{"id":6288,"date":"2019-10-30T11:39:17","date_gmt":"2019-10-30T09:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6288"},"modified":"2019-10-30T11:39:18","modified_gmt":"2019-10-30T09:39:18","slug":"revolution-in-chile-das-ende-des-neoliberalen-maerchens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6288","title":{"rendered":"Revolution in Chile \u2013 Das Ende des neoliberalen M\u00e4rchens!"},"content":{"rendered":"<p><em>Robert Kohl Parra. <\/em><strong>Seitdem der sozialistische Pr\u00e4sident\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-letzten-worte-allendes\/\"><strong>Salvador Allende\u00a0<\/strong><\/a><strong>1973 durch einen Milit\u00e4rputsch gest\u00fcrzt wurde und die Milit\u00e4rs unter General Augusto Pinochet die Macht an sich gerissen haben, ist Chile ein Musterland des<\/strong><!--more--><strong style=\"font-size: inherit;\">Neoliberalismus. Mit Hilfe von Milton Friedman und seinen Chicago Boys reformierte Chile sein \u00f6konomisches System. Bildung, Gesundheit, Altersvorsorge, Nahverkehr, Stra\u00dfen, W\u00e4lder, Str\u00e4nde, Kupfer, Gas und Wasser wurden privatisiert. Das Ergebnis sehen wir heute.<\/strong><\/p>\n<p>Das Land hat das schlechteste Bildungssystem der OSZE und eines der Teuersten der ganzen Welt, selbst der Besuch der Mittelstufe kostet in jedem Fall einen Betrag. Studenten protestieren seit Anfang des Jahrtausends, denn ein Universit\u00e4tsabschluss verschuldet dich meistens bis in den Tod. Der Chilene musste vor den Protesten im Normalfall 45 Stunden arbeiten und steht zusammen mit den \u00dcberstunden in den Top 10 der L\u00e4nder mit der meisten Arbeitszeit weltweit. Der Mindestlohn liegt bei 400 US-Dollar bei gleichzeitigen Lebenshaltungskosten eines westeurop\u00e4ischen Staates. Das Rentensystem AFP wirft durchschnittlich etwa 200 US-Dollar an Rentner ab. Ob im Nahverkehr, bei der Wasserversorgung oder bei der Gesundheit, \u00fcberall verdient die Elite, die seit dem 19. Jahrhundert etwa 20 Familien umfasst, mit.<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen k\u00fcndigte nun die rechte Regierung von Sebasti\u00e1n Pinera eine Erh\u00f6hung des Preises f\u00fcr die U-Bahn und der Buslinien der Stadt Santiago de Chile von 800 auf 830 Pesos an. Begr\u00fcndet wurde diese Erh\u00f6hung mit den erh\u00f6hten Preisen f\u00fcr Benzin und Diesel. Eine Fars, der Angriff auf die saudischen \u00d6lf\u00f6rderungsanlagen lie\u00df die Preise zeitweise steigen, doch sie fielen ebenso schnell wieder. F\u00fcr einen durchschnittlichen Chilenen, der f\u00fcr den Mindestlohn oder etwas mehr arbeiten muss, ist die Erh\u00f6hung eine wahre Belastung, denn ein Monatsticket gibt es nicht.<\/p>\n<p>Doch die prek\u00e4re \u00f6konomische Situation der Chilenen ist nicht der einzige Ausl\u00f6ser des Protestes. Die Arroganz und Ignoranz der politischen F\u00fchrer gegen\u00fcber dem Leben des durchschnittlichen Chilenen ist sicherlich auch ein Ausl\u00f6ser. Das gesamte Jahr \u00fcber haben Minister und andere hochrangige Politiker die Bev\u00f6lkerung durch verschiedenste Aussagen verh\u00f6hnt. Zum Beispiel wurde der Preis f\u00fcr die Metro nur in der Hauptverkehrszeit ab 8:00 Uhr morgens erh\u00f6ht, also sah sich der Verkehrsminister gen\u00f6tigt die Menschen dazu aufzurufen eben fr\u00fcher aufzustehen. Auf die 3% Erh\u00f6hung des Metro-Preises sagte ein weiterer Minister die Menschen sollen sich doch lieber Blumen kaufen, weil deren Preis ja um 3,6% im letzten Monat gefallen sind. Das letzte Beispiel m\u00f6chte ich mit der Aussage eines Staatssekret\u00e4rs beenden, der auf den Unmut der Chilenen wegen der langen Wartezeiten in den \u00c4rztezentren (teilweise muss man um 4:00 Uhr morgen auftauchen um gegen Mittag behandelt zu werden) antwortete: \u201eDie Patienten m\u00f6chten fr\u00fcher in die \u00c4rztezentren gehen, weil einige dort nicht nur zum Arzt wollen, sondern es auch ein soziales Element besitzt, soziales Zusammenkommen.\u201c \u2013 Ich komme darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/chile-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6289\" width=\"502\" height=\"502\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/chile-300x300.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/chile-300x300-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 502px) 100vw, 502px\" \/><figcaption>Massenproteste in Chile \u2013 Bild: Partido Comunista de Chile<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach der Ank\u00fcndigung der Regierung machte sich Unmut breit. Die linke Opposition von Frente Amplio, kommunistische Partei und Sozialisten protestierte und in den sozialen Netzwerken kursierten Bilder und Videos gegen die Ank\u00fcndigung. Die Kritiker mahnten an, dass dies f\u00fcr viele Menschen ein sozialer Einschnitt war und manche kritisierten sogar das neoliberale System, an dem die Privaten Betreiber verdienen. Es sah aber so aus als ob es nur eine weitere Verschlechterung der Lebensverh\u00e4ltnisse der Menschen sei, die ohne Folgen blieb.<\/p>\n<p>Den ersten Schritt des Protestes gingen Sch\u00fcler der Mittelstufe, die sich \u00fcber die sozialen Netzwerke organisierten (haupts\u00e4chlich Instagram und Facebook) und die wegen der erh\u00f6hten Preise massenhaft die Absperrungen zur Metro st\u00fcrmten und so die Fahrpreise nicht bezahlten. Aus einem Video, das die Sch\u00fcler zeigte, wurde eine Bewegung, die sich in den ersten Tagen nach der Ank\u00fcndigung, an verschiedenen Stationen traf, um die Fahrpreise zu umgehen. Die Regierung reagierte auf die Tausenden Menschen mit der Schlie\u00dfung ganzer Stationen, stark bewaffneter Polizei, die erbarmungslos vorging und sp\u00e4ter sogar mit der Schlie\u00dfung der Metro. In den \u00e4rmeren Stadtteilen wie dem Zentrum und Puente Alto machten Menschen durch das Zerst\u00f6ren der Ticketautomaten und sogar das Anz\u00fcnden der Z\u00fcge ihren Unmut Raum. Die Regierung reagierte mit weiterer Repression. Mit jedem Tag wuchsen die Proteste und bald standen Einhunderttausend in Santiago auf der Stra\u00dfe, nicht nur gegen die Fahrpreiserh\u00f6hung, sondern auch gegen massive Polizeigewalt und gegen die ganze Regierung.<\/p>\n<p>Bald darauf schickte Pi\u00f1era gegen die in den meisten F\u00e4llen friedlichen Demonstranten zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur das Milit\u00e4r auf die Stra\u00dfe indem er den Ausnahmezustand ausrief und sagte bei seiner Ansprache: \u201eWir befinden uns im Krieg.\u201c Der General, der f\u00fcr verschiedene Viertel eine Ausgangssperre verh\u00e4ngte, ist nebenbei wie viele hohe Posten im Staat durch Pinochet-Kader besetzt, hier der Sohn eines hohen Tiers im ehemaligen Geheimdienst. Mittlerweile gibt es die ersten Toten Demonstranten, Dutzende Verletzte und mehrere Hundert Festgenommene und Verschwundene Personen, darunter Journalisten von TeleSur und ehemalige Anf\u00fchrer der Studentenbewegung. Die Toten Demonstranten, die Milit\u00e4rs und die Repression wecken bei vielen Menschen die Erinnerung an die Diktatur.<\/p>\n<p>Der Protest organisiert sich \u00fcber die sozialen Netzwerke. \u00dcber WhatsApp kursieren Videos der Polizeigewalt, \u00fcber Instagram Protestaufrufe und \u00fcber Facebook Memes, die sich \u00fcber die Regierung lustig machen. W\u00e4hrenddessen schweigen jedoch die meisten Medien in Chile zur Polizeigewalt und inszenieren stattdessen die Demonstranten als schuldige der Eskalation. Vor dem Fernsehsender \u201eMega\u201c demonstrierten einige Tausend Menschen am 22.10. sogar gegen dessen einseitige Berichterstattung.<\/p>\n<p>Zur selben Zeit als die Regierung das Milit\u00e4r auf die Stra\u00dfe schickt, breiten sich die Proteste landesweit aus. Millionen Menschen beteiligen sich am Streik, den die Hafen-und Minenarbeiter ausriefen, und die Forderungen nach einem R\u00fccktritt des Pr\u00e4sidenten, einem Ende des Neoliberalismus in Chile, einer neue Verfassung (die alte stammt noch aus Zeiten der Milit\u00e4rdiktatur) und einem Ende der Unterdr\u00fcckung werden immer lauter. Die Regierung hat die Erh\u00f6hung der Fahrpreise l\u00e4ngst zur\u00fcckgenommen, aber der Protest flacht nicht ab. Als TeleSur einen Demonstranten fragte: \u201eWie habt ihr diese Demo organisiert?\u201c, antwortete er: \u201eDas haben wir w\u00e4hrend der Wartezeit beim Arzt organisiert.\u201c<\/p>\n<p>Nicht nur breite Teile der Bev\u00f6lkerung streiken und demonstrieren, auch der gr\u00f6\u00dfte Teil der chilenischen Musiker, Schauspieler und sonstiger K\u00fcnstler unterst\u00fctzen die Proteste durch kostenlose Konzerte, verbreiten der Aufrufen durch die sozialen Medien und durch Aktionen.<\/p>\n<p>Am 23.10. hat die Regierung eine soziale Agenda vorgestellt, die weder sehr viel ver\u00e4ndert noch wie erhofft den Protest stoppt. Exemplarisch kann man das Beispiel der Rente sehen. Die Reform sieht vor dem privaten Rentensystem mehr staatliche Zusch\u00fcsse zu geben, das erh\u00f6ht zwar minimal die Rente f\u00fcr die Chilenen, das System \u00e4ndert die Reform aber nicht. Der Pr\u00e4sident hat sogar seine Rhetorik vollkommen ge\u00e4ndert und setzt nun aus Selbstkritik und Entschuldigungen, doch es gingen in ganz Chile so viele Menschen wie noch nie auf die Stra\u00dfe. Mehr als eine Million Menschen allein in Santiago am 25.10.<\/p>\n<p>Auch der vorgenommene Kabinettwechsel, bei dem der Pr\u00e4sident sogar seinen Cousin und unbeliebtesten Minister Chadwick entlie\u00df, hat die Gem\u00fcter der Chilenen nicht beruhigt. 30 Jahre des Verrats der Politik hat die Menschen nicht mehr an Versprechungen glauben lassen. Mit dem Eintreffen der UN-Beobachter sollte die Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren und auch die Milit\u00e4rs von der Stra\u00dfe verschwinden, aber die Demo vor dem Pr\u00e4sidentenpalast wurde gestern brutal niedergeschlagen. So auch am Sonntag der Marsch auf den Kongress in Valparaiso.<\/p>\n<p>Die Bewegung nimmt an Fahrt auf und es gibt keinen Grund zu glauben, dass sich das \u00e4ndern wird. Am 30.10. wurde ein weiterer Generalstreik angek\u00fcndigt, die Bewegung gibt nun die Parole heraus: \u201eEs ist noch nichts gewonnen!\u201c oder \u201eWenn wir jetzt aufgeben sind die Opfer umsonst.\u201c \u2013 Etwa 80 Tote, 200 Verschwundene, 1000 Verletzte, 3000 Festgenommene z\u00e4hlt das INDH. Auch die Mapuche (Indigene aus dem S\u00fcden Chiles) haben nun gemeinsam den Kampf f\u00fcr ein besseres Chile angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Ohne den R\u00fccktritt des Pr\u00e4sidenten, ohne eine neue Verfassung, ohne das Ende des neoliberalen Systems und ohne ein Ende der Repression wird das chilenische Volk nicht aufh\u00f6ren zu k\u00e4mpfen. Die chilenische Revolution hat erst angefangen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/revolution-in-chile-das-ende-des-neoliberalen-maerchens\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Oktober 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Kohl Parra. 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