{"id":6306,"date":"2019-11-01T09:12:09","date_gmt":"2019-11-01T07:12:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6306"},"modified":"2019-11-01T09:12:10","modified_gmt":"2019-11-01T07:12:10","slug":"irak-eine-mutige-jugend-die-nichts-mehr-zu-verlieren-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6306","title":{"rendered":"Irak: eine mutige Jugend, die nichts mehr zu verlieren hat"},"content":{"rendered":"<p><em>Philippe Alcoy.<\/em> <strong>Die Bewegung im Irak ging von prek\u00e4ren Jugendlichen und armen Arbeiter*innen aus. Dann schloss sich die Jugend in den Schulen der Bewegung an und zog die Lehrer*innen mit sich. Trotz der Repression gingen die Mobilisierungen weiter.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der 1. Oktober war der Beginn massiver Demonstrationen. Sie wandten sich gegen die Korruption, steigende Arbeitslosigkeit und forderten qualitativ hochwertige, \u00f6ffentliche Dienstleistungen. Nach einigen Tagen beruhigte sich die Lage etwas. Am vergangenen Freitag wurde der Protest im Irak jedoch mit gro\u00dfer Kraft fortgesetzt. Das gilt auch f\u00fcr die Repression. Sch\u00e4tzungsweise sind seit Beginn der Mobilisierungen mehr als 200 Menschen get\u00f6tet worden, allein 70 davon seit letztem Freitag. Es gibt mehr als 8.000 Verwundete. Irakische Sicherheitskr\u00e4fte feuern mit scharfer Munition auf Demonstrant*innen, schlagen und verst\u00fcmmeln sie mit abscheulichen Methoden. Einige Protestierende erlagen Verletzungen, die sie durch Tr\u00e4nengasgeschosse erlitten hatte, die aus n\u00e4chster N\u00e4he direkt in ihre Gesichter oder auf den Kopf abgeschossen wurden. Videos und Bilder, die in den sozialen Netzwerken kursieren, zeigen buchst\u00e4blich Kriegsszenen, in denen die Verbrechen der Armee, Polizei und iranisch unterst\u00fctzter Milizen zu sehen sind.<\/p>\n<p>Doch trotz dieser krassen Repression halten die Demonstrierenden heldenhaft stand. Sie sind mit Gas und Kugeln konfrontiert und sie haben nichts mehr zu verlieren. Tats\u00e4chlich sind es vor allem die prek\u00e4ren oder arbeitslosen Jugendlichen, die die treibende Kraft hinter dem Protest sind, in einem Land, in dem 60% der Bev\u00f6lkerung unter 25 Jahre alt ist. Diese jungen Menschen verurteilen eine politische Klasse, die nach der Invasion durch die USA an die Macht gekommen ist, v\u00f6llig korrupt und unf\u00e4hig, den Menschen Arbeit und qualitativ hochwertige, \u00f6ffentliche Dienstleistungen zu bieten.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/irak-890x550.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6307\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/irak-890x550.png 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/irak-890x550-300x185.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/irak-890x550-768x475.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Seit ein paar Tagen gibt es eine neue Entwicklung. Die arbeitslose Jugend und die verarmten Arbeiter*innen der St\u00e4dte werden seit Sonntag von Sch\u00fcler*innen unterst\u00fctzt: Bilder zeigen sehr junge Sch\u00fcler*innen, Gymnasiast*innen und Student*innen, wie sie an den Demonstrationen teilnehmen und so die Macht herausfordern. Diese Sch\u00fcler*innen nehmen ihre Lehrer*innen mit und auch andere Beamt*innen schlie\u00dfen sich ihnen an. Einige Lehrer*innen ermutigen ihre Sch\u00fcler*innen sogar dazu zu demonstrieren, wodurch sie durchaus ihr eigenes Leben und ihren Arbeitsplatz gef\u00e4hrden. Ein solcher Fall ist im folgenden Video zu sehen. Eine Lehrerin, die ihre Sch\u00fcler*innen zur Demonstration mobilisieren will, wird von einem Polizisten angegriffen:<\/p>\n<p>Im Bewusstsein der Gefahr, dass die Jugend aus den Schulen und die besser organisierten Sektoren der Arbeiter*innenklasse der Bewegung beitreten, bedroht die Regierung Sch\u00fcler*innen und Beamt*innen, die ihren Schulen und ihren Arbeitspl\u00e4tzen fern bleiben wollen. Die Armee hat bis auf weiteres auch eine Ausgangssperre von Mitternacht auf sechs Uhr morgens verh\u00e4ngt. Die irakische Regierung und ihre ausl\u00e4ndischen Herren, insbesondere die Vereinigten Staaten und der Iran, beginnen Angst zu haben.<\/p>\n<p><strong>Gegen ausl\u00e4ndische Einmischung im Irak<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem 25. Oktober haben die Demonstrationen eine immer explizitere Wendung vollzogen, bei der die Einmischung von au\u00dfen angeprangert wird. Viele Demonstrierende sangen \u201cRaus mit dem Iran\u201d. Tats\u00e4chlich nutzte Teheran nach dem Scheitern der Invasion des US-Imperialismus die Gelegenheit, seine Positionen im Irak zu st\u00e4rken und st\u00fctzte sich dabei insbesondere auf die schiitische Bev\u00f6lkerung. Tats\u00e4chlich haben die USA und der Iran eng zusammengearbeitet, um einen Anschein von \u201cStabilit\u00e4t\u201d zu schaffen, immer auf dem R\u00fccken der Arbeiter*innen und des einfachen Volkes im Irak.<\/p>\n<p>Infolgedessen er\u00f6ffneten pro-iranische Milizen am vergangenen Freitag das Feuer auf die Demonstrationen. Dieses Verbrechen l\u00f6ste eine sofortige Reaktion aus. Demonstrant*innen z\u00fcndeten pro-iranische Parteigeb\u00e4ude an und verbrannten iranische Flaggen, doch legten auch Feuer an wichtige Geb\u00e4ude irakischer Regierungsinstitutionen. In den sozialen Netzwerken wird auch berichtet, dass Demonstrant*innen vier pro-iranische Milizion\u00e4re get\u00f6tet haben sollen.<\/p>\n<p>Der Iran ist nicht das einzige ausl\u00e4ndische Regime, das von den Demonstrierenden ins Visier genommen wird. Wie bereits erw\u00e4hnt, fordert der Protest \u201cden Sturz des Regimes\u201d. Das derzeitige politische Regime im Irak ist jedoch eines, das von den USA in Zusammenarbeit mit Teheran nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 installiert worden ist. Ein Regime, das auf einer reaktion\u00e4ren und konfessionellen Aufteilung von Machtpositionen basiert, systembedingt Klientel- und Korruptionsformen erzeugt und f\u00f6rdert. Die irakische Jugend und die Arbeiter*innen fordern also diese so genannte \u201cDemokratie\u201d heraus, die der US-amerikanische Imperialismus und seine Verb\u00fcndeten mit sich gebracht haben.<\/p>\n<p>Wie derzeit auch im Libanon, haben die irakischen Mobilisierungen in diesem Sinne \u201cnationalen\u201d Charakter, bei gleichzeitiger \u00dcberwindung religi\u00f6ser Spaltungen. Es ist ein Kampf f\u00fcr soziale und politische Forderungen, aber auch letztlich ein Kampf f\u00fcr die nationale Befreiung aus dem Griff des Imperialismus, genau so wie aus dem Griff von Regionalm\u00e4chten wie dem Iran. Der Iran, der mit seinen Verb\u00fcndeten dabei ist, seinen reaktion\u00e4ren Charakter sowohl im Irak als auch im Libanon zu zeigen, wo sich die Hisbollah als Bollwerk f\u00fcr die Verteidigung des Regimes gegen Demonstrant*innen pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcler*innen trotzen dem Regime<\/strong><\/p>\n<p>Der Irak ist ein Land, in dem es beispielsweise im Gegensatz zum Libanon sehr selten vorkommt, dass Frauen an Demonstrationen teilnehmen. W\u00e4hrend diesen Mobilisierungen sehen wir jedoch immer mehr Bilder von sehr jungen Frauen, einschlie\u00dflich junge Sch\u00fclerinnen, die auf die Stra\u00dfe gehen, Slogans gegen die Regierung und das Regime singen, r\u00fcckst\u00e4ndige Normen in Frage stellen und auch Repressionen ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Diese Bilder sind ein Ausdruck der tiefen Unzufriedenheit, ein Ausdruck des Protests. In einem Land, in dem die Bev\u00f6lkerung durch jahrelange imperialistische Bombardierungen und Invasionen maltr\u00e4tiert wurde, ein Land, das durch einen reaktion\u00e4ren B\u00fcrgerkrieg und die Entstehung von Daesh verw\u00fcstet wurde, widersetzen sich prek\u00e4re Jugendliche, Frauen und Arbeiter*innen der Repression. Nicht nur die jungeen M\u00e4nner demonstrieren und werden unterdr\u00fcckt, sondern gerade auch die jungen Frauen des Landes. Sie werden von \u201ctuk-tuks\u201d gesch\u00fctzt, die gelegentlich auch zum Transport von Verwundeten oder Toten verwendet werden. Im Irak gibt es derzeit eine echte Massenbewegung, die die Sektoren der Arbeiter*innenklasse, die eine gr\u00f6\u00dfere organisatorische Kapazit\u00e4t haben, mitrei\u00dfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang massiver internationaler Mobilisierungen hat der Irak seine Geschichte bereits auf die Liste gesetzt. Offensichtlich ist diese Bewegung nicht immun gegen Abweichung und Manipulation durch demagogische b\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte. In diesem Zusammenhang ist die Unterst\u00fctzung des Massenaufstands im Libanon oder gegen die Aggression der T\u00fcrkei gegen Kurd*innen in Syrien von grundlegender Bedeutung f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung nationalistischer und reaktion\u00e4rer Genesungsversuche. Diese mutige Jugend zeigt, dass der Klassenkampf trotz Unterdr\u00fcckung und jahrelanger Reaktion eine Situation \u00e4ndern und sogar den Grundstein f\u00fcr die Er\u00f6ffnung einer revolution\u00e4ren Krise legen kann.<\/p>\n<p><em>Dieser Text ist zuerst am 28. Oktober 2019 auf\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/En-Irak-le-mouvement-d-une-jeunesse-courageuse-qui-n-a-plus-rien-a-perdre\"><strong><em>R\u00e9volution Permanente<\/em><\/strong><\/a><em>\u00a0erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/irak-eine-mutige-jugend-die-nichts-mehr-zu-verlieren-hat\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. November 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philippe Alcoy. Die Bewegung im Irak ging von prek\u00e4ren Jugendlichen und armen Arbeiter*innen aus. Dann schloss sich die Jugend in den Schulen der Bewegung an und zog die Lehrer*innen mit sich. 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