{"id":5961,"date":"2019-09-03T15:45:49","date_gmt":"2019-09-03T13:45:49","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5961"},"modified":"2019-09-03T15:45:51","modified_gmt":"2019-09-03T13:45:51","slug":"eine-entlassung-ohne-gegenwehr-fuer-den-profit-der-kapitalistinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=5961","title":{"rendered":"Eine Entlassung \u2013 ohne Gegenwehr, f\u00fcr den Profit der KapitalistInnen"},"content":{"rendered":"<p><em>Sebasti\u00e1n E.<\/em> <strong>Im ersten Halbjahr 2018 landeten 55 Mio. Franken des Gewinns der gesamten Saurer Group in den Portemonnaies der Aktion\u00e4re \u2013 obwohl die Arboner Stickerei-Abteilung der Saurer Group nicht mehr rentabel ist. Erstaunt ob dieser Tatsache, <!--more-->folgert einer der Arbeiter Saurers: \u00abEs wird halt vor allem f\u00fcr die Aktion\u00e4re geschaut.\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die KapitalistInnen ihr Geld f\u00fcr sich arbeiten lassen, m\u00fcssen jetzt in Arbon TG rund 35 Arbeiter, die \u00fcber Jahre und Jahrzehnte f\u00fcr Saurer geschwitzt haben, ihre Sachen packen. Nur der Kampf einer organisierten Arbeiterschaft kann solche Angriffe abwehren.<\/p>\n<p><strong>Stellvertretung statt Emanzipation<\/strong><\/p>\n<p>In der beinahe leeren Produktionshalle Saurers in Arbon treffe ich Jakob Auer. Er ist Teil der zweik\u00f6pfigen Arbeitnehmervertretung (AV) und Pr\u00e4sident der UNIA Ostschweiz-Graub\u00fcnden. Seit vier Monaten gibt es keine Arbeit mehr in der Produktion. Einige seien seit Januar nur zwei Wochen zur Arbeit gekommen. Der Rest der Zeit sind bezahlte Absenzen.<\/p>\n<p>Heute liegt ein Sozialplan vor. Diesen haben die Vertreter der Firmenleitung und die AV ausgearbeitet. Er besteht aus diversen Abfindungen und Unterst\u00fctzung bei finanziellen H\u00e4rtef\u00e4llen (z.B. Fr\u00fchpensionierungen). Nebst dem Sozialplan lagen zu Beginn auch andere, k\u00e4mpferische Massnahmen auf dem Tisch. Nach Ank\u00fcndigung der Entlassungen trafen sich die involvierten Gewerkschaften, um das Vorgehen zu besprechen. Die AV erstickte allf\u00e4llige militante Aktionen im Keim. An der ersten Sitzung erkl\u00e4rte sie: \u00abEs gibt keine Solidarit\u00e4t unter den ArbeiterInnen. Wir tendieren deshalb lieber auf einen guten Sozialplan.\u00bb Die AV setzte auf Verhandlungen und gute Beziehungen mit der GL anstatt auf \u00f6konomischen Druck (durch Arbeitsniederlegung). Somit wurde die Chance vertan, dass die ArbeiterInnen selbst \u00fcber ihre Zukunft entscheiden und Erfahrungen in einem Arbeitskampf sammeln.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"564\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-Saurer-1180x650-1024x564.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5962\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-Saurer-1180x650-1024x564.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-Saurer-1180x650-300x165.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-Saurer-1180x650-768x423.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-Saurer-1180x650.jpg 1180w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Notwendigkeit der Gewerkschaft<\/strong><\/p>\n<p>Auer erkl\u00e4rt: Nebst der Solidarit\u00e4t brauche es aber auch Gewerkschaftsmitglieder und gerade diese seien schwierig zu rekrutieren. 50% der Arbeiter in der Produktion sind Mitglied in der UNIA. In Genf streikte 2017 die Belegschaft von ABB S\u00e9cheron gegen die Verlagerung. Im Betrieb waren weniger als 10% gewerkschaftlich organisiert, trotzdem schaffte es die Genfer UNIA diese f\u00fcr einen Streik zu mobilisieren. Es ist die Aufgabe einer Gewerkschaft, die ArbeiterInnen von k\u00e4mpferischen Aktionen zu \u00fcberzeugen und sie darin zu best\u00e4rken. Es gibt keinen Grund, warum es in Arbon nicht auch funktionieren w\u00fcrde.\u00a0<\/p>\n<p>Anders als f\u00fcr die Deutschschweizer, sei f\u00fcr die Romands und die Tessiner Solidarit\u00e4t selbstverst\u00e4ndlich, deshalb seien sie auch militanter, so Kollege Auer. F\u00fcr ihn ist das Retten von Arbeitspl\u00e4tzen nicht mehr m\u00f6glich, verteidigt werden m\u00fcssten die Errungenschaften des letzten Jahrhunderts (Achtstundentag, AHV, Samstag, etc). Doch dies sei f\u00fcr die meisten ArbeiterInnen zu wenig, um der Gewerkschaft beizutreten.<\/p>\n<p>Auers Pessimismus m\u00fcssen wir zur\u00fcckweisen.<\/p>\n<p><strong>Ein Schlag auf die Schnauze<\/strong><\/p>\n<p>In der gleichen Halle treffe ich mich mit vier Arbeitern (zwei Entlassene und zwei, die bleiben d\u00fcrfen). Die Entlassung sei fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu erwarten gewesen, best\u00e4tigen alle vier. \u201cEs ist,\u00a0 wie wenn jemand stirbt. Man weiss, dass die Person stirbt, doch wenn sie stirbt, ist es trotzdem ein Schlag in die Fresse\u00bb, berichtet einer der Entlassenen. Bei der Bekanntmachung seien alle Emotionen dabei gewesen. Sechs Wochen sp\u00e4ter war schon der Sozialplan fertig. Die AV kl\u00e4rte die Betroffenen m\u00fcndlich \u00fcber die wichtigsten Punkte auf. Eine schriftliche Version erhalten die ArbeiterInnen erst bei der formellen Entlassung.<\/p>\n<p>Die AV geniesst ein hohes Ansehen bei den Arbeitern. Alle vier finden, dass sie gute Arbeit in der Aushandlung des Sozialplans geleistet hat. Die Arbeiter wurden nie bzgl. ihrer Vorstellung eines Sozialplans konsultiert. \u00abWas soll die Belegschaft auch mitbestimmen. Die AV hat jahrelange Erfahrung und man erwarte von der AV, dass sie die ArbeiterInnen vertrete\u00bb, bekr\u00e4ftigt einer der Entlassenen. Trotzdem ist er sich sicher, dass der Plan nicht f\u00fcr alle reichen wird.<\/p>\n<p><strong>Politische Gewerkschaft der ArbeiterInnen<\/strong><\/p>\n<p>Alle anerkennen, dass die UNIA medial sehr pr\u00e4sent ist und Erfolge verbuchen konnte. Trotzdem formulieren zwei sehr konkrete Kritik. Die UNIA tauche immer erst auf, wenn die Extremsituation eingetroffen sei (in diesem Fall die Entlassung). In der Zeit zwischen diesen Situationen h\u00f6re man keinen Pieps von der Gewerkschaft.<\/p>\n<p>Was fehle, sei die konstante Basisarbeit, um die ArbeiterInnen aufzukl\u00e4ren und die Wichtigkeit der Gewerkschaft aufzuzeigen. Einer der Entlassenen geht weiter. Die UNIA schaue nicht nur f\u00fcr das Wohl der ArbeiterInnen, sondern auch f\u00fcr das Wohl der UnternehmerInnen. Sie m\u00fcsse sich wieder mehr den ArbeiterInnen zuwenden. Doch, ihm zufolge, machen in der Schweiz die Chefs die Gesetze. Dies m\u00fcsse sich \u00e4ndern, damit \u00abdie Leute, die wirklich f\u00fcr ihr Geld schwitzen, auch mehr bekommen als jetzt\u00bb. Daf\u00fcr sei es essentiell, dass die Gewerkschaften in die Politik eingreifen. Ohne Verbindung zur Politik verliere die Gewerkschaft ihre Funktion, erkl\u00e4rt er mir.<\/p>\n<p>Ein Streik der Belegschaft w\u00e4re nicht unvorstellbar gewesen, die Nicht-Entlassenen h\u00e4tten zwar aus Angst vor Konsequenzen die Entlassenen im Falle eines Streiks nicht unterst\u00fctzt \u2014 so die etwas schwarzmalerische Prognose des Arbeiters \u2013, doch w\u00e4re die Stimmung unter den Entlassenen f\u00fcr einen Streik reif gewesen. Jetzt sei alles vorbei und die Entlassenen h\u00e4tten sich damit abgefunden, doch in den Tagen nach der Bekanntmachung w\u00e4re ein Streik durchaus m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>Das Beispiel Genf zeigt wie schnell sich das Bewusstsein der ArbeiterInnen in einer Phase des Kampfes ver\u00e4ndern kann. So h\u00e4tte auch bei Saurer ein Streik der Entlassenen ihre KollegInnen bewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Militante Organisation aufbauen<\/strong><\/p>\n<p>1933, auf dem H\u00f6hepunkt der Arbeitsk\u00e4mpfe in Arbon, hielten die Arboner Gewerkschaften fest: \u00abEs m\u00fcssen Mittel und Wege gefunden werden, um diese Mutlosigkeit in der Arbeiterschaft \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen.\u00bb Heute stehen wir vor der gleichen Aufgabe!<\/p>\n<p>Diese Entlassung ist beschlossene Sache, jetzt gilt es die Weichen zu stellen, um die n\u00e4chste zu verhindern. Hierf\u00fcr muss die Gewerkschaft wieder ein Ort der politischen Bewusstseinsbildung f\u00fcr ArbeiterInnen sein. Die ArbeiterInnen erkennen die Wichtigkeit der Gewerkschaft, doch m\u00fcssen sie in der Praxis sehen, wozu eine geeinte Belegschaft f\u00e4hig ist. Zumindest die jetzt entlassenen ArbeiterInnen h\u00e4tte man f\u00fcr militante Aktionen f\u00fcr den Erhalt der Arbeitspl\u00e4tze oder f\u00fcr bessere Abgangsentsch\u00e4digungen gewinnen k\u00f6nnen. Solidarit\u00e4t und Vertrauen in die eigenen Kr\u00e4fte kann erlernt werden. Damit kann man nicht bis zur Katastrophe warten, man muss sich darauf vorbereiten. Dazu muss die Basisarbeit in den Betrieben vorangetrieben werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/gewerkschaften\/eine-entlassung-ohne-konsequenzen-fuer-die-kapitalistinnen\/#more-11249\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. September 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebasti\u00e1n E. Im ersten Halbjahr 2018 landeten 55 Mio. 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