitglieder<\/b><\/p>\n<p>Wenn wir den Verlauf der angef\u00fchrten Konflikte Revue passieren lassen, dann f\u00e4llt auf, dass das schlechte Ergebnis bei der Post unmittelbar damit zusammenh\u00e4ngt, wie sehr dort alles von wenigen Verantwortlichen von oben gesteuert worden ist. Es gab keine Beteiligung der Mitglieder an den Entscheidungen und ihr Aktivit\u00e4tsgrad wurde bewusst niedrig gehalten.<\/p>\n<p>Bei der kleinen GDL war das anders, die zwar vom politischen Verst\u00e4ndnis her eher konservativ ist, in der aber die Mitglieder sehr weitgehend bestimmen, was l\u00e4uft. Im Gegensatz zur medial gesch\u00fcrten Legende vom selbstherrlichen \u00abGewerkschaftsboss\u00bb Weselsky, der seine Macht ausbauen will und dazu auch noch s\u00e4chselt wie ein ehemaliger SED-Chef, sind die Mitglieder der GDL in Ortsgruppen organisiert, treffen sich oft und besprechen die Kampziele und Aktionsformen. Da hat nat\u00fcrlich auch damit zu tun, dass die GDL nur einen sehr kleinen hauptamtlichen Apparat hat und auf das aktive Engagement ihrer Mitglieder angewiesen ist.<\/p>\n<p>Aber auch bei der gro\u00dfen Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gibt es andere Entwicklungen als im Fachbereich der Post. Das hat der Streik in den Sozial- und Erziehungsdiensten gezeigt. Hier entscheiden die Delegiertenversammlungen der Streikenden \u00fcber die Forderungen, die Arbeitskampfstrategie und das weitere Vorgehen.<\/p>\n<p>Eine aktive Basis, die sich nicht von oben herab regieren und leithammeln l\u00e4sst, ist daf\u00fcr entscheidend wichtig. Dass dieses Modell auch in Zukunft erfolgreicher sein wird als das bei der Post oder in den Industriegewerkschaften, d\u00fcrfte wohl unbestreitbar sein. Wir brauchen daher Gewerkschaftsf\u00fchrungen, die die Basis in jeder Hinsicht zu einer aktiven Kampff\u00fchrung ermutigt und \u00fcber die grundlegenden Entscheidungen diskutieren l\u00e4sst und das letzte Wort gibt. Innergewerkschaftliche Demokratie und aktive Kampff\u00fchrung sind ganz wichtige Bestandteile der Orientierung, die die gewerkschaftliche Linke als Alternative zur Sozialpartnerschaft und zur Selbstherrlichkeit von Leithammeln vorschl\u00e4gt.<\/p>\n<p><i>Quelle: sozonline.de<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Born. 2014 und 2015 gab es in der Bundesrepublik eine erhebliche Zunahme von Streiks in ganz unterschiedlichen Branchen. 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