{"id":6159,"date":"2019-10-15T10:37:07","date_gmt":"2019-10-15T08:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6159"},"modified":"2019-10-15T10:49:15","modified_gmt":"2019-10-15T08:49:15","slug":"tuerkischer-ueberfall-auf-syrien-imperialistischer-brandbeschleuniger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6159","title":{"rendered":"T\u00fcrkischer \u00dcberfall auf Syrien: imperialistischer Brandbeschleuniger"},"content":{"rendered":"<p><em>Alex Lantier. <\/em>Seit dem Wochenende ger\u00e4t der Krieg an der t\u00fcrkisch-syrischen Grenze mehr und mehr au\u00dfer Kontrolle. Auf den Angriff der T\u00fcrkei auf Syrien und die Kurden, die bisher von den USA unterst\u00fctzt worden sind, reagieren<!--more--> das syrische Milit\u00e4r und der Iran mit einer Gegenoffensive.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend t\u00fcrkische Truppen und mit ihnen verb\u00fcndete al-Qaida-Milizen tief in die kurdisch kontrollierten Gebiete in Syrien vorsto\u00dfen, treibt der Nahe Osten gef\u00e4hrlich nahe an den Rand eines umfassenden Krieges, der alle regionalen Gro\u00dfm\u00e4chte hineinziehen wird. Er k\u00f6nnte in einen globalen Konflikt zwischen atomar bewaffneten Weltm\u00e4chten ausarten.<\/p>\n<p>Laut UN-Berichten befinden sich schon 130.000 Syrer auf der Flucht vor der t\u00fcrkischen Offensive. T\u00fcrkische Regierungsvertreter behaupten, sie h\u00e4tten mindestens 415 kurdische K\u00e4mpfer \u201eneutralisiert\u201c. T\u00fcrkische Soldaten besetzen die St\u00e4dte Tal Abyad und Ra\u2018s al-Ain, wo heftige K\u00e4mpfe und permanente t\u00fcrkische Luftangriffe w\u00fcten. Die Soldaten besetzen eine wichtige Stra\u00dfenkreuzung, um amerikanische und kurdische Truppen in Kobane abzuschneiden. T\u00fcrkische Artillerie hat au\u00dferdem in der N\u00e4he von Kobane US-Truppen beschossen. Der ehemalige US-Gesandte Brett McGurk erkl\u00e4rte, das sei \u201ekein Fehler\u201c gewesen, was t\u00fcrkische Regierungsvertreter jedoch sp\u00e4ter abstritten.<\/p>\n<p>Die islamistische Syrische Nationale Armee (SNA, vormals Freie Syrische Armee), die den syrischen \u201eRebellen\u201c angeh\u00f6rt und mit der T\u00fcrkei verb\u00fcndet ist, soll in den von ihr kontrollierten Gebieten kurdische Zivilisten ermorden. Das haben mehrere Berichte \u00fcbereinstimmend ergeben. So soll auch die kurdische Politikerin Hevrin Khalaf hingerichtet worden sein. Ein Video zeigt ihr von Kugeln durchl\u00f6chertes Auto, von SNA-K\u00e4mpfern umringt. Es sind offenbar nicht nur al-Qaida-nahe Milizen, welche die \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c vernichten wollen. Auch die SNA vertritt laut dem&nbsp;<em>Daily Telegraph<\/em>&nbsp;eine \u00e4hnlich religi\u00f6s-sektiererische Perspektive: \u201eSie sind gegen die Kurden, und sie sind arabische Chauvinisten.\u201c<\/p>\n<p>Am Sonntagabend k\u00fcndigte das syrische Milit\u00e4r an, es werde in das Gebiet vorr\u00fccken. Die offizielle syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete: \u201eEinheiten der Syrisch-Arabischen Armee sind nach Norden vorger\u00fcckt, um sich der t\u00fcrkischen Aggression gegen syrisches Staatsgebiet entgegenzustellen\u2026 Der Aufmarsch stellt eine Reaktion auf die anhaltende t\u00fcrkische Aggression gegen St\u00e4dte und Gebiete im Norden der Provinzen Hasaka und Rakka dar, in denen die t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte Massaker an Einwohnern ver\u00fcbt, Gebiete besetzt und Infrastruktur zerst\u00f6rt haben.\u201c<\/p>\n<p>Berichten zufolge hat die syrische Armee mit der kurdisch gef\u00fchrten Miliz Syrische Demokratische Kr\u00e4fte (SDF) ein Abkommen geschlossen. Die US-Regierung hat ihr B\u00fcndnis mit derselben SDF vor einer Woche aufgek\u00fcndigt. Nun sollen Truppen der syrischen Armee, gem\u00e4\u00df ihrem neuen Abkommen, in 48 Stunden in der Stadt Kobane nahe der syrisch-t\u00fcrkischen Grenze eintreffen. Am Samstag lie\u00df US-Pr\u00e4sident Donald Trump die verbliebenen 1.000 US-Soldaten aus Kobane abziehen. Am Wochenende zogen sich die US-Truppen aus dem gesamten Norden Syriens zur\u00fcck, um nicht von den vorr\u00fcckenden t\u00fcrkischen Truppen abgeschnitten zu werden.<\/p>\n<p>Der Iran deutete an, er werde die syrische Armee unterst\u00fctzen. In den letzten Jahren hatte Teheran Zehntausende von Soldaten und Drohnen stationiert, um das syrische Regime gegen den Nato-Stellvertreterkrieg zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Ali Akbar Velayati, Berater f\u00fcr internationale Angelegenheiten bei Chamenei, dem \u201eObersten F\u00fchrer\u201c des Iran, traf sich am Sonntag mit dem syrischen Botschafter in Teheran. Laut SANA versicherte er ihm die \u201evolle Unterst\u00fctzung [des Irans] f\u00fcr die Souver\u00e4nit\u00e4t und territoriale Integrit\u00e4t Syriens\u201c, und er forderte den R\u00fcckzug der t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte. Velayati f\u00fcgte hinzu: \u201eDie prinzipielle Politik des Iran basiert auf der Unterst\u00fctzung des Volks und der Regierung Syriens und der Verteidigung ihrer gerechten Position. Dazu geh\u00f6rt die Fortsetzung der partnerschaftlichen Zusammenarbeit, bis Terrorismus und Terrororganisationen vollst\u00e4ndig eliminiert sind.\u201c<\/p>\n<p>Gleichzeitig versch\u00e4rfen sich die milit\u00e4rischen Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien aufgrund gegenseitiger Angriffe auf \u00d6ltanker im Persischen Golf, die von entscheidender Bedeutung f\u00fcr die Weltwirtschaft sind. Letzten Monat machten die US- und die saudische Regierung, ohne Beweise vorzulegen, den Iran f\u00fcr einen Anschlag auf saudische \u00d6lraffinerien am 14. September verantwortlich. Der Anschlag hatte einen starken Anstieg der \u00d6lpreise zur Folge. Am 11. Oktober trafen zwei Geschosse den iranischen Tanker Sabiti im Roten Meer vor der K\u00fcste Saudi-Arabiens.<\/p>\n<p>Der Vorsitzende des Iranischen Obersten Nationalen Sicherheitsrats, Ali Shamkhani, erkl\u00e4rte am Sonntag, der Iran werde als Vergeltung f\u00fcr den Angriff auf den Tanker Sabiti weitere, noch nicht n\u00e4her bezeichnete Ziele angreifen. Gegen\u00fcber Fars News erkl\u00e4rte er: \u201eEin Sonderausschuss wurde einberufen, um den Angriff auf die Sabiti zu untersuchen\u2026 Er wird seinen Bericht den Beh\u00f6rden bald zur Entscheidung vorlegen\u2026 Piraterie und mutwilliger Schaden in internationalen Gew\u00e4ssern, die die kommerzielle Seefahrt unsicher machen, werden nicht unbeantwortet bleiben.\u201c<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"713\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/photo_2019-10-14_13-15-28-713x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6161\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/photo_2019-10-14_13-15-28-713x1024.jpg 713w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/photo_2019-10-14_13-15-28-209x300.jpg 209w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/photo_2019-10-14_13-15-28-768x1103.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/photo_2019-10-14_13-15-28.jpg 868w\" sizes=\"auto, (max-width: 713px) 100vw, 713px\" \/><figcaption>Die n\u00e4chsten RojavaSolidarit\u00e4ts-Mobilisierungen in der Schweiz<\/figcaption><\/figure>\n<p>Saudische Regierungsvertreter verweigerten jeden Kommentar zum Angriff auf die Sabiti. Vertreter der f\u00fcnften US-Flotte im Golfscheichtum Bahrain behaupteten, sie h\u00e4tten dar\u00fcber keine Informationen. Allerdings wird in den internationalen Medien dar\u00fcber spekuliert, dass der Angriff von Saudi-Arabien oder mit dessen Unterst\u00fctzung durchgef\u00fchrt worden sei.<\/p>\n<p>Die Konflikte zwischen den verschiedenen kapitalistischen Regimes im Nahen Osten bergen eine akute Gefahr, die nicht nur die Region, sondern die ganze Welt bedroht. Kein klassenbewusster Arbeiter darf sich auf die Seite von einem dieser konkurrierenden Regimes stellen. Sie sind allesamt reaktion\u00e4r und verfolgen reaktion\u00e4re Ziele. Da die USA, Europa, Russland und China alle tief in den Stellvertreterkrieg in Syrien verstrickt sind, k\u00f6nnte ein gro\u00dfer Krieg im Nahen Osten die weltweite \u00d6lversorgung unterbrechen und zu einem Atomkrieg ausarten. Damit steht die Arbeiterklasse vor der realen Gefahr eines Dritten Weltkriegs.<\/p>\n<p>Die kurdisch gef\u00fchrten SDF-Milizen in Syrien sind den t\u00fcrkischen Truppen mit ihren Luftangriffen deutlich unterlegen. CNN ver\u00f6ffentlichte ein Gespr\u00e4ch zwischen Vertretern der USA und SDF-Milizen. Darin warnten die Letzteren, sie seien bereit, an Russland zu appellieren, es solle zum Schutz der SDF und der syrischen Streitkr\u00e4fte die T\u00fcrkei angreifen. Da die T\u00fcrkei rechtlich ein Nato-Verb\u00fcndeter Washingtons und der europ\u00e4ischen M\u00e4chte ist, k\u00f6nnte ein solcher Angriff die USA und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten zwingen, entweder das 70 Jahre alte Nato-B\u00fcndnis aufzul\u00f6sen, oder zum Schutze der T\u00fcrkei den Krieg gegen Russland er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>SDF-General Mazloum Kobani Abdi warf den US-Regierungsvertretern am Donnerstag bei einem Treffen vor: \u201eSie lassen zu, dass wir abgeschlachtet werden. Sie sind nicht bereit, das Volk zu sch\u00fctzen, aber Sie wollen auch nicht, dass eine andere Macht kommt, um uns zu besch\u00fctzen. Sie haben uns verraten.\u201c<\/p>\n<p>Amerikanische Vertreter forderten die SDF auf, keinen Deal mit Russland abzuschlie\u00dfen und stattdessen weiter riesige Opferzahlen durch t\u00fcrkische Luftangriffe hinzunehmen. Mazloum wies diese Forderung zur\u00fcck und erkl\u00e4rte: \u201eIch m\u00f6chte wissen, ob Sie f\u00e4hig sind, mein Volk zu sch\u00fctzen und den Abwurf dieser Bomben zu verhindern, oder nicht. Ich muss es wissen, denn andernfalls muss ich jetzt einen Deal mit Russland und dem Regime abschlie\u00dfen und deren Flugzeuge bitten, diese Region zu sch\u00fctzen.\u201c<\/p>\n<p>Zu dem Zeitpunkt waren jedoch die US-Truppen in Syrien schon auf dem R\u00fcckzug. US-Verteidigungsminister Mark Esper erkl\u00e4rte am Sonntag in den amerikanischen News, der t\u00fcrkisch-kurdische Konflikt werde \u201emit jeder Minute schlimmer\u201c. Zu den Versuchen der Kurden, ein B\u00fcndnis mit Syrien und Russland zu schlie\u00dfen, f\u00fcgte er hinzu, Trump habe angeordnet, \u201edass wir einen bewussten R\u00fcckzug der Truppen aus dem Norden Syriens einleiten\u201c.<\/p>\n<p>Esper erkl\u00e4rte, er werde \u201ekeine amerikanischen Soldaten mitten hinein in den seit Langem bestehenden Konflikt zwischen T\u00fcrken und Kurden schicken. Das ist nicht der Grund, warum wir in Syrien sind.\u201c<\/p>\n<p>Esper erkl\u00e4rte, das t\u00fcrkische Milit\u00e4r weise die Appelle des Pentagon zur\u00fcck, einen Waffenstillstand mit den Kurden zu schlie\u00dfen, und weite stattdessen seine Kriegsziele in Syrien aus: \u201eIn den letzten 24 Stunden haben wir erfahren, dass sie ihren Angriff wahrscheinlich weiter nach S\u00fcden und Westen ausweiten wollen, als anfangs geplant war.\u201c Er f\u00fcgte hinzu, jetzt w\u00fcrden \u201eexakt die Dinge\u201c eintreten, vor denen US-Vertreter ihre t\u00fcrkischen Amtskollegen immer wieder gewarnt hatten, dass sie bei einem \u00dcberfall auf Syrien unvermeidlich seien, wie zum Beispiel die Freisetzung Zehntausender K\u00e4mpfer des Islamischen Staates (IS) aus den Gefangenenlagern, die Washingtons ehemalige kurdische Verb\u00fcndete bewachten.<\/p>\n<p>Im Nahen Osten entwickelt sich eine blutige Katastrophe. Seit dem Golfkrieg von 1991 f\u00fchren der US-Imperialismus und seine europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten in der Region Krieg. Sie sch\u00fcren nationale, ethnische und religi\u00f6se Spannungen, um diese \u00f6lreiche Region aufzuteilen und zu beherrschen. Damit haben sie sie an den Rand eines Fl\u00e4chenbrandes gebracht. Ehemalige Verb\u00fcndete der USA in der Region wenden sich jetzt gegen die Vereinigten Staaten, w\u00e4hrend hunderte Millionen Menschen im Nahen Osten, Amerika und Europa diese Kriege und die ganze kapitalistische Ordnung zutiefst verachten.<\/p>\n<p>Journalisten von Radio France Internationale haben von der t\u00fcrkischen Seite der syrischen Grenze berichtet, dass die US-Au\u00dfenpolitik unter t\u00fcrkischen Zivilisten und Soldaten gro\u00dfe Wut hervorgerufen habe. Ein Mann erkl\u00e4rte gegen\u00fcber RFI: \u201eDie USA f\u00fcrchten keinen Gott und vertrauen auf ihre St\u00e4rke. Aber um hierherzufliegen, ben\u00f6tigen sie 15 Stunden, und was tun sie da? Sie mischen sich in unsere Angelegenheiten ein und benehmen sich wie Krieger, die nur gegen Schw\u00e4chere k\u00e4mpfen. Sobald sie einem starken Gegner begegnen, laufen sie weg.\u201c<\/p>\n<p>Die einzige Kraft, die dieser elementaren Wut auf den imperialistischen Krieg einen progressiven Ausdruck verleiht, ist die internationale Arbeiterklasse und das Wiederaufleben des Klassenkampfs. Schon heute zeigen die Massenproteste gegen das US-Marionettenregime im Irak die zunehmende Radikalisierung der Arbeiterklasse. Das gleiche gilt f\u00fcr die Unruhen, die sich gegen die Milit\u00e4rdiktaturen in Algerien und dem Sudan richten. In den USA breitet sich eine Streikbewegung der Autoarbeiter, Lehrer und Bergarbeiter aus.<\/p>\n<p>Doch diese internationale Bewegung steht vor enormen Gefahren und Herausforderungen. Wenn es den konkurrierenden kapitalistischen Nationalisten gelingt, die wachsende Wut ins Fahrwasser ihrer Kriegspl\u00e4ne zu lenken, k\u00f6nnen wahrhaft katastrophale Kriege ausbrechen. Im 20. Jahrhundert ist dies bereits zweimal geschehen.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, die Arbeiter unabh\u00e4ngig von allen kriegsf\u00fchrenden Staaten in einer internationalen Antikriegsbewegung zu mobilisieren, die f\u00fcr den Sozialismus k\u00e4mpft.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/10\/15\/syri-o15.html\"><em>wsws.org&#8230;v<\/em><\/a><em>om 15. Oktober 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex Lantier. Seit dem Wochenende ger\u00e4t der Krieg an der t\u00fcrkisch-syrischen Grenze mehr und mehr au\u00dfer Kontrolle. 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