{"id":6254,"date":"2019-10-24T11:41:04","date_gmt":"2019-10-24T09:41:04","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6254"},"modified":"2019-10-24T11:41:06","modified_gmt":"2019-10-24T09:41:06","slug":"bischofferode-wurde-1993-zum-symbol-der-treuhand-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6254","title":{"rendered":"Bischofferode wurde 1993 zum Symbol der Treuhand-Politik"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Sebastian B\u00e4hr und Nelli T\u00fcgel.<\/span><\/i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\"> Schl\u00e4gel und Eisen \u00fcber Kreuz. Das Symbol der Bergleute prangt direkt auf dem H\u00fcgel neben dem Bahnhof Bleicherode-Ost. Unmissverst\u00e4ndlich wird allen neu ankommenden Besuchern der im Nordwesten von Th\u00fcringen gelegenen Kleinstadt gezeigt, was die Kultur dieser Region ausmacht. Hier tragen das Altersheim, der Fu\u00dfballverein und<\/span><!--more--><span style=\"font-family: Arial, sans-serif; font-size: 9pt;\">selbst die Physiotherapiepraxis den Bergmannsgru\u00df \u00bbGl\u00fcck auf\u00ab im Namen. H\u00f6chstens die kleinen Zwistigkeiten der hiesigen Protestanten mit den Katholiken aus dem benachbarten Landkreis Eichsfeld scheinen f\u00fcr die lokale Identit\u00e4t \u00e4hnlich gewichtig zu sein wie der Bergbau, genauer: der Kalibergbau.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Nach kurzer Zeit im Ort aber wird auch klar: Es ist eine Identit\u00e4t, die sich vor allem aus der Vergangenheit ableitet, eine Industriekultur ohne Industrie. Das Unternehmen Deusa f\u00f6rdert zwar unter Tage noch etwas Sole, doch die einstigen gro\u00dfen Stollen sind stillgelegt. In Bleicherode wurde Anfang der 1990er Jahre wie in den umliegenden Gemeinden nach fast 100 Jahren der Abbau des Kalisalzes eingestellt. Die Kinder der fr\u00fcheren Bergleute verlassen die Region. Wenn sie bleiben, fahren sie heute als Taxifahrer \u00e4ltere Anwohner zum Arzttermin, haben eine Stelle im \u00fcberschaubaren Mittelstandgewerbe oder pendeln zum Arbeiten nach Niedersachsen und Hessen. Die bewohnten Fachwerkh\u00e4user sind gepflegt, geradezu pittoresk. Dazwischen findet sich jedoch immer wieder Leerstand und Verfall. Rund 4500 Menschen arbeiten laut dem Ministerpr\u00e4sidenten Bodo Ramelow (LINKE) noch im th\u00fcringischen Bergbau. Im Jahr der Wende waren es dem Bergmannsverein Erfurt zufolge knapp 31 000 Besch\u00e4ftigte.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Ein Museum mitten im Niemandsland<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Bleicherode ist f\u00fcr Zugreisende der letzte Zwischenstopp auf dem Weg nach Bischofferode, eine 1900-Einwohner-Gemeinde, br\u00f6ckelnde CDU-Bastion und etwa 15 Kilometer entfernt im Eichsfeld gelegen. Ein Bahnhof ist dort schon lange nicht mehr in Betrieb. Im Waldst\u00fcck neben Bischofferode verliefen w\u00e4hrend des Kalten Krieges die Grenzanlagen. Die SED hatte Ende der 1950er Jahre wohl auch deswegen versucht, mittels einer umfassenden Industrialisierung die erzkatholische Gegend zu \u00bbproletarisieren\u00ab. Im Rahmen dieses Ausbaus entstanden unter anderem eine Zementfabrik in Deuna, der VEB Kombinat Solidar Heiligenstadt und auch der Kalischacht \u00bbThomas M\u00fcntzer\u00ab in Bischofferode, der als Erweiterung eines dort bereits seit 1909 existierenden Bergwerks entstand.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Will man sich auf die Spuren des Schachtes begeben, muss man vom Ortskern aus auf der Landstra\u00dfe gen Westen fahren und die Wohnsiedlung \u00bbThomas M\u00fcntzer\u00ab passieren. Noch ein paar Meter weiter bietet die alte Abraumhalde einen ungew\u00f6hnlichen Anblick: Ein roter Berg erhebt sich \u00fcber der mittlerweile flach bebauten Gegend. F\u00f6rderger\u00fcst und Turm wurden vergangenes Jahr abgebaut. Die roten H\u00fcgel von Bischofferode erz\u00e4hlen von der Vergangenheit. Auch das neben ihnen gelegene Bergbau-Museum erinnert an die lokale Tradition. Und an einen der bedeutendsten Arbeitsk\u00e4mpfe in Ostdeutschland &#8211; den Kampf um den Erhalt des Bergwerks im Jahr 1993.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das zweist\u00f6ckige Museum befindet sich in der ehemaligen betriebseigenen Poliklinik. Neben dem Eingang steht eine Gedenktafel f\u00fcr im Dienst verungl\u00fcckte Kollegen. Im Keller wurde ein Stollen nachgebaut, in den oberen Etagen liegen Salzkristalle und Bergarbeiteruniformen aus. Der Gemeinschaftsraum \u00bbZum F\u00fcllort\u00ab ist vollgeh\u00e4ngt mit Wimpeln, Fotos und \u00d6lgem\u00e4lden des alten Werks. An der Wand ein Zitat von Thomas M\u00fcntzer: \u00bbDie Herren machen das selber, dass ihn\u2018 der arme Mann feind wird.\u00ab Gerhard J\u00fcttemann gr\u00fc\u00dft. Kerzengerade Haltung, energisches Auftreten, feste Stimme. Der 68-J\u00e4hrige tr\u00e4gt Jeans und Hemd, sein wei\u00dfer Bart ist gestutzt, seine H\u00e4nde betonen jedes Wort. J\u00fcttemann war Dreher unter Tage, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, Arbeiterf\u00fchrer, Bundestagsabgeordneter, danach wieder unter Tage und schlie\u00dflich Lokalpolitiker.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Heute erinnert er als Vorsitzender des Kalivereins gemeinsam mit alten Mitstreitern an die fr\u00fcheren Schlachten. \u00bbIch bin gleich bei euch\u00ab, sagt J\u00fcttemann und sch\u00fcttelt zwei weiteren gerade eingetroffenen Journalisten die H\u00e4nde. Ein Filmteam des israelischen Fernsehens ist ebenfalls gekommen. Es will \u00fcber 30 Jahre Wende in Deutschland berichten und \u00fcber die Treuhand. Journalistenbesuch ist nichts Ungew\u00f6hnliches in dem kleinen Museum &#8211; noch immer interessieren sich viele f\u00fcr den Fall Bischofferode. Es ist allerdings kein Vergleich mit 1993. Mit Stolz in der Stimme sagt J\u00fcttemann: \u00bbAls der Hungerstreik begann, war die Stra\u00dfe neben der Poliklinik voll mit \u00dcbertragungswagen.\u00ab Journalisten aus der ganzen Bundesrepublik und sogar die internationale Presse str\u00f6mten in den kleinen Ort. Sie filmten und interviewten M\u00e4nner und Frauen, die w\u00fctend waren &#8211; und verzweifelt. Die auf Klappbetten lagen, um Kr\u00e4fte zu sparen, weil sie sich im Hungerstreik befanden. Darunter auch Willibald Nebel. \u00bbWir mussten schlechte Erfahrungen machen, trafen aber auch auf viele solidarische Menschen\u00ab, sagt Nebel heute. \u00bbDie kleine Handvoll Bischofferoder h\u00e4tte den Arbeitskampf gar nicht so lange f\u00fchren k\u00f6nnen.\u00ab Der ehemalige Verlader, schlank, wei\u00dfer Schnurrbart, Brille, bed\u00e4chtige Stimme, Jahrgang 1948, geh\u00f6rte zu den zw\u00f6lf Bergleuten, die als erste am 1. Juli 1993 damit begannen, die Nahrung zu verweigern. Sp\u00e4ter waren es mehr als 40 Arbeiter, insgesamt dauerte der Hungerstreik 81 Tage. Reporter waren dabei, als Nebel in ein Krankenhaus verlegt werden musste.<\/span><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"660\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/1942_Kalibergwerk_Bischofferode_und_der_Ort_Holungen_C-1024x660.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6255\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/1942_Kalibergwerk_Bischofferode_und_der_Ort_Holungen_C-1024x660.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/1942_Kalibergwerk_Bischofferode_und_der_Ort_Holungen_C-300x193.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/1942_Kalibergwerk_Bischofferode_und_der_Ort_Holungen_C-768x495.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/1942_Kalibergwerk_Bischofferode_und_der_Ort_Holungen_C.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Blick auf Bischofferode und Kalibergwerk, 1942. Diese &#8222;Idylle&#8220; wurde von der Treuhandanstalt nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes vom westdeutschen Kapital in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften zerschlagen.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Von der Gewerkschaft im Stich gelassen<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Dem Hungerstreik waren monatelange Versuche vorausgegangen, die Verantwortlichen davon zu \u00fcberzeugen, dass Bischofferode und die dort noch verbliebenen 700 Arbeitspl\u00e4tze erhalten bleiben m\u00fcssten. Vergeblich: Die der Treuhand geh\u00f6rende Mitteldeutsche Kali AG &#8211; nach der Wende aus dem Kombinat Kali hervorgegangen &#8211; sollte mit der westdeutschen Kali und Salz, einer Tochter des BASF-Konzerns, fusionieren. Zu diesem Zeitpunkt waren 27 000 von 32 000 Arbeitspl\u00e4tzen in der ostdeutschen Kali- und Salzindustrie abgebaut worden. Die Treuhand behauptete dennoch, nicht alle Gruben k\u00f6nnten im Zuge der Kalifusion weiterbetrieben werden. Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland w\u00fcrden Arbeitspl\u00e4tze abgebaut werden &#8211; f\u00fcr BASF war der Deal ein Gl\u00fcckfall, da man so die Kontrolle \u00fcber den bundesweiten Markt erhielt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">F\u00fcr die Belegschaft von Bischofferode waren die im Dezember 1992 durchgesickerten Schlie\u00dfungspl\u00e4ne eine Katastrophe. Es kam zu Kundgebungen, schlie\u00dflich entschieden die Bergleute mehrheitlich, das Werk zu besetzen. Im Sommer eskalierte die Auseinandersetzung. Zwar waren die Ereignisse Teil einer ganzen Reihe von Protesten gegen Betriebsstilllegungen im Ostdeutschland der fr\u00fchen 1990er Jahre &#8211; doch Bischofferode wurde zum Symbol einer brutalen Treuhandpolitik. Der nieders\u00e4chsische Unternehmer Johannes Peine etwa wollte investieren, die Kalif\u00f6rderung fortf\u00fchren und die Arbeitspl\u00e4tze erhalten. Die Besch\u00e4ftigen setzten Hoffnungen in die Einzelprivatisierung und wollten aus dem Fusionsvertrag herausgehalten werden &#8211; doch die Verantwortlichen hatten daran kein Interesse. Heute wei\u00df man, dass in dem Vertrag ein Wettbewerbsverbot festgeschrieben worden war &#8211; niemand au\u00dfer der Kali und Salz sollte in Deutschland Kalisalz vertreiben d\u00fcrfen. Statt Peine kam die Polizei: Zeitweise hielten sich mehr Beamte in Bischofferode auf, als der Ort Einwohner hatte. Willibald Nebel sch\u00fcttelt noch heute ungl\u00e4ubig den Kopf, wenn er sich daran erinnert &#8211; und daran, wie martialisch die Staatsdiener mit den Arbeitern umgingen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Zeugnisse der damaligen Auseinandersetzung werden heute im Museum am alten Schacht sorgsam aufbewahrt und gepflegt. \u00bbWir kennen die BASF schon lange! LudwigshafenerInnen gr\u00fc\u00dfe die Erben von Thomas M\u00fcntzer\u00ab steht auf einem gro\u00dfen Transparent im Korridor, daneben h\u00e4ngt ein Banner mit aufgemalter geballter Faust. Buttons der IG Metall mit der Aufschrift \u00bbF\u00fcr die soziale Einheit Deutschlands\u00ab liegen neben einer Spendendose aus. \u00dcberall h\u00e4ngen Fotos der Mahnwachen und Protestaktionen von 1993 neben Insignien praktizierter Solidarit\u00e4t. Denn der Arbeitskampf von 1993 erzeugte nicht nur ein internationales Medienecho, sondern ebenso eine Welle von Mitgef\u00fchl und Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Kalikumpel &#8211; von DDR-Intellektuellen und von Politikern, vor allem der PDS, von K\u00fcnstlern wie den Pudhys und auch aus dem Westen. Stahlkocher etwa, die 1987\/88 in Duisburg-Rheinhausen selbst einen spektakul\u00e4ren, f\u00fcr den Strukturwandel des Ruhrgebiets \u00e4hnlich symboltr\u00e4chtigen Kampf f\u00fcr den Erhalt ihres Werkes gef\u00fchrt hatten, kamen ins Eichsfeld und \u00fcbergaben den Kollegen aus dem Osten einen Scheck: das aus ihrem Arbeitskampf \u00fcbriggebliebene Spendengeld in H\u00f6he von mehreren Tausend D-Mark.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wer 1993 allerdings nicht kam, um die Bischofferoder zu unterst\u00fctzen, war die Gewerkschaft IG Bergbau und Energie. Stattdessen lie\u00df sie Kollegen im August 1993 in Kassel, wo die Kali und Salz ihren Hauptsitz hat, f\u00fcr die Fusion und f\u00fcr die Schlie\u00dfung von Bischofferode demonstrieren. \u00bbVon uns sind damals die Frauen nach Kassel gefahren, um denen die Stirn zu bieten. Die Frauen, dachten wir, werden keine Pr\u00fcgel kassieren, da halten die sich zur\u00fcck\u00ab, erz\u00e4hlt J\u00fcttemann. Wenn es um die IG Bergbau und Energie geht, ist die Bitterkeit in seiner Stimme nicht zu \u00fcberh\u00f6ren. \u00dcber die Gewerkschaft schrieb die Wochenzeitung \u00bbZeit\u00ab im Sp\u00e4tsommer 1993, sie sei f\u00fcr die Zuspitzung des Konflikts eindeutig mit verantwortlich. In beispielloser Weise habe sich Gewerkschaftschef Hans Berger von Anfang an \u00bbauf die Seite seiner Westklientel\u00ab geschlagen. \u00bbEin Gewerkschaftsvorsitzender, der so wenig Solidarit\u00e4t zur Schau tr\u00e4gt, diskreditiert sich selbst\u00ab, so die \u00bbZeit\u00ab damals.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">In Bischofferode war es schlie\u00dflich mit Bodo Ramelow, heute Ministerpr\u00e4sident, ein aus dem Westen stammender Gewerkschaftssekret\u00e4r der HBV, der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, der f\u00fcr die Bischofferoder einen Sozialplan verhandelte. Denn trotz immenser \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit und auch Kritik blieben Treuhand und Bundestag dabei, dass das Bergwerk dicht gemacht werden m\u00fcsse, um die Fusion nicht zu gef\u00e4hrden. Eine Pr\u00fcfung der Kalifusion durch die Wettbewerbsbeh\u00f6rde in Br\u00fcssel, wegen derer die Kumpel ihren Hungerstreik im September 1993 beendeten, \u00e4nderte ebenfalls nichts. Ende des Jahres mussten die Besch\u00e4ftigten aufgeben, der Betriebsrat stimmte einem Sozialplan zu. Zum 1. Januar 1994 wurde Bischofferode geschlossen, der R\u00fcckbau der Anlagen dauerte noch mehrere Jahre. Viele der Besch\u00e4ftigten arbeiteten also erst einmal weiter, um ihren eigenen Betrieb abzubauen. Er existiert heute nicht mehr.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wut und die \u00dcberzeugung, der Kalifusion geopfert worden zu sein, aber sind geblieben &#8211; ebenso wie viele offene Fragen. Gerade erst ergab eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag an das Bundesfinanzministerium, dass die Kalifusion 1,15 Milliarden Euro gekostet hat. \u00dcberdies ist das Land Th\u00fcringen noch immer verpflichtet, j\u00e4hrlich einen Millionenbetrag an die Kali und Salz zu zahlen, mit dem Sicherungsarbeiten in stillgelegten Gruben finanziert werden. Im Fusionsvertrag wurde der Konzern n\u00e4mlich seinerzeit durch die Treuhand von den finanziellen Lasten f\u00fcr die DDR-Kali-Gruben freigestellt. Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag, sprach vor wenigen Tagen im Zusammenhang mit der Kalifusion von einem der \u00bbmiesesten Treuhand-Gesch\u00e4fte\u00ab \u00fcberhaupt &#8211; und d\u00fcrfte damit den betroffenen Bergleuten aus der Seele sprechen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Offene Fragen und der Wunsch nach einem Treuhandausschuss<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Den Zorn auf die Treuhand haben die Bischofferoder allerdings nicht exklusiv f\u00fcr sich gepachtet. Bei vielen Ostdeutschen h\u00e4lt er bis heute an. Die Linkspartei forderte angesichts neu ver\u00f6ffentlichter Akten bereits im April dieses Jahres einen weiteren parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Treuhand. Sicher auch wegen der Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Th\u00fcringen &#8211; aber ebenso, weil es ihr ums Prinzip geht.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">J\u00fcttemann, Nebel und ihre Mitstreiter sind davon \u00fcberzeugt, dass das eine richtige Forderung ist. \u00bbMachen wir uns nichts vor, die Sachen, die in der Treuhand liefen, waren nicht sauber\u00ab, sagt der ehemalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende heute und ballt die Faust, w\u00e4hrend er spricht. \u00bbMan hat nie Ross und Reiter genannt, bis heute ist unklar, wer f\u00fcr was genau verantwortlich war.\u00ab J\u00fcttemann macht sich keine Illusionen. Was weg ist, ist weg, daran lasse sich nichts mehr \u00e4ndern. Doch es gehe um Gewissheit und W\u00fcrde. \u00bbF\u00fcr diesen und jenen, nicht nur in Bischofferode, w\u00e4re es eine Genugtuung zu erfahren, dass sie eine Chance gehabt h\u00e4tten. Dass sie noch heute arbeiten k\u00f6nnten und nicht jahrelang auf Arbeitslosengeld h\u00e4tten angewiesen sein m\u00fcssen.\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Als einzige Partei schloss sich k\u00fcrzlich die AfD der Forderung nach einem Untersuchungsausschuss an. \u00bbHeimatzerst\u00f6rung hat hier einen Namen &#8211; und dieser Name lautet Treuhand\u00ab, posaunte \u00bbVolkstribun\u00ab Bj\u00f6rn H\u00f6cke, th\u00fcringischer AfD-Vorsitzender und Wortf\u00fchrer des rechtsradikalen \u00bbFl\u00fcgels\u00ab, im Mai auf einer Veranstaltung. Immer offensiver versucht sich die Rechtsau\u00dfenpartei als neuer K\u00fcmmerer im Osten aufzustellen. F\u00fcr J\u00fcttemann: \u00bbblanker Populismus\u00ab. Die AfD greife nun Ideen auf, die die Linkspartei schon seit Jahren vertrete. Sie versuche aus der Unzufriedenheit der B\u00fcrger Profit zu schlagen. Die Unzufriedenheit selbst allerdings, da d\u00fcrfe man sich auch nichts vormachen, die sei berechtigt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Stimmung in der Region ist schwer zu fassen. Nein, Bischofferode stehe heute verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut da, versichert J\u00fcttemann. Die Infrastruktur sei gut, die Arbeitslosigkeit gering. Und doch: Vieles von dem, was fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlich war, ist es nicht mehr. Zu DDR-Zeiten beheizte das bergwerkseigene Kraftwerk das \u00f6rtliche Hallenbad. Heute gibt es in Bischofferode zumindest noch einen Penny. Das kollektive Leben wurde wie in vielen anderen Orten durch eine neue, mitunter h\u00e4rtere Privatheit ersetzt. Unterschwellige Wut speist sich aus gestohlenen Lebensm\u00f6glichkeiten, nicht eingehaltenen Versprechen, nie ausgesprochenen Entschuldigungen, aus Schieflagen und fehlenden Repr\u00e4sentationen im Hier und Jetzt. \u00bbDie Menschen f\u00fchlen sich als B\u00fcrger zweiter Klasse\u00ab, sagt der alte Arbeiterf\u00fchrer.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Th\u00fcringens CDU-Ministerpr\u00e4sident Bernhard Vogel versprach 1993 den Kalikumpeln von Bischofferode 1000 Ersatzarbeitspl\u00e4tze, entstanden sind bis heute 70. Viele der neu angesiedelten Firmen gingen in die Insolvenz. Rund 1000 Einwohner, knapp ein Drittel, zogen weg, f\u00fcnf Wohnbl\u00f6cke wurden abgerissen. Der Rest hatte sich dann so gut es eben ging arrangiert. Doch noch heute gibt es im Keller des Kali-Museums einen Raum, der den Pl\u00e4nen des fr\u00fcheren Hoffnungstr\u00e4gers Johannes Peine gewidmet ist. Ein modernes Miniaturbergwerk steht dort eingeschlossen in einem Glaskasten. Winzige, mit \u00bbPeine\u00ab beschriebene rote Lastwagen warten vor Kali-Silos auf ihre Lieferungen. Sch\u00e4tzungen zufolge lagern im Eichsfeld noch 178 Millionen Tonnen Kalisalz im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro, die die Region noch 40 bis 50 Jahre versorgt h\u00e4tten. Nach aktuellen Zahlen des K+S-Konzerns kann man noch mindestens bis 2060 zu wirtschaftlichen Bedingungen Kali f\u00f6rdern, aus Sicht der Unternehmensleitung auch \u00f6kologisch nachhaltig. Durch Flutungen mit Lauge wurden jedoch die Lagerst\u00e4tten von Bischofferode unbrauchbar gemacht.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Was an den damals Beteiligten nagt, ist die \u00dcberzeugung, um eine Chance gebracht worden zu sein. Die alten K\u00e4mpfer von Bischofferode sind immer noch sauer, sie sehen sich aber nicht als Opfer. \u00bbWir haben unser Ziel nicht erreicht, aber wir haben uns gewehrt. Wir k\u00f6nnen uns nichts vorwerfen lassen\u00ab, sagt J\u00fcttemann. Anders als im Gro\u00dfteil des Ostdeutschlands der 1990er Jahre war Ohnmacht nicht das bestimmende Gef\u00fchl der Bischofferoder. Die Auseinandersetzungen mit Treuhand, Bundesregierung, Konzernen und auch Gewerkschaft haben zumindest Momente der Selbsterm\u00e4chtigung und Solidarit\u00e4t geschaffen, kleine Siege in der gro\u00dfen Niederlage. Und vielleicht damit auch Immunisierungen gegen die Versuche von Rassisten, die Wut nach rechts zu kanalisieren. Allerdings: Das j\u00fcngste Mitglied des Kalivereins aus Bischofferode ist in seinen 50ern, es fehlt der Nachwuchs, es gibt ja keinen Bergbau mehr. Der Arbeitskampf verblasst zusehends zu einer Geschichte aus vergangenen Zeiten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Dass sich etwas verschiebt im Eichsfeld, zeigten auch die th\u00fcringischen Kommunalwahlen im Mai. Die jahrelang unanfechtbare CDU verlor neun Prozent und kam nur mehr auf 48 Prozent der Stimmen, die AfD wurde mit 13,5 Prozent auf den zweiten, die Linkspartei mit Verlusten und rund sieben Prozent auf den dritten Platz gew\u00e4hlt. Bj\u00f6rn H\u00f6cke erhielt 12 390, J\u00fcttemann f\u00fcr die LINKE nurmehr 826 Stimmen: Es ist das erste Mal, dass er nicht mehr im Kommunalparlament sitzen wird. H\u00f6cke nennt das Eichsfeld sein \u00bbBullerb\u00fc\u00ab, sein \u00bbRefugium\u00ab.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Vom Taxi aus geht ein letzter Blick auf den roten Berg und das Museum im th\u00fcringischen Niemandsland. Am Eingang steht ein schwarzer Waggon, darauf geschrieben \u00bbKali\u00ab, Schl\u00e4gel und Eisen sind eingraviert. Wie lange er zur Mahnung noch hier aufgestellt bleiben wird, ist ungewiss. Das Erinnern fortzusetzen, bleibt eine schwierige Aufgabe. Eine ungleich schwierigere Aufgabe ist es, in Regionen wie dieser durch Deindustrialisierung zerst\u00f6rte Zukunftschancen wieder herzustellen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Quelle: <\/span><\/i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\"><a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1127376.treuhand-erhobenen-hauptes-inmitten-der-niederlage.html\"><i>neues-deutschland.de&#8230;<\/i><\/a><i> vom 24. Oktober 2019<\/i><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian B\u00e4hr und Nelli T\u00fcgel. Schl\u00e4gel und Eisen \u00fcber Kreuz. Das Symbol der Bergleute prangt direkt auf dem H\u00fcgel neben dem Bahnhof Bleicherode-Ost. Unmissverst\u00e4ndlich wird allen neu ankommenden Besuchern der im Nordwesten von Th\u00fcringen gelegenen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7,5],"tags":[25,87,39,26,45,42,17],"class_list":["post-6254","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-sozialdemokratie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6254","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6254"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6254\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6256,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6254\/revisions\/6256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6254"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6254"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6254"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}