{"id":6142,"date":"2019-10-09T15:31:53","date_gmt":"2019-10-09T13:31:53","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6142"},"modified":"2019-10-09T15:31:54","modified_gmt":"2019-10-09T13:31:54","slug":"der-streik-bei-general-motors-richtet-sich-gegen-die-herrschende-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6142","title":{"rendered":"Der Streik bei General Motors richtet sich gegen die herrschende Klasse"},"content":{"rendered":"<p><em>Eric London. <\/em>General Motors will in seinen Werken die Leiharbeit ausweiten, den Arbeiteranteil an der Krankenversicherung um das F\u00fcnffache erh\u00f6hen und den Lohnzuwachs unter der Inflationsrate halten. Dies ist nichts weniger als eine Gro\u00dfoffensive,<!--more--> die sich nicht nur gegen die 48.000 streikenden Autoarbeiter bei GM richtet, sondern gegen die gesamte amerikanische und internationale Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Das Unternehmen nimmt keinerlei R\u00fccksicht auf die Arbeiterinnen und Arbeiter. Wenn der Streik erfolgreich sein soll, muss der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) die Kontrolle \u00fcber den Streik entzogen und der Ausstand ausgeweitet werden. Die UAW hat Arbeiter isoliert und ihre Position geschw\u00e4cht, indem sie ihnen nur 250 US-Dollar w\u00f6chentlichen Streiklohn zahlt und die Arbeiter von Ford und Fiat-Chrysler am Arbeitsplatz h\u00e4lt. So hilft sie der Automobilindustrie, den Auswirkungen eines anhaltenden Streiks standzuhalten.<\/p>\n<p>Der Streik verursacht erhebliche St\u00f6rungen in den internationalen Lieferketten. Gestern hat GM 415 von 2.100 Mitarbeitern in seinem mexikanischen V-8-Motoren- und Getriebewerk in Ramos Arizpe im nordmexikanischen Coahuila in Zwangsurlaub geschickt. Das Werk in Silao, Guanajuato, mit 6.000 Mitarbeitern, liegt still. \u00dcber 10.000 Arbeiter in der Zulieferindustrie, die nicht Mitglied der Gewerkschaft UAW sind, wurden infolge des Streiks in den USA entlassen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis des Streiks wird sich in den kommenden Jahren auf die Lebensbedingungen von Millionen von Arbeitern auswirken \u2013 nicht nur in der Automobilindustrie, sondern in allen Branchen.<\/p>\n<p>Es geht dabei nicht nur um die Auseinandersetzung mit einem m\u00e4chtigen Unternehmen. Mit diesem Vorsto\u00df will die herrschende Klasse die Klassenbeziehungen dramatisch ver\u00e4ndern und Billionen Dollar mehr von der Arbeiterklasse an die Finanzaristokratie \u00fcbertragen. Die Autoarbeiter k\u00e4mpfen hier f\u00fcr die gesamte Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>GM versucht, seiner Belegschaft das aufzuzwingen, was f\u00fcr die amerikanische Wirtschaft eine Traumvision der Zukunft ist: Es gibt eine Armee von Zeitarbeitern ohne Rechte, die nach Belieben geheuert und gefeuert werden k\u00f6nnen, sowie Werke, die vom Unternehmen nach Belieben geschlossen werden k\u00f6nnen; der Arbeitgeberanteil an der Krankenversicherung ist abgeschafft und die Produktivit\u00e4t wird \u00fcber sinkende L\u00f6hne und Sicherheitsstandrads gesteigert.<\/p>\n<p>GM will im Sinne der Wall Street die internationale Belegschaft \u201euberisieren\u201c und \u201eamazonisieren\u201c, um ein H\u00f6chstma\u00df an Ausbeutung zu gew\u00e4hrleisten, die Gewinne zu steigern und den Aktienmarkt aufzublasen. Erst gestern hat General Electric ein Ende der Betriebsrenten f\u00fcr 10.000 Arbeitnehmer angek\u00fcndigt. Hier wird Massenarmut geplant. Wenn die Strategie der herrschenden Klasse erfolgreich ist, wird sie Millionen Arbeitnehmer \u00fcber Generationen hinweg an den Rand der k\u00f6rperlichen und psychischen Ersch\u00f6pfung bringen.<\/p>\n<p>Die R\u00fccksichtslosigkeit von GM ist nicht nur Ergebnis der \u201eGier\u201c eines Unternehmens, auch wenn Gier vielfach gegeben ist. Die Gier entspringt aber der Logik des kapitalistischen Systems und den materiellen Interessen der m\u00e4chtigen Aktion\u00e4re von GM.<\/p>\n<p>Neunundsiebzig Prozent der GM-Aktien befinden sich im Besitz von institutionellen Anteilseignern, darunter 7,8 Prozent bei Capital Research and Management, sieben Prozent bei Vanguard, f\u00fcnf Prozent bei Berkshire Hathaway und 4,3 Prozent bei BlackRock.<\/p>\n<p>Laut einer Studie aus dem Jahr 2017, die in der Zeitschrift\u00a0<em>Business and Politics\u00a0<\/em>erschien, sind die drei weltweit f\u00fchrenden institutionellen Investoren &#8211; Vanguard, State Street und BlackRock \u2013 \u201edie gr\u00f6\u00dfte Aktion\u00e4re von 1.662 der 3.900 b\u00f6rsennotierten US-Unternehmen, die&#8230; 78 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung von US-Unternehmen ausmachen\u201c, darunter auch GM. Diese Unternehmen haben \u201eeine aktuelle Marktkapitalisierung von mehr als 17 Billionen Dollar, besitzen Verm\u00f6genswerte im Wert von fast 23,9 Billionen Dollar und besch\u00e4ftigen mehr als 23,5 Millionen Menschen\u201c.<\/p>\n<p>Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die drei m\u00e4chtigsten institutionellen Anteileigner \u201eeine Position mit un\u00fcbertroffenem Machtpotenzial gegen\u00fcber den amerikanischen Unternehmen einnehmen\u201c und dass es \u201eeine Konzentration von Unternehmensbesitz gibt, die seit den Tagen von JP Morgan und JD Rockefeller nicht mehr zu beobachten war\u201c. Die ersten drei \u201ehaben das Potenzial, bedeutende Ver\u00e4nderungen in der politischen \u00d6konomie der Vereinigten Staaten zu bewirken\u201c.<\/p>\n<p>Das ist genau das, was die Wall Street mit dem neuen Tarifvertrag bei GM erreichen will.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gm.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6143\" width=\"536\" height=\"402\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gm.jpg 320w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gm-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 536px) 100vw, 536px\" \/><\/figure>\n<p>Die Arbeiterinnen und Arbeiter m\u00fcssen aus diesen Fakten strategische Schlussfolgerungen ziehen.<\/p>\n<p>Der erste unmittelbare Schritt muss die Bildung von Betriebsaussch\u00fcssen sein, um den Streik auf Ford und Fiat-Chrysler auszuweiten. Die Arbeiter befinden sich im Krieg mit den Konzernen und m\u00fcssen daher nach Verst\u00e4rkungen suchen, um den Kampf zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Streikl\u00f6hne m\u00fcssen auf 750 Dollar pro Woche verdreifacht werden. Dies ist notwendig, um einen echten Kampf zu f\u00fchren. Dies kann aus dem Streiftopf in H\u00f6he von 800 Millionen Dollar bezahlt werden und durch ein Einfrieren der Geh\u00e4lter von UAW-Funktion\u00e4ren, besonders jener 450 Offiziellen, \u00fcber 100.000 Dollar pro Jahr verdienen und w\u00e4hrend des Streiks das volle Gehalt beziehen.<\/p>\n<p>Die Arbeitnehmer m\u00fcssen dann ihre eigenen Forderungen aufstellen. Seit Jahrzehnten wird den Arbeitnehmern gesagt, sie m\u00fcssten ihre Forderungen den \u201eMarktrealit\u00e4ten\u201c unterordnen. Auf dieser Grundlage wurden Hunderte Fabriken geschlossen, Millionen Arbeitspl\u00e4tzen vernichtet und die L\u00f6hne auf ein Niveau gesenkt, wie es vor den historischen Autoarbeiterstreiks der 1930er Jahre herrschte.<\/p>\n<p>Der\u00a0<em>World Socialist Web Site Autoworker Newsletter<\/em>\u00a0ruft Arbeiterinnen und Arbeitern dazu auf, folgende Forderungen zu stellen:<\/p>\n<ul>\n<li>40-prozentige Lohnerh\u00f6hung, Wiedereinf\u00fchrung der Anpassung von L\u00f6hnen und Betriebsrenten an die Lebenshaltungskosten, Abschaffung des zweistufigen Lohn- und Sozialleistungssystems sowie die sofortige \u00dcbernahme und Entfristung aller Zeitarbeiter.<\/li>\n<li>Wiederer\u00f6ffnung der Werke Lordstown, Warren und Baltimore, Stopp aller Werksschlie\u00dfungen und Wiedereinstellung aller entlassenen Arbeiter.<\/li>\n<li>Wiedereinstellung aller entlassenen Arbeiter im Werk von GM im mexikanischen Silao, und die Zahlung aller Lohnr\u00fcckst\u00e4nde. Diese heldenhaften Arbeiter wurden entlassen, weil sie sich geweigert haben, die Produktion der hochprofitablen Pickup-Lkw von GM w\u00e4hrend des Streiks in den USA zu erh\u00f6hen. Ihre Verteidigung ist der beste Weg, um die US-amerikanischen, kanadischen und mexikanischen Arbeiter zu vereinen und die Strategie der Unternehmen zu untergraben, die Arbeiter in einem Wettlauf nach unten gegeneinander auszuspielen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Gewerkschaft UAW wird und kann keine dieser Forderungen stellen, weil dies ihre kriminellen und korrupten Beziehungen zu den Unternehmen untergraben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Arbeiter m\u00fcssen sich von der Vorstellung befreien, dass die UAW gezwungen werden kann, dem Druck der Arbeiter nachzugeben und zu k\u00e4mpfen. Das Gegenteil ist der Fall: Je gr\u00f6\u00dfer der Zorn und die Entschlossenheit der Arbeiter, desto st\u00e4rker wird die UAW mit den Unternehmen hinter ihrem R\u00fccken zusammenarbeiten, um den Streik zu beenden und die Interessen der Unternehmen zu verteidigen.<\/p>\n<p>Um die Forderungen der Arbeiter umzusetzen, braucht es daher neue Massenorganisationen von unten. Diese Organisationen m\u00fcssen den Informationsaustausch der Arbeiter untereinander erleichtern und es ihnen erm\u00f6glichen, demokratische Entscheidungen zu treffen und bei der Umsetzung dieser Entscheidungen gemeinsam zu handeln.<\/p>\n<p>Sie wirken als Synapsen in einem politischen Nervensystem, erstrecken sich auf alle Arbeits- und Ausbildungsorte und verbinden die Arbeiter \u00fcber nationale Grenzen hinweg. So kann die Arbeiterklasse als eine starke vereinte soziale Kraft gegen die Unternehmen und das kapitalistische System denken und handeln.<\/p>\n<p>Das Schicksal des GM-Streiks und die Lebensbedingungen von zig Millionen Arbeitern h\u00e4ngen davon ab, dass GM-Mitarbeiter sich organisieren, Komitees bilden und die Kontrolle \u00fcber ihren Kampf \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/10\/09\/pers-o09.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Oktober 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eric London. General Motors will in seinen Werken die Leiharbeit ausweiten, den Arbeiteranteil an der Krankenversicherung um das F\u00fcnffache erh\u00f6hen und den Lohnzuwachs unter der Inflationsrate halten. Dies ist nichts weniger als eine Gro\u00dfoffensive,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[8,25,29,87,44,26,45,4,17],"class_list":["post-6142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnen","tag-altersvorsorge","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-gesundheitswesen","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6142","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6142"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6142\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6144,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6142\/revisions\/6144"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}