{"id":6131,"date":"2019-10-09T11:56:02","date_gmt":"2019-10-09T09:56:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6131"},"modified":"2019-10-09T11:56:47","modified_gmt":"2019-10-09T09:56:47","slug":"felix-wemheuer-a-social-history-of-maoist-china","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6131","title":{"rendered":"Felix Wemheuer: A Social History of Maoist China"},"content":{"rendered":"<p><em>Alexander Schr\u00f6der. <\/em><strong>Eine neue Einf\u00fchrung erkl\u00e4rt uns die Volksrepublik China als gnadenlos gescheiterten Versuch, die befreite Gesellschaft in wenigen Jahren zu erzwingen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Dem K\u00f6lner Sinologen Felix Wemheuer ist mit seinem neuesten Buch eine Sozialgeschichte der fr\u00fchen Volksrepublik China (1949\u20131976) gelungen, die nicht nur in das Land einf\u00fchrt, sondern auch leserfreundlich geschrieben ist. Das im M\u00e4rz 2019 erschienene Buch \u201eA Social History of Maoist China\u201d ist ein zeitlich gegliederter \u00dcberblick, der uns entlang von staatlicher Politik und heftigen Konflikten verschafft wird.<\/p>\n<p><strong>Neuer Ansatz in der Chinaforschung?<\/strong><\/p>\n<p>Das Buch betrachtet das Land aus einer un\u00fcblichen Perspektive: Der Autor verwendet den Ansatz des Intersektionalismus. Damit versucht er, den Blick auf die besonders und mehrfach Unterdr\u00fcckten zu richten. Die verschiedensten Unterdr\u00fcckungen sollen in ihrem organischen Zusammenhang betrachtet werden. Das Buch wird diesem Anspruch nur teilweise gerecht.<\/p>\n<p>Der Fokus auf die Begriffe Klasse, Gender, Ethnie und das Stadt-Land-Gef\u00e4lle bringt Vor- und Nachteile mit sich. Die Frage ist, was man damit macht: Wemheuer hat sich entschieden, damit eine kollektive Leidensgeschichte und eine Geschichte voll von \u00fcberambitionierten Pl\u00e4nen, Irrungen und Konflikten zu schreiben. Jedes Kapitel wird mit Einzelschicksalen eingeleitet. Wir erfahren einiges \u00fcber Biografien, in denen es zu grossem Leid kam. Unter der F\u00fchrung durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) wurden Menschen demnach deswegen diskriminiert, weil sie Kinder eines Grossgrundbesitzers waren, weil sie ungerechte Politik gegen\u00fcber Bauern kritisiert hatten und als Konterrevolution\u00e4re galten oder weil sie ein Vielparteiensystem nach westlichem Vorbild forderten und als Rechtsabweichler abgestempelt wurden. Besonders das maoistische Klassifizierungssystem wird scharf unter die Lupe genommen und im Kern als unfair und problemreich herausgearbeitet.<\/p>\n<p>In den Kapiteln wird zwar auf die gr\u00f6sseren Hintergr\u00fcnde eingegangen. Man erf\u00e4hrt viel \u00fcber die Zusammenh\u00e4nge von gesellschaftlichen Herausforderungen und L\u00f6sungsans\u00e4tzen durch die KPCh, die oft nachvollziehbar werden. Die Entscheidungen von oben werden dabei immer mit dem bitteren K\u00e4mpfen von unten kontrastiert. Aber jedes Kapitel veranschaulicht letztlich das Versagen der KP Chinas anhand leidvoller und chaotisch abgelaufener Biografien.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"912\" height=\"340\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Heart_shaped_Mao_badge_Mao_Tse_Tung_medals_cropped_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6132\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Heart_shaped_Mao_badge_Mao_Tse_Tung_medals_cropped_1.jpg 912w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Heart_shaped_Mao_badge_Mao_Tse_Tung_medals_cropped_1-300x112.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Heart_shaped_Mao_badge_Mao_Tse_Tung_medals_cropped_1-768x286.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 912px) 100vw, 912px\" \/><figcaption> Bild: Mao-Tse-Tung-Abzeichen, Ausstellung, \u00dcbersee-Museum, Bremen. \/&nbsp;<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Heart_shaped_Mao_badge,_Mao_Tse_Tung_medals_(cropped).jpg\">Thylacin<\/a>&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/deed.de\">(CC BY-SA 2.0 cropped)<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Fallstricke sozialistischer Experimente<\/strong><\/p>\n<p>Wemheuer ist der f\u00fchrende deutsche Experte zur Hungersnot im sogenannten \u201eGrossen Sprung nach vorn\u201c. Das ist dem Buch anzumerken. Seine Diskussion der Errungenschaften und Fallstricke der maoistischen Epoche ist von der Hungersnot ab den sp\u00e4ten 1950er Jahren \u00fcberschattet. Er diskutiert die Einsch\u00e4tzungen von Forscher*innen, die von mindestens 15 bis maximal 40 Millionen Hungertoten ausgehen. Wemheuer selbst geht von dutzenden Millionen Toten aus, obwohl es keine verl\u00e4sslichen Zahlen gibt.<\/p>\n<p>Die Ursachen der Katastrophe erkennt er vor allem im Staatsapparat, denn dieser habe die v\u00f6llige Kontrolle \u00fcber die Nahrungsmittelverteilung erzwungen und die Bed\u00fcrfnisse der Bauernschaft ignoriert. Mao selbst sei eine Mitschuld zuzuweisen, denn er habe viel zu sp\u00e4t auf Berichte \u00fcber Hungersn\u00f6te reagiert und lokalen Beh\u00f6rden Angst eingejagt. Gleichzeitig wird die Korruption lokaler Kader dargestellt, die ihre Macht missbraucht haben. Wir erfahren, dass die einfachen Menschen \u00dcberlebensstrategien entwickelten, die von Diebstahl \u00fcber verfr\u00fchte Ernte und Bestechung bis hin zu Prostitution und Kannibalismus reichten. Sie taten alles, um den Hunger zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Auch die Jahre bis zu Maos Tod (1976) werden als Verirrungen begriffen. Die KP Chinas habe eine Krise nach der anderen verschuldet. Die \u201eKulturrevolution\u201c (1966\u20131976) wird ganz zu Recht als komplexe Periode dargestellt, in der verschiedene Fraktionen ihre Interessen aushandelten. Wichtige Diskussionen und Konflikte dieser Zeit werden zumindest angerissen. Aber auf die wachsende Ungleichheit und die ausufernden Privilegien der B\u00fcrokratie wird zu wenig eingegangen, um die Rebellion der Massen verst\u00e4ndlich zu machen. Ein intersektionaler Blick k\u00f6nnte an dieser Stelle wesentlich mehr leisten.<\/p>\n<p><strong>Kaum konkrete Errungenschaften?<\/strong><\/p>\n<p>Wemheuer versucht in einem winzigen Abschnitt, einige Erfolge des Sozialismus zu w\u00fcrdigen. Der Versuch bleibt holprig. Es werden zwar bedeutende Verbesserungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung rein statistisch beziffert, etwa das Anwachsen der Lebenserwartung, der Alphabetisierungsrate, der Einschulungsrate und der medizinischen Grundversorgung. Die Verhinderung von st\u00e4dtischen Slums, die Schaffung eines sozialistischen staatlichen Sektors (Stichwort \u201eEiserne Reisschale\u201c), gr\u00f6ssere Beteiligung von Frauen und ethnischen Minderheiten am \u00f6ffentlichen Leben sowie die landwirtschaftliche und industrielle Modernisierung werden diskutiert. Auch rasche wissenschaftliche Errungenschaften \u2013 gerade auch in der gerne d\u00e4monisierten \u201eKulturrevolution\u201c \u2013 werden erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Aber die entscheidenden Tatsachen, dass mit der Revolution hunderte Millionen von Menschen erstmals ein sicheres Einkommen und ernsthafte Aufstiegschancen geniessen konnten; dass ihnen erstmals eine Stimme und politische Mitsprache erm\u00f6glicht wurde; dass die Ausbeutung in der Privatwirtschaft ein Ende nahm; dass die Unterwerfung im privaten Haushalt ernsthaft herausgefordert wurde; dass die k\u00f6rperlich t\u00e4tige Mehrheit gegen\u00fcber den reichen und gebildeten Eliten erstmals in der Geschichte aufgewertet wurde; dass Tibet von einer feudalen Theokratie befreit wurde; M\u00e4dchen und Frauen vom brutalen F\u00fcssebinden und vom Menschenhandel \u2013 all das erscheint in dieser Darstellung merkw\u00fcrdigerweise als nebens\u00e4chlich.<\/p>\n<p><strong>Ein ein\u00e4ugiger Blick nach unten<\/strong><\/p>\n<p>Wemheuers Sozialgeschichte Chinas unter Mao ist eine gute Einf\u00fchrung. Leider bleibt es eine sehr selektive Darstellung. Die Betonung liegt auf den Grausamkeiten des Sozialismus. Das Problem dieser Darstellung ist, dass sie die Leidtragenden fest im Blick beh\u00e4lt, w\u00e4hrend sie die viel zahlreicheren Menschen, welche die Revolution als Befreiung erlebt haben, aus dem Blick verliert.<\/p>\n<p>Der Autor stellt zudem die Befreiung und Erm\u00e4chtigung von Frauen, Arbeiter*innen, B\u00e4uer*innen, Ethnien abstrakt dar, w\u00e4hrend er Konflikte mit dem Staat konkret und anschaulich macht. Die Menschen werden uns daher als Opfer und Gegner des Staates pr\u00e4sentiert. Dabei wurde die Volksrepublik von diesen Menschen nicht nur in Jahrzehnten des B\u00fcrgerkriegs erk\u00e4mpft, sondern zunehmend auch von ihnen geleitet. Die Aufw\u00e4rtsmobilit\u00e4t in China war ohne Gleichen. Viele Kader*innen stammten aus der Masse der Bauern- und Arbeiterschaft, deren Interessenvertretung erst mit der \u201edemokratischen Diktatur des Volkes\u201c m\u00f6glich wurde. Insgesamt w\u00fcrdigt das Buch diesen Hintergrund nicht ausreichend. Eine Schwerpunktverschiebung hin zu den aktiven Unterst\u00fctzer*innen und unz\u00e4hligen Beg\u00fcnstigten der Revolution h\u00e4tte dem intersektionalen Ansatz des Buches gut getan. Denn ohne deren Beweggr\u00fcnde ist der Blick nach unten auf einem Auge blind und daher unausgeglichen.<\/p>\n<p><em>Felix Wemheuer: A Social History of Maoist China. Conflict and Change, 1949\u20131976. Cambridge University Press 2019. 346 Seiten, ca. 29.00 SFr ISBN: 9781316421826<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/buchrezensionen\/sachliteratur\/felix_wemheuer_a_social_history_of_maoist_china_5690.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Oktober 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Schr\u00f6der. 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