{"id":6334,"date":"2019-11-05T11:40:24","date_gmt":"2019-11-05T09:40:24","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6334"},"modified":"2019-11-05T11:51:54","modified_gmt":"2019-11-05T09:51:54","slug":"das-ende-der-drr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6334","title":{"rendered":"Das Ende der DRR"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz. <\/em>In diesen Tagen j\u00e4hren sich die Ereignisse, die zur Aufl\u00f6sung der DDR f\u00fchrten, zum drei\u00dfigsten Mal. Am 4. November 1989 gipfelten die Proteste gegen das stalinistische DDR-Regime in einer Massendemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz<!--more-->, an der sich eine Million Menschen beteiligten. F\u00fcnf Tage sp\u00e4ter fiel die Mauer. Zehn Monate sp\u00e4ter wurde die DDR in der Bundesrepublik aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Diese Ereignisse sind heute so wenig verstanden wie damals. Keiner der Fest- und Gedenkredner, der wieder die \u00fcbliche Litanei \u00fcber \u201eFreiheit\u201c, \u201eDemokratie\u201c und \u201eWohlstand\u201c herunterbetet, kann erkl\u00e4ren, warum in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern drei Jahrzehnte sp\u00e4ter eine rechtsextreme Partei zwischen 21 und 28 Prozent der W\u00e4hlerstimmen erh\u00e4lt; warum statt der versprochenen \u201ebl\u00fchenden Landschaften\u201c ein wirtschaftlicher Kahlschlag erfolgte, der die Kluft zwischen Arm und Reich auch im Westen dramatisch versch\u00e4rfte; und warum das Ende des Kalten Kriegs zu einer Welle hei\u00dfer Kriege f\u00fchrte, die jetzt in einen Dritten Weltkrieg zu m\u00fcnden drohen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"425\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DDR.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6335\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DDR.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/DDR-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Gro\u00dfdemonstration auf dem Berliner Alexanderpatz am 4. November 1989<\/strong> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Bund Sozialistischer Arbeiter (BSA), die Vorg\u00e4ngerorganisation der Sozialistischen Gleichheitspartei, hatte 1989 vor dieser Entwicklung gewarnt. Er war den Illusionen in Kapitalismus und Demokratie entgegen- und f\u00fcr die Abl\u00f6sung der stalinistischen Diktatur durch eine sozialistische Arbeiterdemokratie eingetreten.<\/p>\n<p>Als trotzkistische Partei, die den Stalinismus von links bek\u00e4mpfte, hatte der BSA in der DDR nicht arbeiten k\u00f6nnen. Oskar Hippe, der als f\u00fchrender deutscher Trotzkist die Repressionen des Nazi-Regimes \u00fcberlebt hatte, war vom SED-Regime zwischen 1948 und 1956 ins Gef\u00e4ngnis gesperrt worden. Doch zur Demonstration vom 4. November schmuggelte der BSA einen Aufruf mit dem Titel \u201eSt\u00fcrzt die SED-B\u00fcrokratie! Baut Arbeiterr\u00e4te auf!\u201c \u00fcber die Grenze und verteilte Tausende Exemplare auf dem Alexanderplatz.<\/p>\n<p>Der Aufruf begr\u00fc\u00dfte die Massendemonstrationen gegen das SED-Regime, aber warnte vor den Illusionen, die vom Neuen Forum und anderen Organisationen verbreitet wurden. Diese strebten eine Zusammenarbeit mit dem SED-Regime an, um im Namen der \u201eDemokratie\u201c den Kapitalismus einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>\u201ePolitische Freiheit, demokratische Rechte k\u00f6nnen nur durch eine politische Revolution erreicht werden, d.h. indem die Arbeiterklasse die herrschende B\u00fcrokratie st\u00fcrzt, aus allen ihren \u00c4mtern und Stellungen vertreibt und ihre eigenen unabh\u00e4ngigen Organe proletarischer Macht und Demokratie errichtet\u201c, hie\u00df es im Aufruf des BSA. Die Alternative sei: \u201eDiktatur des Kapitals auf der einen Seite oder Revolution, Arbeiterdemokratie und Sozialismus auf der anderen.\u201c<\/p>\n<p>Der Aufruf warnte, dass die SED \u201egest\u00fctzt auf ihre schon lange bestehenden engen Verbindungen zu westlichen Konzernen und Banken\u201c versuchen werde, \u201eselbst die sehr begrenzten Reformen und wirtschaftlichen Zugest\u00e4ndnisse an die Arbeiterklasse, die mit den staatlichen Eigentumsverh\u00e4ltnissen und der Planwirtschaft verbunden waren, zu beseitigen, den Kapitalismus wieder herzustellen und die B\u00fcrokratie dabei in eine neue Klasse von Kapitalisten zu verwandeln\u201c.<\/p>\n<p>In den folgenden Wochen und Monaten entwickelte der BSA eine intensive Arbeit in der DDR. Er griff die Politik der kleinb\u00fcrgerlichen Demokraten und der stalinistischen SED (die sich in Partei des Demokratischen Sozialismus umbenannte) scharf an. Diese arbeiteten, wie der BSA gewarnt hatte, erst am Runden Tisch und dann in der Regierung Modrow eng zusammen, um die Weichen in Richtung Kapitalismus und Wiedervereinigung zu stellen.<\/p>\n<p>Am 28. Januar 1990 verabschiedete eine Konferenz des BSA in Frankfurt am Main ein Programm f\u00fcr die Arbeiterklasse in Ost- und Westdeutschland, das ausdr\u00fccklich vor den Folgen des Kapitalismus warnte.<\/p>\n<p>\u201eDie Arbeiterklasse hat nicht Honecker, Mielke, Krenz und die ganze stalinistische Mafia gest\u00fcrzt, um jetzt die Produktion in die H\u00e4nde von Daimler, Thyssen und der Deutschen Bank zu geben, denselben Kapitalisten, die zwei Weltkriege organisiert und Konzentrationslager f\u00fcr die Arbeiterklasse errichtet haben\u201c, hie\u00df es darin. Und weiter:<\/p>\n<p>\u201eDie Arbeiterklasse muss voller Verachtung alle politische Tendenzen zur\u00fcckweisen, die die stalinistische Diktatur durch die Diktatur der Deutschen Bank, d.h. durch die Diktatur des Imperialismus ersetzen wollen. Die wildgewordenen Kleinb\u00fcrger vom \u201arunden Tisch\u2018 schw\u00e4rmen \u00fcber die Vorz\u00fcge des Kapitalismus zu einem Zeitpunkt, wo sich die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse in allen kapitalistischen L\u00e4ndern \u00fcber zehn Jahre hinweg drastisch verschlechtert haben; wo in Europa jeder vierte, in S\u00fcdeuropa jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit und Ausbildung ist; wo die Lebenserwartung in den Armenvierteln New Yorks niedriger liegt als in Bangladesch; wo in den \u00e4rmsten L\u00e4ndern der Welt t\u00e4glich Hunderttausende als Folge der imperialistischen Auspl\u00fcnderung Hungers sterben. Diese Kleinb\u00fcrger haben den Stalinismus angegriffen, weil er f\u00fcr sie ein Hindernis war, auf Kosten der Arbeiterklasse ein \u00e4hnlich privilegiertes Leben zu f\u00fchren wie das Kleinb\u00fcrgertum im Westen. Ihr Kampf gegen den Stalinismus ist ein Kampf gegen die Arbeiterklasse. Ihr Ziel ist es, alle Errungenschaften der Arbeiterklasse zu zerschlagen.\u201c<\/p>\n<p>Nach der Wiedervereinigung ver\u00f6ffentlichte der BSA eine Sammlung seiner Aufrufe, Erkl\u00e4rungen und Artikel aus den Jahren 1989 und 1990 im Sammelband \u201eDas Ende der DDR\u201c, dessen Lekt\u00fcre wir den Lesern der WSWS w\u00e4rmstens empfehlen. Er kann \u00fcber den&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/gesamtkatalog\/geschichte-philosophie-und-politik\/das-ende-der-ddr\/\"><strong>Mehring Verlag<\/strong><\/a>&nbsp;oder im Buchhandel bezogen werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/11\/05\/ende-n05.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. November 2019, leicht gek\u00fcrzt durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz. In diesen Tagen j\u00e4hren sich die Ereignisse, die zur Aufl\u00f6sung der DDR f\u00fchrten, zum drei\u00dfigsten Mal. Am 4. November 1989 gipfelten die Proteste gegen das stalinistische DDR-Regime in einer Massendemonstration auf dem Berliner &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[25,39,45,76,83,17],"class_list":["post-6334","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-deutschland","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte","tag-stalinismus","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6334","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6334"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6334\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6340,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6334\/revisions\/6340"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6334"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6334"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6334"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}