{"id":6203,"date":"2019-10-19T13:23:06","date_gmt":"2019-10-19T11:23:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6203"},"modified":"2019-10-19T13:23:08","modified_gmt":"2019-10-19T11:23:08","slug":"ueber-identitaetsbasteleien-der-linksradikalen-klimaschutzbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6203","title":{"rendered":"\u00dcber Identit\u00e4tsbasteleien der linksradikalen Klimaschutzbewegung"},"content":{"rendered":"<p><em>Velten Sch\u00e4fer. <\/em>Wenn sich Tausende zum Protest versammeln, zu einem Unterfan\u00adgen, das Adrenalin freisetzt, \u00c4ngste, Romantik und sonstige gro\u00dfe Gef\u00fchle, ist es angebracht, auf die Gruppendynamik zu achten. Allzu leicht setzen sich sonst informelle Hierarchien<!--more--> in Kraft, schwingen sich Wort- und Gruppenf\u00fchrer auf, wird bewegungskulturelles Kapi\u00adtal in handfestere W\u00e4hrung getauscht, bis hin zu Ritualen von Domi\u00adnanz, Herabsetzung und Bel\u00e4stigung. Besonders virulent ist das, wenn es nicht um eine Demo geht, sondern um Residenz, etwa in Protestcamps.<\/p>\n<p>Dem tr\u00e4gt etwa das Klimacamp Rheinland Rechnung. Um auch das Protestklima zu sch\u00fctzen, publizierte die Organisation im vergange\u00adnen Jahr eine Richtinie f\u00fcr \u00bbAwareness\/Achtsamkeit\u00ab: \u00bbWei\u00df-sein, cis-Gender sowie Heteronormativit\u00e4t\u00ab, hei\u00dft es dort, \u00bbwerden das Camp stark pr\u00e4gen, Wissenshierarchien bestehen\u00ab. Erwartbar w\u00fcrden \u00bbMenschen Workshops verlassen, weil Sprache und\/oder dominantes Redeverhalten die Teilnahme f\u00fcr sie unm\u00f6glich macht oder ihnen Alltagsrassismen, -sexismen, etc. begegnen\u00ab. Dem wolle man mit ei\u00adnem Rahmen entgegenwirken, innerhalb dessen \u00bballe in ihren*_sei-nen* Bed\u00fcrfnissen\u00ab gesehen werden k\u00f6nnten, der es erm\u00f6gliche, \u00bbunsere Privilegien zu reflektieren und einen sensibilisierten Um\u00adgang zu \u00fcben\u00ab, sodass \u00bbwir frei an unseren Identit\u00e4ten basteln k\u00f6n\u00adnen\u00ab.<\/p>\n<p>Zwar fehlt in der Liste, die auch Sanktionen in Form von Einladun\u00adgen zu Awarenessgespr\u00e4chen andeutet, nicht die Aufforderung, \u00bbFachw\u00f6rter und Szene-Codes\u00ab zu erkl\u00e4ren, \u00bbum alle in Gespr\u00e4che einzubeziehen\u00ab. Doch wird dieses Postulat schon durch das Format konterkariert, in der auf der Webseite etwa \u00bbcis-Gender\u00ab erkl\u00e4rt wird: in einem umf\u00e4nglichen Fu\u00dfnotenapparat.<\/p>\n<p>Eine Sprache, die Inklusion gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Diversit\u00e4t f\u00f6rdern soll, wirkt nach innen homogenisierend und nach au\u00dfen exklusiv. Sinn\u00adbildlich daf\u00fcr steht jener Fu\u00dfnotenapparat, der schon als Textformat nicht-akademische Menschen erschreckt. Und gibt es nicht wie auch immer orientierte Leute, die mit der dort gegebenen tautologischen Definition &#8211; cis-Gender sind Menschen, die sich \u00bbnicht als trans*, in-ter* und\/oder nicht-bin\u00e4r verorten\u00ab &#8211; nichts anfangen k\u00f6nnen? Wo der Text strukturelle Unterdr\u00fcckung aufdecken will, strotzt er selbst vor symbolischer Gewalt. Er stellt sicher, dass die Gymnasial- oder Hochschulquote bei um die 95 Prozent liegen d\u00fcrfte. Ausgeschlossen ist gerade die Gruppe, an deren \u00bbIdentit\u00e4t\u00ab hier besonders nachhaltig \u00bbgebastelt\u00ab wird, ohne dass sie mitwirken d\u00fcrfte: gro\u00dfe Teile derjeni\u00adgen (gleich welchen Hintergrunds), die oder deren Eltern in den Berg- und Kraftwerken arbeiten, die man so schnell wie m\u00f6glich dichtmachen will.<\/p>\n<p>Hier soll nun nicht der Trump gegeben werden &#8211; weder in einer Abre\u00adde der Destruktivit\u00e4t von Kohlendioxid, noch in seiner Abwertung von Minderheiten. Mit einem \u00bbArbeitsplatzargument\u00ab l\u00e4sst sich fast beliebig Kritik plattmachen. Es gibt Gruppen, denen es schlechter geht als bisher den Bergleuten &#8211; und jener Jargon ist keine Spezialit\u00e4t der Klimabewegung. Doch zeigen sich im Zusammentreffen von Intersektionalismus und Klimaschutz geradezu laborhaft Probleme, die zuletzt wieder die Linke umtreiben: die Bez\u00fcge zwischen akademi\u00adschem Radikalismus und Arbeiterschaft.<\/p>\n<p>Das Unbehagen der universit\u00e4ren Radikalen an der arbeiterlichen Kultur hat Geschichte. Sie beginnt mit antiautorit\u00e4ren Kommunarden und Spontis, die sich gegen \u00bbkleinb\u00fcrgerliche\u00ab Kultur wenden. In der Dekade des Kleinstparteienradikalismus nach 1970 wird daraus eine romantische Verkl\u00e4rung eines \u00bbantib\u00fcrgerlichen\u00ab Proletariats, der in\u00addes dessen reale konsumistische \u00bbKorrumpierung\u00ab gegen\u00fcbersteht. Die Entt\u00e4uschung dieses Phantom-Proletkults schl\u00e4gt in den 1980ern in eine linksalternative Bewegungssprache um, in der \u00bbProll\u00ab ganz selbstverst\u00e4ndlich zum Schimpfwort wird. Und im zu wenig begriffe\u00adnen \u00bbprogressiven Neoliberalismus\u00ab nach 1990 verdichtet sich in ei\u00adner zunehmend kulturalisierten Linken eine Haltung, Alltags\u00e4stheti\u00adken und Lebensweisen der Normalarbeiterschicht gewisserma\u00dfen zur herrschenden Kultur zu erkl\u00e4ren, obwohl dieselbe zeitgleich tats\u00e4ch\u00adlich immer st\u00e4rker unter Druck ger\u00e4t: Nirgends gebe es so viel Ras\u00adsismus und so festgefahrene Geschlechterrollen. Heute sind wir an einem Punkt, an dem alles, was diese Kultur ausmacht, akademi\u00adschen Linken als untragbar gilt &#8211; vom Arbeitsethos \u00fcber die Famili\u00adenplanung bis zu Pauschalreise und Grillgut.<\/p>\n<p>In der Klimabewegung verdeutlicht sich diese Verschiebung wie auf einer B\u00fchne, weil sich ihr Aktivismus direkt gegen die Grundlage ei\u00adnes Milieus wendet, das einmal Avantgarde der Arbeiterkultur war und &#8211; zum Beispiel &#8211; wesentlich an der Durchsetzung von Organisati\u00adonsfreiheit und Achtstundentag beteiligt. Heute aber ist, wie Hannes Lindenberg und Tadzio M\u00fcller 2016 in der Zeitschrift \u00bbLuxemburg\u00ab schrieben, diese Schicht \u00bbunter den gegebenen Bedingungen fak\u00adtisch\u00ab der \u00bbFeind\u00ab.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"307\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Klimagegner20Embleme-1024x307.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6204\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Klimagegner20Embleme-1024x307.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Klimagegner20Embleme-300x90.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Klimagegner20Embleme-768x230.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>\u00dcberdeutlich wurde das am Rande der Aktionen von \u00bbEnde Gel\u00e4n\u00adde\u00ab gegen den Braunkohletagebau in der Lausitz im Sommer 2016, als sich in Schwarze Pumpe etwa 1000 Menschen den Klimasch\u00fct\u00adzern entgegenstellten und Bergmannslieder anstimmten. W\u00e4hrend Lindberg und M\u00fcller das offenkundige \u00bbGerechtigkeitsdilemma\u00ab an\u00adsprechen, das sich in dieser Konfrontation zeigt, gewann man in sozi\u00adalen Medien seinerzeit den Eindruck, als w\u00e4ren viele Aktivisten gera\u00addezu erleichtert, dass sich darunter auch Rechtsradikale gemischt hat\u00adten: So lie\u00df sich jenes Dilemma zwischen schnellstm\u00f6glichem Aus\u00adstieg und absehbarer sozialer Verheerung der Region in verachtungs\u00advollen Tweets \u00fcber \u00bbKohlenazis\u00ab entsorgen: Die Arbeiterinnen und Kumpels wurden, wie es jener neue linke Jargon ausdr\u00fccken w\u00fcrde, zu \u00bbAnderen\u00ab gemacht, die keine Empathie verdienen.<\/p>\n<p>Die emotionalen Gewinne dieses \u00bbOthering\u00ab demonstriert ein Text \u00fcber die selbe Begebenheit, den eine Zeitung druckte, deren K\u00fcrzel einmal f\u00fcr \u00bbArbeiterkampf\u00ab stand: Hier schreibt Thalestris A. Zetkin S\u00e4tze wie: \u00bbWenn die 20.000 deutschen Kumpel_innen ihre Arbeit auch nur f\u00fcr weitere zehn Jahre behalten d\u00fcrfen, s\u00f6ffen wesentlich mehr als 20.000 Menschen im globalen S\u00fcden ab, f\u00fcr die eine An\u00admeldung beim Arbeitsamt Cottbus und K\u00f6ln ein unerreichbarer Lu\u00adxus w\u00e4re.\u00ab<\/p>\n<p>Der Autor fordert, man d\u00fcrfe nicht \u00bbdie lokale soziale Frage gegen die globale\u00ab ausspielen &#8211; und nennt doch jeden Ausgleichsversuch eine \u00bbnational bornierte Antwort auf die Frage des Jahrhunderts\u00ab. Bez\u00fcglich der \u00bb\u00fcberschaubaren lokalen sozialen Frage\u00ab werde \u00bbdie L\u00f6sung wohl sein, den Regionen einfach gen\u00fcgend Geld zu geben\u00ab -ob das dann wirklich so einfach ist? Ausgestattet mit dem wissen\u00adschaftlichen Mandat, ein Komplettausstieg nach 2025 sei unvertret\u00adbar, schwingt sich der Text zu einem gesinnungsethischen Rigorismus auf, der an den Gestus einer \u00e4lteren Generation erinnert, die sich zu planieren berechtigt sah, was der wissenschaftlichen Weltanschau\u00adung entgegenstand. Am Ende dann die Freud&#8217;sche Pointe: \u00bbThere is no alternative to climate justice\u00ab &#8211; tats\u00e4chlich mit Bezug auf Maggie Thatcher, die unter der Parole der Alternativlosigkeit ihren Gro\u00dfan\u00adgriff auf die Arbeiterklasse startete, bei dem Bergleute in erster Linie standen.<\/p>\n<p>Solche Haltungen st\u00fctzen sich auf die allgemeine Desavouierung von Arbeitermilieus in der Linken und bauen sie zugleich immer weiter auf. Auch wenn die bundesweit 60.000 Personen, die indirekt und di\u00adrekt in der Braunkohle arbeiten, nur 0,2 Prozent der Besch\u00e4ftigten stellen, zeigt sich an ihrem Beispiel exemplarisch, wie die Linke den Bezug zu eben diesen Schichten verliert.<\/p>\n<p>Thalestris A. Zetkin schreibt, er sei \u00bbZeuge eines (friedlich enden\u00adden) Streitgespr\u00e4chs zwischen um ihre Arbeitspl\u00e4tze besorgten Lo\u00adkalnazis und einem Klimainternationalisten\u00ab geworden: \u00bbAuf die aus dem Klimawandel resultierenden Migrationsbewegungen angespro\u00adchen\u00ab h\u00e4tten erstere geantwortet, damit w\u00fcrden sie schon fertig. In einem von \u00bbWissenshierarchie\u00ab gepr\u00e4gten Sprechakt wird also dem Arbeitsplatznazi erl\u00e4utert, sein bornierter Wunsch, kein Sozialfall zu werden, k\u00f6nne im Angesicht des Weltschicksals nicht ber\u00fccksichtigt werden &#8211; wobei man ihm eine Konkurrenz mit Migranten f\u00f6rmlich in den Mund legt. Will man da solidarische Haltungen erwarten?<\/p>\n<p>Dieses Gespr\u00e4ch (immerhin gab es eins) zeigt, wie heute ganz allge\u00admein an der \u00bbIdentit\u00e4t\u00ab von Arbeitermilieus \u00bbgebastelt\u00ab wird: Es ist nicht mehr so, dass sich eine Arbeiterklasse im optimistischen Bewusstsein ihrer anwachsenden Macht in starken eigenen Apparaten erfindet. Stattdessen bildet sich ein einigendes Sentiment, wenn \u00fcber\u00adhaupt, in st\u00e4ndigen R\u00fcckzugsgefechten, im Angesicht erodierender\u00a0\u00a0Strukturen, pessimistischer Szenarien und anhand abwertender Zuschreibungen, die noch dazu nicht selten von denjenigen ausgehen, die sich ihre alten Werte auf die Fahnen schreiben: Es kann aus die\u00adser Negativit\u00e4t kaum Positives wachsen.<\/p>\n<p>Es ist daher im Allgemeinen fatal, wenn in der Linken vor einem neuen \u00bbProletkult\u00ab gewarnt wird, sobald so etwas wie Augenh\u00f6he gegen\u00fcber diesen Milieus gefordert wird; stattdessen w\u00e4re es ange\u00adbracht, auch diesbez\u00fcglich \u00bbunsere Privilegien zu reflektieren\u00ab. Und im besonderen Fall der Klimabewegung w\u00e4re wohl Radikalit\u00e4t nicht nur in Jahreszahlen zu messen, sondern in der Bereitschaft, f\u00fcr kon\u00adkrete und realistische Perspektiven eines Danach zu streiten, statt sich in Ignoranz oder technokratische Floskeln von \u00bbStrukturwandel\u00ab und \u00bbUbergangszeit\u00ab zu fl\u00fcchten. Hier w\u00e4re nicht nur Fantasie zu entwickeln, sondern auch gemeinsame Praxis. Das Gegenteil also dessen, was jener Thalestris A. Zetkin als Schlussakkord aufbietet, n\u00e4mlich die allgemeine Forderung nach einer Aufhebung des Kapita\u00adlismus.<\/p>\n<p><strong><em>Editorische Hinweise<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Der Text erschien in einem Reader der Gruppe &#8222;Caf\u00e9 Sabot&#8220;, der als Diskussionstext f\u00fcr eine Gespr\u00e4chrunde am 13.10.2019 im Stadtteilladen &#8222;<\/em><a href=\"http:\/\/www.dielunte.de\/\"><em>LUNTE<\/em><\/a><em>&#8220;\u00a0herausgegeben wurde. Mehr dazu siehe:\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.sabot44.org\/\"><em>www.sabot44.org<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd1019\/t351019.html\"><em>trend.net&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Oktober 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Velten Sch\u00e4fer. Wenn sich Tausende zum Protest versammeln, zu einem Unterfan\u00adgen, das Adrenalin freisetzt, \u00c4ngste, Romantik und sonstige gro\u00dfe Gef\u00fchle, ist es angebracht, auf die Gruppendynamik zu achten. 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