{"id":6117,"date":"2019-10-08T11:11:34","date_gmt":"2019-10-08T09:11:34","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6117"},"modified":"2019-10-08T11:11:35","modified_gmt":"2019-10-08T09:11:35","slug":"von-der-sozialistischen-oekonomie-hin-zur-oekologischen-planung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6117","title":{"rendered":"Von der sozialistischen \u00d6konomie hin zur \u00f6kologischen Planung"},"content":{"rendered":"<p><em>Michel Husson. <\/em><strong>Bei der Debatte \u00fcber die Wirtschaftsrechnung unter Ber\u00fccksichtigung der Umweltbelange kann es durchaus n\u00fctzlich sein, auf \u00e4ltere Beitr\u00e4ge zur \u00d6konomie des Sozialismus zur\u00fcckzugreifen. Anl\u00e4sslich der bevorstehenden<\/strong><!--more--><strong style=\"font-size: inherit;\">Neuauflage der Neuen \u00d6konomik von Jewgeni Preobraschenski auf Franz\u00f6sisch befasst sich der Autor des folgenden Beitrags mit der m\u00f6glichen Kontinuit\u00e4t zwischen den alten Theorien des Sozialismus und der theoretischen Ausarbeitung eines \u00d6kosozialismus. (Red.)<\/strong><\/p>\n<p>In seinem 1926 erschienenen Buch versucht Preobraschenski, die Funktionsweise einer sozialistischen Wirtschaft theoretisch darzulegen. Er gebraucht dabei die sch\u00f6ne Formel: \u201eIm Bereich der Wissenschaft weicht die politische \u00d6konomie der Sozialtechnologie, d.\u00a0h. der Wissenschaft der gesellschaftlich organisierten Produktion\u201c.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Eugenio_Preobrazhenski.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6118\" width=\"324\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Eugenio_Preobrazhenski.jpg 240w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Eugenio_Preobrazhenski-220x300.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 324px) 100vw, 324px\" \/><\/figure>\n<p>Preobraschenski<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> bezieht sich dabei auf die wenigen Passagen, in denen Engels im Anti-D\u00fchring und Marx im Kapital eine gesellschaftliche Organisation skizzieren, in der \u201edie assoziierten Produzenten diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den, ihrer menschlichen Natur w\u00fcrdigsten und ad\u00e4quatesten Bedingungen vollziehn.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Aber ein Wirtschaftssystem, das sich im \u00dcbergang zum Sozialismus befindet und auf das sich Preobraschenski bezieht, befindet sich noch immer im \u201eReich der Notwendigkeit\u201c. Die \u201eGesetze des gesellschaftlichen Tuns\u201c werden nicht abgeschafft, sondern im Sinne einer Kontrolle der Gesellschaft \u00fcber ihre Ziele und Priorit\u00e4ten ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Zu kurz gesprungen\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das konkrete Beispiel, das Preobraschenski anf\u00fchrt, um die unterschiedliche Funktionsweise dieser Gesetze zu illustrieren (gegen\u00fcberzustellen), greift zweifelsfrei ein wenig zu kurz. Er geht dabei von einer erh\u00f6hten Nachfrage nach Lederschuhen aus. In einem kapitalistischen System, so erkl\u00e4rt er, wird die Anpassung zwischen Angebot und Nachfrage post factum erfolgen, aber nach dem Zufallsprinzip, \u201ewobei das Missverh\u00e4ltnis in dieser oder jener Richtung die Regel ist\u201c. In einer Planwirtschaft hingegen wird dieser Nachfrageanstieg \u201eim Voraus\u201c kalkuliert, nicht \u00fcber den Markt, sondern \u00fcber die \u201eZahlenkolonnen der sozialistischen Buchhaltung (\u2026), \u00fcber die die Planungszentren unterrichtet werden\u201c.<\/p>\n<p>Diese Darlegung ist komplett unzureichend und beinahe w\u00e4re man versucht, sich angesichts der leeren Regale in den sowjetischen Gesch\u00e4ften \u00fcber derlei Illusionen zu am\u00fcsieren. Diese Lesart ginge in ihrem stereotypen Anachronismus nat\u00fcrlich an der eigentlichen Aussage vorbei und t\u00e4te Preobraschenski unrecht, weil sein Werk durchaus sehr bereichernd ist.<\/p>\n<p>Die Diskussion hier\u00fcber l\u00e4sst sich besser f\u00fchren, wenn man von den M\u00e4ngeln ausgeht, die dieses Fallbeispiel des Autors darlegt, und wenn man die sp\u00e4teren Debatten \u00fcber den Sozialismus einbezieht. Die Schw\u00e4che seiner Argumentation liegt vor allem darin, dass er sich auf ein Konsumgut bezieht. Dass dessen Preis auf dem Markt schwanken kann, ist im Grunde nur ein ziemlich nachrangiger Aspekt der m\u00f6glichen Kritikpunkte am Kapitalismus. Der zentrale Kritikpunkt m\u00fcsste tiefer greifen und darauf zielen, dass eine soziale Klasse aus der Aneignung des Mehrwerts das Privileg zieht, die gesellschaftlichen Priorit\u00e4ten zu bestimmen. Indem sie ihre Investitionen in diesen oder jenen Bereich lenken, entscheiden die Kapitalist*innen \u00fcber die gesellschaftliche Entwicklung und k\u00f6nnen sie entlang ihrer eigenen Interessen steuern. Das andere grundlegende Charakteristikum der kapitalistischen Gesellschaft liegt nat\u00fcrlich darin, die Arbeiter*innen zum Proletariat zu machen und sie den Bed\u00fcrfnissen der Unternehmer*innen zu unterwerfen. Trotz alledem verwundert es, dass sich die Veranschaulichung bei Preobraschenski auf das kurzfristige Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage beschr\u00e4nkt, wo doch der eigentliche Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus in ihrer potentiell unterschiedlichen Dynamik liegt.<\/p>\n<p><strong>Markt und Preise in der Wirtschaftsrechnung<\/strong><\/p>\n<p>Man kann das Problem jedoch durchaus am Beispiel der Konsumg\u00fcter abhandeln. Preobraschenski spricht ein heikles theoretisches Problem an, indem er sich fragt, ob es in einer voll entwickelten sozialistischen Wirtschaft noch Preise und M\u00e4rkte geben m\u00fcsse. Diese Frage ist f\u00fcr ihn gleichbedeutend mit der Frage, ob das Wertgesetz weiterhin in Kraft ist oder ersetzt werden wird.<\/p>\n<p>Diese zweifache Fragestellung wirft auf, was unter dem Wertgesetz eigentlich genau zu verstehen ist. Die grundlegendste Antwort darauf lautet, dass das Wertgesetz, so wie Marx es versteht, festlegt, dass der Wert einer Ware von der f\u00fcr ihre Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit abh\u00e4ngt. Im weiteren Sinne bedeutet dies, dass die Kapitalakkumulation vom Streben nach maximaler Kapitalverwertung geleitet wird.<\/p>\n<p>Die logische Schlussfolgerung ist, dass das Wertgesetz nur \u201ein einer \u00dcberflussgesellschaft\u201c absterben kann, um eine Formulierung von Ernest Mandel in seiner Einf\u00fchrung in Preobraschenskis Buch zu verwenden. Sofern die Entwicklung eines sozialistischen Modells nicht auf der Annahme einer \u00dcberflussgesellschaft beruhen kann, bedeutet dies, dass das Wertgesetz nicht abgeschafft ist und dass noch immer eine Wirtschaftsrechnung erforderlich ist, die allerdings auf einer anderen Art und Weise beruht, gesellschaftliche Priorit\u00e4ten festzulegen.<\/p>\n<p>Preobraschenski h\u00e4tte auch eine andere Passage aus dem Anti-D\u00fchring zitieren k\u00f6nnen, wo Engels n\u00e4here Hinweise liefert: \u201eAllerdings wird auch dann die Gesellschaft wissen m\u00fcssen, wieviel Arbeit jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. Sie wird den Produktionsplan einzurichten haben nach den Produktionsmitteln, wozu besonders auch die Arbeitskr\u00e4fte geh\u00f6ren. Die Nutzeffekte der verschiednen Gebrauchsgegenst\u00e4nde, abgewogen untereinander und gegen\u00fcber den zu ihrer Herstellung n\u00f6tigen Arbeitsmengen, werden den Plan schlie\u00dflich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielber\u00fchmten \u00bbWerts\u00ab.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die \u201eAbw\u00e4gung der Nutzeffekte\u201c wird also den \u201evielber\u00fchmten Wert\u201c \u00fcberfl\u00fcssig machen, aber man wird dennoch wissen m\u00fcssen, \u201ewieviel Arbeit jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf\u201c. Die Wirtschaftsrechnung wird also nicht verschwinden und der \u201evielber\u00fchmte Wert\u201c, von dem hier die Rede ist, bezeichnet die Art und Weise, wie der Kapitalismus seine Ressourcen entlang seiner Privatinteressen zuteilt.<\/p>\n<p>Insofern kann man dem polnischen \u00d6konomen W\u0142odzimierz Brus nur zustimmen, der vorschlug, der Gleichsetzung von Markt- und Geldkategorien mit dem Wertgesetz \u201eentschieden entgegenzutreten\u201c: \u201eWenn der Staat mittels eines Plans das Verh\u00e4ltnis zwischen der gesellschaftlichen Produktion und den Preisen festlegt, kann die Tatsache, dass dabei Markt- und Geldkategorien zum Ausdruck kommen, nicht mehr als \u201eGebrauch des Wertgesetzes\u201c definiert werden, insbesondere wenn die Preisverh\u00e4ltnisse von den Wertverh\u00e4ltnissen abweichen, und zwar nicht zuf\u00e4llig und tempor\u00e4r, sondern als Effekt einer bewussten Politik\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p><strong>Ein Maximum an gesellschaftlichem Wohlergehen<\/strong><\/p>\n<p>Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch (1912\u20131986) war ein russischer Mathematiker und \u00d6konom (der einzige Russe, der den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaft, 1975, erhalten hat). Er hat in mathematischen Begriffen die Modalit\u00e4ten einer neuen Wirtschaftsrechnung gefasst: Ein sozialistisches Wirtschaftsprogramm zielt darauf, unter Ber\u00fccksichtigung der verf\u00fcgbaren Ressourcen den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Umfang eines G\u00fctersortiments zu produzieren, und zwar in einem Mengenverh\u00e4ltnis, das direkt von der Gesellschaft entlang ihrer Pr\u00e4ferenzen festgelegt wird. Das Rentabilit\u00e4tsprinzip und damit das wirtschaftliche Kalk\u00fcl verschwinden zwar nicht, spielen aber nur eine untergeordnete Rolle: \u201eIn einer sozialistischen Gesellschaft, darf Rentabilit\u00e4t kein Selbstzweck sein (so wie im Kapitalismus), sondern nur ein Mittel, das beste Ergebnis oder ein Minimum an Kosten f\u00fcr die gesamte Gesellschaft zu erreichen. Folglich wird die Anwendung dieses Prinzips den Erfordernissen der bestm\u00f6glichen Umsetzung der Ziele des Gesamtplans untergeordnet sein.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Dieser Optimierungsprozess f\u00fchrt zur Berechnung von Pseudopreisen, die Kantorowitsch \u201eobjektiv bestimmte Evaluationen\u201c nennt und die eine andere Rolle spielen als die Preise im Kapitalismus. Im Kapitalismus ist der \u201eSignalpreis\u201c (Schwellenpreis) ein Indikator f\u00fcr die Rentabilit\u00e4t, im Sozialismus hingegen ein Gradmesser f\u00fcr den sozialen Nutzen. Der wesentliche Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus liegt daher in der Zuteilungsweise der Ressourcen und haupts\u00e4chlich in der Verwendung des \u00dcberschusses (Surplus). Diesen Unterschied hat man nicht verstanden und Kantorowitsch wurde zu Unrecht als eine Art Theoretiker der wirtschaftlichen Optimierung (Maximierung) unter sowjetischen Vorzeichen gesehen, etwa von Pierre Naville.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Die Wirtschaftsrechnung findet nicht nur unter ver\u00e4nderten Modalit\u00e4ten statt, sondern verfolgt auch einen anderen Zweck. Im Kapitalismus geht es um die Profitmaximierung und sie allein bestimmt, in welche Wirtschaftsbereiche die Investitionen vorrangig flie\u00dfen, w\u00e4hrend die Belange der gesellschaftlichen Entwicklung eher hinderlich f\u00fcr diese Wirtschaftsrechnung sind (wiewohl die produzierten Waren einer gesellschaftlichen Nachfrage entsprechen m\u00fcssen). Im Sozialismus hingegen geht es darum, dass die gesamte Gesellschaft \u00fcber ihre eigenen Priorit\u00e4ten befinden kann, denen die Wirtschaftsrechnung untergeordnet ist.<\/p>\n<p>In einer vern\u00fcnftigen Gesellschaftsordnung w\u00e4re das Bed\u00fcrfnis keine Bedingung mehr ohne wirklichen Inhalt und nur dazu bestimmt, die Realisierung des Werts zu garantieren: Die unterschiedliche Bedeutsamkeit der verschiedenen wirklichen Bed\u00fcrfnisse bestimmt hier die Hierarchie gem\u00e4\u00df den Priorit\u00e4ten der Gesellschaft. Im Kapitalismus hingegen ist das Ziel die Profitmaximierung und in welchem Verh\u00e4ltnis die verschiedenen Waren angeboten werden, ergibt sich als Nebenprodukt aus diesem Maximierungsprozess, und nicht aus einer gesellschaftlichen Festlegung.<\/p>\n<p><strong>Das Steuerungsprinzip einer sozialistischen Wirtschaft\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Trotz seines Formalismus hat Kantorowitschs Darlegung den Vorteil, die ganz unterschiedliche Funktionsweise der sozialistischen Wirtschaft hervorzuheben. Deren Ziele werden sozusagen au\u00dfer\u00f6konomisch definiert und stehen im Gegensatz zu den kapitalistischen Marktgesetzen, die einerseits den Markt regulieren und andererseits \u2013 entlang eines nicht gesellschaftlich kontrollierten Prozesses \u2013 ihre eigenen Ziele schaffen.<\/p>\n<p>Dass man sich eine so anders geartete Funktionsweise vorstellen kann, liegt in der Grundannahme einer sozialistischen Demokratie begr\u00fcndet. Um gem\u00e4\u00df dieser h\u00f6heren Logik zu funktionieren, muss sich die Gesellschaft die Mittel verschafft haben, ihre eigenen kollektiven Ziele \u00fcber einen demokratisch festgelegten Plan anzusteuern, da ansonsten die Wirtschaftsberechnung auf falschen Tatsachen beruhen w\u00fcrde.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Abgesehen von der Entstehung einer b\u00fcrokratischen Diktatur lag das wirtschaftliche Scheitern der \u201erealsozialistischen\u201c Staaten haupts\u00e4chlich daran, dass dort zwar die Mechanismen unterdr\u00fcckt worden sind, die den Kapitalismus am Leben erhalten, ohne stattdessen aber die f\u00fcr die Existenz des Sozialismus essentielle Bedingung zu schaffen, n\u00e4mlich die soziale Demokratie.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Der Grund, weswegen die Wirtschaft im kapitalistischen System eine alles \u00fcberragende Rolle spielt, liegt darin, dass sie nicht nur die Mittel bestimmt, sondern zugleich wesentlich dazu beitr\u00e4gt, die Zwecke zu definieren, auszuw\u00e4hlen und zu justieren, w\u00e4hrend der Sozialismus quasi einer Verengung des wirtschaftlichen Funktionierens entspricht und sich rigoros darauf beschr\u00e4nkt, die Mittel an anderweitig festgelegte Ziele anzupassen. Preobraschenski hat auf diesen Umkippprozess ausdr\u00fccklich aufmerksam gemacht: \u201eMit der Abschaffung des Wertgesetzes in der wirtschaftlichen Realit\u00e4t wird zugleich die alte politische \u00d6konomie abgeschafft. Ihr Platz wird von einer neuen Wissenschaft eingenommen, der Wissenschaft, die die wirtschaftliche Notwendigkeit in einer organisierten Wirtschaft vorherzusehen und das N\u00f6tige durch Produktion und andere Mittel besser zu beschaffen gestattet. Dies ist eine ganz andere Wissenschaft, das ist eine soziale Technologie, die Wissenschaft von der organisierten Produktion, von der organisierten Arbeit, die Wissenschaft von einem System der Produktionsverh\u00e4ltnisse, in dem die \u00f6konomische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit sich in neuen Formen zeigt, in dem es keine Verdinglichung der menschlichen Beziehungen mehr gibt, in dem zusammen mit der Abschaffung der Ware auch der Warenfetischismus verschwindet\u00a0\u2026\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Das Problem der Effizienz einer sozialistischen Wirtschaft ist insofern kein wirtschaftstechnisches, sondern in ganz besonderem Ma\u00dfe und ganz direkt ein politisches. Die Priorit\u00e4ten, die sich die Gesellschaft gibt, werden dort auf au\u00dfer\u00f6konomische Art und Weise festgelegt und setzen sich als Ziele gegen die Gesetze der Wirtschaftstechnik durch, w\u00e4hrend gegenteilig die sozialen Zwecke des Kapitalismus erst nachtr\u00e4glich und als ein Nebenprodukt des Warenhandels auftauchen. Demokratie ist insofern die Grundvoraussetzung f\u00fcr das Funktionieren einer solchen Gesellschaftsorganisation und diese Vorstellung zwingt dazu, den Zusammenhang zwischen Plan und Markt anders zu gestalten.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine \u00f6kologische Planung<\/strong><\/p>\n<p>Diese Herangehensweise erfordert heute eine zus\u00e4tzliche Legitimationsgrundlage, indem man \u00f6kologische Kriterien einbezieht. Man k\u00f6nnte hier wieder einen linearen Zusammenhang herstellen und sagen, dass das Kriterium der Profitmaximierung Wertformen schafft, die mit der Einhaltung \u00f6kologischer Normen nicht vereinbar sind. Der Kapitalismus gibt vor, sie zu ber\u00fccksichtigen, indem er Pseudom\u00e4rkte schafft oder die Signalpreise ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Wirtschaftsmodelle sind, selbst wenn sie \u201eKlima-orientiert\u201c sind, in Begriffen der Kosteneffizienz gefasst. Sie \u201esch\u00e4tzen die gesellschaftlichen Nettovorteile des klimawirksam verausgabten Geldes und vergleichen diese Vorteile dann mit denen, die die Menschheit h\u00e4tte erzielen k\u00f6nnen, wenn sie dieses Geld in ein anderes, weniger riskantes Finanzinstrument investieren w\u00fcrde, etwa in Staatsanleihen.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>\u00a0Eine solche Kalkulationsweise f\u00fchrt zu folgenden Einsch\u00e4tzungen: \u201eDer wirtschaftliche Nettoschaden einer Erw\u00e4rmung um 3 Grad liegt in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 0,25\u00a0% des Nationaleinkommens der USA.\u201c Wohl stammt diese irrige Annahme von 1992<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, aber ihr Autor William Nordhaus hat seine fehlerhafte Herangehensweise niemals revidiert und trotzdem 2018 den Nobelpreis in \u00d6konomie erhalten.<\/p>\n<p>Diese Pseudomonetarisierung der Umwelt kann das Prinzip der Profitmaximierung am Rande beeinflussen, aber l\u00e4ngst nicht in dem Umfang der erforderlichen Emissionssenkungen. Daher hat Servaas Storm in seinem Beitrag, der eine lesenswerte Zusammenfassung der Thematik liefert<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>, doppelt Recht, wenn er den Wirtschaftswissenschaftlern vorwirft, der Bek\u00e4mpfung des Klimawandels im Wege zu stehen, und daneben unterstreicht, dass gr\u00fcnes Wachstum eine Illusion ist.<\/p>\n<p>Das Anliegen dieses kurzen \u00dcberblicks ist es, zu zeigen, dass die inzwischen nahezu inexistente Debatte \u00fcber die sozialistische Planung wieder aufgenommen werden muss, weil der Klimawandel ihr wieder Aktualit\u00e4t verschafft hat. Die dringend gebotene Bek\u00e4mpfung der Klimaerw\u00e4rmung wirft die Frage nach einer anderen Wirtschaftsrechnung auf, die die Umweltbelange angemessen ber\u00fccksichtigt, auch wenn eine solche theoretische Debatte abstrakt bleiben mag. Daher ist es wohl angebracht, auch auf fr\u00fchere Beitr\u00e4ge zur\u00fcckzugreifen und dabei festzustellen, dass die Ignoranz der gegenw\u00e4rtigen Politik gegen\u00fcber diesem Thema unmittelbar auf einer ideologisch begr\u00fcndeten Ablehnung einer Wirtschaftsplanung beruht, die die Profitlogik angreifen w\u00fcrde.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Weitere Artikel zum Thema<\/strong><\/p>\n<p>Paul Michel:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.inprekorr.de\/574-fleck.htm\">Von schwarzen L\u00f6chern und wei\u00dfen Flecken<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.inprekorr.de\/internat574.htm\"><em>die internationale<\/em>\u00a0Nr.\u00a05\/2019<\/a>\u00a0(September\/Oktober 2019)<\/p>\n<p>Daniel Tanuro:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.inprekorr.de\/480-oekosoz.htm\">Die Grundlagen einer \u00f6kosozialistischen Strategie<\/a>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.inprekorr.de\/ipk480.htm\"><em>Inprekorr<\/em>\u00a0Nr.\u00a06\/2011<\/a>\u00a0(November\/Dezember 2011)<\/p>\n<p>Catherine Samary: Plan, Markt und Selbstverwaltung,\u00a0<em>Inprekorr<\/em>\u00a0Nr.\u00a0240 (Oktober 1991)<\/p>\n<p>Ernest Mandel: Zur Verteidigung der sozialistischen Planwirtschaft,\u00a0<em>Inprekorr<\/em>\u00a0Nr.\u00a0200 (Februar 1988)<\/p>\n<p>&#8212;-<\/p>\n<p>Dieser Beitrag erschien am 12.7.2019 zuerst auf Franz\u00f6sisch auf <a href=\"http:\/\/alencontre.org\/ecologie\/de-leconomie-du-socialisme-a-la-planification-ecologique.html\"><em>alencontre.org&#8230;<\/em><\/a> und wurde f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.inprekorr.de\/574-plan.htm\"><em>die internationale Nr. 5\/2019<\/em><\/a><em>\u00a0(September\/Oktober 2019) von MiWe \u00fcbersetzt.<\/em>\u00a0Eine leichte \u00dcberarbeitung erfolgte durch die Redaktion <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/\"><em>https:\/\/sozialismus.ch\/<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2019\/theorie-von-der-sozialistischen-oekonomie-hin-zur-oekologischen-planung\/\">sozialismus.ch&#8230;<\/a> vom 8. Oktober 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Jewgeni Alexejewitsch Preobraschenski (1886 \u2013 1937) war ein russischer Berufsrevolution\u00e4r und seit 1901 in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands aktiv; er schloss sich 1903 der bolschewistischen Fraktion an, erlebte die zaristischen Repressionen, wurde ins Gef\u00e4ngnis geworfen und ging ins Exil.\u00a0 Er kritisierte, zusammen mit der Arbeiteropposition die Neue \u00f6konomische Politik Lenins und der Mehrheit der F\u00fchrung (ab 1921), die unter anderem Marktelemente einf\u00fchrte, um der grossen Krise zu begegnen. Lange Zeit mit der Linken Opposition um Leo Trotzki verb\u00fcndet, schwenkte er Ende der 1920er Jahre auf die Linie der F\u00fcnfjahrespl\u00e4ne und Zwangskollektivierung der Landwirtschaft um. Er wurde im Rahmen der Grossen S\u00e4uberungen auf Geheiss Stalins 1937 erschossen. [Anm. Red.]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> MEW, Bd. 25, S. 828.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> MEW, Bd. 20, S. 288.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> W\u0142odzimierz Brus, Funktionsprobleme der sozialistischen Wirtschaft, edition Suhrkamp 1971.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch, The best uses of economic resources, Harvard University Press 1965.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Pierre Naville, \u201cKantorovitch et le retour \u00e0 Pareto\u201d, in Le nouveau L\u00e9viathan, Bd 3, 1970.<\/p>\n<p>[P. Naville (1904 bis 1993) war seit jungen Jahren in Frankreich verschiedenen linken politischen Organisationen engagiert, zeitweise auch in trotzkistischen Organisationen. Er verfasste mehrere B\u00fccher, darunter <em>Autogestion et Planification <\/em>(1980). Anm. Red.]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Wie eine solche sozialistische Demokratie erk\u00e4mpft werden kann, ist Inhalt strategischer Debatten. Dass eine demokratische Aushandlung der wirtschaftlichen Priorit\u00e4ten, frei von jeglicher Ausbeutung, nur das Resultat eines revolution\u00e4ren Prozesses sein kann, versteht sich von selbst. Dies der Grund, weshalb politische revolution\u00e4re Projekte dem Klassenkonflikt eine zentrale Bedeutung beimessen, neben der aktiven Beteiligung an sozialen Bewegungen, wie den Klimaprotesten oder der Frauenbewegung. \u00a0[Anm. Red.]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Catherine Samary, Plan, march\u00e9 et d\u00e9mocratie. L\u2019exp\u00e9rience des pays dits socialistes, Cahiers d\u2019\u00e9tudes et de recherche, IIRF, 1988. (<a href=\"http:\/\/tankona.free.fr\/samary1988.pdf\">http:\/\/tankona.free.fr\/samary1988.pdf<\/a>).<\/p>\n<p>In seinem Roman Rote Zukunft (Rowohlt, 2010) beschreibt Francis Spufford, wie die b\u00fcrokratischen Strukturen verhindert haben, dass die theoretischen Entw\u00fcrfe von Kantorowitsch \u2013 einer der Romanfiguren \u2013 Wirklichkeit werden konnten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Jewgeni Preobraschenski Die neue \u00d6konomik, Neuer Kurs, 1971, S.69 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Servaas Storm, Are Economists Blocking Progress on Climate Change, INET 24. Juni 2014.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> William D. Nordhaus, An optimal transition path for controlling greenhouses gases,Science, 20. November 1992.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Enno Schr\u00f6der &amp; Servaas Storm, Why \u201cGreen Growth\u201d Is an Illusion, INET, 5. Dez. 2018, eine Zusammenfassung von: Economic Growth and Carbon Emissions: The Road to \u2018Hothouse Earth\u2019 is Paved with Good Intentions, Science and Engineering Ethics n\u00b023, 2017.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michel Husson. Bei der Debatte \u00fcber die Wirtschaftsrechnung unter Ber\u00fccksichtigung der Umweltbelange kann es durchaus n\u00fctzlich sein, auf \u00e4ltere Beitr\u00e4ge zur \u00d6konomie des Sozialismus zur\u00fcckzugreifen. Anl\u00e4sslich der bevorstehenden<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[25,80,12,13,58,22,38],"class_list":["post-6117","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-friedrich-engels","tag-lenin","tag-marx","tag-oekosozialismus","tag-politische-oekonomie","tag-russische-revolution"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6117"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6119,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6117\/revisions\/6119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}