{"id":6400,"date":"2019-11-12T12:36:26","date_gmt":"2019-11-12T10:36:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6400"},"modified":"2019-11-12T12:36:27","modified_gmt":"2019-11-12T10:36:27","slug":"die-rueckkehr-der-klassengesellschaft-im-osten-und-die-afd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6400","title":{"rendered":"Die R\u00fcckkehr der Klassengesellschaft im Osten und die AfD"},"content":{"rendered":"<p><em>Janis Ehling. <\/em><strong>\u201eDer Ossi\u201c ist wieder von Interesse seit er AfD w\u00e4hlt \u2013 anders l\u00e4sst die vermehrte Berichterstattung nicht erkl\u00e4ren. In vielen Reportagen scheint der Osten statt Angela Merkel lieber M\u00e4nner des Schlages Viktor Orban zu m\u00f6gen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> Und tats\u00e4chlich politisch scheint Ostdeutschland eher zu Polen und\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/balkan21\/was-steckt-hinter-den-protesten-in-ungarn-im-gespraech-mit-nora-eroesi\/\"><strong>Ungarn\u00a0<\/strong><\/a><strong>als zu Restdeutschland zu geh\u00f6ren.<\/strong><\/p>\n<p>Statt nur die Eigenheiten des Ostens zu ergr\u00fcnden, ist es spannender die politisch \u00f6stliche Seite der Neuen Bundesl\u00e4nder mit Osteuropa zu vergleichen. Was dabei nirgends auftaucht, ist die Entstehung neuer Klassengesellschaften aus dem real existierenden Sozialismus.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/arbeiter-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6401\" width=\"545\" height=\"545\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/arbeiter-300x300.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/arbeiter-300x300-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 545px) 100vw, 545px\" \/><figcaption> Geteilter Osten (\u201eGeteiltes\u201c von Ulf Sch\u00f6nitz).<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Geteilte Stadt \u2013 M\u00fcnchen, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Vor 1990 waren die Menschen in Ostdeutschland ziemlich \u00e4hnlich. Wer besonders angeben wollte, hatte richtige Jeans aus dem Westen. Selbst wer etwas mehr Geld hatte, konnte sich davon auch nicht viel mehr kaufen \u2013 die Auswahl war beschr\u00e4nkt. Von der relativen Gleichheit ist wenig geblieben. Heute liegen 9 der 10 sozial ungleichsten St\u00e4dte in Ostdeutschland.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0Nirgendwo sonst in Deutschland konzentrieren sich Einkommensschwache so stark in abgeh\u00e4ngten Stadtteilen. Und nirgendwo sonst schicken die Besserverdienenden ihre Kinder so viel auf Privatschulen wie im Osten.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0Wer an ungleiche St\u00e4dte denkt, denkt an M\u00fcnchen, aber nicht Erfurt, Halle oder Potsdam.<\/p>\n<p><strong>Ausl\u00e4nder? Gibt\u2019s nicht!<\/strong><\/p>\n<p>Gerade in Ostdeutschland leben einkommensschwache MigrantInnen besonders stark abgeschottet in abgeh\u00e4ngten Stadtteilen. Gerade nach 2015 kommt der wichtige Kontakt zwischen Einheimischen und Zugezogen nicht zustande.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u00a0Vor allem die neuen Bundesl\u00e4nder kn\u00fcpfen damit an eine unr\u00fchmliche Tradition der DDR an. Der schm\u00e4hliche Umgang mit GastarbeiterInnen war gesamtdeutsch, aber vor allem DDR wurden GastarbeiterInnen m\u00f6glichst getrennt von der einheimischen Bev\u00f6lkerung untergebracht. In Th\u00fcringen war das wahlentscheidende Thema f\u00fcr die AfD-W\u00e4hler die Zuwanderung. Am st\u00e4rksten wurde die AfD aber in Landkreisen mit der h\u00f6chsten Abwanderung gew\u00e4hlt. Das mutet absurd an (und ist es auch), aber wer MigrantInnen pers\u00f6nlich kennt, w\u00e4hlt eben weniger rechts. Statt diese Fakten zur Kenntnis zu nehmen, wird medial lieber versucht die ostdeutsche Seele zu erkunden.<\/p>\n<p><strong>Der Wessi war\u2019s \u2013 Klassenhass ohne Klassenfeind?<\/strong><\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren war das mediale Feindbild im Osten noch nicht die AfD, sondern DIE LINKE. Zu jeder Wahl wurden teils alte Stasigeschichten von LINKEN-Mitgliedern aus der Mottenkiste geholt. Die Wut der Ostdeutschen richtete sich gegen \u201edie Wessis\u201c. Die Stimmen der Wut gingen zuverl\u00e4ssig an die LINKE. Es mag einige \u00fcberraschen, aber auch das war eine Klassenwahl. In allen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wurde die Industrie mit der Markt\u00f6ffnung 1990 fast komplett zerst\u00f6rt. Fast alle gro\u00dfen Unternehmen in Osteuropa wurden aufgekauft, \u00fcbernommen oder zerschlagen um die Konkurrenz auszuschalten. Fast alle ostdeutschen Betriebe wurden von Westdeutschen \u00fcbernommen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0 In Osteuropa brauchten die westeurop\u00e4ischen Eliten abh\u00e4ngige und willf\u00e4hrige Politiker, die ihre Politik umsetzten und wenn sie daf\u00fcr eine antiwestliche Rhetorik nutzen. In Ostdeutschland war das nicht n\u00f6tig. So gut wie alle Unternehmen bekamen Chefs aus dem Westen. Selbst im \u00d6ffentlichen Dienst sind die leitenden Funktionen nach 2000 bis heute mit \u00fcber 80% von Westdeutschen besetzt. Anfangs bekamen die Westbeamten daf\u00fcr noch eine Buschzulage, ein Extragehalt f\u00fcr den \u201eostdeutschen Busch\u201c (wenig zuf\u00e4llig ein Begriff aus der Kolonialzeit).<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Der \u201etypische Wessi\u201c war f\u00fcr die meisten der Chef und nicht selten waren das windige Abenteurer oder Leute, die im Westen keine Chance gehabt h\u00e4tten. Ausnahmslos jede Ostfamilie kennt eine Geschichte \u00fcber so einen \u201eWestchef.\u201c Die ostdeutsche Klassengesellschaft kannte als Feindbild nur den Westchef \u2013 der meist auch nur von Dienstag bis Donnerstag da war. Wer seine Wut dar\u00fcber ausdr\u00fccken wollte, w\u00e4hlte PDS oder sp\u00e4ter LINKE. Heute \u00e4rgert man \u201edie da oben\u201c gerne mit der AfD. Aber das ist nicht alles.<\/p>\n<p><strong>Ellenbogen statt Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>Parteien, Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft sind eher schwach in Ostdeutschland wie in Osteuropa. Es gab gro\u00dfe K\u00e4mpfe gegen die tausenden Betriebsschlie\u00dfungen und Entlassungen Anfang der 90er. Doch fast alle K\u00e4mpfe gingen verloren. Auch zusammen k\u00e4mpfen bringt nichts, war die verbreitete Erfahrung. Jeder war in der neuen Gesellschaft auf sich alleine gestellt. Da Solidarit\u00e4t vermeintlich in die Sackgasse f\u00fchrt, wird jeder \u2013 der etwas einfach so bekommt \u2013 ob HartzIVler oder Asylbewerberin herabgesetzt. Die Ellenbogen regieren. Jeder muss f\u00fcr sich sehen wie er weiter kommt. F\u00fcr Schw\u00e4che oder Neuank\u00f6mmlinge ist kein Platz.<\/p>\n<p>Und politisch? Die wirtschaftliche Situation ist schlecht und damit haben die Neuen Bundesl\u00e4nder kaum Steuereinnahmen. Fast ein Viertel der Bev\u00f6lkerung ist abgewandert. Von der Kommune bis zur L\u00e4nderebene konnten die gew\u00e4hlten Parteien h\u00e4ufig nur bestimmen, wo noch gespart werden darf. Demokratie war kein Ort der Gestaltung oder des Fortschritts, sondern meist nur die demokratische Legitimation f\u00fcr den weiteren Abriss. Politik und besonders Parteipolitik gilt als verp\u00f6nt. Vor 1990 durfte man nicht \u00fcber Politik reden, nach 1990 wollten es die meisten nicht. Stattdessen h\u00f6rt man oft Klagen \u00fcber mangelnde Anerkennung und den Verfall, obwohl es f\u00fcr viele auch materiell bergauf ging.<\/p>\n<p>Die AfD ist der Ausdruck dieser neuen Ellenbogenmentalit\u00e4t nach 1990. Wenig \u00fcberraschend waren\u00a0<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/ist-die-afd-die-neue-soziale-arbeiterpartei-im-osten\/\">fast alle Abgeordneten der AfD im Osten Selbstst\u00e4ndige oder Kleinunternehmer<\/a>\u00a0und kennen diese (sehr m\u00e4nnliche) Mentalit\u00e4t sehr gut. Die versagte Anerkennung als Ostdeutsche sucht die AfD allerdings im Deutschsein. Die Revolte der AfDler ist konformistisch \u2013 mit der nationalen Ellenbogengesellschaft des Marktes. Wer \u00fcber den Aufstieg des Rechtspopulismus sprechen will, darf \u00fcber die Entstehung der Klassengesellschaften im Osten nicht schweigen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-rueckkehr-der-klassengesellschaft-im-osten-wie-wir-sie-nicht-erwartet-haben\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. November 2019<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das zeigte k\u00fcrzlich eine Studie des WZB: <a href=\"https:\/\/www.wzb.eu\/de\/pressemitteilung\/zuwanderung-vor-allem-in-arme-stadtviertel\">https:\/\/www.wzb.eu\/de\/pressemitteilung\/zuwanderung-vor-allem-in-arme-stadtviertel<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dar\u00fcber berichtete u.a. der MDR: <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/vermischtes\/privatschulen-in-ostdeutschland-102.html\">https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/vermischtes\/privatschulen-in-ostdeutschland-102.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.wzb.eu\/de\/pressemitteilung\/zuwanderung-vor-allem-in-arme-stadtviertel\">https:\/\/www.wzb.eu\/de\/pressemitteilung\/zuwanderung-vor-allem-in-arme-stadtviertel<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Das kann man beim Katapult Magazin in tollen Schaubildern nachschauen: <a href=\"https:\/\/mobile.katapult-magazin.de\/index.php?mpage=a&amp;l=0&amp;artID=976\">https:\/\/mobile.katapult-magazin.de\/index.php?mpage=a&amp;l=0&amp;artID=976<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buschzulage\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buschzulage<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Janis Ehling. \u201eDer Ossi\u201c ist wieder von Interesse seit er AfD w\u00e4hlt \u2013 anders l\u00e4sst die vermehrte Berichterstattung nicht erkl\u00e4ren. 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