{"id":6344,"date":"2019-11-06T09:01:26","date_gmt":"2019-11-06T07:01:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6344"},"modified":"2019-11-06T09:01:27","modified_gmt":"2019-11-06T07:01:27","slug":"mir-nennes-diebstau-si-labere-vo-rendite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6344","title":{"rendered":"\u00abMir nennes \u201aDiebstau\u2018, si labere vo \u201aRendite\u2019\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Kohler.<\/em> T<strong>ommy Vercetti ist bekannt f\u00fcr Rap mit Tiefgang und anti-kapitalistischen Inhalten. Wir haben mit ihm \u00fcber sein neues Album gesprochen und kommentieren \u2013 sehr selektiv \u2013, was einem Marxisten beim H\u00f6ren von \u00abNo 3 N\u00e4cht bis Morn\u00bb durch den Kopf geht.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Mit \u00abNo 3 N\u00e4cht bis Morn\u00bb bringt der Berner Rapper Tommy Vercetti sein zweites Solo-Album heraus. Ganze neun Jahre nach dem bahnbrechenden \u00abSeilt\u00e4nzer\u00bb, war wieder ein hochpolitisches Werk zu erwarten. Man wird nicht entt\u00e4uscht werden. Es teilt Merkmale seines Vorg\u00e4ngers, ist ebenso ganzheitlich durchdacht und l\u00e4sst sich ebensowenig auf eine Ansammlung einzelner Lieder reduzieren. Aber es ist musikalisch und textlich experimenteller und komplexer. Pablo Nouvelle, der das gesamte Album produziert hat, sorgt f\u00fcr verbl\u00fcffend vielf\u00e4ltige Kompositionen und Wechsel auch innerhalb der einzelnen Lieder.<\/p>\n<p>Passives Zuh\u00f6ren ist hier nicht. Das Album zwingt zum angestrengten Mitdenken, um auch nur einen Teil der harten lyrischen N\u00fcsse knacken zu k\u00f6nnen. Kein seichter Propagandarap, keine Handlungsanleitung f\u00fcr Revolution\u00e4re. Kunstvoll verpackt in eine geballte Ladung Metaphern geht es aber tief in den Kern der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p><strong>G\u00fcetzifetisch und geladene Revolver<\/strong><\/p>\n<p>Das Motiv, das sich vom Cover aus durchs ganze Album hindurchzieht, ist Geld. Marx deckte auf, dass Geld eine soziale Beziehung zwischen Menschen ist. Geld ist der Anspruch auf einen Teil des gesellschaftlichen Reichtums, der in einem Ausbeutungsverh\u00e4ltnis durch die ArbeiterInnen geschaffen wird. Ausgehend von der Ware als Keimzelle der kapitalistischen Gesellschaft enth\u00fcllt Marx in \u00abDas Kapital\u00bb das Geheimnis des Geldes und entfaltet das \u00abinnere Band\u00bb der Produktions- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse im Kapitalismus.<\/p>\n<p>Tommy beweist, dass man diese Entfaltung \u2013 inklusive dem ber\u00fcchtigten \u00abFetischcharakter\u00bb von Ware und Geld \u2013 auch mit einem scheinbar harmlosen G\u00fcetzi auf dem Spielplatz der eigenen Tochter beginnen kann. Das Tauschverh\u00e4ltnis ist Ausbeutungsverh\u00e4ltnis, die Kinder auf dem \u00abfrei\u00e4 Spiuplatz versklavet vo G\u00fcetzi\u00bb. Die lauthals im Sandkasten verk\u00fcndete Freiheit und Gleichheit bleibt nur formell, sind doch die Kinder, vom Hunger getrieben, gezwungen ein Vertragsverh\u00e4ltnis mit dem G\u00fcetzi-Besitzer einzugehen. Jener hat dann auch noch seinen \u00abgrossen Freund\u00bb, den Staat, im R\u00fccken, der die anderen Kinder bei Konflikten schlagen darf.<\/p>\n<p>Dass Geld als soziale Beziehung zu verstehen ist, die das Ausbeutungsverh\u00e4ltnis in sich selbst enth\u00e4lt, wird in einem anderen Lied bereits im Titel auf den Punkt gebracht: \u00abMoney is the reason you don\u2019t have any\u00bb.\u00a0 \u00abFranke, Franke, du muessch wandere\u00bb, beginnt der Liedtext. Geld muss immer im Fluss sein, investiert und verwertet werden. Nur so wird Geld zu \u00abKapital\u00bb, erkl\u00e4rte Marx. Es fliesst jedoch, so rappt Tommy, im Gegensatz zu Wasser nur nach oben. Der aufdringliche Synthesizer w\u00e4hrend der Strophe ist nicht sch\u00f6n, will auch gar nicht harmonisch sein. Er sticht wie ein Stachel ins Fleisch, denn hier geht\u2019s um den nackten Klassenkonflikt. Diejenigen, die den ganzen Reichtum erschaffen, sehen nur einen Bruchteil davon: \u00ab<em>wir<\/em>\u00a0nennen es Diebstahl,\u00a0<em>sie<\/em>\u00a0labern von Rendite\u00bb und verspielen unsere Renten im Casino des Kapitalismus. Drehen wir also den Spiess um und zwingen wir die Kapitalisten zu russischem Roulette mit einem voll geladenen Revolver. Auf diese wohltuende Portion Klassenhass angesprochen, meint Tommy: \u00ab<em>Es ist richtig, dass das eine Art Emotion ist. Aber die muss auch bewusst sein und stark gemacht werden. Wohin richten wir unsere Wut, unseren Zorn? Wer ist daf\u00fcr verantwortlich? Das ist keine politische Handlungsanweisung. Aber diesen Zorn muss man n\u00e4hren, er ist auch ein Handlungsansporn. Solche Gewaltbilder sind auch ein Bewusstmachen der Gewalt, die man erleidet.\u00bb<\/em><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/TVJanoschAbelklein-1180x650-1024x564.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6345\" width=\"587\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/TVJanoschAbelklein-1180x650-1024x564.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/TVJanoschAbelklein-1180x650-300x165.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/TVJanoschAbelklein-1180x650-768x423.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/TVJanoschAbelklein-1180x650.jpg 1180w\" sizes=\"auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px\" \/><figcaption> Foto: Janosch Abel <\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Hoffnung geben und vorw\u00e4rts schauen?<\/strong><\/p>\n<p>Dennoch werden der Klassenkampf von oben und die Verinnerlichung der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse durch die Unterdr\u00fcckten klar st\u00e4rker betont als der Widerstand von unten. Das erstaunt, denn im Intro des Albums k\u00fcndigt der Rapper an, Kunst machen zu wollen, die \u00abHoffnung gibt und vorw\u00e4rts schaut\u00bb. Dass dieser Widerspruch zwischen der Ank\u00fcndigung und der Umsetzung Fragen aufwirft, ist er sich bewusst. Doch meint er verschmitzt, dass es gar nicht so schlecht sei, wenn die H\u00f6rerInnen aktiv nach den Elementen der Hoffnung suchen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>F\u00fcndig wird man sicher. Etwa wenn ein Ausserirdischer bei seinem Besuch auf dem blauen Planeten feststellt, dass diese \u00abWilden\u00bb in ihrem Alltag und ihrer Kultur eigentlich Kommunisten sind: Sie leben gemeinschaftlich miteinander und verrechnen sich im Normalfall ihre gegenseitigen Hilfestellungen auch nicht. Und in der Kultur zeigt sich der Traum einer freien Welt der N\u00e4chstenliebe und Gleichheit \u2013 sie steht nur im Widerspruch zur realen Herrschaft des Geldes. Die Darstellung erinnert an einen Brief des jungen Marx an Ruge, es ginge nicht darum, irgendwelche neuen Wahrheiten und Prinzipien zu erfinden, weil \u00abdie Welt l\u00e4ngst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen.\u00bb<\/p>\n<p>Auf die Parallele hingewiesen reagiert der Rapper entz\u00fcckt, hatte seine Inspiration jedoch aus anderen Quellen gezogen. Das ist egal, wir finden uns in unserer \u00dcbereinstimmung mit Marx, dass das Zuk\u00fcnftige der kommunistischen Gesellschaft \u2013 das ersehnte \u00abMorn\u00bb \u2013 als Potenzial bereits im heute Bestehenden vorhanden ist. Gerade das ist auch die Grundlage f\u00fcr seine Hoffnung: \u00ab<em>Es ist sehr viel Potenzial da, man muss nichts erfinden<\/em>\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Arbeit, Kapital und der Klassenstaat<\/strong><\/p>\n<p>Ohnehin will er das Album nicht als pessimistisch missverstanden haben,\u00a0<em>\u00abrecht d\u00fcster, ja, aber nicht pessimistisch\u00bb<\/em>. Als Beispiel f\u00fchrt er gleich selbst ein Lied an, das zweifellos ein Highlight des Albums ist. Bildhaft wie das gesamte Werk, aber hier doch unverbl\u00fcmt, erz\u00e4hlt \u00abVorem Gsicht\u00bb aus der Ich-Perspektive die Geschichte eines Arbeiters, dessen Arbeitsbedingungen ihn in die Konfrontation mit seinem Chef und schliesslich dem gesamten Staatsapparat, der Presse, sogar den Gewerkschaften und der SP treibt. Sie alle haben das gleiche Gesicht. Sie mahnen, den Widerstand zu unterlassen und verteidigen das Privateigentum: \u00abei Hand w\u00e4scht di anger, und ni\u00e4mer h\u00e4bt mini\u00bb, lautet das traurige Fazit des Arbeiters. \u00ab<em>Da geht es darum zu sagen: Der Staat ist ein genuin kapitalistischer Staat. Das ist kein Pessimismus, sondern einfach eine Feststellung. Das muss man erkennen, wenn man handeln will. Zu denken, wir leben ja in einer tollen Demokratie w\u00e4re nicht \u2018Hoffnung\u2019, sondern schlicht naiv<\/em>.\u00bb<\/p>\n<p><strong>\u00abMir gse \u00fcs 2008\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>D\u00fcster ist auch die Nacht, bevor der Morgen anbricht. Das ist paradox, stimmt Tommy Vercetti aber hoffnungsvoll:\u00a0<em>\u00abDas sp\u00fcrt man im Moment auch. Je krisenhafter es wird, desto mehr Ver\u00e4nderungspotenzial ist da, desto mehr Mobilisierung ist da. Die aktuellen Bewegungen finden ja vor allem statt, wegen dem desolaten Zustand der Welt.<\/em>\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Deutlich sp\u00fcrbar ist die Sehnsucht nach einer kommenden Revolution kurz vor Ende des Albums im Lied \u00ab2008\u00bb.\u00a0<em>\u00abDas System ist am leichtesten zu ver\u00e4ndern, wenn es in einer Krise steckt\u00bb,\u00a0<\/em>kommentiert er. Die Krise\u00a0<em>\u00ab2008 war eine verpasste Chance, dadurch aber auch eine zuk\u00fcnftige Chance. Wir lernen aus dem, was vorbei ist und bereiten uns aufs n\u00e4chste 2008 vor\u00bb<\/em>. Diese Kriseninterpretation w\u00fcrde wohl noch l\u00e4ngere Diskussionen notwendig machen. Wie dem auch sei, wir bereiten uns vor, um auch schon in den aktuellen Bewegungen sinnvoll intervenieren zu k\u00f6nnen. Und nebenbei h\u00f6ren wir nochmals \u00abNo 3 N\u00e4cht bis Morn\u00bb und versuchen weitere N\u00fcsse zu knacken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/kultur\/tommy-vercetti\/#more-11678\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. November 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Kohler. Tommy Vercetti ist bekannt f\u00fcr Rap mit Tiefgang und anti-kapitalistischen Inhalten. 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