{"id":6017,"date":"2019-09-11T11:41:46","date_gmt":"2019-09-11T09:41:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6017"},"modified":"2019-09-11T11:41:47","modified_gmt":"2019-09-11T09:41:47","slug":"kapitalismus-und-konsum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6017","title":{"rendered":"Kapitalismus und Konsum"},"content":{"rendered":"<p><em>Robert M\u00fcller.<\/em> <strong>In der Debatte um den Klimawandel steht individuelles Konsumverhalten oft an vorderster Stelle. Dabei erzwingt der Kapitalismus auf unterschiedliche Weise klimasch\u00e4dliches Konsumverhalten. Wie kann dagegen<!--more--> eine nachhaltige Produktion aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit der Schulstreikbewegung\u00a0<em>Fridays For Future<\/em>\u00a0hat das Thema Klima eine neue Aktualit\u00e4t erhalten. Die Gr\u00fcnen schlagen vor, mit einer CO2-Steuer klimasch\u00e4dliches Verhalten zu sanktionieren und klimafreundliches Verhalten zu belohnen. Der Plan ist also, klimafreundliches Konsumverhalten zu erzwingen.<\/p>\n<p>Von unterschiedlicher Seite wird den Gr\u00fcnen entgegengehalten, dass Zwang nicht der Weg sei. Oder dass Beispiele von L\u00e4ndern, in denen eine CO2-Steuer bereits eingef\u00fchrt wurde, zeigen, dass solch eine Besteuerung keinen Einfluss auf den Aussto\u00df des Treibhausgases habe. Was in der Debatte aber bisher ausbleibt, das ist die Erkl\u00e4rung, wie der Kapitalismus klimasch\u00e4dliches Verhalten erzwingt.<\/p>\n<p>Ein zentrales Beispiel ist der Berufsverkehr: Niemand von uns steht auf dem Weg zur Arbeit freiwillig stundenlang im Stau. Der Kapitalismus zwingt uns dazu, wenn wir pendeln m\u00fcssen. Die Sparpolitik im Nahverkehr sowie die Interessen der deutschen Automobilkonzerne sorgen daf\u00fcr, dass wir mit dem Auto trotz Stau schneller zur Arbeit kommen als mit den \u00d6ffentlichen. Wer verbringt schon freiwillig t\u00e4glich eine halbe Stunde zus\u00e4tzlich in \u00fcberf\u00fcllten Bussen und Bahnen?<\/p>\n<p>Zudem befinden sich viele Betriebe au\u00dferhalb der Innenst\u00e4dte mit gut ausgebauter Anbindung an den \u00f6ffentlichen Nahverkehr. Besch\u00e4ftigte m\u00fcssen teilweise von einem Ende der Stadt zum gegen\u00fcberliegenden pendeln, weil sie sich die Mietpreise in den Innenst\u00e4dten nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Ebenso sind Naherholungsgebiete h\u00e4ufig schlecht angebunden.<\/p>\n<p>Geringere Mieten und ein massiver Ausbau des \u00f6ffentlichen Personennahverkehrs k\u00f6nnten hier Abhilfe schaffen, w\u00e4ren aber ein massiver Angriff auf die Interessen von Wohn- und Automobilkonzernen.<\/p>\n<p><strong>Wie der Kapitalismus nicht-nachhaltigen Konsum erzeugt<\/strong><\/p>\n<p>Eine weiterer wichtiger Punkt ist der Konsum von Waren: Wer im sich im Alltagsstress neben 40-Stundenwoche und Haushalt noch angemessen ern\u00e4hren m\u00f6chte, kommt an Plastikverpackungen nicht vorbei. Salat und Joghurt mit M\u00fcsli finden wir in wohl proportionierten Verpackungen f\u00fcr einen Ein-Personen-Haushalt. Frische Mahlzeiten sind mit einem Zeitaufwand verbunden, f\u00fcr den oftmals eben genau das nicht vorhanden ist \u2013 Zeit. Und allzu schnell wird der Salatkopf schlecht, bevor man ihn aufgebraucht hat.<\/p>\n<p>Fertignahrung mag zwar aus \u00f6kologischen Gesichtspunkten ein absolutes Debakel sein, aber dass es in Superm\u00e4rkten ein reichhaltiges Angebot davon gibt, das hat nichts mit Faulheit zu tun, sondern ist schlichtweg der Lebensrealit\u00e4t der Massen geschuldet. Somit erzwingt der Kapitalismus auf einer weiteren Ebene nicht-nachhaltiges Konsumverhalten.<\/p>\n<p>Im s\u00fcdlichen Teil der USA gibt es gar ein Ph\u00e4nomen, das als\u00a0<em>food desert<\/em>\u00a0(Nahrungsmittel-W\u00fcste) bezeichnet werden kann. Dort sind Fast-Food-Ketten \u00fcber weite Teile hinweg die einzige M\u00f6glichkeit, um \u00fcberhaupt an Nahrung zu gelangen. Einzelhandelsl\u00e4den, in denen frisches Gem\u00fcse eingekauft werden kann, sind dort schlichtweg nicht vorhanden. Stattdessen dominieren McDonalds und KFC den Nahrungsmittel-Markt.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/kfc-burger-king-boom-890x550.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6018\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/kfc-burger-king-boom-890x550.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/kfc-burger-king-boom-890x550-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/kfc-burger-king-boom-890x550-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Kommodifizierung der letzten Meile<\/strong><\/p>\n<p>Ein derzeit aktuell umstrittenes Thema finden wir auf vielen Gehwegen deutscher Gro\u00dfst\u00e4dte. Elektroroller sind in den letzten Monaten zu einem gro\u00dfen Thema im \u00f6ffentlichen Diskurs geworden. Dabei spielt auch ihre \u00d6kobilanz eine gro\u00dfe Rolle. Denn tats\u00e4chlich ist es nicht so, dass diese weniger nachhaltige Verkehrsmittel verdr\u00e4ngt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Was wir mit den E\u2011Rollern aktuell erleben, ist eine Kommodifizierung (das Hineinholen in den Markt) der sogenannten \u201eletzten Meile\u201c. Der Weg von der U\u2011Bahnstation nach Hause, den wir fr\u00fcher zu Fu\u00df erledigt haben, wird als neuer Markt entdeckt. Hier werden uns neue Dienstleistungen angeboten, die oft mit prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen einhergehen. Die Roller werden von Scheinselbstst\u00e4ndigen aufgeladen. F\u00fcr vier Euro pro Roller ist diese Arbeit das Pfandflaschensammeln der Digital Economy.<\/p>\n<p>Ebenso k\u00f6nnen wir uns den Einkauf von Niedrigl\u00f6hner*innen in Teilzeit direkt nach Hause liefern lassen. Nat\u00fcrlich ist der Einkauf neben Beruf und Familie eine weitere Last. Es spricht auch im Prinzip nichts dagegen, diese Arbeit zu vergesellschaften. Statt die notwendige Arbeit auf alle aufzuteilen, wird sie aber im Kapitalismus nur zu einer neuen Quelle des Profits f\u00fcr eine kleine Anzahl von Leuten, die von fremder Arbeit leben. Das Kapital macht aus unserer Not eine Tugend.<\/p>\n<p><strong>Aus unserer Not eine Tugend gemacht<\/strong><\/p>\n<p>Ganz allgemein ist es der Warencharakter, der zu klimasch\u00e4dlichem Konsumverhalten beitr\u00e4gt: Der Wald ist zur Ware geworden, wie auch unsere Arbeitskraft. Selbst unser Sozialleben ist zur Ware geworden und hat \u201esoziale Netzwerke\u201c wie Facebook und Google geschaffen, riesige Konzerne mit einem riesigen Stromverbrauch. Ebenso ist unsere Freizeit zur Ware geworden: \u00dcberall werden uns Flugreisen, Kreuzfahrten und Vergn\u00fcgungsparks angeboten, die unser elendes Dasein ein bisschen weniger elend erscheinen lassen.<\/p>\n<p>In den halbkolonialen und abh\u00e4ngigen L\u00e4ndern ist ein Markt f\u00fcr die \u00dcbersch\u00fcsse und den Abfall der zentralen imperialistischen L\u00e4nder entstanden. Hoch subventionierte Agrarexporte \u00fcberschwemmen die M\u00e4rkte in afrikanischen L\u00e4ndern und zerst\u00f6ren die lokale Landwirtschaft. Riesige Handelsnetze umspannen den Erdball nur mit dem Ziel, den Profit weiter in den H\u00e4nden weniger zu konzentrieren.<\/p>\n<p>Aufgrund schlecht ausgebauter Stromnetze in den Halbkolonien und abh\u00e4ngigen L\u00e4ndern, in denen Stromschwankungen und \u2011ausf\u00e4lle eher die Regel als die Ausnahme sind, hat sich dort ein Absatzmarkt f\u00fcr alte R\u00f6hrenmonitore entwickelt. Diese werden dort f\u00fcr umgerechnet 70 Euro gehandelt, w\u00e4hrend sie hier nur Schrottwert haben. Am Ende ihrer Nutzungsdauer werden sie dann dort unter elenden Bedingungen in ihre Einzelteile zerlegt. Nur um aus ihnen noch den letzten Tropfen Verwertbarkeit herauszupressen und andererseits um noch denen, den sonst nichts bleibt, ein elendes Auskommen zu erm\u00f6glichen. Das Kapital macht aus unserer Not noch eine Tugend.<\/p>\n<p><strong>Wie der \u201eKonsumgesellschaft\u201c entkommen?<\/strong><\/p>\n<p>Der Wunsch, der \u201eKonsumgesellschaft\u201c zu entfliehen, ist nachvollziehbar. Er ist dabei so alt wie die Industrialisierung selbst und auch in Teilen der Arbeiter*innenklasse popul\u00e4r. Dabei ist er aber nur f\u00fcr eine relativ kleine Zahl von Menschen eine realistische Option. Und selbst jene bleiben immer bis zu einem gewissen Grad von der kapitalistischen Produktionsmaschinerie abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen deshalb andere Wege finden, um den Kapitalismus insgesamt zu \u00fcberwinden und zu einer anderen Gesellschafts- und Produktionsform kommen, in der das kapitalistische Eigentum \u00fcberwunden ist und die Produktion unter demokratischen Kontrolle l\u00e4uft. Dies w\u00fcrde garantieren, dass im Interesse der Mehrheit und nicht im Interesse der Profite einer kleinen Anzahl von Menschen produziert wird.<\/p>\n<p>Dies kann nur gelingen, wenn wir die fortgeschrittensten Teile der Arbeiter*innenklasse f\u00fcr ein revolution\u00e4res Programm gewinnen und innerhalb der Arbeiter*innenbewegung um die F\u00fchrung k\u00e4mpfen. Nur so kann es gelingen, die Produktion vom Diktat des Kapitals zu befreien.<\/p>\n<p>Das ist die Grundbedingung daf\u00fcr, die weltweite Wirtschaft nachhaltig zu organisieren. Eine ganze Reihe unn\u00f6tiger Produkte w\u00fcrde verschwinden, die Bed\u00fcrfnisse der Menschen w\u00fcrden sich neu strukturieren. Warum noch mit dem Auto im Stau stehen, wenn wir einen gut ausgebauten Nahverkehr unter demokratischer Kontrolle haben und die Produktion so organisiert ist, dass Wohnort und Arbeitsplatz nicht meilenweit voneinander entfernt liegen?<\/p>\n<p>Die Versorgung mit Lebensmitteln k\u00f6nnte v\u00f6llig anders organisiert werden. Statt Plastikbechern mit Plastikgabeln im Supermarkt w\u00fcrde es in jedem Betrieb und in jedem Viertel Kantinen geben, in denen eine gesunde und nachhaltige Nahrungsversorgung \u00fcber den ganzen Tag gew\u00e4hrleistet ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine solche Welt wollen wir k\u00e4mpfen und schlagen daf\u00fcr ein Programm vor, das sich mit den zentralen K\u00e4mpfen verbindet. Daher fordern wir unter anderem, dass die Gewerkschaften zu einem echten Klimastreik aufrufen und schlagen eine radikale Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich vor, sowie die Vergesellschaftung der wichtigsten Industrien \u2013 wie Energie, Automobil- und Maschinenbau, Bau und Wohnen, Infrastruktur \u2013 sowie der Banken unter Arbeiter*innenkontrolle vor.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapitalismus-und-konsum\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. September 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert M\u00fcller. In der Debatte um den Klimawandel steht individuelles Konsumverhalten oft an vorderster Stelle. Dabei erzwingt der Kapitalismus auf unterschiedliche Weise klimasch\u00e4dliches Konsumverhalten. Wie kann dagegen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[25,87,55,58,22,4],"class_list":["post-6017","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-oekologie","tag-oekosozialismus","tag-politische-oekonomie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6017","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6017"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6019,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6017\/revisions\/6019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}