{"id":6291,"date":"2019-10-30T12:58:28","date_gmt":"2019-10-30T10:58:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6291"},"modified":"2019-10-30T12:59:43","modified_gmt":"2019-10-30T10:59:43","slug":"simon-schaupp-der-kurze-fruehling-der-raeterepublik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6291","title":{"rendered":"Simon Schaupp: Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin: 0cm 0cm 9.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Jonathan Eibisch. \u00ab<\/span><\/i><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik. Ein Tagebuch der bayrischen Revolution. Eine radikale und emanzipatorische Gesellschaftsalternative\u00bb ist ein markantes Beispiel daf\u00fcr, wie lange es dauert, historische Geschehnisse \u2013 insbesondere linker Bewegungsgeschichte &#8211; ad\u00e4quat aufzuarbeiten.<\/span><\/b><!--more--><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 9.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">\u201eVor hundert Jahren erhebt sich ein beh\u00e4biges V\u00f6lkchen am Fusse der Alpen und ringt um eine der wenigen erfolgreichen Revolutionen in der bisherigen Geschichte Deutschlands. F\u00fcr kurze Zeit wird Bayern zum Ort der Hoffnung auf einen radikalen Neubeginn nach dem Versinken der Imperien in der Barbarei des Ersten Weltkriegs. Das Deutsche Reich schaut je nach Anschauung hoffnungs- oder angstvoll auf Bayern, das bislang eher als Sinnbild eines dumpfen Konservatismus bel\u00e4chelt worden ist. Revolution\u00e4re aus halb Europa pilgern nach M\u00fcnchen, das nun als Mekka eines freiheitlichen Sozialismus gilt. [&#8230;]\u201c (Seite 11)<\/span><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"912\" height=\"340\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Rathaus_Bremen_15111918_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6292\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Rathaus_Bremen_15111918_1.jpg 912w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Rathaus_Bremen_15111918_1-300x112.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Rathaus_Bremen_15111918_1-768x286.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 912px) 100vw, 912px\" \/><figcaption>Ausrufung der Bremer R\u00e4terepublik am 15. November 1918 vom Balkon des Bremer Rathauses. \/ Staatsarchiv Bremen (PD)&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\">(CC BY-SA 3.0 cropped)<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Weil in den unverkl\u00e4rten Erinnerungen an Vergangenes das Potenzial f\u00fcr umfassende \u00dcberlegungen zu den Bedingungen und den Handlungsm\u00f6glichkeiten in der eigenen Zeit liegt, musste jemand zu dieser Zeit \u2013 100 Jahre nach der bayrischen R\u00e4terepublik und der Systemfrage in den deutschsprachigen L\u00e4ndern und dar\u00fcber hinaus \u2013 diese Geschichte der bayrischen R\u00e4terepublik schreiben. Simon Schaupp tut es auf \u00e4usserst gelungene Weise, indem er historische Materialien<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> auf originelle Weise zusammenstellt, in Verbindung und Diskussion miteinander bringt und sie versteht in eine ungemein lebendige Erz\u00e4hlform zu giessen. Hierbei handelt es sich um ein gutes Beispiel, wie mit Zeitzeugnissen produktiv und absichtsvoll weitergearbeitet werden kann.<\/p>\n<p>Im aus bedachtsam verbundenen Fragmenten bestehenden Tagebuch, werden aus den Perspektiven der Protagonist*innen, Hilde Kramer (Stenotypistin und Kommunistin), Ernst Toller (Schriftsteller und USPD-Politiker) und des umtriebigen Anarchisten Erich M\u00fchsam, jene revolution\u00e4ren Ereignisse gegen Ende des Ersten Weltkrieges beschrieben, in denen der Hoffnung auf eine \u2013 im umfassenden Sinne &#8211; sozialistische Gesellschaft ein Fenster zu einer lichten Zukunft offenstand. Wenngleich er dabei nah am Leben der Protagonist*innen bleibt, &#8211; welches er auch in seinen intimen Facetten schildert &#8211; und Exkurse aus ihren inhaltlichen Schriften einbaut, fixiert sich Schaupp jedoch nicht auf diese wie es Hollywood-Filme tun, indem sie deren weite Beziehungen abschneiden.<\/p>\n<p>Vielmehr nimmt er das Handeln der zahlreichen Menschen in den Blick, welche die sozialrevolution\u00e4re Bewegung bilden, die keineswegs aus einer anonymen Masse, sondern Einzelpersonen besteht. In dieser Hinsicht kann ihm eine Perspektive unterstellt werden, die durchaus als anarchistisch zu bezeichnen ist: Es geht um die Vielen, welche jedoch verbundene, unterschiedliche Einzelne sind. Etwas entgegen der Aufmachung des Buches \u00fcberrascht es deswegen auch nicht, dass ebenfalls andere Pers\u00f6nlichkeiten der R\u00e4terepublik wie ihr erster Ministerpr\u00e4sident von der USPD, Kurt Eisner, der anarchopazifistische Intellektuelle Gustav Landauer, die kommunistischen Kader Max Levien und Eugen Levin\u00e9 wie auch deren sozialdemokratischen, b\u00fcrgerlichen und nationalistischen Feind*innen ausgiebig zu Wort kommen.<\/p>\n<p>Auch jene, welchen der geschichtliche Verlauf eigentlich schon bekannt ist, wird die mitf\u00fchlenden und mitdenkenden Schreibweise Schaupps fesseln. Mit der bewussten Nachempfindung der Dramaturgie der sich \u00fcberschlagenden Entwicklungen, welche zur R\u00e4terepublik gef\u00fchrt haben, ihrem Verlauf und ihrer blutigen Zerschlagung, f\u00e4ngt der Autor anhand von Szenen auf Strassen, Pl\u00e4tzen und Parteiveranstaltungen, in Brauh\u00e4usern, R\u00e4te-Gremien und Hinterzimmertreffen die vielf\u00e4ltigen Stimmungen einer verworrenen Umbruchsphase ein. So gelingt es ihm in detaillierter Arbeit mit historischen Fakten (ohne den Anspruch zu erheben, neue hinzuzuf\u00fcgen) und einer intensiven Besch\u00e4ftigung mit der weitreichenden und tiefgreifenden Bedeutung der revolution\u00e4ren Ereignisse in weiten Teilen Bayerns anhand von darin handelnden Personen, linke und linksradikale Bewegungsgeschichte anschaulich zu vermitteln.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dies ist zweifellos eine Herangehensweise, die den meisten von uns im bedauerlicherweise oftmals trockenen Geschichtsunterricht der Schulen nicht begegnet sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Schaupps Anspruch ist es mit den aus einer verzerrten Quellenlage resultierenden Mythen aufzur\u00e4umen: \u201eAllen voran ist dabei die Behauptung zu nennen, es habe sich bei der Revolution ausschliesslich um eine Phantasie von M\u00fcnchener Kaffeehaus-Intellektuellen gehandelt. Beide Teile dieser Behauptung sind erwiesenermassen falsch. Die Bayrische Republik hat keineswegs nur in M\u00fcnchen stattgefunden, wie es schon die verbreitete Bezeichnung der &#8218;M\u00fcnchener R\u00e4terepublik&#8216; impliziert. Stattdessen gab es R\u00e4testrukturen bis in die kleinsten Provinzd\u00f6rfer. [\u2026] Richtig ist, dass unter den f\u00fchrenden K\u00f6pfen der R\u00e4terepublik eine erstaunlich hohe Anzahl von Literaten vertreten war.<\/p>\n<p>Da man in diesen Positionen sonst eher an Grossindustrielle und Milit\u00e4rs gewohnt ist, war diese Tatsache damals \u2013 und scheint es auch heute noch \u2013 irritierend. Diese Literaten, zu denen auch Ernst Toller und Erich M\u00fchsam z\u00e4hlten, h\u00e4tten die Revolution aber kaum herbeischreiben k\u00f6nnen. Stattdessen st\u00fctzten sie sich auf eine Basis von k\u00e4mpfenden Arbeiterinnen und Arbeitern, die diesen Intellektuellen genau deshalb vertrauten, weil sie sich in deren Schriften besser verstanden f\u00fchlten als in den Erlassen des besiegten Obrigkeitsstaates.\u201c <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik ist ein markantes Beispiel daf\u00fcr, wie lange es dauert historische Geschehnisse \u2013 insbesondere linker Bewegungsgeschichte &#8211; ad\u00e4quat aufzuarbeiten, um der hegemonialen Erz\u00e4hlung brutaler milit\u00e4rischer Sieger*innen eine sachliche und f\u00fcr die politische Situation der Gegenwart \u00e4usserst relevante Gegenerz\u00e4hlung entgegen zu stellen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Welches Ausmass beispielsweise die rassistischen Mobilisierungen und Anschl\u00e4ge seit 2015 in der BRD wirklich angenommen hat und welches unsagbare Leid die Festung Europa tats\u00e4chlich verursacht, l\u00e4sst sich bei aller Betroffenheit die wir auch schon jetzt empfinden und den Berichten, die wir heute h\u00f6ren m\u00f6gen, wohl erst in Jahrzehnten rekonstruieren.<\/p>\n<p>Zu stark wirken die Verdr\u00e4ngungsmechanismen denen sich Herrschende zu ihrer Legitimation und von Gewalt Betroffene \u2013 verst\u00e4ndlicherweise &#8211; zu ihrem psychischen Selbstschutz bedienen, wo sie \u00fcberhaupt \u00f6ffentlich Geh\u00f6r finden. Zudem ist unser Denken zu begrenzt, als wir die volle Bedeutung von Ereignissen im Moment erfassen k\u00f6nnten. Doch jene, die daf\u00fcr zumindest ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr und die sehns\u00fcchtige Motivation zur Ver\u00e4nderung haben, zeigen sich auch unter widrigen Bedingungen in der Lage, den Augenblick zu nutzen. So ergriffen die Sozialrevolution\u00e4re unter anderem in Bayern die Initiative und organisierten im politischen Vakuum des zusammenbrechenden Deutschen Reiches den Kampf f\u00fcr eine radikale und emanzipatorische Gesellschaftsalternative. \u201eIn den folgenden Tagen wird sich die R\u00e4tebewegung in allen Regierungsbezirken noch bis in die kleinsten Ortschaften ausbreiten \u2013 und zwar ohne \u00e4usseres Eingreifen, sondern durch spontane revolution\u00e4re Aktionen der Arbeiterinnen und Arbeiter, sowie lokale sozialistische Parteien und Gruppen. [\u2026] Die bis zu diesem Tagen so gut wie gar nicht politisch repr\u00e4sentierte Arbeiter- und Bauernschaft h\u00e4lt pl\u00f6tzlich die Macht in den H\u00e4nden.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>In der Tat geht dabei alles drunter und dr\u00fcber und bei all den Fraktionen, Splittergruppen, in den verschiedenen Phasen und politischen Gremien, die die Revolution\u00e4re beeinflussen oder als R\u00e4testrukturen einrichten ist es durchaus \u00e4usserst unklar, wer wo \u00fcber welche Macht verf\u00fcgt und in den sich t\u00e4glich ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden bestimmte politische Vorstellungen verwirklichen kann. Welcher Rat, welche Kommission, welche*r Minister*in und welche*r Polizeichef*in hat da welche Ziele, Kompetenzen und Legitimation? Die politischen Verh\u00e4ltnisse sind \u00e4usserst unklar und die Formen des alten Staates werden auch nicht konsequent zerschlagen.<\/p>\n<p>Da sind Bauern-, Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, ein besonders \u201eRevolution\u00e4rer Arbeiterrat (RAR)\u201c, ein Zentralrat, der sich von der Basis abnabelt, eine Gegenregierung der Sozialdemokraten unter Johannes Hoffmann, die von Bamberg aus mit Hilfe der Freikorps auf die Niederschlagung der R\u00e4terepublik hinarbeitet, die Unabh\u00e4ngigen Sozialist*innen, die KPD, die wenigen aber entschlossenen Anarchist*innen. Da ist auch die unter anderem durch Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann organisierte und erstarkende Frauenbewegung, welche endlich politische Mitbestimmung f\u00fcr die gr\u00f6ssere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung einfordert und sich dabei im Widerspruch befindet, ob sie an parlamentarischen Wahlen im b\u00fcrgerlichen Staat teilnehmen oder sich eben dieser Integration verweigern soll.<\/p>\n<p>Die Pazifist*innen wie Toller hingegen sehen sich mit zunehmender \u00e4usseren Bedrohung und der notwendigen Verteidigung der R\u00e4terepublik im Widerspruch mit ihrem Schwur, keine Waffe mehr in die Hand nehmen zu wollen oder gar Truppen zu befehlen \u2013 und seien es rote. Und auch die Anarchist*innen geben wie Landauer ihre Antipolitik teilweise zugunsten der H\u00e4rte und Kompromisse des politischen Betriebs auf, ebenso hat sich M\u00fchsam \u201eschnell den Sachzw\u00e4ngen staatlicher Politik angepasst.\u201c Politik ist eben immer eine problematische Angelegenheit und so fragt Schaupp: \u201eSind die Anarchisten nun selbst zum Teil des Staates geworden? Mit seiner Forderung, in den Geiseln keine einzelnen Personen mehr zu sehen, sondern &#8218;Vertreter einer Kaste&#8216; weicht M\u00fchsam jedenfalls stark von seiner bisherigen Linie des Individualismus ab. Damit hat er sich eine zentrale staatsm\u00e4nnische Denkweise zu eigen gemacht.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Staatsmann gibt es keine Individuen, denn Individuen sind nicht repr\u00e4sentierbar. Stattdessen gibt es f\u00fcr ihn, genau wie f\u00fcr den Botaniker nur Typologien: Gruppen, die \u00fcberzeugt werden m\u00fcssen, Gruppen, die bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen und Gruppen, die ignoriert werden k\u00f6nnen \u2013 vor allem aber Gruppen, die verwaltet werden m\u00fcssen.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Dass Parteien, ihre Disziplin, ihre Hierarchie und ihr Gekl\u00fcngel sozialrevolution\u00e4re Bewegungen einhegen und katastrophale Folgen zeitigen wird anhand den (aus historischen, sachlich dargestellten Gr\u00fcnden) taktierenden und verr\u00e4terischen SPD-Anh\u00e4nger*innen und vor allem an deren F\u00fchrung deutlich gemacht. Bedauerlicherweise sind es wenige, die nicht zweigleisig fahren; unter Druck und sich ver\u00e4nderten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen nicht sofort ihre H\u00e4lse wenden, ihre alten B\u00fcndnispartner*innen fallen lassen und mit den vormaligen Kontrahent*innen paktieren. Auch den autorit\u00e4ren Umschwung in der sich neu formierenden KPD stellt Schaupp dar und schildert ebenso die wankelm\u00fctige Politik eines heute verkl\u00e4rten Kurt Eisners, der trotz aller pazifistischen Ablehnung des Deutschen Reiches selbstverst\u00e4ndlich Politiker bleibt, die undankbare Aufgabe der Interessensvermittlung \u00fcbernimmt, im Zweifelsfall seine linksradikalen Genoss*innen verhaften l\u00e4sst<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>, bevor er von einem rechtsextremen Studenten ermordet wird.<\/p>\n<p>Paradoxerweise ist es gerade dieses Ereignis, was die Ausrufung der eigentlichen R\u00e4terepublik am 1. M\u00e4rz 1919 stark bef\u00f6rdert.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Aber die Feinde der R\u00e4terepublik organisieren sich, unter anderem in der Bayrischen Volkspartei und der DDP<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>, ebenso die Feinde jeglicher Freiheit, in den paramilit\u00e4rischen Freikorps und in der esoterischen und antisemitischen Thule-Gesellschaft, welche unter anderem als erste das Hakenkreuz als politisches Symbol verwendete und eine bedeutende Keimzelle des entstehenden Faschismus bildete. \u00dcberhaupt zeigt der Autor deutlich auf, welche wesentliche Rolle der tief verwurzelte und weit verbreitete Antisemitismus in der Ideologie der Reaktion\u00e4ren spielt und den diese propagandistisch verbreiten um die Schmach der Niederlage im massgeblich von den Deutschen angezettelten Ersten Weltkrieg mit der Ausrottung der als solche konstruierten Erzfeinde zu r\u00e4chen.<\/p>\n<p>So f\u00e4llt Schaupps Versuch f\u00fcr heute Konsequenzen aus der desastr\u00f6sen historischen Entwicklungen und politischen Fehlern verschiedener sozialrevolution\u00e4rer Gruppierung durchscheinen zu lassen, deutlich ins Auge, wenn er beispielsweise im Epilog schreibt: \u201eEs bewahrheitet sich, was unter anderem die R\u00e4teaktivisten schon angesichts des B\u00fcndnisses zwischen der Sozialdemokratie und der rechtsextremen Reaktion bei der Niederschlagung der revolution\u00e4ren Bewegung von 1918-1923 vorausgesehen haben: Die Sozialdemokraten haben zur Verteidigung ihrer Herrschaft Kr\u00e4fte aus dem Sattel gehoben, die sie schon bald nicht mehr kontrollieren k\u00f6nnen. So sind es keineswegs die K\u00e4mpfe zwischen links und rechts, die der Weimarer Republik das Grab schaufelten, sondern eben dieses B\u00fcndnis aus Sozialdemokratie, Reichswehr und rechtsextremen Freikorps, das die antidemokratischen Kr\u00e4fte wiederbelebt, die 1918 eigentlich bereits geschlagen waren. Am Ende werden auch die Sozialdemokraten von den D\u00e4monen verschlungen, die sie gerufen haben.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Was den verschiedenen linksradikalen Str\u00f6mungen \u2013 ob sie sich in Antifa, Queer-Politik, radikaler \u00d6kologie, in Arbeitsk\u00e4mpfen oder wo auch immer bet\u00e4tigen &#8211; heute gr\u00f6sstenteils fehlt und woran auch Anarchist*innen stark arbeiten m\u00fcssen, ist die Vision einer grunds\u00e4tzlich anderen Gesellschaft f\u00fcr alle und von allen. Als dogmatische Phrase, Klischee, Heile-Welt-Traum, in endlosen Kompromissen verpackt oder in vermittelnden Floskeln relativiert kann eine anarcho-kommunistische Gesellschaft nicht erk\u00e4mpft werden. Ein solches Meta-Narrativ kann freilich nicht dieselbe Vorstellung des Sozialismus sein, wie vor hundert Jahren, sondern ist heute mit anderen von den gesellschaftlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen betroffenen sozialen Gruppen \u2013 das heisst: von sehr vielen &#8211; zu aktualisieren, von ihren Tr\u00e4ger*innen selbst ernst zu nehmen und aus den Szenen heraus zu vermitteln.<\/p>\n<p>Obwohl sich bei den Sozialrevolution\u00e4ren der bayrischen R\u00e4terepublik in den Versuchen der politischen Umsetzung schnell zeigte, dass ihre Strategien doch \u00e4usserst unterschiedliche waren, einte sie dennoch die gemeinsame Hoffnung auf eine friedliche und gerechte Zukunft \u2013 was in ihren Augen notwendig einschloss, dass der autorit\u00e4re Staat und die Klassenverh\u00e4ltnisse (und f\u00fcr die progressiven unter ihnen auch das Patriarchat) \u00fcberwunden werden mussten. Dabei handelt es sich in heutigen Kategorien gemessen um einen grassierenden, zu weiten Teilen antiautorit\u00e4ren Linkspopulismus, dem viele linksradikale Gruppen hierzulande und heute verk\u00fcrzte Kapitalismuskritik unterstellen w\u00fcrden (wenngleich sie definitiv nicht rassistisch aufgeladen war).<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Dies festzustellen hat nichts mit einer romantischen Verkl\u00e4rung oder Abwertung vergangener K\u00e4mpfe zu tun und ist kein naiver Glaube daran, politische Gegner einfach so \u00fcberzeugen zu k\u00f6nnen, zum Beispiel, weil die AfD faktisch nicht den Interessen der Arbeiter*innen dient, welche sie unter anderem w\u00e4hlen. Es geht schlicht darum, vorhandene sozialrevolution\u00e4re Vorstellungen und Werte ernst zu nehmen, dar\u00fcber nachzudenken, sich verbindlich zu organisieren und daf\u00fcr konsequent einzutreten. Und dies ist es, weswegen die von Simon Schaupp so hautnah geschilderten Geschichten der an der bayrischen R\u00e4terepublik beteiligten Menschen \u2013 die bekannten und ebenso die unbekannten \u2013 so faszinierend wirken l\u00e4sst. Deswegen macht die letztendliche Niederschlagung der R\u00e4terepublik die Vision einer grunds\u00e4tzlich besseren Gesellschaft und das Eintreten f\u00fcr sie keineswegs verkehrter oder illusorisch.<\/p>\n<p><em>Simon Schaupp: Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik. Ein Tagebuch der bayrischen Revolution. Unrast Verlag 2018. 304 Seiten, ca. 24.00 SFr. ISBN 978-3897712485<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/buchrezensionen\/sachliteratur\/simon_schaupp_der_kurze_fruehling_der_raeterepublik_5737.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Oktober 2019 <\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zu nennen sind u.a.<\/p>\n<p>&#8211; Tankret Dort (Hrsg.); Die M\u00fcnchener R\u00e4terepublik. Zeugnisse und Kommentar, 3. Aufl. Frankfurt a.M. 1968.<\/p>\n<p>&#8211; Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland, Stuttgart 2011.<\/p>\n<p>&#8211; Michael Seligmann, Aufstand der R\u00e4te. Die erste bayrische R\u00e4terepublik vom 7. April 1919, Grafenau 1988.<\/p>\n<p>&#8211; Erich M\u00fchsam, Tagebuch; verf\u00fcgbar auf: <a href=\"http:\/\/www.muehsam-tagesbuch.de\">www.muehsam-tagesbuch.de<\/a>.<\/p>\n<p>&#8211; G\u00fcnther Gerstenberger, Der Kurze Traum vom Frieden. Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Umsturzes in M\u00fcchen 1918 mit einem Exkurs \u00fcber Sarah Sonja Lerch in Giessen und Cornelia Naumann, Lich 2018.<\/p>\n<p>&#8211; Hilde Fitzgerald\/ Egon G\u00fcnter (Hrsg.), Hilfe Kramer: Rebellin in M\u00fcnchen, Moskua und Berlin. Autobiographisches Fragment 1901-1924, Berlin 2011.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dennoch ist die Darstellung meines Erachtens nach weniger glorifizierend als beispielsweise Bernd Langers Beschreibung der \u201eM\u00e4rzk\u00e4mpfe\u201c von 1921, die eher der Aussenpolitik der sowjetrussischen KP dienten und nicht aus Beschl\u00fcssen bewaffneter Arbeiter*innen von unten hervorgingen, weswegen sie letztendlich auch ein sinnloses Menschenschlachten zur Folge hatten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Schaupp, Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik, S. 15.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Damit soll nicht verschwiegen werden, dass der 2017 verstorben Schriftsteller Tankret Dorst mit seinem Theaterst\u00fcck \u201eToller. Eine deutsche Revolution\u201c 1968 massgeblich zum Andenken an die bayrische R\u00e4terepublik und zu ihrer Thematisierung beigetragen hatte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Schaupp, Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik, S. 73.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Schaupp, Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik, S. 139.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Schaupp, Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik, S. 105.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Schaupp, Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik, S. 117-133.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Hierbei ist Schaupp allerdings ein Fehler unterlaufen: Die DDP war nicht \u201erechtsliberal\u201c wie er auf Seite 74 schreibt, sondern vor allem eine b\u00fcrgerliche Partei und im Vergleich zur DVP eher \u201elinksliberal\u201c. Klar ist, dass sie nicht neutral oder gar mit den Sozialist*innen verb\u00fcndet war. Ich hoffe nicht, das Schaupp sich hier einer vor allem partei-linken Pauschalverurteilung bedient, die nach dem Motto \u201eAlles was nicht links ist, ist rechts\u201c verf\u00e4hrt und sich ohnehin schon immer auf der richtigen Position w\u00e4hnt, sondern das ihm einfach ein Fehler unterlaufen ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Schaupp, Der kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik, S. 282<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass der Wirtschaftstheoretiker Silvio Gesell der in der R\u00e4terepublik seine \u201eFreigeld-Theorie\u201c umsetzen wollte tats\u00e4chlich verk\u00fcrzte Ansichten \u00fcber den Kapitalismus vertrat und das wesentliche Problem an ihm in der Anh\u00e4ufung von Zinsen und der \u201eHortung\u201c des Kapitals sah, anstatt Kapitalismus als strukturelles Ausbeutungsverh\u00e4ltnis zu begreifen, welches im Geld zum Ausdruck kommt. Weiterhin gibt es eben keine \u201enat\u00fcrliche Wirtschaftsordnung\u201c, die nur einzurichten w\u00e4re und dann allen Wohlstand gew\u00e4hrleisten k\u00f6nne, sondern menschliche Verh\u00e4ltnisse werden von Menschen eingerichtet und ergeben sich nicht aus der \u201eNatur\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jonathan Eibisch. \u00abDer kurze Fr\u00fchling der R\u00e4terepublik. Ein Tagebuch der bayrischen Revolution. Eine radikale und emanzipatorische Gesellschaftsalternative\u00bb ist ein markantes Beispiel daf\u00fcr, wie lange es dauert, historische Geschehnisse \u2013 insbesondere linker Bewegungsgeschichte &#8211; ad\u00e4quat aufzuarbeiten.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[23,91,34,49,4],"class_list":["post-6291","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-buecher","tag-deutsche-revolution","tag-faschismus","tag-repression","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6291","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6291"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6291\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6294,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6291\/revisions\/6294"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}