{"id":6065,"date":"2019-09-29T15:55:31","date_gmt":"2019-09-29T13:55:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6065"},"modified":"2019-09-29T15:55:32","modified_gmt":"2019-09-29T13:55:32","slug":"die-unbehelligte-herrschende-klasse-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6065","title":{"rendered":"Die unbehelligte \u00abherrschende Klasse\u00bb der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ihre Namen sind unscheinbar: Kamprad, Hoffmann, Lehmann. Doch dahinter verstecken sich die gr\u00f6ssten Kapitale der Schweiz. Gemeinsam bilden sie die Bourgeoisie. Wir stellen unsere Gegnerin im Klassenkampf vor.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Reichen werden immer reicher \u2013 nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt. Die reichsten 300 Individuen oder Familien in der Schweiz kontrollieren gemeinsam die astronomische Summe von 675 Milliarden Franken. So viel wie nie zuvor! Das bleibt nicht folgenlos, denn auf der anderen Seite sind die Reall\u00f6hne gesunken und Privatschulden t\u00fcrmen sich auf.<\/p>\n<p>Weltweit besitzt eine Handvoll Personen \u2013 acht, laut der Stiftung Oxfam \u2013 gleich viel wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Menschheit. 2017 hat das reichste Prozent zudem 82% aller Verm\u00f6gensgewinne eingestrichen (Die Zeit). Derartige Ungleichheit raubt vielen Menschen das letzte Vertrauen in den Kapitalismus. Die v\u00f6llig ungleiche Wirkung der Krise \u00aboben\u00bb und \u00abunten\u00bb emp\u00f6rt immer \u00f6fter und immer st\u00e4rker. Zuweilen schl\u00e4gt das in offenen Hass um. Dieser Hass auf die Krisenprofiteure ist eine ausserordentlich gesunde Klassenreaktion. Doch die Frage muss aufgeworfen werden: Wer ist es denn, den man hasst? Wer ist verantwortlich? Ohne Antworten auf diese Fragen wird man weder zur Wurzel des Problems vordringen, noch es beseitigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Eine Frage der Klasse<\/strong><\/p>\n<p>Gibt es noch eine Arbeiterklasse? Obwohl uns diese Frage hier nicht besch\u00e4ftigen soll, setzen wir das voraus. Wir leben in einer Klassengesellschaft. Das heisst, die Menschheit ist durch verschiedene Stellungen im gesellschaftlichen Produktionsprozess gespalten. Die meisten sind lohnabh\u00e4ngig: Sie m\u00fcssen f\u00fcr eine betr\u00e4chtliche Periode ihres Lebens ihre Arbeitskraft verkaufen und f\u00fcr einen Kapitalisten Mehrwert erzeugen, woraus der Kapitalist Profit schl\u00e4gt. Die Stellung als Ausbeuter macht die Kapitalisten aus, denn das unterscheidet sie grundlegend von den ausgebeuteten Arbeitern.<\/p>\n<p>Das heisst im Umkehrschluss: Auch die \u00abReichen\u00bb bilden eine Klasse, diejenige der Kapitalisten oder die Bourgeoisie. Doch nicht ihr Reichtum ist das Entscheidende. Aus der Ausbeutung als Klassenmerkmal ergeben sich gemeinsame Interessen. Sie wollen, dass die Gesellschaft so bleibt wie sie ist und ihren Platz behalten. Dies alles trifft sowohl f\u00fcr eine Managerin zu, die mit ihrem \u00fcberrissenen Gehalt ein Aktienpaket erh\u00e4lt, wie f\u00fcr den Spr\u00f6ssling einer Milliard\u00e4rsfamilie, der nur von den Zinsen lebt. Auch wenn man diese Einteilung feiner machen k\u00f6nnte, sind dies die wesentlichen Merkmale der herrschenden Klasse im Kapitalismus.<\/p>\n<p>Zyniker unterstreichen den Fakt, dass 60% der Schweizer Bev\u00f6lkerung mehr als 100\u2019000$ Verm\u00f6gen haben (CS-Wealth report). Doch nur weil sich Lohnabh\u00e4ngige m\u00fchsam die Hypothekeneinlage zusammensparen, um mit Wohneigentum die explodierenden Mieten zu vermeiden, macht sie das noch nicht zu Kapitalisten. Die Trennlinien sind vielleicht nicht messerscharf. Daf\u00fcr sind die Pole umso klarer: Vier von zehn Haushalten hatten 2016 Schulden, um ihren Konsum zu finanzieren (work). Auf der anderen Seite leben in der Schweiz gut 5\u2019000 Personen, die zu den 10% der reichsten weltweit z\u00e4hlen. 980 davon besitzen \u00fcber 100 Millionen. Am oberen Ende ist also klar erkennbar, wer diese Bourgeoise ausmacht. Viele wohnen in der Schweiz, weil die Steuern tief sind.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"564\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-2048px-Der_Streik_von_Robert_Koehler-1180x650-1024x564.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6066\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-2048px-Der_Streik_von_Robert_Koehler-1180x650-1024x564.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-2048px-Der_Streik_von_Robert_Koehler-1180x650-300x165.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-2048px-Der_Streik_von_Robert_Koehler-1180x650-768x423.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/cropped-2048px-Der_Streik_von_Robert_Koehler-1180x650.jpg 1180w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:%22Der_Streik%22_von_Robert_Koehler.jpg\"><em>\u201eDer Streik\u201c von Robert K\u00f6hler<\/em><\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Die Schweizer Kapitalisten<\/strong><\/p>\n<p>Wer ist also diese Klasse in der Schweiz? Nehmen wir die f\u00fcnf Reichsten aus der Liste des Bilanz Magazins als Startpunkt: Kamprad (Ikea), Oeri-Hoffmann (Roche-Pharma), Lehmann (Bier, Burger King und Investmentbanking), Safra (Bank), Wertheimer (Chanel). Dies sind ExponentInnen der Bourgeoisie. Ihnen geh\u00f6ren die gr\u00f6ssten Unternehmen. Sie sind die Empfangenden des Mehrwerts. Eine Bankendynastie ist nur einmal vertreten; wichtiger sind Lebensmittelkonzerne, darunter Kaffee und Bier sowie hochentwickelte Medizin-, Industrie- und Elektrotechnik.<\/p>\n<p>Die obige Auswahl entspricht dem dominanten Kapital der Schweizer Wirtschaft: Wenige Grossunternehmen der Maschinen- und Pharmaindustrie, des Finanzplatzes, relativ besch\u00e4ftigungsstarke Detailh\u00e4ndler sowie in der Schweiz ans\u00e4ssige Holdinggesellschaften. Die meisten Firmen sind direkt oder indirekt (Zulieferung) von der internationalen Wirtschaft abh\u00e4ngig. Im 20. Jahrhundert hat sich die Schweizer Wirtschaft immer st\u00e4rker mit dem Weltmarkt verflochten. Heute sind die meisten grossen Unternehmen multinationale Konzerne, die ihre Konzernzentrale vor allem zu Steuerzwecken in der Schweiz haben. Weiter wird auch die Bezeichnung \u00abSchweizer Banken\u00bb widerspr\u00fcchlich, wenn man die Eigent\u00fcmerstruktur betrachtet: Nur gut 20% der UBS-Aktien sind in der Schweiz registriert.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Klassenkampf ist es nat\u00fcrlich politisch belanglos, ob jemand eine Schweizer Staatsangeh\u00f6rigkeit hat, auf den Binnenmarkt oder international ausgerichtet ist. Politisch nicht belanglos ist ein anderer Fakt: Diese Klasse kontrolliert \u00fcber Beteiligungsscheine oder direkte Besitztitel das Kapital in und dessen Aktivit\u00e4ten von der Schweiz aus. Sie leben von der Ausbeutung der Lohnabh\u00e4ngigen in der Schweiz und im Ausland, ohne daf\u00fcr auch nur einen Finger r\u00fchren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Abseits der Drecksgesch\u00e4fte<\/strong><\/p>\n<p>Nur noch selten werden Einzelpersonen und Familien mit den grossen Konzernen identifiziert. Im Scheinwerferlicht stehen die Manager. Aber dies sind eben nur die Verwalter. Obschon sie meist kleine Kapitalisten sind, verdecken sie die Sicht auf den Kern der herrschenden Klasse.<\/p>\n<p>Die wirklichen Schwergewichte haben es meist gar nicht n\u00f6tig, mit harter Klassenkampfrhetorik aufzufallen. Sie mischen sich nicht in die Tagesgesch\u00e4fte ein. Auffallen tun sie nur durch das lockere Scheckbuch an den Banketten und Ap\u00e9ros ihrer \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich Kunstsammlungen und \u00abwohlt\u00e4tigen\u00bb Stiftungen. \u00dcber 100 Milliarden liegen in Schweizer Stiftungen, die j\u00e4hrlich knapp 2,5 Milliarden aussch\u00fctten. Das bietet mehrere Vorteile: erstens umgehen sie so Steuern, zweitens gibt es Renommee und drittens stellt es die Ungleichheiten als normal dar; ihre \u00abWohlt\u00e4tigkeit\u00bb behebt ja die schlimmsten Missst\u00e4nde. Statt Dankbarkeit zu zeigen f\u00fcr die Millionenspenden muss man die Frage stellen, warum diese Leute \u00fcberhaupt die Millionen zum Spenden haben. Eigentlich fehlt alles, was in die Stiftungen fliesst und noch viel mehr, auf dem eigenen Lohnzettel und in den \u00f6ffentlichen Kassen.<\/p>\n<p><strong>Die Klasse sozial beseitigen<\/strong><\/p>\n<p>Zu selten kommt es zu Angriffen auf die Klasse der Kapitalisten. Die Skandalisierung von Einzelf\u00e4llen \u2013 wie diejenige exorbitanter Manager-\u00abBoni\u00bb \u2013 ist keine Gefahr f\u00fcr die kapitalistische Klassenherrschaft. Die wirklichen Profiteure des Systems bleiben unbehelligt und m\u00fcssen sich nie f\u00fcr ihr Parasitendasein rechtfertigen.\u00a0<\/p>\n<p>In der politischen Analyse geht es selten um Einzelf\u00e4lle. Wir m\u00fcssen dieses System mit seinen sozialen Beziehungen und deren gegens\u00e4tzlichen Polen verstehen. Die Schlussfolgerung kann nur eine sein: Wollen wir mit dem Kapitalismus Schluss machen, dann m\u00fcssen wir den Kapitalisten die Grundlage f\u00fcr ihre soziale Stellung entziehen: ihren Besitz. Wir m\u00fcssen sie allesamt enteignen und den von der Gesellschaft erarbeiteten Reichtum unter gesellschaftliche Kontrollen stellen. So, und nur so, werden wir die herrschende Klasse los: indem wir sie sozial beseitigen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/allgemein-de\/die-unbehelligte-herrschende-klasse-der-schweiz\/\">derfunke.ch&#8230;<\/a> vom 29. September 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Namen sind unscheinbar: Kamprad, Hoffmann, Lehmann. Doch dahinter verstecken sich die gr\u00f6ssten Kapitale der Schweiz. Gemeinsam bilden sie die Bourgeoisie. 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