{"id":6325,"date":"2019-11-01T17:58:58","date_gmt":"2019-11-01T15:58:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6325"},"modified":"2019-11-01T17:58:59","modified_gmt":"2019-11-01T15:58:59","slug":"rouvikonas-und-die-lage-in-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6325","title":{"rendered":"Rouvikonas und die Lage in Griechenland"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Leon Feiss und Nico Nussbaum. <\/span><\/i><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Farbanschl\u00e4ge ver\u00fcben sie am helllichten Tag, korrupte \u00c4rzte konfrontieren sie mit der Live-Kamera und in Botschaften und Firmenb\u00fcros dringen sie massenhaft ein. Dabei stehen sie mit Namen und oft auch mit Gesicht zu ihren Taten. Die Mitglieder des griechischen anarchistischen Kollektivs Rouvikonas<\/span><\/b><!--more--><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\"> (dt. Rubikon) erhalten f\u00fcr ihre Aktionen viel Beifall. Die neue Regierung der liberal-konservativen Nea Dimokratia (ND) hat die Gruppe deswegen ganz besonders im Visier. Wir haben die Rouvikonas-Anarchist*innen in Athen getroffen und mit dem Gr\u00fcndungsmitglied und langj\u00e4hrigen Militanten Spiros Daperolas \u00fcber Robin Hood, das Spektakel und die neue Rechtsregierung gesprochen.<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">&#8212;- <\/span><\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Rouvikonas hat sich 2013 formiert, zu einem Zeitpunkt also, als die grossen Massenbewegungen gegen die Austerit\u00e4t (Sparpolitik) ihren H\u00f6hepunkt bereits \u00fcberschritten haben. Was war die Motivation hinter eurem Gr\u00fcndungsprozess?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Anti-Austerit\u00e4tsbewegung starb mit dem Aufstieg Syrizas \u2013 sie starb wegen Syriza. Als wir begannen, als Gruppe zu arbeiten, waren die Massenbewegungen bereits am Auseinanderfallen. Wir suchten nach Wegen, die Flamme der sozialen K\u00e4mpfe weiterbrennen zu lassen. Viele von uns waren seit Jahren in der anarchistischen Bewegung aktiv. Wir wollten aber etwas anderes machen als das, was damals schon existierte.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Was wolltet ihr anders machen?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Aus unserer Sicht handelt die anarchistische Bewegung in Griechenland oft elit\u00e4r. Wir entschieden uns f\u00fcr eine Praxis, die n\u00e4her an die sozialen Problemen und n\u00e4her an die K\u00e4mpfen der Arbeiter*innenklasse geht. Dies hat uns viel St\u00e4rke und R\u00fcckhalt gegeben. Wir haben mit Aktionen angefangen. Die theoretischen Diskussionen kamen sp\u00e4ter.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Mit zahlreichen direkten Aktion ist es Rouvikonas gelungen, viel Aufmerksamkeit zu generieren. Nicht nur in Griechenland, sondern international. Ihr habt zahlreiche Farbangriffe auf Botschaften durchgef\u00fchrt, Scheiben von Konzernen eingeschlagen und seid in B\u00fcros staatlicher Institutionen eingedrungen, um Misset\u00e4ter*innen mit einer Kamera zur Rede zu stellen. Kannst du uns mehr \u00fcber die dahinter stehenden Konzepte erz\u00e4hlen? Wie w\u00e4hlt ihr Ziele aus?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Unsere erste Entscheidung war es, solche Probleme zu behandeln, die sehr offensichtlich sind. Wir wollten das Spektrum erweitern, in das Anarchist*innen f\u00fcr gew\u00f6hnlich involviert sind. Wir verhalten uns zu Themen, die mit Arbeitsk\u00e4mpfen und Klassenk\u00e4mpfen zu tun haben, zu staatlichen Korruptionsf\u00e4llen, generell zu sozialen Problemen, wo immer wir sie antreffen. Gleichzeitig versuchen wir unsere politischen Ansichten und Taten m\u00f6glichst verst\u00e4ndlich zu halten. Wir wollen nicht elit\u00e4r sein. Weder in der Art wie wir sprechen oder schreiben, noch in der Art wie wir handeln.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Auch im Verh\u00e4ltnis zu den Medien geht ihr neue Wege. Was unterscheidet euch von der bisherigen Praxis der anarchistischen Bewegung in Griechenland?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir benutzen die medialen M\u00f6glichkeiten zu unserem Vorteil. Von unseren Aktionen produzieren wir Videomaterial, das wir \u00fcber die sozialen Medien verbreiten \u2013 und wir machen das organisiert und geplant.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Zudem haben wir ein bewusstes Verh\u00e4ltnis zu den Mainstream-Medien. Die anarchistische Bewegung in Griechenland lehnt normalerweise jegliche Verbindungen zu den Medien ab. Auch wir kooperieren in keiner Weise mit den griechischen Medien, aber wir versuchen ihre Funktionsweise zu nutzen. Die Videos unserer Aktionen fanden auf den sozialen Medien derart grosse Verbreitung, dass die Mainstream-Medien gezwungen waren, dar\u00fcber zu berichten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir versuchen ihre Logiken f\u00fcr uns zu nutzen. Auch wenn sie gegen uns hetzen und versuchen \u00c4ngste zu sch\u00fcren. Letztlich machte das unsere Gruppe noch bekannter und unsere Aktionen sind mittlerweile auf Titelseiten und in grossen TV-Nachrichtensendungen gelandet. Diese Medienpr\u00e4senz hat anarchistische Ideen und Taten einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht.<\/span><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"731\" height=\"748\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/botschaft.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6326\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/botschaft.png 731w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/botschaft-293x300.png 293w\" sizes=\"auto, (max-width: 731px) 100vw, 731px\" \/><figcaption> <em>Flugblatt-Randale! Auch bei 20 Minuten ist man emp\u00f6rt. Februar 2019.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Teile der anarchistischen Bewegung kritisieren, dass eure Praxis einen Spektakel-Charakter hat und alle nicht-Beteiligten in eine passive Zuschauerrolle zwingt. Was meint ihr dazu?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Diese Kritik hat eine gewisse Berechtigung. Die Gefahr besteht, ein Robin-Hood-Bild zu produzieren: Die gute Bande, die den Armen hilft und daf\u00fcr Applaus erntet. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen nach Stellvertretern f\u00fcr ihr Handeln suchen. Aber wir stimmen nicht mit Guy Debords Analyse der\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Gesellschaft_des_Spektakels\">\u00abGesellschaft des Spektakels\u00bb<\/a>\u00a0\u00fcberein, wir sind keine Situationist*innen. Wir denken, dass spektakul\u00e4re Aktionen sehr n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen. Unsere Aktionen sind eine Art von Propaganda, mit der wir unsere Positionen verbreiten. Die bisherige Unf\u00e4higkeit der Bewegung, eine gr\u00f6ssere Reichweite zu erlangen, m\u00fcssen wir \u00fcberwinden. Wir wollen eine breite gesellschaftliche Basis erreichen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Ausserdem: Die Genoss*innen, die das Spektakel kritisieren, \u00fcbersehen was jenseits davon passiert. Das Meiste, was Rouvikonas macht, passiert abseits der Kameras: Etwa unsere antifaschistische Praxis oder unsere Beteiligung an der anarchistischen F\u00f6deration.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wenn wir auf die vergangenen Jahre zur\u00fcckblicken, sehen wir, dass diese Praxis uns und der Bewegung viel geholfen hat. Die Menschen in der griechischen Gesellschaft haben durch diese Aktionen Anarchist*innen auf eine Art und Weise gesehen, wie nie zuvor: wir sind verst\u00e4ndlicher, n\u00e4her an der sozialen Realit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Mit eurer Taktik von direkten Aktionen, zu denen ihr \u00f6ffentlich steht, setzt ihr euch auch Repression aus. Mit welcher Art von Repression habt ihr es zu tun und wie begegnet ihr dem?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir spielen immer hart an der Kante. Das ist unsere Taktik. Auch wenn unsere Mitglieder zum Teil fr\u00fcher an revolution\u00e4ren Aktionen mit einem hohen Militanzniveau beteiligt waren und viele im Gef\u00e4ngnis waren, haben wir uns heute f\u00fcr etwas anderes entschieden. Rouvikonas macht normalerweise Aktionen im Rahmen von Straftaten \u00abzweiten Grades\u00bb, welche die Grenze zu Delikten \u00abdritten Grades\u00bb knapp nicht \u00fcberschreiten. Denn das ist die Grenze zwischen Geldstrafen und Gef\u00e4ngnisstrafen. Straftaten zweiten Grades, wozu Sachbesch\u00e4digungen wie Farbangriffe und Scheibenbr\u00fcche geh\u00f6ren, f\u00fchren kaum zu Gef\u00e4ngnisstrafen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir haben uns ausserdem dazu entschieden, Namen und Gesichter zu zeigen. Viele unserer Leute gehen sehr offen mit ihrer Mitgliedschaft bei Rouvikonas um. Das war eine politische Entscheidung, weil uns das f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung fassbarer macht. Wir denken, dass uns das in unserer Beziehung zu den Menschen geholfen hat. Wir sind normale Leute, mit Namen, Jobs und einem normalen Leben.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Seit Juli 2019 ist nun die neue Rechtsregierung von Mitsotakis im Amt und die hat euch, den Besetzungen und ganz Exarchia den Krieg erkl\u00e4rt. Wie sch\u00e4tzt du die aktuelle Lage ein?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Um die aktuelle Situation zu verstehen, m\u00fcssen wir auf die Zeit des Aufstiegs von Syriza zur\u00fcckblicken. Die Anti-Austerit\u00e4tsbewegung war damals sehr stark, es war eine Periode intensiver sozialer K\u00e4mpfe. Die antagonistischen Kr\u00e4fte sind aber daran gescheitert, eine Strategie zu finden. Die L\u00f6sung, die Syriza anbot, schien deshalb alternativlos. Syriza \u00fcbernahm und kanalisierte die Anti-Austerit\u00e4sbewegung. Das ist die historische Rolle der Sozialdemokratie. Sie \u00fcbernehmen die F\u00fchrung in den Perioden sozialer K\u00e4mpfe, \u00fcbernehmen die Staatsmacht und befrieden die K\u00e4mpfe.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Syriza kam mit dem Versprechen an die Macht, das Spar-Diktat der EU zu brechen \u2013 und sie haben genau das Gegenteil getan. Die darauffolgende Entt\u00e4uschung f\u00fchrte zu einer starken Demobilisierung. Davon hat die Rechte profitiert. Sie ist nun wieder an der Macht. Das ist der Tango der b\u00fcrgerlichen Demokratie. Nat\u00fcrlich haben die Sozialdemokratie und die Rechte politische Differenzen, aber in historischer Perspektive bedingen sie sich gegenseitig.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Es gibt viele Menschen, deren Glauben ans politische System nachhaltig zerst\u00f6rt wurde. Und es gibt auch viele Menschen, die von den neoliberalen Angriffen der neuen Regierung betroffen sind. Diese hat n\u00e4mlich begonnen, die verbliebenen sozialen Sicherheiten anzugreifen. Diese Leute wollen wir erreichen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">In gewisser Hinsicht, und das mag seltsam klingen, sind wir auch froh \u00fcber den Regierungswechsel. Syriza und die Sozialdemokratie haben auch unterdr\u00fcckt, aber auf eine subtilere Art. So sind unter Syriza mehr Besetzungen ger\u00e4umt worden, als unter der vorherigen rechten Regierung. Sie haben das aber nicht \u00f6ffentlich beworben. Die Nea Dimokratia hingegen bewirbt \u00f6ffentlich eine Law-and-Order-Politik, um damit konservative und rechte Stimmen zu gewinnen. Tats\u00e4chlich ist die rechtsextreme Partei Goldene Morgenr\u00f6te bei den Wahlen kollabiert. Ihre W\u00e4hler sind zur Nea Dimokratia \u00fcbergelaufen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die ersten staatlichen Angriffe auf Exarchia wurden von der antagonistischen Bewegung stark beantwortet. Wir haben am 14. September eine grosse \u00abNo Pasaran\u00bb-Demonstration erlebt. Zu einer klar anarchistischen Demo kamen 5000 bis 7000 Menschen. Das hat uns positiv \u00fcberrascht. Noch vor drei Monaten schaffte es die Bewegung gerade einmal, tausend Leute auf die Strasse zu bringen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir denken, dass nun die erste Welle der Angriffe vorbei ist. Die Kombination von grossen Mobilisierungen und verschiedenen legalen und illegalen Aktionen brachte die Regierung dazu, diese erste Welle des Angriffs zu stoppen. Aber es wird sicherlich eine zweite Runde geben.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Was bleibt heute noch \u00fcbrig von den selbstorganisierten Strukturen aus der Periode vor Syriza?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">W\u00e4hrend des Kampfzyklus\u2019 ab 2008 sind die Menschen zwar massenhaft auf die Strasse gegangen, aber es wurden zu wenige kontinuierliche Strukturen aufgebaut. Gewiss gab es auch eine Organisierung an der Basis: Die Versammlungen auf den Pl\u00e4tzen oder in der Nachbarschaft. Mit dem R\u00fcckgang der Proteste, sind aber auch diese Strukturen weitgehend verschwunden. Der Kollaps der Bewegung hat es Syriza erm\u00f6glicht, diese zu \u00fcbernehmen. Ein grosser Fehler der antagonistischen Bewegung war, zu stark auf die direkte Konfrontation mit dem Staat zu fokussieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Es braucht unbedingt eine Wiederbelebung der Nachbarschaftsversammlungen. Diese selbstorganisierten Strukturen an der Basis sind unserer Ansicht nach jene, die eine revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung anstossen und tragen sollten. Wir denken nicht, dass eine Partei die Revolution macht. Auch Rouvikonas ist nicht die L\u00f6sung, denn diese liegt allein in der Selbstorganisierung der Gesellschaft.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Diese Organe der Selbstverwaltung versuchen wir in unserer Propaganda zu bewerben. In fast jedem unserer Communiqu\u00e9s nach Aktionen betonen wir die Notwendigkeit dieser Selbstorganisierung. Dar\u00fcber hinaus sind wir auch selber Teil solcher Prozesse.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Kannst du einige Beispiele von Basisstrukturen nennen, an denen ihr euch beteiligt?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">In der Gastronomie und in den Motorradlieferdiensten gibt es starke anarchistisch beeinflusste Gewerkschaften. Aber es sind wenige Sektoren. Momentan findet ein Generalstreik nur dann statt, wenn er von den grossen Gewerkschaften beschlossen wird, welche von den reformistischen Parteien kontrolliert werden. Diese Gewerkschaften sind komplett gescheitert, etwas gegen die Austerit\u00e4tspolitik zu tun. Sie haben alles verraten. Trotzdem kann es derzeit keinen Generalstreik ohne diese Gewerkschaften geben. Bis zu dem Zeitpunkt an dem die Basis-Gewerkschaften f\u00e4hig sind, einen Generalstreik auszurufen \u2013 und sei es nur f\u00fcr einen Tag \u2013 sind wir abh\u00e4ngig von diesen Gewerkschaftsb\u00fcrokratien.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Zu den Quartiersversammlungen: Einige von ihnen existieren noch in den Vororten Athens. Aber sie haben an St\u00e4rke verloren. Nat\u00fcrlich gibt es die Besetzungen der Bewegung und viele migrantische Besetzungen. Aber es bleibt alles sehr marginal. Das, was an Selbstverwaltungsstrukturen \u00fcbrig geblieben ist, wird meistens von politischen Aktivist*innen am Leben erhalten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir haben auch als Gruppe eigene Strukturen. Beispielsweise haben wir hier, in unserem Zentrum \u00abVox\u00bb eine medizinische Versorgung aufgebaut. So versuchen wir, die L\u00fccken des griechischen Gesundheitssystems zu schliessen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Es gibt verschiedene Initiativen, aber wir sind noch weit davon entfernt, eine reale St\u00e4rke an der Basis der Gesellschaft zu haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Mitsotakis hatte ja in seinem Wahlkampf die Zerschlagung von Rouvikonas versprochen. Sp\u00fcrt ihr bereits eine Versch\u00e4rfung der Repression mit der neuen Regierung?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir haben fast t\u00e4glich Scherereien mit dem Staat. Gerade gestern hatte ich den Geheimdienst vor meinem Haus. Sie haben mich angehalten und mir Dinge \u00fcber mein Privatleben erz\u00e4hlt, die sie eigentlich nicht wissen sollten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die wirkliche Gefahr ist aber, dass der Staat versuchen wird, uns als eine terroristische Organisation einzustufen. Aber in einem b\u00fcrgerlichen Rechtsstaat ist es schwierig, eine Gruppe, welche Flyer herumwirft und ab und zu mal eine Scheibe zerbricht, als Terror-Gruppe zu deklarieren. Das ist der Widerspruch, in dem sich der Staat befindet. Er hat bisher keine klare Strategie, uns im Rahmen des Rechtsstaates zu bek\u00e4mpfen. Der Staat h\u00e4tte selbstverst\u00e4ndlich die Kapazit\u00e4ten, uns umgehend zu zerschlagen. Sie k\u00f6nnten uns morgen alle verhaften, aber das w\u00fcrde das demokratische Gewand des Staates zerst\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir verf\u00fcgen zudem \u00fcber viel R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung, wir haben viele Unterst\u00fctzer*innen. W\u00fcrde der Staat unsere Gruppe frontal angreifen, h\u00e4tte das eine grosse Welle der Solidarit\u00e4t zur Folge.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Zudem darf nicht vergessen werden, dass die anarchistische Bewegung in Griechenland \u00fcber eine Erfahrung mit der Aus\u00fcbung von Gegengewalt verf\u00fcgt. Wie der Staat seine Repression verst\u00e4rken kann, so kann auch die anarchistische Bewegung ihr Militanz-Niveau steigern. Es ist ein Spiel, in dem jede Seite das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis einsch\u00e4tzt und ihre M\u00f6glichkeiten auslotet.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Viele eurer Aktionen beziehen sich auf K\u00e4mpfe an anderen Orten auf der Welt. Ihr bezeichnet euch auch selbst als Internationalist*innen. Nun erlebt die anarchistische Bewegung in Griechenland einen starken Angriff des Staates. Wie k\u00f6nnen Militante in Westeuropa ihre Solidarit\u00e4t mit euch ausdr\u00fccken?<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wir haben in den letzten Jahren viel internationale Solidarit\u00e4t gegeben und erhalten. Nat\u00fcrlich sind wir Internationalist*innen und versuchen dies auch in unserer Praxis auszudr\u00fccken. Nun brauchen wir viel Solidarit\u00e4t aus dem Ausland. Dies kann verschieden ausgedr\u00fcckt werden. Nat\u00fcrlich brauchen wir finanzielle Unterst\u00fctzung \u2013 vor allem zur Deckung unserer Gerichtskosten. Was es ebenfalls braucht, ist Druck auf die griechische Regierung von aussen. Griechenland ist sehr abh\u00e4ngig von der Tourismus-Industrie und damit auch von einem guten Ruf. Und ausserdem: Botschaften gibt es \u00fcberall.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Quelle: <\/span><\/i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\"><a href=\"https:\/\/www.ajour-mag.ch\/rouvikonas\/\"><i>ajour-mag.ch&#8230;<\/i><\/a><i> vom 1. November 2019 <\/i><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leon Feiss und Nico Nussbaum. Farbanschl\u00e4ge ver\u00fcben sie am helllichten Tag, korrupte \u00c4rzte konfrontieren sie mit der Live-Kamera und in Botschaften und Firmenb\u00fcros dringen sie massenhaft ein. Dabei stehen sie mit Namen und oft auch &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[111,25,10,26,43,45,76,42,17],"class_list":["post-6325","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-anarchismus","tag-arbeiterbewegung","tag-breite-parteien","tag-gewerkschaften","tag-griechenland","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte","tag-sozialdemokratie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6325"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6327,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6325\/revisions\/6327"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}