{"id":6037,"date":"2019-09-12T18:45:24","date_gmt":"2019-09-12T16:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6037"},"modified":"2019-09-13T14:47:24","modified_gmt":"2019-09-13T12:47:24","slug":"juso-wahlkampf-oder-bewegung-gegen-marsch-fuers-laebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6037","title":{"rendered":"Juso: Wahlkampf statt Bewegung gegen \u00abMarsch f\u00fcr\u2019s L\u00e4be\u00bb?"},"content":{"rendered":"<p><em>Nino Fedele.<\/em><strong> Am Samstag werden sich in Z\u00fcrich hunderte Aktivist*innen dem gr\u00f6ssten rechten Aufmarsch der Schweiz entgegenstellen. Solche Proteste waren in der Vergangenheit sehr erfolgreich. Die Juso kocht derweil ihr eigenes S\u00fcppchen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Am 14. September 2019 soll in Z\u00fcrich der \u00abMarsch f\u00fcr\u2019s L\u00e4be\u00bb stattfinden. Nach einigem juristischen Hin und Her ist klar, dass die christlichen Fundis durch den Kreis 5 laufen werden, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und die Selbstbestimmung von Frauen zu demonstrieren. Es handelt sich um den einzigen gr\u00f6sseren rechten Aufmarsch auf Schweizer Strassen. Hier treffen sich christliche Fundamentalist*innen aller Couleur, von erzkonservativen katholischen W\u00fcrdentr\u00e4gern \u00fcber evangelikale Sekten und vermeintlich hippe Freikirchen bis zu antifeministischen SVPler*innen und Neonazis.<\/p>\n<p>Obwohl der Spuk heuer bereits zum zehnten Mal stattfindet, ist der \u00abMarsch f\u00fcr\u2019s L\u00e4be\u00bb keineswegs eine Erfolgsgeschichte f\u00fcr die Fundis. Egal wo sie sich trafen, in Z\u00fcrich oder Bern, im proletarischen Viertel, im Aussenquartier, am See, in der Innenstadt oder auf dem hermetisch abgeriegelten Bundesplatz,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ajour-mag.ch\/eure-kinder-werden-so-wie-wir-marsch-fuers-laebe\">jedes Mal protestierten feministische, queere und antifaschistische Aktivist*innen und Anwohner*innen dagegen<\/a>. Jedes Jahr wurde die Gegenmobilisierung gr\u00f6sser und dynamischer. F\u00fcr den kommenden Samstag ruft das&nbsp;<em>B\u00fcndnis f\u00fcr ein selbstbestimmtes Leben<\/em>&nbsp;unter dem Motto&nbsp;<a href=\"https:\/\/barrikade.info\/article\/2526\">\u00abVo w\u00e4ge f\u00fcr\u2019s L\u00e4be!\u00bb<\/a>&nbsp;dazu auf, sich um 12.45 Uhr auf der Josefwiese zu treffen, um den antifeministischen Marsch zu st\u00f6ren und zu verhindern. Auch das&nbsp;<a href=\"https:\/\/frauenstreikzuerich.ch\/2019\/09\/08\/vo-waege-fuers-laebe-my-body-my-choice\/\">Z\u00fcrcher Frauenstreik-Kollektiv<\/a>&nbsp;mobilisiert auf diesen Protest.<\/p>\n<p><strong>Wahlkampf statt wirksamer Protest<\/strong><\/p>\n<p>Nicht dabei ist dieses Jahr aber die Juso der Stadt Z\u00fcrich. Die Jungpartei der SP schreibt sich gerne Feminismus auf die Fahnen und wirbt aktuell mit dem Slogan \u00abKonsequent. Feministisch. F\u00fcr die 99%\u00bb. Umso unverst\u00e4ndlicher scheint die Entscheidung der Juso, f\u00fcr Samstag die erstarkte feministische und queere Bewegung abzugr\u00e4tschen und im Alleingang zu einer Demonstration auf dem Z\u00fcrcher Helvetiaplatz aufzurufen. Der Helvetiaplatz liegt weit weg vom Turbinenplatz, wo sich die Fundis versammeln wollen. Trotzdem stellt die Juso ihre Mobilisierung in die Tradition der erfolgreichen Proteste der letzten Jahre, indem sie von einer \u00abGegendemo\u00bb spricht. Zusammen mit der konsequenten Nicht-Erw\u00e4hnung der richtigen Gegendemo nimmt sie damit eine Spaltung und Schw\u00e4chung des Protests gegen den \u00abMarsch f\u00fcr\u2019s L\u00e4be\u00bb in Kauf. Auch erm\u00f6glicht es die Juso-Veranstaltung den Beh\u00f6rden, alle anderen Gegendemonstrant*innen einfacher zu kriminalisieren. W\u00e4hrend die massenhaften Festnahmen im Jahr 2015 f\u00fcr viel Kritik gesorgt haben, kann sich die Polizei nun auf den Standpunkt stellen, dass sie ja eine Demonstration bewilligt h\u00e4tten, wo die Leute ihren Unmut kundtun k\u00f6nnten \u2013 und im Gegenzug alle vor Ort protestierenden Menschen als \u00abgewaltt\u00e4tige Extremist*innen\u00bb brandmarken.<\/p>\n<p>In der Vergangenheit war das anders: Die Juso war zwar nie Teil der aufrufenden B\u00fcndnisse, aber viele Juso-Aktivist*innen waren selbstverst\u00e4ndlich mit dabei und ihre Exponent*innen solidarisierten sich \u00f6ffentlich mit den Demonstrationen. Nun machen einige junge Sozialdemokrat*innen eine Kehrtwende und laufen der Bewegung davon. Der Wahlkampf f\u00fcr die Parlamentswahlen scheint wichtiger zu sein. Da versucht die Partei zwar vom Erstarken der feministischen Bewegung zu profitieren, will dann aber doch lieber nicht hinter einer breiten B\u00fcndnismobilisierung verblassen, deren Inhalte und Strategie sie nicht bestimmen kann. Auch kann die Juso wohl keine negativen Schlagzeilen gebrauchen, falls im Zusammenhang der Protestaktionen von \u00abAusschreitungen\u00bb die Rede sein sollte.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Marsch-gegen-L\u00e4be-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6038\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Marsch-gegen-L\u00e4be.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Marsch-gegen-L\u00e4be-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Marsch-gegen-L\u00e4be-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><em>\u00abFahrt zur H\u00f6lle!\u00bb \u2013 Der laute Gegenprotest hat den Fundis in den letzten Jahren das Demonstrieren jeweils geh\u00f6rig verdorben<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Direkte Intervention gegen rechte Hetze<\/strong><\/p>\n<p>Es geht beim Protest gegen den reaktion\u00e4ren Aufmarsch aber um mehr. Der \u00abMarsch f\u00fcr\u2019s L\u00e4be\u00bb richtet sich nicht nur gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, sondern dient auch als Artikulationsplattform f\u00fcr rechte Kr\u00e4fte aller Art. In den vergangenen Jahren bewegten sich nicht nur Pr\u00fcgel-Katholiken aus Polen, sondern auch die v\u00f6lkischen \u00abSchweizer Demokraten\u00bb und die Neonazi-Partei PNOS im Fahrwasser der Veranstaltung. Gleichzeitig gelang es den religi\u00f6sen Fundamentalist*innen gem\u00e4ssigte Kr\u00e4fte ins Boot zu holen und somit in die politische Mitte hineinzuwirken. Auf diese Weise erh\u00e4lt ihre rassistische, homophobe, frauenfeindliche und fundamentalistische religi\u00f6se Propaganda nicht nur eine breite \u00d6ffentlichkeit, sondern die Reaktion\u00e4ren k\u00f6nnen sich an dem Anlass auch vernetzen und Erfahrungen mit Strassenaktionen sammeln. Die physische Pr\u00e4senz auf der Strasse spielt eine wichtige Rolle f\u00fcr die Rechten. Sie sind damit attraktiv f\u00fcr ihre Sympathisant*innen und eine unmittelbare Gefahr f\u00fcr die Menschen, welche nicht in ihr Weltbild passen. Bei Abtreibungsgegner*innen ist das nicht anders, in vielen L\u00e4ndern veranstalten sie regelm\u00e4ssig grosse Aufm\u00e4rsche. Auch geh\u00f6rt es etwa zu ihrem Repertoire, vor Kliniken oder Beratungsstellen betroffene Frauen und Personal zu drangsalieren. Gegen ein solches Gefahrenpotential hilft kein demokratischer Wettstreit um Ideen, sondern nur die konkrete Intervention.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren brachte das gemeinsame Ziel, den \u00abMarsch f\u00fcr\u2019s L\u00e4be\u00bb zu st\u00f6ren und zu verhindern viele unterschiedliche Akteur*innen der feministischen, queeren und antifaschistischen Bewegung zusammen. Die Mobilisierung f\u00fchrte also auch zu Organisierung und Vernetzung, was wiederum andere K\u00e4mpfe und insbesondere die feministische Bewegung st\u00e4rkte. Es geht nicht darum, sich auf gemeinsame Forderungen oder Wahlprogramme zu einigen, sondern es geht um das praktische Ziel, den Aufmarsch nicht gew\u00e4hren zu lassen. Wenn Rechte aufmarschieren, agieren wir gemeinsam und lassen die Quartierbev\u00f6lkerung nicht alleine. Dabei entfaltet gerade die Vielfalt der Protestformen eine grosse Wirkung. Das Ziel ist es, die Aussenwahrnehmung der Rechten auf der Strasse zu verringern und daf\u00fcr zu sorgen, dass die Marsch-Teilnehmer*innen irgendwann keinen Bock mehr haben. Wir machen den reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften den \u00f6ffentlichen Raum streitig, um ihre Handlungsmacht einzuschr\u00e4nken und zugleich die unsrige zu erweitern. Diese Aufgabe wird uns der Staat nicht abnehmen, das m\u00fcssen wir selber tun. Und das ist wichtiger als Wahlkampf.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ajour-mag.ch\/wtf19\/\"><em>ajour-mag.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. September 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nino Fedele. Am Samstag werden sich in Z\u00fcrich hunderte Aktivist*innen dem gr\u00f6ssten rechten Aufmarsch der Schweiz entgegenstellen. Solche Proteste waren in der Vergangenheit sehr erfolgreich. 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