{"id":6098,"date":"2019-10-04T17:09:01","date_gmt":"2019-10-04T15:09:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6098"},"modified":"2019-10-04T17:09:02","modified_gmt":"2019-10-04T15:09:02","slug":"tod-eines-handlungsreisenden-arthur-millers-literarisches-psychodrama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6098","title":{"rendered":"Tod eines Handlungsreisenden: Arthur Millers literarisches Psychodrama"},"content":{"rendered":"<p><em>Richard Albrecht. <\/em>\u00bb<em>Das Wunschbild der sexuell-sozialen Versorgtheit, der rationalisierten Sexualit\u00e4t (l\u00e4sst) die Ehe zur b\u00fcrgerlichen Einrichtung im B\u00fcrgertum werden (\u2026) und setzt Familie als Refugium vor dem Lebenskampf<\/em>.\u00ab<!--more--><span style=\"font-size: inherit;\">Ernst Bloch (1895-1977): Das Prinzip Hoffnung<\/span><\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>In seinem 1987 in den USA ver\u00f6ffentlichten Erinnerungsbuch \u00bbTimebends \u00ab kommt Arthur Miller auch ein paar Mal und eher wie beil\u00e4ufig auf sein \u00e4sthetisch und kommerziell erfolgreichstes B\u00fchnenst\u00fcck \u00bbDeath of the Salesman. Certain Private Conversations in Two Acts &amp; a Requiem\u00ab zu sprechen. Der Dramatiker will n\u00e4mlich die ihn \u00fcberraschende \u00bbunwahrscheinliche Wirkung\u00ab seines (inzwischen \u2013 1953\/54 und 1984\/85 \u2013 zwei Mal verfilmten) dramatischen Konfliktstoffs erkl\u00e4ren. Miller f\u00fchrt zwei besondere Auff\u00e4lligkeiten an: Einmal beobachtete Publikumsreaktionen. Zum anderen erfahrene Pressekritiken. Bereits unmittelbar nach der ersten \u00f6ffentlichen Auff\u00fchrung von \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab \u2013 dies war\u00a0 noch vor der New Yorker Premiere am 7. Oktober 1949 (in Philadelphia) \u2013 gab es seitdem anhaltende (und auch interkulturell vergleichbare, damit nicht auf die USA beschr\u00e4nkte) Betroffenheiten.<\/p>\n<p>Wie bei manchen sp\u00e4teren Vorstellungen gab es bei der ersten Auff\u00fchrung nach dem Schlussvorhang keinen Applaus. Unter den Zuschauern ereigneten sich merkw\u00fcrdige Dinge. (\u2026) Besonders M\u00e4nner sa\u00dfen vorgebeugt und vergruben das Gesicht in den H\u00e4nden, andere weinten. (\u2026) Zuschauer gingen durch das Theater, um sich mit jemandem leise zu unterhalten. Eine Ewigkeit schien zu vergehen ehe jemand daran dachte, zu applaudieren, und dann h\u00f6rte der Beifall nicht mehr auf.\u00ab Was im ersten Moment als theatralische Inszenierung erscheinen k\u00f6nnte \u2013 war authentisch: Eine den Theater-Rahmen aufsprengende Reaktionsweise, merkw\u00fcrdig und aufschlu\u00dfreich zugleich. Und nat\u00fcrlich auch der (lower) middle-class-Identifikationsfigur Willy Loman (low man \u2026) als reisendem Kleinh\u00e4ndler (Vertreter) zuzuschreiben\u2026<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"801\" height=\"354\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/A.-Miller.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6099\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/A.-Miller.png 801w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/A.-Miller-300x133.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/A.-Miller-768x339.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 801px) 100vw, 801px\" \/><\/figure>\n<p>Zum zweiten, Theaterkritiken der Presse, erinnert Arthur Miller, da\u00df nur beim \u00bbHandlungsreisenden\u00ab mehrheitlich keine \u00bbschlechten, gleichg\u00fcltigen oder h\u00f6hnischen Kritiken\u00ab in der New Yorker Presse bei der Erstauff\u00fchrung am Broadway erschienen und da\u00df allein dieses Theaterst\u00fcck des Dramatikers sofort bei Publikum und Presse gleicherma\u00dfen wohl-wollend auf- und angenommen wurde. Arthur Miller f\u00fchrt auch diese Besonderheit vor allem auf seine Loman-Figur zur\u00fcck: Den Typus des \u00bbkleinen Mannes\u00ab, der doch nur lieben und geliebt werden will, der im Leben etwas z\u00e4hlen (also: etwas darstellen) und als Mensch wie er lebt respektiert, anerkannt und beliebt (\u00bbwell-liked\u00ab) sein will.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab weder Arthur Millers erstes noch sein letztes B\u00fchnenwerk \u2013 wohl aber jenes seiner Theaterst\u00fccke, welches den Autor (so der \u00bbLiteraturbrockhaus\u00ab 1995) zu einem der \u00bbf\u00fchrenden Vertreter des modernen amerikanischen Theaters\u00ab werden l\u00e4\u00dft \u2013 eines Dramatikers, \u00bbder in Anlehnung an europ\u00e4ische Vorl\u00e4ufer (\u2026) gesellschaftskritische Themen mit neuen technischen Mitteln weitgehend realistisch auf der B\u00fchne darstellt\u00ab. Dabei f\u00fchrt Millers \u00bbHandlungsreisender\u00ab wie schon sein zwei Jahre fr\u00fcher am Broadway aufgef\u00fchrtes Schauspiel \u00bbAll my Sons\u00ab (1947) wieder ein in ein, wenn man so will, petty- oder lumpenb\u00fcrgerliches, vom (vormals Hausieren genannten) gewerblichen Vertreterwesen bestimmtes h\u00e4usliches Familienmilieu judaisch-amerikanischer Ostk\u00fcstenauspr\u00e4gung. (Anintellektualisiert und auf middle-class-Ma\u00df gehoben, dazu romanhaft arabesk verdichtet und st\u00e4rker mit Generationsr\u00fccksicht, damit auch auf Einwanderer Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bezogen, ist auch Saul Bellows \u2013 Nobelpreis f\u00fcr Literatur 1976 \u2013 Kernmilieu in seinen auch deutsch publizierten Romanen: \u00bbHerzog\u00ab, 1961, \u00bbMr. Sammlers Planet\u00ab, 1970 oder \u00bbHumboldt\u2019s Gift\u00ab, 1973).<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>F\u00fcr seinen \u00bbHandlungsreisenden\u00ab erhielt Arthur Miller zwar nicht den Literaturnobelpreis\u2026aber doch den in der literarischen US-Szene anerkannten Pulitzerpreis (1949). Und dies auch wegen seiner kritischen und mit entwickelten \u00e4sthetisch-dramaturgischen Mitteln b\u00fchnenwirksam pr\u00e4sentierten Sicht auf US-amerikanische Erfahrung und Geschichte, in der trotz der gro\u00dfen Depressionserfahrung mit der Weltwirtschaftskrise (1929) eine soziale \u00bbLebensl\u00fcge\u00ab wirksam war und ist: Der US-amerikanische Traum vom individuell m\u00f6glichen und machbaren sozialen Aufstieg, vom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r \u2026 Leistungs- und zugleich Lebensmythos \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Dies war Arthur Millers Haupttopos: Und auch als nun schon seit Jahrzehnten \u00bbdurchgesetzter\u00ab und weltweit bekannter Dramatiker geht der Autor diesen Pfad zur\u00fcck in \u00bbThe American Clock\u00ab (1980): Wenn auch ohne die \u00e4sthetische Dichte des \u00bbHandlungsreisenden\u00ab wieder zu erreichen, f\u00fchrt uns die lockere Spielszenenfolge mit den gut drei Dutzend Spielerinnen und Spielern in (so der deutsche Titel des St\u00fccks) \u00bbDie Gro\u00dfe Depression\u00ab zur\u00fcck. Auch in diesem sp\u00e4ten B\u00fchnenwerk Arthur Millers zeigt sich des Autors im Bereich der \u00d6konomie begr\u00fcndete psychodramatische Virtuosit\u00e4t und dramaturgische Meisterschaft\u2026 wobei, zugegeben, der Autor auch auf publizierte Interviews zum Innern der Krise und langanhaltende subjektive Krisenerfahrungen (ich meine Studs Terkels B\u00e4nde \u00bbHard Times: Oral History of the Great Depression\u00ab, 1970, und \u00bbAmerican Dreams: Lost &amp; Found\u00ab, 1980) zur\u00fcckgreifen konnte).<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Was jedoch im \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab als Requiemschluss notwendig und zwingend wirkt \u2013 erscheint in der \u00bbGro\u00dfen Depression\u00ab eher als willk\u00fcrlich montierter Abspann: Die sarkastische Botschaft des alten Lee Baum, dass erst der (n\u00e4chste und Zweite) Weltkrieg die wirtschaftliche Depression beenden und den \u00f6konomischen Aufschwung bringen konnte. (Auch dieses Wirkliche war wohl wirklich, deshalb aber nicht notwendig vern\u00fcnftig). \u2013 So gesehen, ist Arthur Millers R\u00fcckkehr zum Ausgangspunkt \u2013 dem von ihm als Dramatiker wesentlich mitbegr\u00fcndeten neo-realistischen Psychodrama (in) der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts in \u00bbDie gro\u00dfe Depression\u00ab \u2013 denn doch eher blo\u00dfe R\u00fcckschau als produktive Weiterf\u00fchrung.<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Die Handlung des zw\u00f6lf Personendramas -Doppelbesetzungen w\u00e4ren auch m\u00f6glich &#8211; ist um den Kern, die vierk\u00f6pfige Kleinfamilie und ihren \u00fcberdimensionalen und defekten, freilich noch nicht v\u00f6llig abbezahlten K\u00fchlschrank in der Wohnk\u00fcche gruppiert. Im Mittelpunkt einerseits Willy Loman, Anfang 60, sein Leben lang Vertreter (Handlungsreisender), erfolglos, ausgelaugt, auch nervlich am Ende. Nun ist Willy altes Eisen, ausgemustert ohne Gehalt (Fixum), nur noch auf seine Abschl\u00fcsse in einem weiten Bezirk und in Konkurrenz zu j\u00fcngeren <em>commis voyageurs<\/em> angewiesen, vom Firmenchef grad noch als f\u00fcnftes Rad am Gesch\u00e4ftswagen geduldet. Willy f\u00e4hrt unkonzentriert seinen alten Chevy, sollte wissen, dass er am Ende ist, h\u00e4ngt sich jedoch um so st\u00e4rker an seine Illusion, dass er nach wie vor gebraucht w\u00fcrde und beliebt war. Dies ist eine durchaus psychotisch in Form von Selbstt\u00e4uschung, Depressionssch\u00fcben und Suicidvorbereitungen bemerkenswerte Auff\u00e4lligkeit.<\/p>\n<p>Linda Loman, (Haus-)Frau und Mutter der S\u00f6hne Biff und Happy, wei\u00df von den Problemen ihres Mannes und auch, da\u00df ihr Mann, den sie nach vielen Ehejahren sicherlich nicht mehr hei\u00df liebt aber doch als Person wie sie ist anerkennt, in seinem Lebensl\u00fcge-Syndrom aktuell suicidgef\u00e4hrdet ist \u2026 kann gleichwohl nur zu ihm halten, ihm Mut geben und Willy Au\u00dfenweltkonflikte mit einem ihn finanziell unterst\u00fctzenden Nachbarn oder seinem Vorgesetzten zu vermitteln versuchen. Zus\u00e4tzliche Spannungen kommen in das Beziehungsgeflecht als Willys \u00e4ltester Sohn Biff \u2013 34j\u00e4hrig \u2013 in die elterliche \u00b4kleine Lebenswelt\u00b4 zur\u00fcckkommt, aber vom Vater als \u00bbVersager\u00ab nicht akzeptiert wird. Diese Ebene ist durch (reale) R\u00fcckblenden ebenso deutlich wie die der Beziehung Willy zum \u00bberfolgreichen\u00ab gro\u00dfen Bruder Ben, der gleichsam als Ich-Idol und damit unerreichbar erscheint (weshalb hier auch irreale Retroperspektiven dramatisiert werden). Insbesondere wird eine zwanzig Jahre zur\u00fcckliegende Schl\u00fcsselszene benutzt, um Willy Loman als Mann, der sich selbst sowie seine Frau und besonders seinen \u00c4ltesten t\u00e4uscht, vorzustellen: Biff sucht N\u00e4he und Hilfe seines Vaters, reist ihm nach, der l\u00e4sst sich verleugnen \u2026 und schl\u00e4ft (um den Preis eines damals begehrten Paar Nylons) mit einer Firmeneink\u00e4uferin in einer billigen Absteige. Dies erkennt der 14j\u00e4hrige Junge. Und damit ist das Verh\u00e4ltnis Vater-Sohn dauerhaft (und unumkehrbar) gest\u00f6rt infolge wechselseitiger Entt\u00e4uschungen.<\/p>\n<p>Vielleicht gerade weil Willy Loman von seinen auch finanziell belastenden Alltags- und Zukunftssorgen, zu denen nun noch Sohn Biff ins Haus kommt, schier erdr\u00fcckt wird, nimmt er die Einladung seiner beiden S\u00f6hne in ein Restaurant mit anschlie\u00dfendem Kneipenbummel unter M\u00e4nnern an.<\/p>\n<p>Gefeiert werden sollte eigentlich eine Anstellung Biffs, der sich irgendwo vorstellte, aber nicht mal vorgelassen wird, also \u00fcbers Vorzimmer nicht hinauskommt. Deutlich wird, da\u00df Biff immer nur \u00bbodd Jobs\u00ab hatte, gestohlen und betrogen hat und doch vom Vater als toller Kerl, dem die Welt offensteht, gesehen werden will. Im Restaurant rei\u00dft Happy, der j\u00fcngere Bruder, routiniert zwei Frauen auf. Zu den vier gesellt sich der eingeladene und verstaubt-sch\u00e4big wirkende Willy Loman. Und nun bricht der Vater-Sohn-Konflikt im \u00f6ffentlichen Raum aus, im Beisein der beiden angelachten Frauen, denen gegen\u00fcber Happy seinen Vater verleugnet und ihn als irgendeinen alten Mann ausgibt.<\/p>\n<p>Ein so verwirrter wie entt\u00e4uschter Willy Loman verl\u00e4\u00dft den Schauplatz und geht allein nach Hause. Dort gibts eine erneute Vater \u2013 Sohn \u2013 Auseinandersetzung: Ein ebenfalls entt\u00e4uschter Biff entdeckt das Instrument des gedanklich bei Willy Loman immer pr\u00e4senten Suizids, einen Schlauch in der Garage, und zeigt ihn w\u00fctend in der K\u00fcche vor, um zu verdeutlichen, da\u00df er den Vater durchschaut \u2026 und Biff schont sich selbst nicht, gibt in Form eines Gest\u00e4ndnisses zu, da\u00df er immer und \u00fcberall aus den Jobs geflogen und eben nicht der vom Vater erw\u00fcnschte allseits beliebte Biff, der erfolgreiche Sportsmann und die anerkannte Stimmungskanone, ist. Willy Loman erkennt, behutsam best\u00e4rkt durch Linda, da\u00df Biff ihn, Willy, als Vater immer bewundern wollte und als Sohn geliebt hat. Was folgt ist ein (dramaturgisch gleichsam als Abspann nur angedeuteter) Bilanzsuizid Willy Lomans, gleichsam rational in Form eines Opfertods inszeniert, weil die Versicherungspr\u00e4mie rechtzeitig bezahlt wurde und der Tod den Hinterbliebenen 20.000 US-Dollar Pr\u00e4mie bringen soll: Der Motor des Chevy springt in der Garage an und Willy Loman jagt mit Vollgas davon \u2026<\/p>\n<p>Was Arthur Miller auch mittels artistischer Montagen, Schauplatzwechseln, Ineinandergreifen von Fiktivem und Realem, Symbolischem und Konkretem sowie mit R\u00fcckblenden auf einer dreigliedrigen B\u00fchne \u2013 unterst\u00fctzt durch Vorgaben f\u00fcr Lichteffekte und Musikelemente \u2013 \u00e4sthetisch entwickelt \u2013 hat, ein paar Jahre sp\u00e4ter, ein deutscher Autor thematisch b\u00fcndig auf den inhaltistischen Punkt gebracht: \u00bbEr sah die Menschen, und er sah, da\u00df sie sich an Illusionen festklammerten, an die sie schon lange nicht mehr glaubten. Eine dieser Illusionen war das Familiengl\u00fcck.\u00ab<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Im Abspann seines Dramas vom \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab l\u00e4\u00dft Arthur Miller als \u00bbRequiem\u00ab Nachbar Charley, der als einziger auch dem lebenden Willy Loman finanziell unter die Arme griff, gegen dessen S\u00f6hne am Grab des Vaters sagen (und der Eingangssatz wurde denn auch jahrelang so etwas wie ein gefl\u00fcgeltes Wort): \u00bbWilly was a salesman. And for a salesman, there is not rock bottum to the life. He don\u2019t put a bolt to a nut, he don\u2019t tell you the law or give you medicine. He\u2019s a man way out there in the blue, riding on a smile and a shoeshine. And when they start not smiling back \u2013 that\u2019s an earthquake. And then you get yourself a couple of spots on your hat, and you\u2019re finished. Nobody dast blame this man. A salesman is got to dream, boy. It comes with the territory.\u00ab<\/p>\n<p>Wenn Manfred P\u00fctz im Nachwort zu seiner (im \u00dcbrigen soweit erkennbar preisg\u00fcnstigsten) englischsprachigen Ausgabe des \u00bbHandlungsreisenden\u00ab sich dar\u00fcber verwundert gibt, wie wenig sich Kritiker und Kommentatoren \u00fcber Themen und Tendenzen oder \u00fcber formale Gestaltung des St\u00fcckes einig zu werden vermochten<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> \u2013 so halte ich grad dies\u2018 ambigu\u00f6se, unabgeschlossene und offene f\u00fcr eine erweisliche St\u00e4rke des \u00bbHandlungsreisenden\u00ab als theatralisch-sprachlichem Kunstwerk. Denn dieses ist \u2013 wie jedes Kunstwerk, das so genannt werden soll \u2013 mehrdeutig, polyvalent, damit auch in verschiedener Weise wirkend und von (hier: Theater-) Zuschauern aufnehmbar bzw. zu deuten, zu akzeptieren oder auch abzulehnen. Es ist gerade diese \u00e4sthetisch vielf\u00e4ltige und niemals eindimensionale Wirkungspotenz, die jedes Kunstwerk von der bekannten im Sinne mathematischer Bin\u00e4r- und aller darauf aufbauenden technischen Ein-Eindeutigkeitslogik im computerisierten Zeitalter mit ihren nur Ja- oder- Nein-Vereinfachungen unterscheidet \u2026 und zugleich Spannung, Reiz und \u00fcber aktuelle R\u00e4ume und Zeiten m\u00f6gliche Wirksamkeiten von Kunst als solcher ausmacht.<\/p>\n<p>Und dies trifft sicherlich auch auf Arthur Millers \u00bbDeath of a Salesman\u00ab als darstellende Wort- und Aktionskunst zu. Insofern ist das Theaterst\u00fcck von 1949 mehr als das, was es in publizistischer Funktion auch &#8211; aber eben nicht nur \u2013 ist: Uns heute Nachgeborenen eine angemessenere, weil zusammenschauende, Vorstellung von konfliktorischen\u00a0Lebensbedingungen, -weisen und -formen zu geben als die zahlreichen \u00bbdirekten, vielf\u00e4ltigen und verwirrenden Zeitzeugnisse\u00ab<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> \u2013 hier etwa innerhalb der Berufswelt m\u00e4nnlicher Untermittelkl\u00e4ssler und ihres famili\u00e4ren Umfelds in\/um New York nach dem Zweiten Weltkrieg und noch vor der US-Prosperit\u00e4t infolge des Koreakrieges in den 50er Jahren.<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Manfred P\u00fctz systematisiert in seinem informativen Nachwort zusammenfassend Arthur Millers \u00e4sthetisch-entwickelte \u00bbformale Besonderheiten\u00ab des \u00bbHandlungsreisenden\u00ab und betont im Zusammenhang der \u00bbauffallenden Verwendung von Symbolen, Effekten der Licht- und Musikregie, komplexer \u00dcberlagerung verschiedener Zeitebenen, Perspektivenwechsel zwischen realistischer Gegenwartshandlung und imagin\u00e4ren Vergangenheitserlebnissen\u00ab sowie dem \u00bbso einfachen wie multifunktionalen B\u00fchnenbild, das die Vorstellungskraft des Zuschauers herausfordert\u00ab das auch genre-\u00e4sthetisch offene Moment in Millers St\u00fcck, zugespitzt: Ob der \u00bbHandlungsreisende\u00ab eher als \u00bbrealistischnaturalistisches Theater\u00ab oder eher als \u00bbexpressionistisches Drama\u00ab zu kategorisieren sei. (P\u00fctz geht den goldenen Mittelweg und pl\u00e4diert f\u00fcrs differenzierte Sowohl-als-Auch, demzufolge der Dramatiker Arthur Miller es halt verstanden hat, \u00bbdie realistischen und naturalistischen Elemente des St\u00fcckes so mit expressionistischen Darstellungstechniken zu verschmelzen, da\u00df eine neue, durchaus eigenst\u00e4ndige Einheit entsteht.\u00ab<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Zugleich spricht der Herausgeber drei thematische Felder als Konfliktdimensionen im \u00bbHandelsvertreter\u00ab an: Gesellschaftskritik, schrankenlos-kapitalistischen Verdr\u00e4ngungskampf und Schmutzkonkurrenz unter den Bedingungen US-amerikanischer Wettbewerbs- und T\u00fcchtigkeitsideologie; Kritik an Personen und Konfigurationen, die\/in denen der \u00bbAmerican Dream\u00ab subjektiv wirksam, das meint: nicht nur geglaubt, sondern werthaft verinnerlicht und normhaft durch Handlungen inbezug auf andere, also nach au\u00dfen, dokumentiert wird. Und das innerfamili\u00e4re Beziehungsgeflecht mit der zentralen Konfliktachse Vater-Sohn-Verh\u00e4ltnis \u2026 wobei diese Sicht Willy Loman als Hauptfigur und Protagonisten relativierte und in der (auch in bei entsprechender Regie herauszuarbeitende) b\u00fcrgerlichen Vater-Mutter-S\u00f6hne-Kleinfamilie und ihrer verclinchten kleinen Lebenswelt die Zentraldimension s\u00e4he \u2013 Familie also als Ursache und Wirkung, T\u00e4ter und Opfer zugleich \u2026 letztlich f\u00fcr eine weitere, vierte Konfliktebene: eine soziale Noxe, also das, was Pers\u00f6nlichkeiten zerst\u00f6rt und Individuen insbesondere im sozialmedizinisch-psychiatrischen Sinn krank macht und damit zugleich auf spezifische Konstruktionsdefekte im modernen US-amerikanischen Sozialcharakter bzw. dem auch \u00f6konomisch bestimmten Zusammenhang von \u00bbCharacter and Social Structure\u00ab (Hans Gerth \/ C. Wright Mills) hinweist.<\/p>\n<p>VI.<\/p>\n<p>Diese Aufnahme- und Deutungsvariante w\u00fcrde das Besondere an Arthur Millers Zweiakter als Psychodrama herauszuarbeiten bzw. in entsprechender Inszenierung dramaturgisch und wirkungs\u00e4sthetisch zu transformieren versuchen: Etwa mit der schon sprachlich deutlichen Parallelisierung von wirtschaftlicher und seelischer Depression \u2013 die im Detektionsprozess um Willy Loman bis ins fr\u00fcher \u00bbSpaltungsirresein\u00ab genannte Feld von Schizophrenie im klinischen Sinn f\u00fchrt, damit zugleich auch einen \u00bbklassischen\u00ab europ\u00e4ischen intrapsychischen Konfliktstoff \u2013 etwa die faustischen zwei Seelen in der Mannesbrust oder die Janusk\u00f6pfigkeit des Jekyll &amp; Hyde-Stoffs \u2013 in der modernen US-amerikanischen dramatischen Literatur wieder aufnimmt und zugleich produktiv bearbeitet. Dieser \u2013 vierte \u2013 Ansatz k\u00f6nnte denn auch zu einem f\u00fcnften Deutungsstrang verdichtet werden. Einer literatur- und dramenpsychologischen Ebene: Willy Loman als \u00bbMaske\u00ab (Thomas Mann) \u2013 als Zirkulationsagent ohne handwerklichen Hintergrund (\u201ewho don\u2019t put a holt to a nut\u201c), der also nicht mit Schrauben und Muttern dinglich arbeitet und der nicht anders kann als sich auf die abstrakte Tauschebene auszurichten und vom Geld abh\u00e4ngig und insofern seinen Gattungsm\u00f6glichkeiten nach ent-fremdet wird, dieses ahnt und sich st\u00e4ndig des \u00bbwell-liked\u00ab, also der Au\u00dfenanerkennung, r\u00fcck-versichern mu\u00df.<\/p>\n<p>Dies w\u00e4re eine wenn man so will: Von der Wirtschafts- und Erwerbswelt \u00bbkleiner Leute\u00ab ausgehende klinisch-soziologische (oder: sozialdiagnostisch-sozialpsychologische) Deutungsvariante, die sowohl an zeitgen\u00f6ssische US-amerikanische als auch westeurop\u00e4ische Gesellschaftskritik anschlie\u00dfen k\u00f6nnte.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Auch wenn sicherlich \u00fcber die f\u00fcnf angedeuteten hinausgehend weitere Varianten von Interpretationen von Millers \u00bbHandlungsreisenden\u00ab m\u00f6glich w\u00e4ren \u2026 sie sollen jetzt und hier nicht versucht werden. Wichtig scheint mir jedoch, da\u00df entsprechend dem Grundanliegen des Theaterst\u00fccks als Kunstwerk unsere Verletzlichkeiten auch in ihrer Destruktivit\u00e4t (hier Lomans Selbstt\u00f6tung) offen thematisiert werden k\u00f6nnen \u2026 was unter Einvernahme geeigneter Symbol-, Bilder- und Formensprache nur ein Kunstwerk kann. Denn es geht gerade um Betroffenheiten hervorrufenden \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab um eine der beiden M\u00f6glichkeiten \u2013 Zerst\u00f6rung \u2013 unserer umfassenden conditio humana und jene immer geschichtlich konkret wirksamen, folglich auch durch menschliches Handeln ver\u00e4nderbaren Lebensbedingungen.<\/p>\n<p>VII.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste gro\u00dfe Theaterst\u00fcck Arthur Millers kommt parallel zur ersten Verfilmung des \u00bbHandlungsreisenden\u00ab 1953: Es ist ein historisches Drama \u2013 \u00bbThe Crucible\u00ab (deutsch: \u00bbHexenjagd\u00ab). Und jeder, auch der dort implizit angesprochene Kommunistenj\u00e4ger \u2013 Joseph McCarthy, Spitzname: \u201eSenator Amok\u201c -, nimmt das St\u00fcck als das, was es nur sein kann: Eine Kritik an repressiven Verfolgungspraxen mit den US-Kernst\u00fccken Gesinnungsschn\u00fcffelei und Kontaktverbot (\u201eguilt-by-association\u201c). Der Dramatiker hat in seinen Altersmemoiren das sp\u00e4ter weltweit, nur zun\u00e4chst nicht in den USA gespielte St\u00fcck ebenfalls von der Wirksamkeit her so bewertet:<\/p>\n<p>\u00bbIm Laufe der Jahre wurde die Hexenjagd mein bei weitem am h\u00e4ufigsten aufgef\u00fchrtes St\u00fcck \u2013 sowohl im Ausland als auch in den USA. Seine Bedeutung ver\u00e4nderte sich jeweils mit dem Ort und mit der Zeit. Ich wei\u00df beinahe, wie die politische Situation eines Landes aussieht, wenn das St\u00fcck dort ein Erfolg wird \u2013 entweder ist es eine Warnung vor einer kommenden Tyrannei oder die Erinnerung an eine gerade \u00dcberwundene.\u00ab<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Mit der \u00bbHexenjagd\u00ab und einem St\u00fcckchen an Jonathan Swift<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> geschulter aktueller politischer Publizistik (unter dem Titel \u00bbA Modest Proposal\u00ab und der dann entwickelten scheinbaren Untertanenbitte) kommt sowohl die Einladung zum \u00f6ffentlichen Verh\u00f6r vor dem Ausschuss f\u00fcr unamerikanische Umtriebe des US-Repr\u00e4sentantenhauses am 21. Juni 1956<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> als auch eine \u00bbl\u00e4ngere Periode pers\u00f6nlicher und politischer Schwierigkeiten in Millers Leben.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Und gerade Arthur Millers Lebensjahrzehnt bis etwa Mitte der 60er Jahre zeigt, da\u00df es ganz falsch w\u00e4re, den Autor von \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab und \u00bbHexenjagd\u00ab als ungebrochenen Helden darzustellen. So mutig sich Miller im \u00f6ffentlichen Hearing verh\u00e4lt, in dem er (hier dem Beispiel von Lilian Hellman folgend)<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> als \u00bbunfreundlicher Zeuge\u00ab keine Namen ex-kommunistischer Sympathisanten nennt, so hat er doch gleichzeitig im pers\u00f6nlichen Leben seine zeitweilige Ehefrau Marilyn Monroe, die den gut zehn Jahre \u00e4lteren Autor als moralische Autorit\u00e4t bewunderte, entt\u00e4uscht \u2013 nicht zuletzt, weil der \u00bbBesch\u00fctzer\u00ab aus der Sicht einer damals alkohol-, tabletten- und beziehungsabh\u00e4ngigen und so verletzlichen wie schutzsuchenden Marilyn die in ihn gesetzten hohen Erwartungen und Anforderungen nicht erf\u00fcllen kann, weil er selbst, seit Jahren als Schriftsteller \u00e4sthetisch-kreativ blockiert und unproduktiv, ums \u00dcberleben als politisch engagierter K\u00fcnstler k\u00e4mpft und all seine Energie f\u00fcr sich aufbraucht. Arthur konnte Marilyn den n\u00f6tigen und gesuchten Halt nicht geben. Dieser Aspekt subjektiver Entt\u00e4uschung der emotional bed\u00fcrftigen Partnerin scheint in der Darstellung der Marilyn-Monroe-Biographin auch offen auf, wenn es im Miller-Abschnitt unter dem Titel \u00bbDie gro\u00dfe Hoffnung\u00ab hei\u00dft: \u00bbMiller selbst zerst\u00f6rte sein positiv k\u00e4mpferisches Image, indem er sich als literarischer Streikbrecher bet\u00e4tigte. Er schrieb das Drehbuch (\u2026) zu \u00bbLet\u2019s Make Love\u00ab um, w\u00e4hrend sich die Scriptautoren im Streik gegen die Studios befanden (\u2026) Von nun an hatte Marilyn die Achtung vor ihrem Ehemann restlos verloren.\u00ab<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>IIX.<\/p>\n<p>Ende 1996 waren, wenn buchh\u00e4ndlerische Inventarverzeichnisse lieferbarer Titel denn so vollst\u00e4ndig sind wie beansprucht, \u2013 und mal abgesehn von einem 75-Minuten-Video (\u00bbArthur-Miller-Omnibus\u00ab) \u2013 insgesamt 28 Buch und Brosch\u00fcrentitel des Autors Arthur Miller zu (ver)kaufen, Arbeitshilfen und Originaltextausgaben f\u00fcr den deutsch- und fremdsprachigen Unterricht eingeschlossen. Zum \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab waren davon allein acht lieferbar, von diesen wiederum sechs englischsprachige Editionen einschlie\u00dflich \u00bbText &amp; Studies Aids\u00ab und kommentierte Originaltextausgaben des Theaterst\u00fccks. (Auch die hier benutzte von Manfred &amp; Gunda P\u00fctz, Ausgaben 1984 und 1990). Von den beiden deutschsprachigen Ausgaben habe ich die schon am Titel (\u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab) sofort erkennbare Neu\u00fcbersetzung herangezogen (in der ersten \u00dcbersetzung von Ferdinand Bruckner lautete der unbestimmte Originaltitel irrt\u00fcmlich: \u00bbTod des Handlungsreisenden\u00ab).<\/p>\n<p>IX.<\/p>\n<p>Es mag sein, da\u00df die neue deutsche \u00dcbersetzung von Schl\u00f6ndorff\/Hopf, die f\u00fcr die Zweitverfilmung mit Dustin Hoffman als Willy Loman eine modernisierte Version des \u00bbHandlungsreisenden\u00ab feilbietet, fl\u00fcssiger lesbar ist als die zeitgleiche Eindeutschung. Nur: Mir erscheint die Schl\u00f6ndorf\/Hopf -Variante des Guten zuviel getan zu haben, genauer: Mir ist das, was als \u00bbTod eines Handlungsreisenden\u00ab von Arthur Miller in nahezu einer halben Million Fischertaschenb\u00fcchern auf den Markt kam, doch einerseits zu flapsig, andererseits zu schlampig \u00fcbersetzt: Es mag \u2013 erstens \u2013 angehen, eine Schl\u00fcsselmetapher wie beliebt oder nicht beliebt als (not) well-liked umgangssprachlich zu fassen, als eine, wenn sicherlich nicht die trennsch\u00e4rfste, M\u00f6glichkeit. Hingegen erscheint mir \u2013 zweitens \u2013 aus dem zitierten Requiem auf den toten Willy Loman die Schl\u00f6ndorff\/Hopf-Version von \u00bbHe don\u2019t put a holt to a nut\u00ab pseudoliterarisiert wenn es hei\u00dft: \u00bbEr f\u00fcgt kein Brett in Nut und Feder\u00ab und einfach \u2013 Nachbar Charley spricht n\u00e4mlich nicht Shakespearian English, sondern Brooklyn-Slang \u2013 die Wendung: Ein Vertreter hantiert weder mit Schrauben und Muttern (und weiter:) noch spricht er Recht oder verschreibt Medikamente, angemessen w\u00e4re. Drittens schlie\u00dflich verkennen Schl\u00f6ndorff\/Hopf als \u00dcbersetzer den bewu\u00dft artifiziellen Charakter des Originaltextes v\u00f6llig, wenn sie aus Lidas Liebeserkl\u00e4rung \u00bbWilly, darling, you\u2019re the handsomest man in the world\u00ab die wurschtige catch-all-version \u00bbWilly, Liebling, Du bist ein Prachtkerl\u00ab machen. Genau so wird doch das grammatisch Besondere der Linda-Aussage, n\u00e4mlich der weil ungebr\u00e4uchlich gestelzt wirkende Superlativ \u00bbhandsomest\u00ab zur postmodernen Beliebigkeit verkehrt; dies \u00fcbrigens auch dann, wenn jede Linda-Darstellerin das\u00a0<em>Du bist<\/em>\u00a0betonen w\u00fcrde. Die Allerweltsfloskel \u00bbPrachtkerl\u00ab verdeckt das hausfraulich Besondere (im \u00dcbrigen gehts um ihren Mann und kein Pferd im Stall.) Die \u00bbPrachtkerl\u00ab-Formel ist aber auch sprachmelodisch-rhythmisch unangemessen: Was im Original acht akzentuiert (wenn nicht gestelzt) zu sprechende Silben ausmacht, ergibt bei Schl\u00f6ndorff\/Hopf grad zwei (die auch weggenuschelt werden k\u00f6nnen, was im Film abgehn mag, aber schlechte Theaterpraxis w\u00e4re). Und schlie\u00dflich geht, kommunikationstopologisch gesehn, das sprachliche Sich-in-Beziehung-Setzen der Linda zu \u00bbihrem\u00ab Willy in dieser Sequenz v\u00f6llig unter. Was im US-amerikanischen Arthur-Miller-Text, vermutlich bewu\u00dft artifiziell komponiert, als gedrechselt klingender und (bekanntlich nicht mehr steigerbarer) Superlativ als \u00bbthe handsomest man in the world\u00ab sprachlich ausgedr\u00fcckt wird \u2026 kommt als \u00bbPrachtkerl\u00ab und damit von einer sich zu ihrem Mann als Person verbalisierenden Partnerin Linda in der deutschen Version als\u00a0<em>beliebige Sprechh\u00fclse<\/em>\u00a0daher. Das ist nicht nur sprachliche Schlamperei. Das ist dar\u00fcber hinaus intellektueller D\u00fcnnpfiff. [&#8230;]<\/p>\n<p>X.<\/p>\n<p><em>Death of a Salesman\u00a0<\/em>ist vor allem ein St\u00fcck Theater f\u00fcr die B\u00fchne. Und f\u00fcr\u00a0<em>on stage<\/em>\u00a0gilt (wie auch f\u00fcr Literaturverfilmungen), was Bertolt Brecht beil\u00e4ufig zur breiten Wirksamkeit des Kriminalromans notierte: \u00bbEs bereitet Genu\u00df, Menschen handelnd zu sehen, Handlungen mit faktischen, ohne weiteres feststellbaren Folgen mitzuerleben.\u00ab<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p><strong><em>Bibliographische Hinweise<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Arthur Miller, Death of a Salesmann. Certain Private Conversations in Two Acts &amp; a Requiem. In: Collected Plays. New York: The Viking Press, 1957. Text nach dieser Ausgabe, mit dt. Glossar, Auswahlbibliographie &amp; Nachwort hrsg. v. Manfred &amp; Gunda P\u00fctz, Stuttgart: Reclams Universal-Bibliothek\/RUB 9172, 1984, 171 p. \u2013 Deutsche Ausgabe: Tod eines Handlungsreisenden. Gewisse Privatgespr\u00e4che in zwei Akten und einem Requiem. Dt. von Volker Schl\u00f6ndorff mit Florian Hopf. Ffm.: Fischer TB 7095\/Reihe Theater, 469.-476. Tausend, April 1996, mit Anmerkung von Volker Schl\u00f6ndorff, 119 Seiten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd1019\/t051019.html\">trend.net&#8230;<\/a> vom 4. Oktober 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Arthur Miller, Zeitkurven. Ein Leben. Ffm.: Fischer TB 5685, 1989, zitiert S. 254, 702, 245.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> dt. Buchausgaben: Studs Terkel, Der Gro\u00dfe Krach. Die Geschichte der amerikanischen Depression. Ffm.: suhrkamp taschenbuch\/st 23, 1972; ders., Der amerikanische Traum. Vierundvierzig Gespr\u00e4che mit Amerikanern. Bln.: Wagenbachs Taschenb\u00fccherei 80, 1981.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus (Roman). Ffm.: suhrkamp taschenbuch\/st 78, 16.-23. Tsd.\/2. Auflage, 1976, S. 111.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Manfred P\u00fctz, Nachwort zu: Death of a Salesman, S. 160-170.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> So Vilfredo Pareto, Trattato di sociologia generale, Firenze: G. Barbera, sec.ed., 1923, vol. I, \u00a7 545.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> P\u00fctz, Nachwort, 169.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Etwa bei David Riesman et.al., The Lonely Crowd (1950), dt. Ausgabe Neuwied-Berlin: Luchterhand, 1956; als Taschenbuch Reinbek: rororo, 1958; oder bei Hans Kilian, Das enteignete Bewu\u00dftsein. Neuwied-Berlin: Luchterhand, 1971.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Miller, Zeitkurven, S. 460.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Jonathan Swift, A Modest Proposal For Preventing the Children of poor People in Ireland, from being a Burden to their Parents of the Country; an for making them beneficial to the Public, In: same, Irish Tracts, 1728-1733, ed. Herbert Davis, Oxford: Basil Backwell, 1955, pp. 108-118. In altert\u00fcmlicher dt. \u00dcbersetzung in: Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift, Bd. I, Z\u00fcrich by Orell, Ge\u00dfner &amp; Comp., 3. Auflage 1977, S. 51-68 (Reprint).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> dt. Text in: Sind oder waren Sie Mitglied? Verh\u00f6rprotokolle \u00fcber unamerikanische Aktivit\u00e4ten. Hg. Hartmut Keil. Reinbek: Rowohlt\/das neue Buch: dnb 131, S. 116-129; Miller hebt vor allem auf seinen individuellen K\u00fcnstlerstatus ab.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> P\u00fctz, Nachwort, S. 162.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Lilian Hellmann, Scoundrel Time. London: MacMillan,1976; dt. Ausgabe: Zeit der Schurken. Ffm.: Neue Kritik, 1979.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ruth-Esther Geiger, Marilyn Monroe. Reinbek: Rowohlt\/rm 507, April 1995, S. 85-102, zit. S.97.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Bertolt Brecht, \u00dcber die Popularit\u00e4t des Kriminalromans; in: Gesammelte Werke Bd. IX, Ffm: Suhrkamp, 2. Auflage 1968, S. 453.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard Albrecht. \u00bbDas Wunschbild der sexuell-sozialen Versorgtheit, der rationalisierten Sexualit\u00e4t (l\u00e4sst) die Ehe zur b\u00fcrgerlichen Einrichtung im B\u00fcrgertum werden (\u2026) und setzt Familie als Refugium vor dem Lebenskampf.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[23,41,49,46],"class_list":["post-6098","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-buecher","tag-europa","tag-repression","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6098"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6098\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6100,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6098\/revisions\/6100"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}