{"id":6381,"date":"2019-11-11T11:19:13","date_gmt":"2019-11-11T09:19:13","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6381"},"modified":"2019-11-11T11:19:37","modified_gmt":"2019-11-11T09:19:37","slug":"lasst-uns-ueber-die-ddr-sprechen-aber-ehrlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6381","title":{"rendered":"Lasst uns \u00fcber die DDR sprechen \u2013 aber ehrlich"},"content":{"rendered":"<p><em>Marius Rabe. <strong>Z<\/strong><\/em><strong>um 30. Jahrestag des Mauerfalls schallt es \u00fcber alle Kan\u00e4le: &#8222;Der Unrechtsstaat ist gefallen.&#8220; Im Triumphgeheul der BRD bleibt eine ernste historische Einordnung auf der Strecke. Was bedeutete der entstellte Sozialismus der DDR wirklich?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Fr\u00fchjahr 1945: W\u00e4hrend die Schlacht um Berlin noch l\u00e4uft, \u00fcbernehmen lokale antifaschistische Aussch\u00fcsse in vielen Orten einfache Verwaltungsaufgaben. Sie verteilen Lebensmittel und Wohnraum, sammeln Waffen ein oder halten Nazi-Funktion\u00e4re fest. Doch bald nach dem Krieg l\u00e4sst die sowjetische Milit\u00e4radministration die Komitees aufl\u00f6sen und in die entstehende b\u00fcrokratische Verwaltungsstruktur \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p>Weltweit war der Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Misskredit geraten. Breite Massen forderten den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, selbst die CDU musste angesichts des Drucks der Massen 1945 in ihre Leits\u00e4tze einen \u201cwirtschaftlichen Sozialismus auf demokratischer Grundlage\u201d aufnehmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Stalin war die aufkeimende r\u00e4tedemokratische Organisierung jedoch eine Gefahr, die sowohl im Widerspruch zu seiner eigenen b\u00fcrokratischen Kontrolle stand, als auch das B\u00fcndnis mit den Westalliierten in Frage stellte. F\u00fcr ihn waren die neuen Satellitenstaaten in Osteuropa lediglich ein Puffer gegen\u00fcber dem Westen. F\u00fcr Deutschland schwebte ihm zun\u00e4chst keine sozialistische Umgestaltung vor, sondern eine kapitalistische Demokratie. Jedoch machten ihm der Druck der Massen von unten sowie die vom Westen aufgezwungene Teilung mit W\u00e4hrungsreform und Staatsgr\u00fcndung einen Strich durch die Rechnung.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/muro3-890x550.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6382\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/muro3-890x550.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/muro3-890x550-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/muro3-890x550-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Die Verstaatlichung der Produktionsmittel in den Ostblockstaaten und in der Sowjetischen Besatzungszone dienten dem Ziel, eine solche Pufferzone aufzubauen und zugleich die Massen zu kontrollieren, indem diese Verstaatlichung b\u00fcrokratisch, von oben, durchgef\u00fchrt wurde. 1945 wurde in der Sowjetischen Besatzungszone eine Bodenreform durchgef\u00fchrt, bei der die Gro\u00dfgrundbesitzer*innen enteignet wurden. Es folgten die Verstaatlichung der Versorgungsbetriebe wie Wasser\u2011, Gas und Elektrizit\u00e4tswerke sowie der Schl\u00fcsselindustrien. Diese f\u00fcr jede sozialistische Umw\u00e4lzung notwendigen Ma\u00dfnahmen wurden ohne demokratische Mitbestimmung umgesetzt.<\/p>\n<p>Heute m\u00f6gen b\u00fcrgerliche Kommentator*innen die Enteignungen in einer Reihe mit Stasi und Mauerbau als \u201eUnrecht\u201c bezeichnen. Direkt nach dem Krieg jedoch stand die Stimmung in der breiten Bev\u00f6lkerung deutlich gegen die Wiederherstellung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Als in der britisch-amerikanischen Besatzungszone die Preiskontrollen aufgehoben wurden und die Preise stark anzogen, f\u00fchrte dies 1948 zum Generalstreik: 9 Millionen Besch\u00e4ftigte legten ihre Arbeit nieder, der Streik wurde jedoch von den Gewerkschaftsb\u00fcrokratien im Westen verraten und erfuhr von der stalinistischen B\u00fcrokratie im Osten keinerlei Unterst\u00fctzung. Um einem Konflikt mit den Westm\u00e4chten aus dem Weg zu gehen, lie\u00df die Sowjetunion die Wiedereinf\u00fchrung der Marktwirtschaft im Westen zu und akzeptierte damit die deutsche Teilung. Dabei h\u00e4tte sie nicht einmal eine direkte Auseinandersetzung eingehen m\u00fcssen. Die KPD im Westen h\u00e4tte f\u00fcr die Umsetzung der Streikforderungen mobilisieren und so die Perspektive eines sozialistischen Deutschlands aufwerfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Stattdessen beschr\u00e4nkte sich die DDR darauf, einen Rumpf-Sozialismus in einem Land aufzubauen. Mit der Verstaatlichung von Industrie und Boden hatte sie zwar wichtige Schritte unternommen, die aber ohne die politische Macht der Arbeiter*innen unvollst\u00e4ndig bleiben mussten und auf ein Land beschr\u00e4nkt eine Mangelverwaltung bedeuteten. Doch obwohl die Planwirtschaft von Anfang an b\u00fcrokratisch deformiert war, konnte sie in den ersten Jahren der DDR bedeutende Erfolge erzielen: W\u00e4hrend der Westen mit den Milliarden des Marshall-Plans wiederaufgebaut wurde, hatte die Sowjetunion in ihrer Besatzungszone viele Produktionsanlagen als Kriegsreparationen demontiert. Die Planwirtschaft in der DDR baute binnen weniger Jahre jedoch eine funktionierende Volkswirtschaft auf.<\/p>\n<p>Zudem gab es in der DDR einige bedeutende Fortschritte, die bis heute in der BRD nicht erreicht sind: Wohnungen und Arbeit f\u00fcr alle, eine umfassende und kostenlose Kinderbetreuung und weiterreichende Frauenrechte: Ab 1971 legale Abtreibung in den ersten drei Monaten, kostenlose Verh\u00fctungsmittel und gleicher Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit. Diese Errungenschaften erm\u00f6glichten den Massen in der DDR stabile Lebensverh\u00e4ltnisse, jedoch ohne gro\u00dfe Perspektive auf Ver\u00e4nderungen und politische Teilhabe. Nach anf\u00e4nglichen Erfolgen stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung in den 1970er Jahren, da unter der b\u00fcrokratischen Verwaltung die Eigeninitiative der Besch\u00e4ftigten abgew\u00fcrgt wurde. Dies war letztlich der Grund, weshalb die sozialistischen Staaten nicht mehr mit dem Kapitalismus Schritt halten konnten und Ende der 1980er Jahre zerfielen.<\/p>\n<p>Doch schon zuvor machte sich die b\u00fcrokratische Umklammerung der Arbeiter*innenklasse in der DDR voll bemerkbar. Der von oben diktierte Plan sah die Produktion f\u00fcr den Export vor, um mit den Devisen den \u201cSozialismus in einem Land\u201d aufzubauen. Im Juni 1953 wurde die Erh\u00f6hung der Arbeitsnormen dekretiert, wogegen die Besch\u00e4ftigten massenhaft auf die Stra\u00dfe gingen. Der Aufstand am 17. Juni 1953 wurde blutig niedergeschlagen, der Wille der B\u00fcrokratie gegen die Massen durchgesetzt.<\/p>\n<p>Die Mangelwirtschaft und die Kontrolle aller Lebensbereiche verwehrten den Massen die Perspektive des sozialen Aufstiegs, die sie im Westen der Nachkriegsjahre beobachten konnten. Viele wanderten in den Westen ab und so reagierte die Staatspartei SED 1961 mit dem Mauerbau \u2013 euphemistische als \u201eantifaschistischer Schutzwall\u201c bezeichnet \u2013 ein Eingest\u00e4ndnis, dass der \u201eSozialismus in einem Land\u201c gescheitert war und nur durch Zwang aufrecht erhalten werden konnte.<\/p>\n<p>Mauer und Stasi sind wohl die dunkelsten Kapitel in der Geschichte der DDR. Die Bev\u00f6lkerung wurde massenhaft ausgesp\u00e4ht, besonders scharf von der Repression betroffen waren \u201eRepublikfl\u00fcchtige\u201c, aber auch rebellische Jugendliche und linke Oppositionelle. Es soll nicht besch\u00f6nigt werden: Das Leben in der DDR war beengt und von st\u00e4ndiger Vorsicht gepr\u00e4gt. In einer solchen Gesellschaft konnte sich der Sozialismus nicht voll entfalten, der sich, wie Leo Trotzki schrieb, \u201cim Unterschied zum Kapitalismus [\u2026] nicht automatisch [entwickelt], sondern [\u2026] mit Bewu\u00dftsein aufgebaut\u201d wird. Der stalinistischen B\u00fcrokratie ist zu verdanken, dass die DDR nicht als Vorposten des Sozialismus diente, sondern von den kapitalistischen Staaten als abschreckendes Beispiel genutzt werden konnte.<\/p>\n<p>Was ist also die Bilanz der DDR? Als Arbeiter*innenstaat muss sie sich fragen lassen, welche Stellung sie der Arbeiter*innenklasse sowohl im nationalen Rahmen als auch f\u00fcr den internationalen Klassenkampf verschafft hat. Die DDR hat zum ersten Mal in einem Teil Zentraleuropas das Privateigentum an Produktionsmitteln aufgehoben und h\u00e4tte damit die besten Voraussetzungen gehabt, um die westliche Arbeiter*innenklasse zu unterst\u00fctzen. Doch lieber verschanzte sich die B\u00fcrokratie hinter ihrer eigenen Mauer \u2013 sich sehr wohl bewusst, dass die Macht der Arbeiter*innen nicht nur den Kapitalismus in der BRD, sondern auch sie selbst hinwegfegen k\u00f6nnte. Unfreiwillig gibt die DDR damit den folgenden Generationen eine wichtige Lehre: Einen Sozialismus in einem Land kann es nicht geben \u2013 die Revolution muss international ausgeweitet werden.<\/p>\n<p><strong>Zum Weiterlesen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/eine-kurze-geschichte-des-mauerfalls\/\"><strong>Eine Kurze Geschichte des Mauerfalls<\/strong><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/war-die-ddr-sozialistisch\/\"><strong>War die DDR sozialistisch?<\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/lasst-uns-ueber-die-ddr-sprechen-aber-ehrlich\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. November 2019 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marius Rabe. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls schallt es \u00fcber alle Kan\u00e4le: &#8222;Der Unrechtsstaat ist gefallen.&#8220; Im Triumphgeheul der BRD bleibt eine ernste historische Einordnung auf der Strecke. 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