{"id":6369,"date":"2019-11-09T09:26:50","date_gmt":"2019-11-09T07:26:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6369"},"modified":"2019-11-09T09:26:52","modified_gmt":"2019-11-09T07:26:52","slug":"30-jahre-seit-dem-fall-der-mauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6369","title":{"rendered":"30 Jahre seit dem Fall der Mauer"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz. Heute vor drei\u00dfig Jahren leitete der Fall der Mauer das Ende der DDR ein. Wir ver\u00f6ffentlichen dazu einen Artikel von Peter Schwarz, der erstmals vor f\u00fcnf Jahren, am 8. November 2014, unter dem Titel \u201e25 Jahre seit dem Mauerfall \u2013 eine Bilanz\u201c auf der WSWS erschien.<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Am Sonntag den 9. November j\u00e4hrt sich zum 25. Mal der Fall der Berliner Mauer. Er leitete 40 Jahre nach ihrer Gr\u00fcndung den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik ein.<\/p>\n<p>In Berlin finden zum Jahrestag ausgedehnte Feierlichkeiten statt. 8.000 leuchtende Ballons markieren den Verlauf der Mauer und steigen abends um 19 Uhr zu den Kl\u00e4ngen von Beethovens \u201eOde an die Freude\u201c in die Luft. Bejahrte Popstars wie Udo Lindenberg und Peter Gabriel sowie die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim geben am Brandenburger Tor ein Konzert.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Programme des Regionalsenders\u00a0<em>rbb<\/em>\u00a0widmen sich einen Tag lang dem Mauerfall. Sie \u201elassen zum Jubil\u00e4um die grenzenlose Freude von 1989 wiederaufleben und wollen den Wahnsinn von damals sp\u00fcrbar machen\u201c, hei\u00dft es dazu in einer offiziellen Mitteilung.<\/p>\n<p>Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck hatte bereits am 9. Oktober in Leipzig einen Festakt zum Thema \u201e25 Jahre Friedliche Revolution\u201c zelebriert. Er stellte dort die Proteste gegen das DDR-Regime vor 25 Jahren in eine Reihe mit den gro\u00dfen Revolutionen des 18. Jahrhunderts in Amerika und Frankreich und \u201eder deutschen Freiheitsbewegung von 1848\u201c.<\/p>\n<p>\u201eZehntausende \u00fcberwanden ihre Angst vor den Unterdr\u00fcckern, weil ihre Sehnsucht nach Freiheit gr\u00f6\u00dfer war als ihre Furcht\u201c, verk\u00fcndete Gauck. \u201eAus dem Aufbruch der wenigen Mutigen war eine Bewegung der Massen geworden, die unaufhaltsam zu einer Friedlichen Revolution heranwuchs.\u201c<\/p>\n<p>Der Versuch, das Ende der DDR als freiheitliche Revolution zu verkl\u00e4ren und die euphorische Stimmung anl\u00e4sslich des Mauerfalls zu beschw\u00f6ren, dient vor allem einem Ziel: Er soll verhindern, dass nach einem Vierteljahrhundert eine n\u00fcchterne Bilanz der Wiedervereinigung gezogen und dar\u00fcber nachgedacht wird, was im Herbst 1989 tats\u00e4chlich geschah. Je tr\u00fcber die Gegenwart, je fortgeschrittener der soziale Zerfall der Gesellschaft, der Niedergang ihrer demokratischen Institutionen und die R\u00fcckkehr des Militarismus, desto heller soll sie im Licht einer \u201efreiheitlichen Revolution\u201c erstrahlen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"384\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/protest-treuhand-dresden-102-resimage_v-variantBig24x9_w-1024-1024x384.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6370\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/protest-treuhand-dresden-102-resimage_v-variantBig24x9_w-1024.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/protest-treuhand-dresden-102-resimage_v-variantBig24x9_w-1024-300x113.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/protest-treuhand-dresden-102-resimage_v-variantBig24x9_w-1024-768x288.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Soziale Konterrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Sozial war das Ende der DDR keine Revolution, sondern eine Konterrevolution. Mit dem Kapitalismus hielten auch Arbeitslosigkeit, krasse Ausbeutung, schreiende soziale Ungleichheit und bittere Armut wieder Einzug im Osten Deutschlands.<\/p>\n<p>Die gut ausgebaute Industrie, die Vollbesch\u00e4ftigung und soziale Sicherheit garantierte, wurde praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Die Treuhandanstalt wickelte insgesamt 14.000 volkseigene Betriebe ab. Einige verkaufte sie, die meisten legte sie still. Innerhalb von drei Jahren wechselten oder verloren 71 Prozent aller Besch\u00e4ftigten ihren Arbeitsplatz. Heute arbeiten im produzierenden Gewerbe der neuen Bundesl\u00e4ndern nur noch ein Viertel so viele wie 1989.<\/p>\n<p>Die Folge ist die Entv\u00f6lkerung und \u00dcberalterung ganzer Landstriche. Lebten 1989 noch 16,7 Millionen Menschen auf dem Gebiet der DDR, waren es 2006 nur noch 14,6 Millionen, ein R\u00fcckgang von 13 Prozent. Da \u00fcber 60 Prozent der Abgewanderten j\u00fcnger als 30 Jahre sind und die Geburtenrate dramatisch sank, stieg der Altersdurchschnitt der Bev\u00f6lkerung stark an.<\/p>\n<p>Das gut ausgebaute Bildungs- und Sozialsystem sowie das dichte Netz kultureller Einrichtungen, \u00fcber das die DDR verf\u00fcgte, wurden zerschlagen. Allein in Sachsen, das rund vier Millionen Einwohner z\u00e4hlt, sind seit der Wende \u00fcber 1000 Schulen stillgelegt worden.<\/p>\n<p>Die Behauptung, es handle sich dabei lediglich um einen \u00dcbergangs- und Anpassungsprozess, haben sp\u00e4testens die Hartz-Gesetze und die Finanzkrise 2008 widerlegt.<\/p>\n<p>Auch 25 Jahre nach der deutschen Einheit klaffen die Lebensverh\u00e4ltnisse in Ost und West weit auseinander. 2013 lag das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines Arbeitnehmers in den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern 25 Prozent unter dem im Westen. Das Verm\u00f6gen eines Haushalts war im Osten mit 67.000 Euro im Schnitt nur halb so hoch wie im Westen mit 153.000 Euro.<\/p>\n<p>Wenn es \u00fcberhaupt eine Ann\u00e4herung gab, dann wurden die Einkommen im Westen an die niedrigeren Osteinkommen angepasst. Laut den Daten des Statistischen Bundesamts lagen die durchschnittlichen Reall\u00f6hne in ganz Deutschland 2013 unter dem Niveau von 1995. Die Stundenl\u00f6hne von Geringverdienern gingen seit 1995 real sogar um bis zu 20 Prozent zur\u00fcck. Die Spitzeneinkommen stiegen dagegen deutlich an.<\/p>\n<p><strong>Staatsaufr\u00fcstung<\/strong><\/p>\n<p>Die Diktatur der SED und der Stasi wurde nach der Wende durch die Diktatur der Banken und Konzerne abgel\u00f6st, samt ihren gekauften Politikern, ihren gelenkten Medien und ihren rechtslastigen Geheimdiensten.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend erscheint die DDR-Staatssicherheit neben der amerikanischen NSA und ihren deutschen Partnern, deren gewaltiges \u00dcberwachungsnetz der Whistleblower Edward Snowden aufgedeckt hat, wie ein Amateurverein. Das ehemalige Stasi-Hauptquartier an der Normannenstra\u00dfe nimmt sich neben der neuerbauten BND-Zentrale an der Chausseestra\u00dfe geradezu bescheiden aus.<\/p>\n<p>Die Verfassungsschutz\u00e4mter, die die Stasi im Innern abl\u00f6sten, haben sich als Brutst\u00e4tten des Rechtsextremismus entpuppt. So hat das Bundesverfassungsgericht 2003 ein Verbot der rechtsextremen NPD abgelehnt, weil jeder siebte Funktion\u00e4r auf den Gehaltslisten des Verfassungsschutzes stand und es sich bei ihr \u201eder Sache nach um eine Veranstaltung des Staates\u201c handelte. Der th\u00fcringische Verfassungsschutz hat die rechtsextreme Szene des Landes, aus der die Terrorgruppe NSU hervorging, mit Hunderttausenden Euro finanziert.<\/p>\n<p>Auch die Mauer, deren Fall am Sonntag gefeiert wird, ist neu entstanden \u2013 an den Au\u00dfengrenzen Europas. Neben den 25.000 Opfern, die seit 1990 allein im Mittelmeer auf der Flucht nach Europa gestorben sind, nehmen sich die 100 bis 150 Mauertoten der Jahre 1961 bis 1989 vergleichsweise gering aus.<\/p>\n<p>Selbst demokratische Rechte, die lange Zeit als unangreifbar galten, stehen inzwischen unter Beschuss. Zwei Tage vor der Jubelfeier zum Mauerfall hat die Deutsche Bahn AG mit Unterst\u00fctzung der Bundesregierung versucht, den Streik der Lokf\u00fchrer zu verbieten und das Streikrecht faktisch abzuschaffen. Das Gesetz zur Tarifeinheit, das die Bundesregierung derzeit auf den Weg bringt, verschafft dem DGB ein Monopol, wie es in der DDR einst der FDGB besa\u00df. Jede Kampfma\u00dfnahme, die nicht den Segen des DGB hat, w\u00e4re mit dem neuen Gesetz illegal.<\/p>\n<p>Auch die \u201efreien Wahlen\u201c, die 1989 viele Demonstranten forderten, haben sich als Betrug entpuppt. Statt einer Einheitsliste k\u00f6nnen die W\u00e4hler zwar verschiedene Parteien und Kandidaten ankreuzen, aber deren Politik unterscheidet sich nicht. Sie wird von den Interessen der Wirtschaft bestimmt. Als Folge ist die Wahlbeteiligung in den neuen Bundesl\u00e4ndern inzwischen unter 50 Prozent gesunken, ein historischer Tiefstand.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckkehr des Militarismus<\/strong><\/p>\n<p>Die verheerendste Folge der kapitalistischen Wiedervereinigung ist die R\u00fcckkehr des deutschen Militarismus.<\/p>\n<p>Der gr\u00fcne Ex-Au\u00dfenminister Joschka Fischer, ein schamloser Vertreter des deutschen Imperialismus, verk\u00fcndet in seinem j\u00fcngsten Buch, Deutschland sei zwei Jahrzehnte nach der Einigung \u201evon dem alten Widerspruch der deutschen Mittellage\u201c eingeholt worden: \u201eDeutschland ist und bleibt zu gro\u00df f\u00fcr Europa und zu klein f\u00fcr die Welt.\u201c<\/p>\n<p>1914 und 1939 hatte Deutschland diesen Widerspruch zu l\u00f6sen versucht, indem es Europa eroberte, um so zur Weltmacht zu werden. Hauptsto\u00dfrichtung war dabei der Osten, die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung Russlands. Nun beschreiten die herrschenden Eliten wieder denselben Weg.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzt von s\u00e4mtlichen Medien und Parteien propagieren der Bundespr\u00e4sident und die Bundesregierung das \u201eEnde der milit\u00e4rischen Zur\u00fcckhaltung\u201c. In der Ukraine haben sie in enger Zusammenarbeit mit Nazi-Kollaborateuren aus dem Zweiten Weltkrieg einen Putsch organisiert, um einem rechten, EU-freundlichen Regime an die Macht zu verhelfen. Die Kriegshetze gegen Russland eskaliert. Ein atomarer Krieg zwischen der Nato und Russland ist inzwischen keine theoretische Hypothese mehr, sondern eine reale Gefahr. Auch im Nahen Osten hat die Bundesregierung mit der Bewaffnung der kurdischen Peschmerga angek\u00fcndigt, dass sie bei der n\u00e4chsten Runde der gewaltsamen Aufteilung der Region aktiv dabei sein wird.<\/p>\n<p><strong>Was 1989 geschah<\/strong><\/p>\n<p>Die Demonstrationen, die 1989 das Ende der DDR einleiteten, waren keine freiheitliche Revolution. Sie werden als klassisches Beispiel f\u00fcr eine Bewegung in die Geschichte eingehen, die, ausgel\u00f6st durch ein allgemeines Gef\u00fchl der Ausweglosigkeit und Unzufriedenheit mit dem Regime, politisch manipuliert und in eine Sackgasse gelenkt wurde, weil ihr eine tragf\u00e4hige Perspektive fehlte.<\/p>\n<p>Entgegen der offiziellen Mythen ging die Initiative zur Einf\u00fchrung des Kapitalismus in der Sowjetunion, Osteuropa und der DDR von der herrschenden stalinistischen B\u00fcrokratie selbst aus. Diese privilegierte Kaste hatte in den 1920er Jahren in der Sowjetunion die Macht usurpiert, indem sie die marxistische Opposition verdr\u00e4ngte, unterdr\u00fcckte und schlie\u00dflich physisch liquidierte.<\/p>\n<p>Sie st\u00fctzte ihre Herrschaft auf die fortschrittlichen Eigentumsverh\u00e4ltnisse, die die Oktoberrevolution 1917 geschaffen hatte. Aber sie tat das als Parasit, der seinen Wirt aussaugt und letztlich zerst\u00f6rt. Indem sie die Arbeiterdemokratie unterdr\u00fcckte, erdrosselte sie das kreative Potential des gesellschaftlichen Eigentums. Auf internationaler Ebene erstickte sie und die von ihr abh\u00e4ngigen Kommunistischen Parteien jede revolution\u00e4re Bewegung.<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die stalinistische B\u00fcrokratie zu einer wichtigen S\u00e4ule des Status Quo, der die Stabilit\u00e4t der kapitalistischen Herrschaft im Weltma\u00dfstab sicherte. Sie dehnte ihre Herrschaft in Absprache mit den westlichen Alliierten auf Osteuropa aus und beseitigte dort das kapitalistische Eigentum, unterdr\u00fcckte aber \u2013 wie am 17. Juni 1953 bei der Niederschlagung des Arbeiteraufstands in der DDR \u2013 jede unabh\u00e4ngige Regung der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Dieser Zustand konnte nicht ewig anhalten. Leo Trotzki, der f\u00fchrende marxistische Gegner des Stalinismus, hatte dies schon 1938 vorausgesehen. \u201eEntweder st\u00f6\u00dft die B\u00fcrokratie, die immer mehr zum Werkzeug der Weltbourgeoisie im Arbeiterstaat wird, die neuen Eigentumsformen um und wirft das Land in den Kapitalismus zur\u00fcck, oder die Arbeiterklasse zerschl\u00e4gt die B\u00fcrokratie und \u00f6ffnet den Weg zum Sozialismus\u201c, schrieb er im Gr\u00fcndungsprogramm der Vierten Internationale.<\/p>\n<p>Die Globalisierung der 1980er Jahre st\u00fcrzte die national beschr\u00e4nkten Volkswirtschaften der stalinistischen L\u00e4nder in die Krise. Die B\u00fcrokratie reagierte, wie es Trotzki vorausgesagt hatte: Sie versuchte, mit der Einf\u00fchrung kapitalistischer Eigentumsverh\u00e4ltnisse eine neue Grundlage f\u00fcr ihre Privilegien zu schaffen. Darin bestand die Bedeutung der Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekret\u00e4r der KPdSU im Jahr 1985.<\/p>\n<p>SED-Generalsekret\u00e4r Erich Honecker z\u00f6gerte, es Gorbatschow gleichzutun. Doch die Mehrheit der SED-F\u00fchrung hatte sich l\u00e4ngst f\u00fcr den Weg zum Kapitalismus und zur Wiedervereinigung entschieden. Drei Wochen vor dem Mauerfall st\u00fcrzte das Zentralkomitee Honecker und ersetzte ihn erst durch Egon Krenz und dann durch Hans Modrow.<\/p>\n<p>Modrow, der als ihr letzter SED\/PDS-Ministerpr\u00e4sident das Ende der DDR besiegelte, bekannte sp\u00e4ter in seinen Erinnerungen: \u201eNach meiner Einsicht war der Weg zur Einheit unumg\u00e4nglich notwendig und musste mit Entschlossenheit beschritten werden.\u201c G\u00fcnter Mittag, der viele Jahre f\u00fcr die Wirtschaft der DDR verantwortlich war, vertraute dem\u00a0<em>Spiegel<\/em>\u00a0an, er sei schon 1987 zur Erkenntnis gelangt: \u201eJede Chance ist verspielt.\u201c<\/p>\n<p>Die Demonstrationen, die sich im Oktober 1989 \u00fcber das ganze Land ausbreiteten, rannten offene T\u00fcren ein. Den Verantwortlichen im Westen war dies klar. \u201eEs ist ganz falsch, so zu tun, als w\u00e4re da pl\u00f6tzlich der Heilige Geist \u00fcber die Pl\u00e4tze in Leipzig gekommen und hat die Welt ver\u00e4ndert\u201c, vertraute der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl 2001 seinem Biographen Heribert Schwan an. Diese Vorstellung entstamme dem \u201eVolkshochschulhirn von Thierse\u201c, einem ostdeutschen SPD-Politiker. Tats\u00e4chlich sei die Entscheidung in Moskau gefallen: \u201eGorbatschow ging \u00fcber die B\u00fccher und musste erkennen, dass er das Regime nicht halten konnte.\u201c<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerrechtsbewegungen, die in dieser Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen, stimmten mit der stalinistischen B\u00fcrokratie im Ziel der kapitalistischen Restauration \u00fcberein. Kaum gegr\u00fcndet, setzten sie sich mit der SED an den \u201eRunden Tisch\u201c und traten schlie\u00dflich sogar der Regierung Modrow bei, um die Vereinigung Deutschlands vorzubereiten. Sie rekrutierten sich vorwiegend aus dem Kleinb\u00fcrgertum. Zu ihren Wortf\u00fchrern z\u00e4hlten Pfarrer, Rechtsanw\u00e4lte und K\u00fcnstler. Was sie an der DDR st\u00f6rte, war nicht die politische Unterdr\u00fcckung der Arbeiterklasse, sondern die Tatsache, dass sie keine lukrativen Karrierechancen hatten, wie ihre Kollegen im Westen. Angela Merkel, die derzeitige Bundeskanzlerin, und Joachim Gauck, der Bundespr\u00e4sident, begannen hier ihre politische Laufbahn.<\/p>\n<p>Die Demonstranten, die im Herbst 1989 freie Wahlen forderten und \u201eWir sind das Volk\u201c skandierten, verstanden diese Zusammenh\u00e4nge nicht. Sie machten ihrer Emp\u00f6rung \u00fcber die herrschende B\u00fcrokratie Luft. Die Bewegung hatte urspr\u00fcnglich als Flucht in den Westen begonnen, war sozial heterogen, politisch konfus und hatte weder ein klar umrissenes Ziel, noch verstand sie die gesellschaftlichen Kr\u00e4fte, mit denen sie konfrontiert war. Daher lie\u00df sie sich leicht manipulieren und f\u00fcr fremde Zwecke missbrauchen.<\/p>\n<p><strong>Die Perspektive der SGP<\/strong><\/p>\n<p>Nur eine Partei hatte diese Entwicklung vor 25 Jahren vorausgesehen \u2013 der Bund Sozialistischer Arbeiter, die heutige Sozialistische Gleichheitspartei. In zahlreichen Aufrufen, Artikeln und Flugbl\u00e4ttern, die wir sp\u00e4ter unter dem Titel \u201eDas Ende der DDR\u201c auch als Buch ver\u00f6ffentlichten, warnten wir vor den verheerenden sozialen Folgen der kapitalistischen Restauration.<\/p>\n<p>Auch die R\u00fcckkehr des deutschen Militarismus sagten wir damals voraus: \u201eDer deutsche Imperialismus findet sich immer mehr der M\u00f6glichkeit beraubt, auf \u201afriedlichem\u2019, d.h. rein \u00f6konomischem Wege zu expandieren. Das f\u00fchrt unweigerlich zu einer Wiederbelebung des traditionellen Mittels deutscher Expansionspolitik, des Militarismus\u201c, hei\u00dft es in einer Erkl\u00e4rung des BSA vom 2. Juni 1990.<\/p>\n<p>Der BSA verf\u00fcgte in der DDR nicht \u00fcber gen\u00fcgend Einfluss, um die Einf\u00fchrung des Kapitalismus aufzuhalten. Das SED-Regime hatte die trotzkistische Bewegung jahrzehntelang erbittert verfolgt und die marxistische Kritik am Stalinismus unterdr\u00fcckt. Darin lag sein gr\u00f6\u00dftes Verbrechen, und nicht darin, dass es die \u201eFreiheit\u201c von kapitalistischen Gesch\u00e4ftemachern, Spekulanten und kleinb\u00fcrgerlichen Karrieristen einschr\u00e4nkte.<\/p>\n<p>1989 wurden die Arbeiter der DDR \u00fcberrumpelt. Abgeschnitten von der eigenen Geschichte durch die F\u00e4lschungen des Stalinismus, daran gehindert, sich politisch auszutauschen und frei zu organisieren, hatten sie dem Kapitalismus nichts entgegenzusetzen. Aber keines der damaligen Probleme ist gel\u00f6st. Die Arbeiterklasse ist heute \u00fcberall auf der Welt mit sinkenden Einkommen, Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Staatsaufr\u00fcstung und Kriegsgefahr konfrontiert.<\/p>\n<p>Eine Bilanz der letzten 25 Jahre und ein Verst\u00e4ndnis der damaligen Ereignisse, des Charakters der DDR und der Rolle des Stalinismus sind wichtige Voraussetzungen, um den Kampf dagegen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/11\/09\/maue-n09.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. November 2019 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz. Heute vor drei\u00dfig Jahren leitete der Fall der Mauer das Ende der DDR ein. Wir ver\u00f6ffentlichen dazu einen Artikel von Peter Schwarz, der erstmals vor f\u00fcnf Jahren, am 8. 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