{"id":6079,"date":"2019-10-02T09:04:14","date_gmt":"2019-10-02T07:04:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6079"},"modified":"2019-10-02T09:04:16","modified_gmt":"2019-10-02T07:04:16","slug":"politische-lehren-aus-dem-bankrott-des-maoismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6079","title":{"rendered":"Politische Lehren aus dem Bankrott des Maoismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Symonds.<\/em> Vor 70 Jahren, nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), rief Mao Zedong auf dem Tiananmen-Platz die Volksrepublik China aus.<!--more--><\/p>\n<p>Das derzeitige KPCh-Regime unter der Leitung von Pr\u00e4sident Xi Jinping nutzte diesen Anlass f\u00fcr eine riesige Milit\u00e4rparade in Beijing und extravagante Feiern mit Gesang, Tanz und Feuerwerk. Xi hielt auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine Rede, die vom chinesischen Nationalismus ges\u00e4ttigt war und seinen \u201eTraum\u201c von der nationalen Verj\u00fcngung und der Wiedererstarkung Chinas darlegte.<\/p>\n<p>Die Chinesische Revolution war ein monumentaler gesellschaftlicher Umbruch, der die imperialistische Unterwerfung Chinas beendete, das Land vereinte, die Lebensbedingungen der Bev\u00f6lkerung verbesserte und vieles, was kulturell und sozial r\u00fcckst\u00e4ndig war, eliminierte. Die politischen Erben von Mao Zedong k\u00f6nnen jedoch nicht erkl\u00e4ren, wie und warum die Tr\u00e4ume und das Streben der Werkt\u00e4tigen nach einer sozialistischen Zukunft, f\u00fcr die vor 70 Jahren so viele Opfer gebracht wurden, in die Sackgasse des Kapitalismus gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Das gewaltige Wirtschaftswachstum in China in den letzten drei Jahrzehnten hat zu einer riesigen und immer gr\u00f6\u00dfer werdenden sozialen Kluft zwischen einer winzigen Schicht von milliardenschweren Oligarchen, die von der KPCh vertreten werden, und der Masse von chinesischen Arbeitern und Bauern gef\u00fchrt, die in einer von Profit und Markt dominierten Gesellschaftsordnung ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die internationale Arbeiterklasse, insbesondere f\u00fcr die Arbeiter in China, ist es wichtig, dass die politischen Lehren aus dem Verrat gezogen werden, den Mao und die KPCh an der Idee des Sozialismus begangen haben. Jeder Kampf f\u00fcr den Sozialismus muss heute zwangsl\u00e4ufig die Frage beantworten: Warum endeten die Revolutionen des 20. Jahrhunderts, vor allem in Russland und China, in der Restauration des Kapitalismus?<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen liegt die Antwort in Entstehung und Aufstieg der stalinistischen B\u00fcrokratie in der Sowjetunion, die die Macht der Arbeiterklasse an sich gerissen hat. Sie gr\u00fcndete ihre Privilegien auf der reaktion\u00e4ren nationalistischen Perspektive des \u201eSozialismus in einem Land\u201c. Dies war dem sozialistischen Internationalismus, der die russische Revolution unter Lenin und Trotzki im Oktober 1917 bestimmte, diametral entgegengesetzt.<\/p>\n<p>In China sorgte Stalin daf\u00fcr, dass sich die neu gegr\u00fcndete Kommunistische Partei Chinas der nationalistischen Kuomintang (KMT) unterordnete \u2013 mit verheerenden Folgen. In den revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen der Jahre 1925-27 wandten sich Chiang Kai-shek und die KMT im April 1927 gegen die KPCh und schlachteten Tausende von Arbeitern und Kommunisten ab, als diese die Kontrolle \u00fcber Shanghai \u00fcbernommen hatten. Einen Monat sp\u00e4ter begann die so genannte \u201elinke\u201c KMT, von der Stalin behauptete, sie stelle einen fortschrittlichen Fl\u00fcgel der chinesischen Bourgeoisie dar, eine Welle von Morden an Vertretern der Arbeiterklasse. Als die revolution\u00e4re Flut zur\u00fcckging, st\u00fcrzte Stalin die angeschlagene KPCh in eine Reihe von Abenteuern, die alle mit tragischen Folgen f\u00fcr die Arbeiterklasse und die Bauernschaft scheiterten.<\/p>\n<p>Leo Trotzki hatte vor den Gefahren gewarnt, die mit der Unterordnung der KPCh unter die Kuomintang verbunden waren, und seine Analyse der Politik Stalins fand Unterst\u00fctzung bei KPCh-Mitgliedern und F\u00fchrern, die aus der Partei ausgeschlossen wurden. Nach Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die der Russischen Revolution zugrunde lag, war die Bourgeoisie in L\u00e4ndern mit einer versp\u00e4teten kapitalistischen Entwicklung wie China nicht in der Lage, die demokratischen und sozialen Hoffnungen und Bestrebungen der Massen zu erf\u00fcllen. Diese Aufgaben w\u00fcrden der Arbeiterklasse obliegen, die mit Unterst\u00fctzung der Bauernmassen gezwungen sei, die Macht in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen und sozialistische Ma\u00dfnahmen umzusetzen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"479\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Unbenanntes-Bild.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6080\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Unbenanntes-Bild.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Unbenanntes-Bild-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Mao ruft 1949 die Volksrepublik China aus<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die KPCh zog sich jedoch auf das Land zur\u00fcck und st\u00fctzte sich zunehmend nicht mehr auf die Arbeiterklasse, sondern auf b\u00e4uerliche Guerillatruppen. Ihre Perspektive basierte auf der diskreditierten \u201eZwei-Stufen-Theorie\u201c &#8211; zun\u00e4chst sollte eine nationale demokratische Revolution unter F\u00fchrung der Bourgeoisie stattfinden und in ferner Zukunft eine sozialistische Revolution. Diese nationalistische Perspektive besch\u00e4digte und deformierte die Chinesische Revolution, als sie 22 Jahre sp\u00e4ter tats\u00e4chlich stattfand.<\/p>\n<p>Die Chinesische Revolution von 1949 war Teil eines weltweiten Aufbegehrens der Arbeiterklasse und der kolonialen Massen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwei Jahre lang nach der Niederlage Japans versuchte Mao, eine Koalitionsregierung mit Chiang Kai-shek, dem Schl\u00e4chter von Shanghai, zu bilden, in \u00dcbereinstimmung mit Stalins Anweisungen an die kommunistischen Parteien auf internationaler Ebene. Um die Bourgeoisie und die Gro\u00dfgrundbesitzer nicht zu entfremden, blockierte die KPCh bewusst die zunehmenden K\u00e4mpfe der Arbeiter und schr\u00e4nkte den Umfang der Landreform ein. Chiang Kai-shek nutzte die Zeit, um seinen Einfluss in den St\u00e4dten zu festigen und startete mit Waffen und Hilfe des US-Imperialismus eine milit\u00e4rische Offensive gegen die KPCh.<\/p>\n<p>Erst im Oktober 1947 rief die KPCh schlie\u00dflich zum Sturz der korrupten und gehassten KMT-Diktatur auf. Die Geschwindigkeit, mit der Chiang und sein Regime implodierten, machte deutlich, dass sie viel schneller h\u00e4tten verdr\u00e4ngt werden k\u00f6nnen, wenn die KPCh von Anfang an die Arbeiter in den St\u00e4dten mobilisiert h\u00e4tte, anstatt sie anzuweisen, passiv auf ihre \u201eBefreiung\u201c durch die Bauernarmeen der Partei zu warten. Die Feindseligkeit der KPCh gegen\u00fcber dem unabh\u00e4ngigen Kampf der Arbeiterklasse war denn auch das Hauptmerkmal ihrer Herrschaft in den letzten 70 Jahren.<\/p>\n<p>Die 1949 von Mao ausgerufene Volksrepublik China basierte nie auf einem sozialistischen Programm, sondern auf seiner \u201eNeuen Demokratie\u201c &#8211; der Umsetzung der ersten, b\u00fcrgerlichen demokratischen Stufe. Die KPCh verstaatlichte nur die Unternehmen von \u201eb\u00fcrokratischen Kapitalisten\u201c, die mit Chiang nach Taiwan geflohen waren, und sch\u00fctzte gleichzeitig die Gewinne und das Eigentum der Mehrheit der Kapitalisten. Maos Regierung basierte auf einer Koalition mit b\u00fcrgerlichen Parteien, von denen einige hochrangige Posten besetzten.<\/p>\n<p>Maos Perspektive eines autarken China f\u00fchrte schnell in die Sackgasse. Der US-Imperialismus, dessen Pl\u00e4ne zur Ausbeutung Chinas 1949 abrupt beendet worden waren, wollte den Koreakrieg 1950-1953 als Mittel nutzen, um das KPCh-Regime zu untergraben und schlie\u00dflich zu st\u00fcrzen. Folglich wurde Mao durch die US-Wirtschaftsblockade und die Kriegsgefahr gezwungen, ausl\u00e4ndische und nationale Unternehmen zu verstaatlichen, die eine chinesische Aufr\u00fcstung sabotierten, und eine b\u00fcrokratische Wirtschaftsplanung nach dem Vorbild der Sowjetunion einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>1955 kam die amerikanische Socialist Workers Party, damals die trotzkistische Partei in den USA, auf der Grundlage von Diskussion in der Vierten Internationale \u00fcber die Pufferstaaten Osteuropas zu dem Schluss, dass China als deformierter Arbeiterstaat zu betrachten sei. Es handelte sich um ein \u00dcbergangsregime. Verstaatlichtes Eigentum und Wirtschaftsplanung war eingef\u00fchrt worden, aber der neue Staat war von Anfang an deformiert und der Arbeiterklasse fehlte jede politische Stimme oder demokratische Rechte. Entweder w\u00fcrde China in Richtung eines echten Sozialismus voranschreiten, was den Sturz der maoistischen B\u00fcrokratie durch die Arbeiterklasse in einer politischen Revolution voraussetzte &#8211; wie von der trotzkistischen Bewegung bef\u00fcrwortet \u2013 oder eine R\u00fcckkehr zum Kapitalismus w\u00e4re unvermeidlich.<\/p>\n<p>Als Ergebnis seines nationalistischen Programms, das auf der antimarxistischen Perspektive des Sozialismus in einem Land basiert, bewegte sich das maoistische Regime von einer Krise zur anderen &#8211; vom katastrophalen Gro\u00dfen Sprung nach vorn in den 1950er Jahren \u00fcber die chinesisch-sowjetische Entzweiung bis hin zur desastr\u00f6sen Kulturrevolution in den 1960er Jahren. Angesichts einer stagnierenden Wirtschaft und der wachsenden Gefahr eines Krieges mit der Sowjetunion wandte sich Mao nur 22 Jahre nach der Revolution von 1949 an den US-Imperialismus. W\u00e4hrend Deng Xiaoping immer als Urheber der marktfreundlichen Politik und kapitalistischen Restauration in China angef\u00fchrt wird, setzte er einfach Maos Ann\u00e4herung an US-Pr\u00e4sident Richard Nixon im Jahr 1972 konsequent fort.<\/p>\n<p>Dengs \u201eReform und \u00d6ffnung\u201c von 1978 fiel zusammen mit der rasanten Entwicklung einer globalisierten Produktion, die von den USA und anderen kapitalistischen M\u00e4chten angef\u00fchrt wurde. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989, das vor allem auf die Unterdr\u00fcckung der rebellischen Arbeiterklasse abzielte, str\u00f6mten ausl\u00e4ndische Investitionen ins Land, um die nach der Revolution aufgebaute Infrastruktur und Rohstoffindustrie sowie die billigen, aber vergleichsweise gut ausgebildeten und streng kontrollierten Arbeitskr\u00e4fte zu nutzen.<\/p>\n<p>In seiner gestrigen Rede prahlte Xi mit den Errungenschaften Chinas, huldigte den maoistischen Revolution\u00e4ren und erinnerte an seinen Traum, China seine Gr\u00f6\u00dfe zur\u00fcckzugeben &#8211; ein Traum, der die Ambitionen der aufstrebenden chinesischen Kapitalistenklasse repr\u00e4sentiert. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas ist jedoch konfrontiert mit einer von den Vereinigten Staaten dominierten imperialistischen Weltordnung. Die USA sind bereit, alle Mittel, auch milit\u00e4rische, einzusetzen, um zu verhindern, dass China die amerikanische Vormachtstellung in Frage stellt.<\/p>\n<p>Xi und die KPCh-B\u00fcrokratie haben keine Antwort auf das amerikanische Kriegstreiben \u2013 sie suchen den Ausgleich, w\u00e4hrend sie sich gleichzeitig an einem Wettr\u00fcsten beteiligen, das die Gefahr von Konflikten nur noch erh\u00f6ht. Ebenso reagiert der maoistische Apparat auf die wachsenden Anzeichen von Unruhen in der Arbeiterklasse, die insbesondere durch die Proteste in Hongkong angezeigt werden, indem man den Nationalismus zur Spaltung der Arbeiter sch\u00fcrt. Dies wird verbunden mit einer verst\u00e4rkten polizeistaatlichen Repression.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die B\u00fcrokratie in Beijing mit US-Aggressionen in Form von Handelskrieg und dem Aufr\u00fcsten in Asien konfrontiert ist, f\u00fcrchtet sie die Arbeiterklasse noch mehr. Sie gibt mehr f\u00fcr die innere Sicherheit aus als f\u00fcr das Milit\u00e4r.<\/p>\n<p>Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) ruft die internationale Arbeiterklasse auf, die notwendigen politischen Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Verrat des Maoismus hat eine Katastrophe nach der anderen verursacht, nicht nur in China, sondern durch seinen sch\u00e4dlichen Einfluss in ganz Asien und international. Inmitten einer tiefen Krise des Kapitalismus weltweit lautet die einzige Antwort auf Kriegsgefahr, faschistische Tendenzen und den Niedergang der Lebensbedingungen: St\u00fctzt euch auf das Programm des sozialistischen Internationalismus, das der Oktoberrevolution 1917 zugrunde lag und f\u00fcr das allein die trotzkistische Bewegung immer konsequent gek\u00e4mpft hat.<\/p>\n<p>[\u2026] Um Arbeiter in China und auf der ganzen Welt f\u00fcr eine sozialistische Zukunft zu vereinen, ist es notwendig, eine revolution\u00e4re F\u00fchrung f\u00fcr die kommenden Klassenk\u00e4mpfe aufzubauen, das heisst einer politischen Organisation, die sich auf die theoretischen und politischen Lehren des Kampfes gegen den Stalinismus in all seinen Formen, einschlie\u00dflich des Maoismus, st\u00fctzt. Dies ist nur im Rahmen der weiter entwickelten revolution\u00e4ren Tradition von einigen Str\u00f6mungen des Trotzkismus -beispielsweise des IKVI &#8211; m\u00f6glich.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/10\/02\/pers-o02.html\"><em>wsws.org&#8230; <\/em><\/a><em>2. Oktober 2019 mit einer leichten \u00c4nderung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Symonds. 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