{"id":6302,"date":"2019-10-31T12:06:29","date_gmt":"2019-10-31T10:06:29","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6302"},"modified":"2019-10-31T12:06:30","modified_gmt":"2019-10-31T10:06:30","slug":"chile-und-der-neue-zyklus-des-klassenkampfes-in-lateinamerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6302","title":{"rendered":"Chile und der neue Zyklus des Klassenkampfes in Lateinamerika"},"content":{"rendered":"<p><em>Mat\u00edas Maiello, <\/em><strong>Politikwissenschaftler und f\u00fchrendes Mitglied der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen in Argentinien, analysiert die revolution\u00e4ren Tage in Chile im Kontext der R\u00fcckkehr des Klassenkampfes auf internationaler Ebene.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die revolution\u00e4ren Tage in Chile sind bis dato der h\u00f6chste Punkt eines neuen politischen Zyklus, der anf\u00e4ngt Lateinamerika zu durchziehen. Sie sind kein Einzelfall, sondern finden im Rahmen der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-rueckkehr-des-klassenkampfes\/\"><strong>R\u00fcckkehr des Klassenkampfes<\/strong><\/a>\u00a0auf internationaler Ebene statt, der von Frankreich und dem Spanischen Staat bis Hongkong, Libanon oder Irak reicht. Seine Ursachen sind tiefgreifend. Die Krise von 2008 markierte einen Wendepunkt: die durch den Kapitalismus erzeugte Ungleichheit erreicht immer unertr\u00e4glichere Ausma\u00dfe. Die traditionellen Parteien gehen nieder. Die so genannte \u201cGlobalisierung\u201d ist in der Krise und der Nationalismus der Gro\u00dfm\u00e4chte ist zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die neoliberale Hegemonie befindet sich auf internationaler Ebene in der Krise. Es ist symbolisch, dass sie heute in Chile explodiert \u2014 seinem gro\u00dfen Testlabor unter der Pinochet-Diktatur, mit Hilfe der in den USA ausgebildeten \u201cChicago Boys\u201d. Im besonderen Fall Lateinamerikas war die Krise des Neoliberalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts dem Rest der Welt voraus. Es kam zu Massenaufst\u00e4nden, welche die Pr\u00e4sidenten in Ecuador, Bolivien und Argentinien zu Fall brachten und 2002 einen imperialistischen Staatsstreich in Venezuela besiegten. Diese Prozesse wurden umgeleitet und f\u00fchrten zu einem zweiten Zyklus, dem der \u201cpost-neoliberalen\u201d Regierungen. Dieser konnte dank des wirtschaftlichen Aufschwungs, der durch den historischen \u201cBoom\u201d der Rohstoffpreise ausgel\u00f6st wurde, aufrechterhalten werden.<\/p>\n<p>Als dieser Boom nachlie\u00df und die Krise die Region ab 2013\/14 systematisch traf, wurde das Scheitern des Postneoliberalismus aufgedeckt, der auf die Entwicklung der nationalen Bourgeoisien mithilfe des Staates setzte. Dies f\u00fchrte zu einem dritten Zyklus, der durch den Aufstieg der Rechten gepr\u00e4gt war: Macri in Argentinien, Pi\u00f1era in Chile, Kuczynski in Peru, der institutionelle Putsch in Brasilien sowie der Rechtsruck des \u201cpost-neoliberalen\u201d politischen Personals selbst mit exemplarischen F\u00e4llen wie Daniel Ortega in Nicaragua oder Len\u00edn Moreno in Ecuador. Sein H\u00f6hepunkt war der Aufstieg des Rechtspopulismus von Bolsonaro in Brasilien. Gleichzeitig markierte der gescheiterte imperialistische Putsch in Venezuela in diesem Jahr den Beginn seines Niedergangs.<\/p>\n<p>Die Prozesse, die Puerto Rico, Honduras, Haiti und Ecuador durchlaufen haben und denen Chile jetzt beitritt, sind der Anfang eines neuen Zyklus in Lateinamerika, der vom Aufkommen des Klassenkampfes gepr\u00e4gt ist. Die verschiedenen Ebenen jedes der vorangegangenen politischen Zyklen verbinden sich zu einem heterogenen Szenario. Au\u00dfergew\u00f6hnliche wirtschaftliche Bedingungen erm\u00f6glichten es, den Zyklus der Aufst\u00e4nde zu Beginn des Jahrhunderts zu durchbrechen. Diese Bedingungen st\u00fctzten sich damals weitgehend auf die Expansion Chinas, das sich jetzt in einen Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten befindet und sind heute nicht mehr gegeben. Die exponentielle Zunahme der Ungleichheit, die Prognosen eines geringen Wachstums und die gesunkenen Rohstoffpreise stellen zunehmend ein Nullsummenspiel (und Verschuldung) f\u00fcr Kapitalist*innen dar, die verschiedene Mechanismen anwenden, um die Massenbewegung (direkt oder indirekt) anzugreifen.<\/p>\n<p>Angesichts der Strategie des \u201egeringeren \u00dcbels\u201d der post-neoliberalen Varianten zeigten die Massenk\u00e4mpfe in Ecuador und Chile, wie man die Angriffe zur\u00fcckschlagen kann. Die Bourgeoisie ist gezwungen, Zugest\u00e4ndnisse zu machen, um nicht alles zu verlieren. Wir k\u00f6nnen die gegenw\u00e4rtige Situation jedoch nicht in der gleichen Weise angehen wie die fr\u00fcheren Situationen, die durch die M\u00f6glichkeit gekennzeichnet waren, bestimmte Zugest\u00e4ndnisse unter dem Dach des b\u00fcrgerlichen Staates zu erhalten, statt gegen ihn zu k\u00e4mpfen. Wir stehen vor pl\u00f6tzlichen Ver\u00e4nderungen in den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen; Krisensituationen, die sich zu revolution\u00e4ren Situationen entwickeln k\u00f6nnen oder nicht; die umgeleitet werden oder zu reaktion\u00e4ren L\u00f6sungen f\u00fchren k\u00f6nnen. Das globale Ergebnis dieses Zyklus wird sich nicht aus der Summe der zahlreichen Teilergebnisse ergeben. Strategisch gesehen ist das, was auf der Tagesordnung steht, die M\u00f6glichkeit, Jahrzehnte der Pl\u00fcnderung zu beenden und einen revolution\u00e4ren Weg in der Region zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/mmchile-890x550.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6303\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/mmchile-890x550.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/mmchile-890x550-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/mmchile-890x550-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Revolution\u00e4re Tage<\/strong><\/p>\n<p>In letzter Zeit erlebten sowohl Ecuador als auch Chile revolution\u00e4re Tage \u2013 etwas viel Wichtigeres als eine Summe von Demonstrationen \u2013 mit Aktionen, die den Rahmen der b\u00fcrgerlichen Legalit\u00e4t bis zu einem gewissen Grad durchbrachen. Wir haben in beiden L\u00e4ndern Elemente in diesem Sinne gesehen. Die beliebten Schreie von \u201eWeg mit Len\u00edn Moreno\u201c und \u201eWeg mit Pi\u00f1era\u201c hallten durch die Stra\u00dfen. Sowohl Moreno vor ein paar Wochen als auch Pi\u00f1era selbst versuchen, sich durch eine Kombination aus Repression \u2013 einschlie\u00dflich des Ausnahmezustands \u2013, partiellen Zugest\u00e4ndnissen und durch das Wirken verschiedener B\u00fcrokratien zu behaupten. Diese spielen eine entscheidende Rolle in den Schl\u00fcsselmomenten f\u00fcr die Aufrechterhaltung des b\u00fcrgerlichen Regimes, wie die j\u00fcngsten Ereignisse zeigen.<\/p>\n<p>Erst vor wenigen Wochen sahen wir in Ecuador die Reaktion auf das K\u00fcrzungspaket von Len\u00edn Moreno \u2013 urspr\u00fcnglich durch seinen Vorg\u00e4nger Rafael Correa in die Regierung gekommen \u2013 zur Durchsetzung der Bedingungen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF). Das Paket gab Anlass zu mehr als zehn Tagen riesiger Blockaden und Demonstrationen, die mit polizeilicher und milit\u00e4rischer Repression auf den Stra\u00dfen konfrontiert wurden. Nicht nur in Quito kam es zu Schlachten, sondern auch in vielen Orten des Landesinneren, mit Kampfszenarien wie in der Gemeinde La Esperanza, wo von der mehrheitlich indigenen Bev\u00f6lkerung von etwa 8.000 Menschen mehr als 1.500 \u2013 insbesondere Jugendliche \u2013 sich organisierten, um den Repressionskr\u00e4ften zu begegnen. Der 12. Oktober war der H\u00f6hepunkt des Aufstands in Quito, wo die Bev\u00f6lkerung der Hauptstadt massenhaft auf die Stra\u00dfe ging. Nicht zuf\u00e4llig gab es an diesem Tag die h\u00e4rteste Repression mit Schusswaffen und Scharfsch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Rebellion wurde von den breiten Massen getragen, aber die politische und mediale Hauptrolle fiel vor allem auf die CONAIE (F\u00f6deration indigener Nationalit\u00e4ten Ecuadors). Ihre F\u00fchrung versuchte im Laufe der Tage, die indigene Bewegung auf den Stra\u00dfen von anderen mobilisierten Sektoren zu trennen, und benutzte als Rechtfertigung, dass sie sich nicht mit den Anh\u00e4nger*innen Correas vermischen wollten. W\u00e4hrend noch Rauch aus den Barrikaden stieg\u00a0 und die Repression anhielt, setzten sie sich mit Moreno an einen Dialogtisch. Als Moreno durch die Kraft, die die Mobilisierungen erlangten, gezwungen wurde, das Dekret 883 zur\u00fcckzuziehen, bereitete sich die CONAIE-F\u00fchrung darauf vor, die Stra\u00dfen zu leeren und tats\u00e4chlich Morenos Kopf zu retten, ohne dass er die politischen Gefangenen freigelassen, den Ausnahmezustand beseitigt oder auf die Forderungen der Bewegung als Ganzes reagiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Letzte Woche erlebten wir revolution\u00e4re Tage in Chile. Die Umgehung der Drehschranken in den U\u2011Bahn-Stationen durch Sch\u00fcler*innen erweckte die Sympathien von Millionen, und bis Freitag, den 18. Oktober, wuchsen sie zu einer immer massiveren Rebellion an. Die Besetzungen der U\u2011Bahn-Stationen wurden brutal unterdr\u00fcckt. Die Reaktion von Pi\u00f1era, der das \u201cGesetzes \u00fcber die innere Sicherheit des Staates\u201d aus Diktaturzeiten in Kraft setzte, l\u00f6ste am Samstag, den 19. September, in Santiago und den peripheren Gemeinden Wut mit Mobilisierungen, Stra\u00dfenblockaden, Proteste mit T\u00f6pfen und Pfannen (<em>Cacerolazos<\/em>) sowie Konfrontationen mit der Polizei aus. Es folgte die Ausrufung des \u201cVerfassungsnotstands\u201d, der den Aufstand nur noch vertiefte. Der\u00a0<em>santiagazo<\/em>\u00a0verwandelte sich landesweit in einem Massenaufstand gegen Pi\u00f1era, dem Erben des Pinochetismus, und einer Gesellschaft, in der alles privatisiert wird, in der 50 % der \u00e4rmsten Haushalte 2,1 % des Nettoverm\u00f6gens des Landes besitzen, w\u00e4hrend die reichsten 1 % 26,5 % konzentrieren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter k\u00fcndigte die Regierung die \u201cAussetzung\u201d der Erh\u00f6hung der Ticketpreise an, w\u00e4hrend das Milit\u00e4r eine Ausgangssperre verordnete, was seit der Diktatur nicht mehr angewandt wurde. Diese wurde mit Barrikaden und\u00a0<em>Cacerolazos<\/em>\u00a0herausgefordert, und eine Welle der Wut wurde ausgel\u00f6st, die verbrannte Busse, Hunderte von Pl\u00fcnderungen gro\u00dfer Einrichtungen, das Verbrennen von Polizeiautos und \u00f6ffentlicher Geb\u00e4uden zur Folge hatte. Die Auseinandersetzungen setzten sich am Sonntag, den 20. Oktober, fort, am Montag, den 21. Oktober, gab es massive Demonstrationen im ganzen Land. Dann erkl\u00e4rte Pi\u00f1era: \u201cWir sind im Krieg\u201d \u2013 die Antwort waren massive Demonstrationen am Dienstag, den 22. Oktober. Zusammen mit Studierenden und Jugendlichen traten strategische Sektoren der Arbeiter*innenklasse auf die B\u00fchne, 90 % der H\u00e4fen wurden bestreikt und die Minenarbeiter*innen in\u00a0<em>Escondida<\/em>\u00a0l\u00e4hmten die gr\u00f6\u00dfte private Mine der Welt. Unter dem Druck dieser Ereignisse rief die B\u00fcrokratie des Gewerkschaftsdachverbandes\u00a0<em>Central Unitaria de Trabajadores<\/em>\u00a0(CUT) zu einem \u201cGeneralstreik\u201d mit Mobilisierung auf und lie\u00df ihren Vorschlag eines \u201cStreiks mit leeren Stra\u00dfen\u201d beiseite, der sich nicht mehr durchf\u00fchren lie\u00df.<\/p>\n<p>Am Dienstagabend startete die Regierung das Man\u00f6ver der so genannten \u201cSozialagenda\u201d, die einige Kr\u00fcmel zum Schutz des vom Pinochetismus \u00fcbernommenen sozialen und politischen Regimes gew\u00e4hrt. Am Mittwoch, als Teil des Streiks, mobilisierten sich Hunderttausende in ganz Chile, darunter Arbeiter*innen, Jugendliche,\u00a0<em>pobladores<\/em>\u00a0(Bewohner*innen der Armenviertel), Frauen und Indigene. Arbeiter*innen des \u00f6ffentlichen Sektors, Gesundheitspersonal, Lehrer*innen, Bergleute, Hafenarbeiter*innen, Dienstleistungs- und Handelsgewerkschaften marschierten mit ihren Fahnen. Tausende von Sch\u00fcler*innen, Studierenden und jungen Arbeiter*innen waren an Stra\u00dfenschlachten auf der Plaza Italia und La Alameda im Stadtzentrum von Santiago beteiligt, obwohl es sich insgesamt um kleinere Konfrontationen handelte. Der Streik und die Mobilisierungen wurden auch am Donnerstag fortgesetzt. Aber gleichzeitig verdoppelte der linke Fl\u00fcgel des Regimes, die Kommunistische Partei und die\u00a0<em>Frente Amplio<\/em>\u00a0(Volksfront) mit ihren jeweiligen Gewerkschafts\u2011, Studierenden- und \u201csozialen\u201d B\u00fcrokratien, offen ihren R\u00fcckzug, um Pi\u00f1era zu retten.<\/p>\n<p><strong>Zwischen der Explosion des sozialen Hasses und den Versuchen des institutionellen Auswegs<\/strong><\/p>\n<p>Der chilenische Prozess begann als spontaner Aufstand, der alle \u00fcberraschte. Keine der wichtigsten politischen, gewerkschaftlichen oder studentischen Organisationen stand im Vordergrund. Der Konflikt eskalierte als Reaktion auf das Vorgehen der Regierung.<\/p>\n<p>In einem zweiten Moment, unter dem Druck der Ereignisse, stellten die b\u00fcrokratischen F\u00fchrungen der Arbeiter*innen, Studierenden und \u201csozialen\u201d Bewegung, die gr\u00f6\u00dftenteils von der KP und der Frente Amplio angef\u00fchrt werden, die Forderung nach einem \u201cGeneralstreik\u201d auf, der eigentlich als Ventil f\u00fcr die Wut der Massen gedacht wurde. Pi\u00f1era wandte sich auch selbst vom \u201cWir sind im Krieg\u201d zur \u201cSozialagenda\u201d, die versucht, die Bewegung zu spalten, die Mittelschichten zu trennen, um die Armen an der Peripherie weiterhin brutal zu unterdr\u00fccken und zu verhindern, dass die Demonstrationen auf die Zentren der Staatsmacht abzielen. Parallel dazu wurde eine massive Medienkampagne aufgebaut, die die friedliche und festliche Bewegung der Mittelschichten den k\u00e4mpferischeren Aktionen der Jugendavantgarde entgegenstellt und die \u00e4rmsten Sektoren kriminalisiert.<\/p>\n<p>In diesem Rollenspiel gingen die KP, die Frente Amplio und ihre jeweiligen B\u00fcrokratien von der Ablehnung des Dialogs bis zum R\u00fcckzug des Milit\u00e4rs von der Stra\u00dfe zur Untermauerung der Falle des \u201cDialogs\u201d \u00fcber, indem sie die Einbeziehung von \u201cSozial- und B\u00fcrger*innenorganisationen\u201d an den Verhandlungstisch mit der Regierung forderten <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Gleichzeitig nahmen die Abgeordneten beider Kr\u00e4fte am parlamentarischen Zirkus teil, in dem verschiedene Ma\u00dfnahmen au\u00dferhalb der Realit\u00e4t eines Landes in Flammen mit den milit\u00e4rischen Repressionen und dem Morden auf den Stra\u00dfen angegangen wurden. Eine der wichtigsten Referentinnen der KP, Camila Vallejo, feierte die Zustimmung zur 40-Stunden-Arbeitswoche im Abgeordnetenhaus und wies darauf hin, dass es nicht darum ginge, gegen den Pr\u00e4sidenten zu k\u00e4mpfen. Die Linke des Regimes zeigte, dass sie sich an der Kampfkraft der Bewegung n\u00e4hrt, sie jedoch nicht zu entwickeln versucht. Sie ist der Schl\u00fcssel dazu, dass weder die Arbeiter*innenbewegung noch vor allem die Studierendenbewegung, der Hauptprotagonist, kraftvoll mit ihren Organisationen in Erscheinung treten.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang findet ein dritter Moment statt, gekennzeichnet durch die Massendemonstrationen am Freitag, den 25. Oktober, den gr\u00f6\u00dften seit dem Ende der Diktatur, die in Santiago weit \u00fcber eine Million Teilnehmer*innen umfasste, mit weiteren massiven Demonstrationen im ganzen Land. In ihnen wurden in Sprechch\u00f6ren wie \u201eWeg mit Pi\u00f1era\u201d die massive Ablehnung der Repression zum Ausdruck gebracht. Urspr\u00fcnglich wurde \u00fcber soziale Netzwerke mobilisiert, die Stimmung der Demonstration war friedlich und festlich, fast konfliktlos, anders als die Aktionen in den Anf\u00e4ngen des Prozesses, gekennzeichnet durch die Explosion des sozialen Hasses von Millionen von armen und marginalisierten Sektoren \u2013 symptomatisch von Pi\u00f1eras Ehefrau Cecilia Morel als \u201causl\u00e4ndische Alieninvasion\u201d klassifiziert \u2013 und der Jugend als Reaktion auf die Repression der Regierung. Diese Explosion konnte nur mit vorgehaltener Waffe und Schlagst\u00f6cken kontrolliert werden. Am Freitag war Valpara\u00edso eine Ausnahme mit einer anderen Dynamik, da 20.000 Menschen zum Sitz des Kongresses vorr\u00fcckten und brutal unterdr\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p>Die Massivit\u00e4t motivierte Pi\u00f1era zu einem zynischen \u201cGru\u00dfwort\u201d an die Mobilisierungen. Am Samstag, den 26. Juni, versuchte er weiterhin, die Gratwanderung mit seiner \u201cSozialagenda\u201d, die die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ablehnt, zu versuchen, indem er versprach, das Kabinett zu wechseln, und die M\u00f6glichkeit einer Aufhebung des Ausnahmezustandes ant\u00f6nte, nachdem er eine Spur von Toten, Tausenden Verletzten und Inhaftierten hinterlassen hatte. Die Politik der partiellen \u201cZugest\u00e4ndnisse\u201d mit Kleingedrucktem, der R\u00fccktritt von Minister*innen oder noch gr\u00f6\u00dfere Zugest\u00e4ndnisse, wie sie von niemandem Geringerem als der\u00a0<em>Financial Times<\/em>\u00a0oder Andr\u00f3nico Luksic selbst, dem Eigent\u00fcmer einer der gr\u00f6\u00dften Konzerne Chiles, gefordert wird, ist nichts anderes als der Versuch, ein gr\u00f6\u00dferes Ziel zu verteidigen: zu verhindern, dass die Regierung von Pi\u00f1era durch das direkte Vorgehen der Massen f\u00e4llt und damit das gesamte Erbe der Pinochet-Diktatur gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p><strong>Die Arten von Konflikten und wie man ihre Ergebnisse bewertet<\/strong><\/p>\n<p>Carl Clausewitz unterschied in seinem Klassiker\u00a0<em>Vom Kriege<\/em>\u00a0zwischen Konflikten \u201cmit begrenzten Zielen\u201d und solchen, bei denen es um \u201cdie Entscheidung\u201d, die Niederlage des Gegners, geht. In beiden F\u00e4llen werden die Ergebnisse auf sehr unterschiedliche Weise gemessen. Im ersten Fall geht es um \u201cisolierte unabh\u00e4ngige Ergebnisse, bei denen wie bei den verschiedenen Teilnehmern eines Spiels das vorhergehende Ergebnis keinen Einfluss auf die nachfolgenden hat; hier h\u00e4ngt also alles nur von der Summe der Ergebnisse ab\u201d. Im zweiten Fall ist \u201calles die Wirkung notwendiger Ursachen, das eine wirkt schnell auf das andere [.\u2026] es gibt nur ein Ergebnis, n\u00e4mlich das Endergebnis\u201c. Daher stellt sich der Konflikt als \u201cein unteilbares Ganzes\u201d dar. Wenn wir von revolution\u00e4ren Tagen wie den chilenischen sprechen, ist der zweite Ansatz derjenige, der gilt.<\/p>\n<p>In Chile hat die Spontaneit\u00e4t der Massenbewegung das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis ver\u00e4ndert. Die Rettungsaktion f\u00fcr Pi\u00f1era ist jedoch in vollem Gange. Die Politik der KP, die Rufe nach dem Rauswurf von Pi\u00f1era auf eine \u201cverfassungsm\u00e4\u00dfige Anschuldigung\u201d zu reduzieren, so dass seine Entlassung vom Senat entschieden werden kann, der Dialog mit Pi\u00f1era \u201cohne Ausnahmen\u201d, den sie zusammen mit der Frente Amplio anstreben, oder die Verfassungsgebende Versammlung im Rahmen des derzeitigen Regimes, wie sie von beiden Parteien vorgeschlagen wird, sind nichts anderes als \u201clinke\u201d Versionen der institutionellen Rettungsaktion. Gerade weil die Menschen auf den Stra\u00dfen schreien: \u201cEs sind nicht 30 Pesos, es sind 30 Jahre\u201d, ist es nicht m\u00f6glich, eine L\u00f6sung zugunsten der Werkt\u00e4tigen mit dem gleichen Regime durchzusetzen, das den Pinochetismus beerbte.<\/p>\n<p>Wie Rafaella Ruilova in ihrem Artikel in der Wochenzeitung\u00a0<em>Ideas Socialistas<\/em>\u00a0betont, ist es angesichts der Fallen und Man\u00f6ver notwendig, unabh\u00e4ngige Organisationen zu gr\u00fcnden, die in der Lage sind, alle Sektoren im Kampf zusammenzubringen, die das Regime spalten oder gar zerst\u00f6ren will. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Aufbaus von Organismen der Selbstverwaltung, Versammlungen, Komitees der\u00a0<em>coordinadoras<\/em> (Vernetzungsstrukturen von R\u00e4ten) von Arbeiter*innen, Studierenden und Anwohner*innen, zusammen mit Forderungen an die jeweiligen B\u00fcrokratien. In diesem Sinne sind einige Beispiele wichtige, sich entwickelnde Symbole f\u00fcr den Weg der Selbstorganisierung: Das Notfall- und Rettungskomitee in Antofagasta, die Koordinierung im Umfeld des Krankenhauses Barros Luco oder die Gewerkschaft des Kulturzentrums GAM in Santiago.<\/p>\n<p>Wenn es etwas gibt, das die revolution\u00e4ren Tage gezeigt haben, dann dies: dass nur durch Kampf und Mobilisierung die Macht der Unterdr\u00fccker*innen und Ausbeuter*innen gebrochen werden kann. Nur mit den Methoden des Klassenkampfes, eines politischen Generalstreiks \u2013 in dem k\u00e4mpferischen Sinne, den Rosa Luxemburg ihm gegeben hat, und nicht nur als Druckmittel, wie ihn die CUT-F\u00fchrung vorsieht \u2013 kann Pi\u00f1era ausgeschaltet und eine L\u00f6sung im Sinne der Werkt\u00e4tigen durchgesetzt werden. Wie Juan Valenzuela es ausdr\u00fcckt, schlagen wir revolution\u00e4ren Sozialist*innen in diesem Sinne eine wirklich freie und souver\u00e4ne Verfassungsgebende Versammlung auf den Ruinen des von der Diktatur geerbten Regimes vor, die alle grundlegenden Ma\u00dfnahmen beschliesst, w\u00e4hrend wir gleichzeitig f\u00fcr eine Regierung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung k\u00e4mpfen, die die Kapitalist*innen endg\u00fcltig von der Macht und Herrschaft vertreibt.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive heraus intervenieren Hunderte von Genoss*innen der Revolution\u00e4ren Arbeiter*innenpartei (PTR) in Santiago, Antofagasta, Valpara\u00edso, Arica, Temuco, Puerto Montt, Rancagua und anderen Gro\u00dfst\u00e4dten des Landes auf den Stra\u00dfen, an Arbeits- und Studienorten und von\u00a0<em>La Izquierda Diario Chile<\/em>\u00a0aus, das mit der Rebellion im Oktober eine Million Leser*innen und damit signifikante Teile der Bewegung erreichte.<\/p>\n<p><strong>Die neuen Zeiten<\/strong><\/p>\n<p>Es ist klar, dass sich die Situation des Klassenkampfes ver\u00e4ndert, sowohl hier als auch \u00fcber ganz Lateinamerika hinaus. Nicht nur der ber\u00fchmte Slogan \u201ces gibt keine Alternative\u201d aus der Bl\u00fctezeit des Neoliberalismus, sondern auch der Diskurs \u00fcber die Anpassung an das \u201egeringere \u00dcbel\u201c des Neoreformismus oder des lateinamerikanischen \u201cPost-Neoliberalismus\u201d wird von dieser neuen Welle in Frage gestellt. Sowohl Ecuador als auch Chile zeigen den Weg auf, um K\u00fcrzungen und Angriffe auf die arbeitende Bev\u00f6lkerung zu \u00fcberwinden. Jedoch ist dieser Weg keineswegs gerade, wie die Ereignisse zeigen. Das Ergebnis jeder dieser Konfrontationen ist sicherlich nicht gleichwertig.<\/p>\n<p>Eduardo Febbro behauptet: \u201cDas rebellische Kapitel wurde 2017 in Argentinien er\u00f6ffnet, als die Macri-Regierung den sozialen Protest gegen die Rentenreform unterdr\u00fcckte\u201c. Diese These kann in Frage gestellt werden, vor allem wegen des unterschiedlichen Umfangs der Prozesse, aber sicher ist, dass das Handeln der Gewerkschaftsb\u00fcrokratien und des Kirchnerismus der Schl\u00fcssel zur Erdrosselung der Perspektive des Klassenkampfes war, die in diesen Tagen des 14. und 18. Dezember vorgeschlagen wurde, und damit die Regierungsf\u00e4higkeit von Macri gew\u00e4hrleistete. Die Kosten dieser Abweichung waren nicht geringer als die Verschuldung des Landes in den H\u00e4nden des IWF, eine enorme Abwertung der W\u00e4hrung, Inflationsspirale, Rezession, der Verlust von mehr als einem Viertel der Kaufkraft des Lohnes, Zunahme der Kinderarmut auf mehr als 50 % und eine ununterbrochene Abfolge von Tariferh\u00f6hungen, die es den Banken, den gro\u00dfen Kapitalist*innen und der\u00a0<em>Agropower<\/em>\u00a0(dem Agrarkapital) erm\u00f6glichten, sich weiterhin die Taschen zu f\u00fcllen. Der Wahlsieger in Argentinien, der neue Pr\u00e4sident Alberto Fern\u00e1ndez der\u00a0<em>Frente de Todos<\/em>\u00a0(Front von allen) behauptet hierbei, diesem Verm\u00e4chtnis m\u00fcsse man sich stellen, beginnend mit der Weiterzahlung der Staatsschulden, wobei er verspricht, die Kosten auf alle \u201eaufzuteilen\u201d.<\/p>\n<p>Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich, um in der Gegenwart, in diesem neuen Zyklus des Klassenkampfes, die richtigen Schl\u00fcsse ziehen zu k\u00f6nnen; alles deutet darauf hin, dass er l\u00e4nger anhalten wird.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst im Theoriemagazin\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Chile-y-el-nuevo-ciclo-de-lucha-de-clases-en-America-Latina\"><strong><em>Ideas de Izquierda<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/chile-und-der-neue-zyklus-des-klassenkampfes-in-lateinamerika\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Oktober 2019; leicht sprachliche Anpassungen durch die Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die KP schlug die Teilnahme an den \u00ab\u00a0Verhandlungen \u00fcber eine Gewerkschaftseinheit\u00a0\u00bb vor, an denen Gewerkschaften, die von ihr und der Frente Amplio kontrolliert werden, \u00a0der CUT, die Lehrervereinigung Colegio de Profesores, Confech (Studierende), Coordinadora No + AFP (gegen das privatisierte Rentensystem), Confusam (Gesundheitssektor), CONES (Sekundarschule), la Federaci\u00f3n de Trabajadores del Cobre, und andere beteiligt sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mat\u00edas Maiello, Politikwissenschaftler und f\u00fchrendes Mitglied der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen in Argentinien, analysiert die revolution\u00e4ren Tage in Chile im Kontext der R\u00fcckkehr des Klassenkampfes auf internationaler Ebene.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,90,85,105,108,45,76,4,101,17],"class_list":["post-6302","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-argentinien","tag-chile","tag-ecuador","tag-haiti","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte","tag-strategie","tag-venezuela","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6302","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6302"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6302\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6304,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6302\/revisions\/6304"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}