{"id":6267,"date":"2019-10-25T09:43:19","date_gmt":"2019-10-25T07:43:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6267"},"modified":"2019-10-25T09:43:20","modified_gmt":"2019-10-25T07:43:20","slug":"libanons-oktoberrevolution-am-scheideweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6267","title":{"rendered":"Libanons \u201eOktoberrevolution\u201c am Scheideweg"},"content":{"rendered":"<p><em>Kassem Ahmad, Rama al-Sayasneh und Ramsis Kilani. <\/em><strong>Mittlerweile ist unbestreitbar, dass der Libanon einen historischen Moment erlebt. Mit 1,5 Millionen Menschen demonstrierte bereits ein Viertel der Bev\u00f6lkerung auf den Stra\u00dfen. Das sind<\/strong><!--more--><strong style=\"font-size: inherit;\">unglaubliche Zahlen. Noch unglaublicher sind diese Zahlen vor dem Hintergrund der traditionslastigen konfessionellen Spaltungen im Landesinneren. Statt an religi\u00f6sen Vorurteilen brechen die Konflikte mehr und mehr entlang der Klassenlinien auf.<\/strong><\/p>\n<p>Der Libanon ist ein zutiefst gespaltenes Land. Das hat historische Gr\u00fcnde. Im Verlauf des Ersten Weltkrieges teilten die franz\u00f6sischen und britischen Kolonialm\u00e4chte den gr\u00f6\u00dftenteils arabisch bev\u00f6lkerten Landstreifen, der bislang vom zerfallenen Osmanischen Reich kontrolliert wurde, unter sich auf. Das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen sprach den franz\u00f6sischen Kolonialherren unter anderem die Kontrolle \u00fcber ein Gebiet zu, das sie als Gro\u00dflibanon bestimmten. Vor allem die dort lebenden maronitischen Christen erfuhren durch die franz\u00f6sische Kolonialmacht eine systematische Bevorzugung. Als Folge stiegen viele von ihnen zu Gro\u00dfgrundbesitzern und zur libanesischen Bourgeoisie auf. Gegens\u00e4tzliche Entwicklungen erlebte die schiitische Bev\u00f6lkerung des S\u00fcdlibanons. Zwar arbeiteten nicht alle libanesischen Schiiten in der unterentwickelten Industrie und Landwirtschaft, aber im Vergleich zur Restbev\u00f6lkerung machen sie den mit Abstand h\u00f6chsten Prozentsatz in diesen Sektoren aus. Zu dieser ungleich gr\u00f6\u00dferen wirtschaftlichen Ausbeutung kam die politische Marginalisierung der Schiiten. So war selbst die schiitische Mittelschicht in der vom franz\u00f6sischen Imperialismus ererbten Staatsstruktur eingeschr\u00e4nkt, weil die politische Macht ma\u00dfgeblich in den H\u00e4nden der F\u00fchrung der maronitischen Christen, sunnitischen Muslime und Drusen lag. Zum Zeitpunkt der Unabh\u00e4ngigkeit 1941 waren nur 3,2 Prozent aller F\u00fchrungsposten im Staatsdienst von Schiiten besetzt. Im Gegensatz dazu befanden sich 40 Prozent der F\u00fchrungspositionen in den H\u00e4nden der Maroniten. Seit der fl\u00e4chendeckenden ethnischen S\u00e4uberung Pal\u00e4stinas f\u00fcr die Staatsgr\u00fcndung Israels leben dazu Hunderttausende von pal\u00e4stinensischen Vertriebenen in libanesischen Fl\u00fcchtlingslagern. Den Herrschenden dienten sie h\u00e4ufig als S\u00fcndenbock und so waren sie st\u00e4ndig Opfer von Rassismus.<\/p>\n<p><strong>Krieg und Aufstieg der Hisbollah<\/strong><\/p>\n<p>Die ungleichen Verh\u00e4ltnisse und sektiererischen Spannungen im postkolonialen Libanon entluden sich ab Mitte der 70er-Jahre in einem blutigen B\u00fcrgerkrieg. Das syrische Eingreifen unter Hafiz Assad und die israelische Invasion versch\u00e4rften die Situation. Aus dem Widerstand gegen die israelische Besatzung entwickelte sich eine militante schiitische Guerillaorganisation namens Hisbollah. W\u00e4hrend linksgerichtete Kr\u00e4fte wie die Kommunistische Partei Libanons, die Pal\u00e4stinensische Befreiungsorganisation, nasseristische Fraktionen, die drusische PSP und die kurdische PKK die angreifenden Truppen Israels neben der Hisbollah und anderen islamischen Widerstandsorganisationen bek\u00e4mpften, schlossen sich die maronitischen Faschisten der Phalange-Miliz und andere rechte Kr\u00e4fte den Besatzern an. Der milit\u00e4rische Arm der ebenfalls schiitischen Amal-Bewegung wechselte mehrmals die Fronten. Ihre Konstante war die pro-syrische Ausrichtung. Die milit\u00e4rische Pr\u00e4senz Syriens selbst endete erst 2005 durch die Zedernrevolution, die die syrischen Truppen vollst\u00e4ndig aus dem Libanon trieb. Vor allem dem Widerstand der Hisbollah gelang es, auch die israelische Besatzung des Libanons zu beenden und 2006 einen weiteren Angriffskrieg Israels zur\u00fcckzuschlagen. Aus diesem Grund und wegen des sozialen Hilfsnetzwerks der Hisbollah unterst\u00fctzen vor allem, aber nicht nur, libanesische Schiiten die sogenannte \u201cPartei Gottes\u201d, die gewisserma\u00dfen zu einem \u201cStaat im Staat\u201d aufsteigen konnte.\u00a0<\/p>\n<p>Die tumulthaften K\u00e4mpfe vertieften die Gr\u00e4ben zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und m\u00fcndeten zum Ende des B\u00fcrgerkrieges auch in einer konfessionellen Parit\u00e4t im Parlament. Schiiten, Sunniten, Christen und Drusen w\u00e4hlen seit dem Abkommen von Taif aus dem Jahr 1989 nur ihre jeweiligen religi\u00f6sen Vertreter der insgesamt 18 Konfessionen in die Regierung. Weil sie damit auch im politisch-institutionellen Rahmen in Stein gemei\u00dfelt ist, f\u00e4llt die gesellschaftliche Spaltung den Machthabern im Libanon besonders leicht.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/lebanon-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6268\" width=\"487\" height=\"487\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/lebanon-300x300.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/lebanon-300x300-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 487px) 100vw, 487px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Aufstand gegen Korruption und Ungleichheit<\/strong><\/p>\n<p>Zumindest schien das bis vor Kurzem der Fall zu sein. Seit dem 17. Oktober erlebt das gespaltene Land revolution\u00e4re Massenaufst\u00e4nde. \u00dcber eine Million Menschen richten sich sowohl gegen den sunnitischen Ministerpr\u00e4sidenten Saad Hariri als auch gegen die christliche Rechte und die schiitische Amal-Partei. Gro\u00dfe Teile der libanesischen Bev\u00f6lkerung richten sich lautstark gegen die eigenen religi\u00f6sen F\u00fchrer und \u00e4u\u00dfern gegenseitige Bekundungen der Solidarit\u00e4t mit angrenzenden St\u00e4dten sowie den in ihnen lebenden religi\u00f6sen und ethnischen Gruppen. Die neue Bruchlinie verl\u00e4uft f\u00fcr viele nicht mehr zwischen den Konfessionen, sondern zwischen oben und unten, zwischen einer herrschenden und einer unterdr\u00fcckten Klasse. Die libanesische Sozialistin Rima Majed h\u00e4lt fest: \u201eObwohl der Libanon in j\u00fcngster Zeit \u00e4hnlich massive \u201aStra\u00dfenexplosionen\u2018 gegen die herrschende Klasse erlebte (etwa in 2015), stellt die libanesische \u201aOktoberrevolution\u2018 einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der sozialen Bewegungen nach dem B\u00fcrgerkrieg dar. Nach fast drei Jahrzehnten neoliberaler Politik, die in der Vertiefung der Klassengegens\u00e4tze resultierte, sind die Menschen dieses Mal auf die Stra\u00dfen gegangen, um die herrschende Klasse deutlich an den Pranger zu stellen, die als W\u00e4chter des Neoliberalismus (und ihres eigenen Klasseninteresses) fungiert, fernab sektiererischer Trennlinien, die \u00fcblicherweise von den F\u00fchrern als effektive Taktik eingesetzt wurden, um die Stra\u00dfe zu spalten. Dieses Mal startete die Revolution mit den \u00e4rmeren Klassen der Arbeitslosen oder Unterbesch\u00e4ftigten \u2013 normalerweise die tragende S\u00e4ule und W\u00e4hlerschaft der hegemonialen sektiererischen Parteien aufgrund von komplexen Systemen des Klientelismus \u2013 die sich gegen ihre \u201aSchutzherren\u2018 wandten.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser daf\u00fcr sind, anders als viele deutsche Medienberichte nahelegen, nicht blo\u00df die geplanten Steuern auf WhatsApp. Die Steuerma\u00dfnahmen waren vielmehr der letzte Tropfen, der das Fass in einem wirtschaftlich durch und durch zugrunde gerichteten Land zum \u00dcberlaufen gebracht hat.<\/p>\n<p>Feudalistische Rudimente \u00fcberlebten auch im postkolonialen Libanon. Einzelne Familien verf\u00fcgen bis heute \u00fcber Grundbesitz und Landesteile. Sie besetzen Posten mit eigenen Familienmitgliedern und bestimmen die Preise f\u00fcr die Lebensgrundlage ganzer Bev\u00f6lkerungsteile, \u00fcber die Wasserverteilung und den Stromzufuhr. Mafi\u00f6se Strukturen, Vetternwirtschaft und Korruption verfestigen das Ausma\u00df dieser sozialen Ungerechtigkeit. Eine Monopolisierung der Wirtschaft und des Versorgungsnetzwerks schuf unter diesen Bedingungen eine Art sektiererischer Strom- und Wassermafia, die zu hohen finanziellen Konditionen f\u00fcr die Grundbed\u00fcrfnisse der Menschen sorgt \u2013 oder eben auch nicht.<\/p>\n<p>Die offiziellen politischen Repr\u00e4sentanten sind Teil dieses Systems. Die politische Elite des Libanons ist eine bis ins Mark korrupte Riege, die \u00fcber unterschiedliche Sektoren der Wirtschaft bestimmt.<\/p>\n<p>Der Stadtkern der libanesischen Hauptstadt Beirut ist ma\u00dfgeblich von der sunnitischen Hariri-Familie bestimmt. Der in Saudi-Arabien durch \u00d6l-Gesch\u00e4fte reich gewordene Rafiq Hariri gr\u00fcndete die sunnitisch dominierte Zukunftspartei, den eigenen Fernsehsender Future TV, die Zukunfts-Zeitung und ein Milliarden-Imperium. Der heutige Ministerpr\u00e4sident Saad Hariri ist der Sohn Rafiq Hariris, der 2005 ermordet wurde \u2013 mutma\u00dflich im Auftrag des syrischen Machthabers Assad, was die Zedernrevolution ausl\u00f6ste. Die von Saudi-Arabien unterst\u00fctzten Hariris haben Beirut ein neoliberales Wirtschaftsprogramm auferlegt. Privatisierungsma\u00dfnahmen wie Gentrifizierungen und eine Neuordnung der Infrastruktur sowie eine harte Austerit\u00e4tspolitik ver\u00e4nderten das Stadtbild. Die Hariri-Firma Solidere steht in dringlichem Verdacht von der Veruntreuung von Staatsgeldern zu profitieren.\u00a0<\/p>\n<p>Walid Dschumblat ist der Abk\u00f6mmling einer kurdisch-drusischen Adelsfamilie und der einflussreichste Politiker der Drusen. Er ist Vorsitzender der Sozialistischen Fortschrittspartei des Libanon (PSP), die in Bezug auf die Proteste gespalten ist. Dschumblat selbst h\u00e4lt an der Regierung fest. Er lebt in einem Palast in Beirut und war ein enger Vertrauter und Freund des verstorbenen Rafiq Hariri.<\/p>\n<p>Der Parlamentspr\u00e4sident Nabih Berri gilt f\u00fcr viele als menschgewordenes Gesicht der Korruption. Er ist der F\u00fchrer der schiitischen Amal-Bewegung, die seit ihrer Gr\u00fcndung kurz vor Beginn des B\u00fcrgerkriegs fest an der Seite des syrischen\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/assads-bomben-regnen-auf-ost-ghouta-herab\/\">Assad-Regimes<\/a>\u00a0steht.<\/p>\n<p>Die maronitischen Christen sind im Parlament prim\u00e4r durch nationalistische, rechte Kr\u00e4fte vertreten. Der verurteilte Kriegsverbrecher Samir Geagea ist heute als Vorsitzender der rechtsgerichteten und zum Teil faschistischen Forces Libanaises Teil der Regierung. Der maronitische Offizier Michel Aoun stellt gem\u00e4\u00df der konfessionellen Parit\u00e4t den libanesischen Pr\u00e4sidenten. \u00dcber den Fernsehsender Orange TV \u00fcbt er politische Einflussnahme aus. Sein Schwiegersohn Gebran Bassil ist als Mitglied der Freien Patriotischen Bewegung ebenfalls Teil des Regierungskabinetts. Er f\u00e4llt vor allem durch rassistische Hetze gegen pal\u00e4stinensische und syrische Fl\u00fcchtlinge auf.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge, die seit Beginn des B\u00fcrgerkriegs in Syrien in den Libanon str\u00f6men, machen heute einen beachtlichen Teil der libanesischen Bev\u00f6lkerung aus. Gem\u00e4\u00df der Logik des Kapitals dienen sie vor allem im Bauwesen als billige, ungelernte Arbeitskraft, um den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. Dieser Umstand sch\u00fcrte ihnen gegen\u00fcber bei der libanesischen Arbeiterklasse und sogar Teilen der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge rassistische Vorurteile, weil sie teils aus dem Arbeitsmarkt verdr\u00e4ngt wurden. Der politischen Elite und den Medien gelang es, diese rassistischen Vorurteile gegen die marginalisierten Syrer noch anzuheizen, die damit die pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge als Haupts\u00fcndenb\u00f6cke ersetzten.\u00a0<\/p>\n<p>Doch die wirtschaftlichen Entwicklungen und das fl\u00e4chendeckende Versagen der Politik lie\u00df die rassistische Umleitung und die sektiererische Spaltung immer weniger \u00fcberzeugend werden. Seitdem der Regierungsvertrag f\u00fcr die M\u00fcllentsorgung ausgelaufen ist, streiten sich die erw\u00e4hnten Mafia-Strukturen um die \u00dcbernahme. Die Folge ist, dass vor allem der Nordlibanon seit Jahren eine\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/massenproteste-und-die-revolutionaere-linke-im-libanon-im-gespraech-mit-farah-kobaissy\/\">M\u00fcllkrise\u00a0<\/a>erlebt, die f\u00fcr die Zivilgesellschaft mit erheblichen Gesundheitsrisiken einhergeht. Die M\u00fcllberge wurden vor allem in den verarmten Gebieten gelagert.\u00a0<\/p>\n<p>Rund um die Hauptstadt Beirut und im syrischen Gebiet begannen zudem ungef\u00e4hr eine Woche vor den Massenprotesten Fl\u00e4chenbr\u00e4nde in W\u00e4ldern und L\u00e4ndereien um sich zu greifen, die die Natur und Ernte zerst\u00f6ren. Die korrupte Regierungsclique schien kein Interesse oder nicht die Kompetenz zu haben, die Br\u00e4nde zu l\u00f6schen.\u00a0<\/p>\n<p>Die Staatsschulden des Libanon betragen derweil 86 Milliarden US-Dollar. Tausende verloren durch die neoliberale Urbanisierung ihren Wohnort und Lebensunterhalt. Die genaue Arbeitslosenrate im heutigen Libanon ist ungewiss, aber sie wird als extrem hoch eingesch\u00e4tzt.\u00a0<\/p>\n<p>Zuletzt machte die Weltwirtschaftskrise auch vor der durch die Bindung an den Dollar angeblich so stabilen Lira, dem libanesischen Pfund, nicht Halt. Der Umtauschkurs in den Wechselstuben stieg massiv an und Tankstellen im Land gaben zweitweise gar kein Benzin mehr heraus. Zudem drohte eine Preiserh\u00f6hung f\u00fcr Brot. Wiederkehrende Strom- und Wasserausf\u00e4lle wurden zum Alltag. Die Besteuerung von WhatsApp mit einer t\u00e4glichen Geb\u00fchr von circa 0,20 Dollar war in dieser Situation also nur der letzte dreiste Kieselstein von Seiten der Regierung, der die Revolte ins Rollen und die geschundene libanesische Bev\u00f6lkerung zum Explodieren brachte.<\/p>\n<p><strong>Aus dem gescheiterten Arabischen Fr\u00fchling wurde gelernt<\/strong><\/p>\n<p>Dabei scheint es fast, als haben die Aufst\u00e4ndischen im Libanon die arabischen Revolutionen mit dem Notizblock in der Hand verfolgt und fein s\u00e4uberlich deren Fehltritte mitgeschrieben. Bislang gelingt es der Protestbewegung zumindest in ihrem fr\u00fchen Stadium, derlei Fehltritte zu vermeiden: Ethnisch-religi\u00f6ses Sektierertum, militarisiertes Stellvertretertum, ein Niedergang von Protestwellen mit Massenbasis oder Verluste an Radikalit\u00e4t und reformistisches Ann\u00e4hern an das Regime sind bisher nicht abzusehen.\u00a0<\/p>\n<p>Ein Aspekt, der vor allem der sudanesischen Erfahrung \u00e4hnelt, ist die auff\u00e4llige Pr\u00e4senz von protestierenden Frauen. Einzelne erfahren durch Aktionen wie den Tritt gegen einen bewaffneten Regime-Anh\u00e4nger eine regelrechte Ikonisierung. Mit Parolen wie \u201eFrau ist kein Schimpfwort! Meine Vulva ist kein Schimpfwort!\u201c reagieren Feministinnen auf die h\u00e4ufig verwendete arabische Beleidigung gegen Mitglieder der politischen Elite.\u00a0<\/p>\n<p>Ein beachtlicher Teil der Parolen und Transparente im Libanon solidarisiert sich ausdr\u00fccklich mit syrischen und pal\u00e4stinensischen Gefl\u00fcchteten im Inland. \u201eBassil \u2013 raus, raus! Fl\u00fcchtlinge \u2013 rein, rein!\u201c ist einer der Slogans. Au\u00dferdem schaffen die Demonstrierenden vermehrt Bez\u00fcge zu anderen arabischen Revolutionen und halten internationale Solidarit\u00e4t mit \u00e4gyptischen und syrischen politischen Gefangenen sowie dem\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/antikoloniale-demo-wir-brauchen-einander-dringender-denn-je\/\">antikolonialen Befreiungskampf in Pal\u00e4stina<\/a>\u00a0hoch. Auch machen sie Solidarit\u00e4t mit der Bev\u00f6lkerung im Jemen, in Libyen oder Jordanien sichtbar. Die Demonstrationen dr\u00fccken sich aus in einem bunten Farbenspiel aus kreativen Aktionen \u2013 in Kunst und Musik.\u00a0<\/p>\n<p>Die Einflussnahme libanesischer Gewerkschaften und altkommunistischer Parteien in der Protestbewegung ist nicht unerheblich. Die Zentralbank des Libanons wurde besetzt. Banner mit der Aufschrift \u201eBrecht die Macht des Kapitals\u201c wurden aus den Gewerkschaftsh\u00e4usern ausgerollt und der landesweite Generalstreik h\u00e4lt seit Montag an.<\/p>\n<p>Alle Reformversprechen, Spaltungsunternehmungen und Versuche politischer Akteure noch in letzter Sekunde aus der Regierung abzutreten und sich als Teil der Opposition darzustellen, scheitern kl\u00e4glich am entschiedenen Widerstand der Massen auf den Stra\u00dfen. Parolen wie \u201cRevolution, Revolution!\u201d oder \u201cDas Volk fordert den Sturz des Regimes!\u201d hallen durch die vollen Gassen und \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze vor dem besetzten Regierungsgeb\u00e4ude.\u00a0<\/p>\n<p>Dennoch hat auch eine Bev\u00f6lkerung mit einem Massenbewusstsein die Strategie einer revolution\u00e4ren F\u00fchrung, die fest in der Arbeiterklasse verankert ist, n\u00f6tig. Im diversen Libanon mit seinen geteilten sektiererischen F\u00fchrern, denen eigene Propagandakan\u00e4le und Paramilit\u00e4rs zur Verf\u00fcgung stehen, ist das umso wichtiger. Als potenziell besonders gef\u00e4hrlich einzustufen ist hier die Rolle der Hisbollah, die trotz ihres nach wie vor vorhandenen Prestiges in der einfachen Bev\u00f6lkerung mittlerweile auch die Interessen ihrer ins B\u00fcrgertum aufgestiegenen F\u00fchrung und b\u00fcrgerlichen Finanziers vertritt. Sie taktiert aktuell relativ geschickt und wird von nicht wenigen immer noch nicht als Teil der Polit-Elite wahrgenommen. Ihre widerspr\u00fcchliche Klassenbasis macht aber deutlich, dass sie sich immer nur sehr begrenzt mit dem Imperialismus und dem internationalen System des Kapitalismus anlegen werden kann.\u00a0<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist der Nahe und Mittlere Osten seit Langem Hauptschauplatz imperialistischer Unterdr\u00fcckung und Aggression mit unterschiedlichem ausl\u00e4ndischen Interesse. Vor diesem Hintergrund brauchen soziale Forderungen von unten umso mehr eine langzeitstrategische Weitsicht, um eine Chance auf Erfolg zu haben. Sozialistische Organisationen, die das anbieten k\u00f6nnen, haben sich mittlerweile in verschiedenen Teilen der Region aufbauen k\u00f6nnen. Die \u00e4gyptischen Revolution\u00e4ren Sozialisten, die ihre Mitgliederzahl w\u00e4hrend der Revolution in \u00c4gypten verzehnfachen konnten, oder auch sudanesische und irakische Demonstrierende solidarisieren sich mit den libanesischen Protesten. Die Verbindung und gegenseitige Unterst\u00fctzung ist aufgrund der regional verzahnten staatlichen Unterdr\u00fcckung wichtig. Jeder aufst\u00e4ndische Schritt, jedes Aufb\u00e4umen gegen die Konterrevolution und jeder Akt der internationalen Solidarit\u00e4t hat eine Ausstrahlungskraft \u00fcber den nationalen Kontext hinaus und kann ein neues Selbstbewusstsein erwecken. Zumindest an der Oberfl\u00e4che zeigen die Proteste im Libanon bisher wohl das h\u00f6chste Ma\u00df an progressiven Elementen und Internationalismus in der Geschichte der arabischen Revolutionen. All das macht deutlich, wie die regionalen revolution\u00e4ren Erfahrungen das Bewusstsein der Menschen nachhaltig ver\u00e4ndern konnten und es weiterhin tun.<\/p>\n<p><strong>Die Hoffnung w\u00e4chst<\/strong><\/p>\n<p>So l\u00f6sen die als \u201eOktoberrevolution\u201c bezeichneten Aufst\u00e4nde im Libanon eine neue Welle der Hoffnung in der arabischen Welt, in der syrischen Diaspora und im libanesischen Exil aus. Es ist kein Zufall, dass die Aufst\u00e4nde zum jetzigen Zeitpunkt in dieser Form entstehen konnten. Es ist vor allem, aber nicht ausschlie\u00dflich das Resultat der landesinneren Korruption, die den Libanon gef\u00e4hrlich nahe in Richtung eines \u201eFailed State\u201c gebracht hat. Funken wirbelten auch die Aufst\u00e4ndischen im Sudan, in Algerien, im Irak und in \u00c4gypten auf. Die libanesische Parole \u201eAlle bedeutet ALLE!\u201c nimmt nicht nur Bezug auf die unterdr\u00fcckten Menschen im Libanon aller Konfessionen und Ethnien, sondern auch auf die Region insgesamt. \u201aAlle\u2018 schlie\u00dft ebenfalls den Sturz von Assad, Abbas, Sisi und Salih mit ein.\u00a0<\/p>\n<p>Wenn sich abermals ein Lauffeuer in der arabischen Welt \u00e4hnlich der Entwicklungen ab 2011 entfalten sollte, wird die Arabellion in eine geschultere zweite Runde gehen. Klar ist: Die Arabische Revolution lebt, sie war nie tot. Die Phase der \u00fcberw\u00e4ltigenden Konterrevolution befindet sich im Niedergang und die Knospen eines neuen Fr\u00fchlings beginnen sich zu \u00f6ffnen. Und vor allem Weiteren ist klar: Die Herrschenden k\u00f6nnen nicht mehr in der alten Weise weiterregieren und die Unterdr\u00fcckten wollen nicht mehr in der alten Weise weiterleben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/libanons-oktoberrevolution-am-scheideweg\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Oktober 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kassem Ahmad, Rama al-Sayasneh und Ramsis Kilani. Mittlerweile ist unbestreitbar, dass der Libanon einen historischen Moment erlebt. Mit 1,5 Millionen Menschen demonstrierte bereits ein Viertel der Bev\u00f6lkerung auf den Stra\u00dfen. Das sind<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,5],"tags":[9,25,87,107,45,49,37,17],"class_list":["post-6267","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arabische-revolutionen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-libanon","tag-neoliberalismus","tag-repression","tag-service-public","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6267"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6267\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6269,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6267\/revisions\/6269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}